Cha Cha Real Smooth

Coming-of-Age-Film | USA 2022 | 107 Minuten

Regie: Cooper Raiff

Nach dem College steckt ein 22-Jähriger in einer Sackgasse. Als er eine etwa zehn Jahre ältere Frau kennenlernt, die bereits eine Tochter im Teenageralter hat und verlobt ist, funkt es zwischen beiden. Aber so sehr die beiden sich zueinander hingezogen fühlen, so unterschiedlich ist, was sie gerade in ihrem Leben brauchen. Das atmosphärische, ruhige Drama erzählt von der Phase des zweiten Erwachsenwerdens mit Anfang zwanzig und unterläuft dabei die gängigen Erwartungen. Mit großer Sympathie zeichnet der Film seine Figuren und nimmt vor allem deren Gefühle, ganz gleich ob als Kind, als Jugendlicher, als Twentysomething oder Erwachsener jenseits der 30, sehr ernst. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
CHA CHA REAL SMOOTH
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Cooper Raiff
Buch
Cooper Raiff
Kamera
Cristina Dunlap
Musik
Este Haim · Christopher Stracey
Schnitt
Henry Hayes
Darsteller
Cooper Raiff (Andrew) · Dakota Johnson (Domino) · Evan Assante (David) · Vanessa Burghardt (Lola) · Leslie Mann (Andrews Mutter)
Länge
107 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Coming-of-Age-Film | Tragikomödie

Eine Tragikomödie um einen jungen Mann, der nach dem College damit ringt, wie er sein weiteres Leben verbringen will – und mit wem.

Diskussion

Andrew kann seine Augen einfach nicht von Bella abwenden. Sein Mund ist leicht geöffnet, seine Haltung angespannt. „Ich bin verliebt“, wird er seiner Mutter wenig später während der Bar-Mitzwa-Feier beichten. Und man nimmt dem zwölfjährigen Jungen dieses Gefühl sofort ab, auch weil Cooper Raiff die ersten Szenen seines Films so klar mit Blicken inszeniert hat. Nur wenige Minuten später ist das Herz von Andrew gebrochen. Weil Bella eben schon eine erwachsene Frau und kein Kind mehr ist. Man kann Andrews Schmachten belächeln. Oder mit Andrew leiden, weil die Gefühlswelt des Jungen in dieser Szene einfach sehr, sehr ernst genommen wird.

Zehn Jahre später verbringt Andrew noch immer viel Zeit auf Bar-Mitzwa-Feiern – nunmehr als „Party Starter“, der die Stimmung anheizen und den Abend für die Gäste zum besten ihres Lebens machen soll. Dafür hat Andrew ein Talent, wenngleich auch diese Rolle nur ein Spiel ist. In Wirklichkeit ist Andrew kein Spaßvogel. Seit dem College-Abschluss wohnt er bei seiner Mutter im Haus des ungeliebten Stiefvaters und schläft provisorisch auf einer Matratze im Zimmer seines zwölfjährigen Bruders; Geld verdient er freudlos hinter der Theke eines Fast-Food-Restaurants in einer Mall. Hin und wieder träumt er sich nach Barcelona, wo er nun auch mit seiner College-Freundin sein könnte – doch die, soviel verrät Instagram, hat nun einen neuen Freund.

Die Orientierungssuche eines Twentysomethings

Über das zweite Erwachsenwerden ab Anfang Zwanzig erzählt Cooper Raiff in seinem stillen Drama „Cha Cha Real Smooth“, über die Zeit, wenn die schulischen Hürden gemeistert sind und – noch einmal – die großen Fragen des Lebens vor einem liegen: Wohin soll der Weg führen? Wohin jetzt wirklich? Und mit wem? Andrew, gespielt von Autor, Regisseur und Produzent Raiff selbst, unterscheidet sich deutlich von Altersgenossen aus anderen Filmen. Er wirkt viel ernster und reifer, träumt nicht vom Partymachen und Sich-Verlieren, sondern von Orientierung und Sicherheit. Die findet er bei Domino (Dakota Johnson), etwa zehn Jahre älter als er und Mutter einer Tochter im Teenageralter.

Wie es Andrew gelingt, das Vertrauen ihrer Tochter Lola zu gewinnen, die aufgrund einer Autismus-Spektrum-Störung zu Fremden eher auf Distanz geht, beeindruckt Domino sofort. Als Andrew beginnt, gelegentlich auf Lola aufzupassen, wird auch die Beziehung zu Domino vertrauter. Nur: Domino ist verlobt, mit einem vielbeschäftigten Anwalt, den Andrew nicht ausstehen kann und der den jungen Andrew ebenso misstrauisch beobachtet.

Ein Rettungsanker – oder nur eine Affäre?

Im Grunde bewegt sich „Cha Cha Real Smooth“ mit dieser Figurenkonstellation auf dem Terrain des Beziehungsdramas. Sofort ist zu spüren, dass es zwischen Andrew und Domino funkt und der Verlobte in die Wüste geschickt werden sollte. Aber so einfach ist es nicht – und je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr führt sie vor Augen, welche unterschiedliche Bedeutung Liebe und Beziehungen für die Figuren haben. Dabei spielt vor allem Domino eine wichtige Rolle, die ihre Tochter schon sehr jung bekommen und die ungezwungene Freiheit nie erlebt hat, die Andrew nun gerade haben könnte. Der junge Mann könnte ihr Rettungsanker sein – oder nur eine verzweifelte Affäre.

Bemerkenswert ist, dass der Film jede Vorstellung von Liebe ernst nimmt und keinen Weg als richtig oder falsch bewertet. So verändern sich die Sichtweisen auf die Figuren, die bis in Nebenrollen von Raiff mit großer Sympathie, wenngleich manchmal auch etwas zu oberflächlich, gezeichnet werden, von Andrews einfühlsamer bipolarer Mutter bis hin zu Andrews jüngerem Bruder, der gerade zum ersten Mal verliebt ist, aufgeregt seinem ersten Kuss entgegenfiebert und sich von seinem älteren Bruder coachen lässt. Sogar der zunächst unsympathische Lebensgefährte von Andrews Mutter oder der Verlobte von Domino erhalten ihre würdevollen Momente.

Mit Bild- und Dialogwitz

Mit Bild- und Dialogwitz bricht Raiff den ernsten Grundton immer wieder auf, ohne zu klamaukig zu werden. Im Gedächtnis bleibt zudem die träumerische Atmosphäre, vermittelt durch die vielen eingestreuten Zeitlupenaufnahmen und den melancholischen Soundtrack mit Songs wie „Clear Bones“ von Jean Dawson oder „Forest Green“ von Big Red Machine. Damit fängt „Cha Cha Real Smooth“ die Gefühle der Figuren treffend ein, deren Träume manchmal platzen, die manchmal hoffnungsvoll nach vorne blicken, weil gerade etwas beginnt, oder die etwas wehmütig auf ihr eigenes Leben zurückblicken. Auf die Unsicherheiten der Gegenwart antwortet der Film nicht mit einem großen konventionellen Happy End, sondern mit dem kleinen Trost, dass erlebtes Glück als Erinnerung bleibt – und Mut für die nächsten Schritte machen kann.

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