Jedermann und Ich - Ein Porträt in 3 Kapiteln

- | Österreich/Deutschland 2023 | 77 Minuten

Regie: Katharina Pethke

Seit bald einem Jahrzehnt begleitet die Dokumentaristin Katharina Pethke den Schauspieler Philipp Hochmair mit der Kamera, woraus mehrere autofiktionale Versuche eines Porträts entstanden. Nach einer 30-minütigen Version im Jahr 2016 und einem rund einstündigen Film im Jahr 2021 überarbeiteten beide zusammen das Material erneut, das jetzt noch mehr von Hochmair enthält, aber auch eine Bewegung von der Person des Schauspielers zu der Person der Filmemacherin erkennen lässt und um ihre Gedanken über Möglichkeiten und Grenzen eines filmischen Porträts kreist. Das Verhältnis zwischen den beiden ist dabei so unbeständig wie spekulativ und wird durch die allgegenwärtige Kamera vollends zur Dreiecksbeziehung. - Ab 14.
Zur Filmkritik

Filmdaten

Originaltitel
JEDERMANN UND ICH - EIN PORTRÄT IN 3 KAPITELN
Produktionsland
Österreich/Deutschland
Produktionsjahr
2023
Produktionsfirma
Fünferfilm
Regie
Katharina Pethke · Philipp Hochmair
Kamera
Katharina Pethke
Schnitt
Katharina Pethke
Länge
77 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
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Dokumentarisch-autofiktionale Annäherung an den Schauspieler Philipp Hochmair und die Frage, wie man einen solchen Darsteller überhaupt porträtieren kann.

Diskussion

Der Schauspieler Philipp Hochmair streift sich erschöpft die Perücke vom Kopf, aber er hat sich noch nicht ganz wiedergefunden. Hochmair, nackter Oberkörper, Ketten um den Hals, schwarz umrandete Augen, steckt in Kopf und Körper noch halb in „Jedermann“, der berühmten Hugo-von-Hofmannsthal-Figur. „Und jetzt weißt du nicht, was du machen sollst …“, meint die Filmemacherin Katharina Pethke, die ihre Kamera forschend auf das noch etwas vernebelte Gesicht ihres Blickobjekts richtet. „Doch. Runterkommen.“ Und dann, kaum merklich, scheint der Boden unter dem Schauspieler etwas fester zu werden, und auch die entfesselten Gesichtszüge kommen allmählich zur Ruhe.

Die Frage, wen Pethke denn nun eigentlich vor sich hat, wenn Hochmair „runtergekommen“ ist, und wo die Grenzen zwischen Bühnenfigur, Schauspieler-Persona und so etwas wie dem „unverkleideten Selbst“ verlaufen, treibt die Filmemacherin an. 2016 erschien ihr dreißigminütiges Experiment „Jedermann“, der Versuch einer Annäherung an einen Schauspieler, der sich vor der Kamera einem Text (Knittelverse!) und einer Figur anverwandelt, die er seit nunmehr zehn Jahren als Solo-Stück auf die Bühne bringt, mit sich selbst in allen Rollen und zum schroffen Sound seiner Band „Die Elektrohand Gottes“.

Fünf Jahre später folgte 2021 „Jedermann und Ich“. Pethke hatte „noch nicht ganz verstanden, was da passiert ist“. Der rund einstündige Film zeigt ihre Perspektive auf die Begegnung mit Hochmair, dem „Wechsler der Rollen und Identitäten“, treibt aber seinerseits selbst ein Spiel mit Andeutungen, Auslassungen und Erfindungen. Pethke selbst nennt es an anderer Stelle „dokumentarische Autofiktion“. Sich selbst beschreibt sie als „Figur von einem Ich, die einst Ich gewesen ist.“

Jetzt ist noch mehr Hochmair drin

Mit dem zweiten und vorerst letzten Film war das Projekt für Hochmair aber nicht abgeschlossen. Deshalb entstand 2023 auf seine Initiative hin ein dritter Film: „Jedermann und Ich – Ein Porträt in 3 Kapiteln“. Was diesen Film, der aus dem alten Material besteht, von den bereits bestehenden Arbeiten unterscheidet, ist schwer zu sagen. Außer, dass in dem langen Film noch mehr Hochmair drin ist – mehr Körper, Gesicht, Ego – und der Erzählbogen eine andere Bewegung vollzieht. Während das erste Kapitel von den Audionotizen des gestressten, vielbeschäftigten Theaterstars dominiert wird (Avignon, Marseille, Berlin, der ständige Wechsel von Verausgabung und Entleerung), verlagert sich der Fokus über die drei Kapitel hinweg. Kapitel 2 ist mehr eine Pointe: ein Ausschnitt aus einem Film mit Chet Baker, den Pethke in Kapitel 3 mit Hochmair nachinszeniert. Weg von der Person des Schauspielers hin zu der Person der Filmemacherin und ihren Gedanken über Möglichkeiten und Grenzen eines filmischen Porträts.

Katharina Pethke arbeitet seit vielen Jahren über Porträts, etwa in „In Liebe – Britta Schmidt“, „Louisa“, „Dazwischen Elsa“; zudem promoviert sie an der Filmuniversität Potsdam-Babelsberg zum dokumentarischen Porträtfilm. Dass das Porträt eines Schauspielers etwas grundsätzlich anderes ist als das Porträt eines „Jedermanns“ (oder einer „alltäglichen“ Frau) hat sie, so scheint es, erst während der Arbeit an „Jedermann und Ich“ so richtig begriffen.

Flirten, bezirzen, nerven

Der Film ist in kontrastreichen Schwarz-weiß-Bildern und auf 16mm gedreht. Pethke arbeitet mit Unschärfen, gekippten Perspektiven und Standbildsequenzen, die den Erzählfluss gleichzeitig rhythmisieren wie leicht zum Stocken bringen. Das alles ist schön anzusehen, aber auch nicht frei von Prätention. Der Film macht keinen Hehl aus der Faszination für einen Menschen und Mann, der Attribute wie „exhibitionistisch“ und „narzisstisch“ geradezu umarmt, und, sobald eine Kamera sich auf ihn richtet, unmittelbar zu spielen, herumzutollen, zu flirten und zu bezirzen beginnt – und dabei auch immer wieder nervt. So wird der Film hauptsächlich zu einer Beobachtung von Maskerade und Spiel: Pethke filmt in Garderoben und Theaterkorridoren, beim Schminken und Abschminken; wiederholt fällt der Blick auf Kostüme und Verkleidungen, die, nun körperlos, wie Häute über einem Stuhl oder einem Geländer hängen.

Auch bei Fotoshootings ist die Filmemacherin dabei, ein Porträt aus zweiter Hand. Hochmair, der nackte Oberkörper in Goldglitter, wirft sich exzentrisch in Pose. Für die Fotografen, die ihn anfeuern, ist er ein überaus dankbares Objekt. Aber es gibt auch Momente scheinbarer Zweisamkeit, Gespräche, Spaziergänge – der wiederholte Blick auf ein zerwühltes Bett legt (falsche?) Fährten in eine potenzielle Beziehungsgeschichte mit nicht unkomplizierter Dynamik. Auf Phasen der „Funkstille“ folgen plötzliche Nachrichten, eine erneute Verabredung. Das Verhältnis von Dokumentaristin und Protagonist ist so unbeständig wie vage, oder auch spekulativ. Klar aber ist, dass die Kamera ein wichtiges Element in dieser Dreiecksbeziehung ist.

Und stolziert wie ein Reiher

Einmal, als Pethke ein kleines Team zum Treffen dazubestellt hat, taucht Hochmair nicht auf. So wird das Schauspielerporträt kurzzeitig zum Tierfilm. Pethke filmt Vögel, krabbelnde Ameisen, das Wasser. Der Film kommt zur Ruhe, er wirkt nun fast bei sich angekommen. Kaum taucht Hochmair auf, geht die Show los. Für die nicht-menschliche Welt hat die Kamera bald kein Auge mehr; jetzt ist Hochmair interessanter. Er imitiert die Bewegungen eines Reihers.

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