Drama | Irland/Großbritannien/USA 2022 | 108 Minuten

Regie: Sebastián Lelio

Im Irland des Jahres 1862 wird das Fasten eines jungen Mädchens als Wunder gefeiert. Die 11-Jährige hat seit mehreren Monaten nichts gegessen und erfreut sich bester Gesundheit. Um das Phänomen zu beobachten, beordert man eine englische Krankenschwester in die irischen Midlands. Diese glaubt nicht an Wunder und findet vor Ort einen Mikrokosmos voller autoritärer Rückständigkeit und Obskurantismus vor. Die Romanadaption erzählt in großartigen Bildern eine weibliche Emanzipationsgeschichte und reflektiert über die soziale Dynamik von Aberglauben. Dabei arbeitet sie mit naturalistischen und verfremdenden Mitteln zugleich und spielt auf mehreren Ebenen mit Glauben sowie Illusion. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE WONDER
Produktionsland
Irland/Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2022
Regie
Sebastián Lelio
Buch
Alice Birch · Sebastián Lelio
Kamera
Ari Wegner
Musik
Matthew Herbert
Schnitt
Kristina Hetherington
Darsteller
Florence Pugh (Lib Wright) · Niamh Algar (Kitty) · Ciarán Hinds · Tom Burke (William Byrne) · Toby Jones (Dr. McBrearty)
Länge
108 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Drama | Historienfilm | Mystery | Thriller

Im Jahre 1862 lebt ein 11-jähriges Mädchen in Irland trotz monatelangen Fastens ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen, ein Umstand, den eine englische Krankenschwester mit leidvoller Vergangenheit untersuchen soll.

Diskussion

Seit vier Monaten hat Anna O’Donnell (Kila Lord Cassidy), ein 11-jähriges Mädchen, das mit seiner Familie in den irischen Midlands lebt, nichts mehr gegessen. Von den Einheimischen sowie von Pilgern wird sie deshalb als Wundermädchen und Heilige verehrt. Das stößt selbst bei Honoratioren ihres Heimatorts auf Skepsis, und so beschließen der Arzt, der Bürgermeister und der Pfarrer, das vermeintliche Wunder um Anna von zwei unabhängigen Beobachterinnen prüfen zu lassen. Eine von ihnen ist eine irische Nonne, die andere die Krankenschwester Lib Wright (Florence Pugh), die eigens aus England herbestellt wird. Beide Frauen sollen abwechselnd Wache im Haus von Annas Familie halten und den Gesundheitszustand und die sonstige Verfassung des Mädchens beobachten, um nach 14 Tagen jede für sich zu einem Fazit zu kommen.

Während ihrer Wachschicht kommt Lib dem Mädchen näher und unterhält sich viel mit ihm. Anna behauptet, sich allein von Manna, einer göttlichen Luft, zu ernähren. Die aufgrund ihres Berufes von medizinischen und rationalen Grundsätzen geleitete Lib zweifelt an diesen Aussagen. Schon bei der ersten Begegnung mit den örtlichen Honoratioren trägt sie diese Bedenken vor, wird aber sofort mit den Worten gemaßregelt, sie sei zur Überwachung hergebeten worden, nicht zur Beurteilung des Falls. Als Lib dem Mädchen schließlich den physischen Kontakt zu ihrer Familie untersagt, verschlechtert sich Annas Gesundheitszustand. Lib verlangt von ihren Auftraggebern, das Experiment abzubrechen – ohne Erfolg. Schließlich bittet die Krankenschwester den englischen Journalisten Will Byrne (Tom Burke), der gekommen ist, um über das Phänomen zu schreiben, und der auch nicht an ein Wunder glaubt, um Hilfe…

Basierend auf realen Fällen sogenannter „Fastenmädchen“

Der Film von Regisseur Sebastián Lelio basiert auf dem gleichnamigen Roman von Emma Donoghue. Inspiriert wurde die Autorin von den etwa 50 authentischen Fällen sogenannter „Fastenmädchen“ in Westeuropa zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert, die zum Teil tragisch endeten. Der Film veranschaulicht, wie in einer von Armut, tiefer Religiosität und Aberglauben geprägten irischen Gesellschaft solche Phänomene von Teilen der Bevölkerung dankbar angenommen werden.

Der Glaube an Wunder lenkt von den Alltagssorgen ab, während Annas Familie von Präsenten der zahlreichen Besucher profitiert und das angebliche Wunder um ihre Tochter zum Geschäftsmodell erhebt. So schaukeln sich alle Beteiligten – bis auf die Skeptiker – gegenseitig in ihrem Irrglauben hoch und blenden die Wahrheit wider besseres Wissen aus.

Florence Pugh als Vertreterin der Aufklärung

Insofern ähnelt der Film auch der Gattung der Exorzismus-Filme. Auch dort stehen verwirrte junge Mädchen im Mittelpunkt, deren unverschuldetes, meist psychisches Leiden von Repräsentanten rückwärtsgewandter Glaubensrichtungen zu ihrem Vorteil ausgeschlachtet wird. Die Figur der Lib Wright fungiert in „Das Wunder“ dagegen als Vertreterin der Aufklärung, auch wenn ihr Kampf gegen den vor Ort herrschenden Obskurantismus wenig aussichtsreich erscheint. Auch muss sie sich als Frau und Witwe gegen sie bevormundende Männer behaupten. Dabei steht sie dem Schicksal des Mädchens Anna jedoch keineswegs gleichgültig gegenüber. Sie empfindet große Sympathie für Anna, will ihr helfen, und allmählich erfährt man auch, warum.

Lib schleppt ein Trauma mit sich herum, das durch ein Paar wollene Babysöckchen, ihren wertvollsten Besitz, symbolisiert wird. Ihren Schmerz betäubt sie mit Drogen und findet Trost bei dem einzigen anderen vernünftigen Menschen vor Ort, Will. Doch in einer Zeit, in der die Handlungsfähigkeit von Frauen stark eingeschränkt ist, kommt Lib mit Argumenten nicht weiter und muss sich mit List behelfen, der Waffe der Frauen von damals.

Eingebettet in raue irische Landschaften

Wieder einmal schildert Sebastián Lelio das Schicksal einer Frau, die sich gegen Vorurteile und gesellschaftliche Zwänge behaupten muss. Dabei ist der Film vor allem visuell sehr ansprechend, bezieht die rauen, aber betörend schönen irischen Landschaften mit ein, denen man anmerkt, dass das Leben ihrer Bewohner entbehrungsreich ist. Auch die Szenenbilder von Libs Herberge oder dem Bauernhaus der O’Donnells bestechen durch sorgfältiges Handwerk und lassen den Film sehr naturalistisch anmuten. Was Lelio aber sehr raffiniert-hintersinnig bricht, denn sowohl zu Anfang als auch zu Ende des Films operiert der Regisseur mit einem Brecht‘schen Verfremdungseffekt, zeigt die riesigen Studiokulissen des Films, in denen die Szenenbilder aufgebaut werden, und das schwere Equipment samt Kabeln, das nötig ist, um die kinematographische Illusion zu erschaffen. Alles sei nur ein Film, wird der heutzutage ja kaum blauäugigen Zuschauerschaft damit signalisiert.

Ist das Filmemachen demnach auch nur ein vermeintliches Wunder, das sich auflöst, wenn man seiner Machart auf die Schliche kommt? Traue nie dem Schein und hinterfrage alles, scheint uns der Film damit sagen zu wollen, spielt so auf mehreren Ebenen mit Glauben sowie Illusion und betreibt durch das Aufzeigen von Technik seine eigene – rein filmische – Demontage.

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