Drama | USA/Kanada 2022 | (9 Folgen) Minuten

Regie: Jeremy Webb

Mit rasender Geschwindigkeit hat sich ein körperverzehrender Pilz über die Erde ausgebreitet, der seine Opfer zu willenlosen Beißern macht. Ein Schmuggler erhält den Auftrag, ein Mädchen, das gegen die Erkrankung immun ist, an einen sicheren Ort bringen, da dieses die letzte Hoffnung der Menschheit zu sein scheint. Das bedeutet für beide eine Reise quer durch die USA, bei der sie den permanenten Ausnahmezustand erleben. Eine gelungene Adaption eines erfolgreichen Videospiels, die erzählerisch und in der visuellen Gestaltung mit den Konventionen der Postapokalyptik bricht und vor allem auf emotionaler Ebene zu überzeugen weiß. - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
THE LAST OF US
Produktionsland
USA/Kanada
Produktionsjahr
2022
Regie
Jeremy Webb · Ali Abbasi · Kantemir Balagov · Neil Druckmann · Peter Hoar
Buch
Craig Mazin · Neil Druckmann
Kamera
Ksenia Sereda · Eben Bolter · Nadim Carlsen
Musik
Gustavo Santaolalla
Schnitt
Joel T. Pashby · Mark Hartzell
Darsteller
Pedro Pascal (Joel Miller) · Bella Ramsey (Ellie Williams) · Gabriel Luna (Tommy Miller) · Merle Dandridge (Marlene) · Jeffrey Pierce (Perry)
Länge
(9 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 18.
Genre
Drama | Horror | Science-Fiction | Serie

Eine auf einem Videospiel basierende Endzeit-Serie: Nachdem durch Pilze die Zombie-Apokalypse über die Menschheit hereingebrochen ist, muss ein Mann ein Mädchen quer durch die USA schaffen, das der Schlüssel zur Heilung sein könnte.

Diskussion

Der Untergang der Zivilisation, wie wir sie kennen, ist ein allzu beliebtes Sujet der Popkultur. In den vergangenen Jahren wurde sie in allen möglichen Formen und Facetten durchdekliniert. In der Serienwelt wohl am einschlägigsten in der Zombieserie „The Walking Dead“. 2022 fand die Comicverfilmung nach 11 Staffeln ihr Ende. Mit der Videospiel-Verfilmung „The Last of Us“ steht nun ein Quasi-Nachfolger in den Startlöchern, wenngleich unter ganz anderen Vorzeichen. Die Besetzungsliste sowie die Namen der Regie- und Produktionsabteilung lassen aufhorchen. Hinter der Serie steht unter anderem der Showrunner Craig Mazin, der 2019 die geniale Mini-Serie „Chernobyl“ verwirklichte. Gemeinsam mit dem Spieleentwickler Neil Druckmann, der die beliebte Videospiel-Reihe „The Last of Us“ erfand, liefert Mazin nun die Verfilmung für den US-Sender HBO.

Die Prämisse von „The Last of Us“ stellt das in apokalyptische Szenarien eingeübte Publikum zunächst vor keine allzu großen Herausforderungen: es herrscht Panik in den Straßen, überall ballern und bellen Soldaten herum, die amerikanischen Vorstädte stehen – wieder einmal – in Flammen.

Schmerzenswelt seelischer Qual

Inmitten des Chaos finden sich der alleinerziehende Familienvater Joel (Pedro Pascal), sein Bruder Tommy (Gabriel Luna) und Joels Tochter Sarah (Nico Parker) wieder. Bald ereignet sich für die drei eine Katastrophe. Joel wird danach für immer ein anderer sein. Die Wege des Bruderpaars trennen sich. Das postapokalyptische Setting in „The Last of Us“ ist stets auch eine Schmerzenswelt der schier unaushaltbaren seelischen Qual.

Mit der Postapokalypse ist es im Übrigen so eine Sache. Nur vordergründig handeln Erzählungen dieses Typus vom Ende der Zivilisation. Vielsagender sind stets die Imaginationen einer neuen Welt und deren Ordnungsprinzipien, die aus der Untergangsbeschwörung und aus den Trümmern der alten, „überkommenen“ Welt hervorgehen. Der nachgesellschaftliche Zusammenhang der „Walking Dead“ etwa ist ein knallharter. Gar nicht mal so sehr wegen der Zombies, die immer gleich durch die Straßen des versehrten Landes wanken, sondern viel mehr wegen der Menschen selbst, die sich in einer Fülle archaischer Verbände, meist angeführt von herrschsüchtigen Sadisten, in einen vorgeblichen Naturzustand zurückversetzt sehen. Natürlich bricht sich hier ein regressives Menschheitsbild Bahn, das nicht zufällig an die Wahnbilder rechter Gesellschafts- und Zivilisationsverachtung anknüpft. Die Welt ist hier im Wortsinn eine der verrotteten Horden, eine verkommene, in der nur die Stärksten von uns mithilfe von archaischer Gewalt und dem Willen zu unterwerfen imstande sind, zu überleben.

An viele dieser Erzählmuster einer postapokalyptischen Archaik knüpft auch die Serie „The Last of Us“ an, bliebe es dabei, wäre die Serie nur eine weitere Variation der reaktionären Untergangsphantastik. In der Stoffschmiede des Produktionssenders HBO ist schließlich aber einiges anders als erwartet geraten.

Schillernde Naturwunder

Bei der Seuche, die schnell den gesamten Planeten erfasst und die Menschheit dahinrafft, handelt es sich um eine Pilzerkrankung, welche die Körper der Betroffenen transformiert. Ihre wild wuchernden und in sämtliche Richtungen aufplatzenden Leiber werden dabei zu den Nervenenden eines allumfassenden Myzelnetzwerks. Die Metamorphosen der menschlichen Leiber vollziehen sich auf erschreckende Weise, zeigen aber auch eine morbide Schönheit – jeder der Zombies ist ein in bunten Farben schillerndes und zugleich grauenerregendes Naturwunder. Die Willenlosen erweisen sich als höchst agil. Wer einen von ihnen aufschreckt, bekommt es sogleich mit einem wahren Strang wild um sich beißender Absonderlichkeiten zu tun.

Im Befall mit dem Pilz zeigen sich Aspekte des Body-Horrors, aber auch solche der verstörenden Angst, die mit dem Verlust des Lebensraums als solchem einhergeht. Cordyceps – so heißt der Pilz, der in „The Last of Us“ seine angestammte biologische Nische verlässt –, befällt nicht nur Menschen. Seine parasitären Glieder unter- und überformen bald schon die gesamte Umwelt, die Metamorphose präsentiert den absoluten Ökohorror. Natürlich zeigt sich hierin eine Verarbeitung der Ängste vor dem Klimawandel, der unsere reale Welt in eine unbewohnbare zu verwandeln droht.

Und dennoch, es besteht Hoffnung für die Menschheit. Verkörpert wird sie in „The Last of Us“ von dem Mädchen Ellie, gespielt von Bella Ramsey. Die hochintelligente Teenagerin ist ein Nerd mit der einzigartigen Superkraft, sämtliche Erwachsene zuverlässig in den Wahnsinn zu treiben. Allein schon deshalb, weil ihr messerscharfer Verstand stets einen Tick schneller ist als der ihrer älteren Zeitgenoss:innen. Hoffnung macht allerdings nicht nur der Humor des Mädchens, sondern auch etwas anderes – gegen den Killerpilz ist Ellie immun.

Einmal quer durchs Land

Der einsilbige texanische Knurrhahn Joel erhält den Auftrag, Ellie in wissenschaftliche Obhut zu bringen. Dafür verlassen die beiden eine militärisch überwachte Zone an der Ostküste – in ihr herrschen diktatorische Zustände und eine Gemengelage widerstreitender bewaffneter Milizen. Joel darf darin mehrfach seine Actionhelden-Fähigkeiten unter Beweis stellen. Ihre Reise führt die beiden einmal quer durchs Land. Auf ihrem Trip kommen wir nicht nur Joel und Ellie nah. Bis in die Nebenrollen hinein erweist sich „The Last of Us“ als formidabel besetzte Charakterstudie in Zeiten des Ausnahmezustands.

Ein frühes Highlight der Staffel zeigt sich in der 75-minütigen dritten Episode, einer Binnenerzählung, die vom Schicksal eines unwahrscheinlichen Liebespaars, gespielt von Nick Offerman und Murray Bartlett, handelt. Die größte Angst haben alle, so zeigt sich in der Folge, nicht so sehr vor dem nahenden Untergang, sondern vor dem drohenden Verlust des geliebten Anderen. So zeigt sich „The Last of Us“ als tatsächlich seltene Ausnahme einer gelungenen Gameverfilmung, da die Serie nicht blindwütig die Logik und Ästhetik des Videospiels reproduziert wie so viele Spieleverfilmungen, sondern eine emotional nachhallende Erweiterung der erzählten Welt aufbietet.

In der HBO-Verfilmung erwacht das Format der Spieladaption an mancher Stelle zu Bewusstsein und reflektiert sich selbst, etwa in einer Szene, in der Ellie gemeinsam mit ihrer besten Freundin die Entdeckung einer Spielhölle in einem verlassenen Einkaufszentrum macht. In den leuchtendsten Farben präsentieren sich die Spielautomaten, wie Fata-Morgana-Apparate in einer an Sinneseindrücken arm gewordenen Welt. Gemeinsam zocken die beiden Mädchen hingebungsvoll „Mortal Kombat“. Ihr Glück wird leider nicht lange währen. Zurückgewiesen wird hier das Klischee der einsamen, weltabgewandten Computerspiele-Existenz. Vielmehr zeigt sich in der Gamepraxis das Begehren, mit der Welt aktiv in Interaktion zu treten, auch um das Gefühl zu haben, sie verändern zu können. In Zeiten unabwendbar scheinender Bedrohungen ein sehr nachvollziehbarer Wunsch.

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