In den USA sorgt seit Jahren ein leidenschaftlich ausgetragener Kulturkampf immer wieder für Schlagzeilen. 2021 veröffentlichte der republikanische Abgeordnete Matt Krause in Texas eine Liste mit 850 Büchern und forderte Schulbibliotheken, diese zu entfernen. Vordergründig ging es darum, Kinder vor pornographischen Schriften zu schützen. Tatsächlich nimmt die Liste aber auch Bücher zu LGBTQ-Themen, Diversität, Rassismus und Inklusion sowie Werke von nicht-weißen Autorinnen und Autoren ins Visier. Vor allem in konservativ geprägten Bundesstaaten wie Texas, Florida und Louisiana greifen ultrarechte Gruppen und evangelikale Kreise die Liste auf und starten Kampagnen gegen Schulbibliotheken.
Der Kampf gegen „woke“ Bücher greift um sich
Ein Gesinnungsgenosse von Krause ist der republikanische Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, der sich vehement gegen jegliche „woke Ideologie“ wendet. In seinem Bundesstaat wurde 2022 das Gesetz HB 1467 beschlossen, dass vorschreibt, alle Bücher in Schulbibliotheken von Medienspezialisten zu prüfen und solche Büchereien frei von Pornographie und rassenbasierten Lehren zu halten.
Erste sogenannte „Book Bans“ in Texas und Florida finden schnell Nachahmer, es entsteht eine Welle von Verbannungen in anderen Bundesstaaten. Der Dokumentarfilm der US-Regisseurin Kim A. Snyder verdeutlicht diese Expansion anhand einer Landkarte der Vereinigten Staaten, in der ein Staat nach dem anderen Feuer fängt. An mehreren Beispielen wird erläutert, wie insbesondere die 2021 während der Coronavirus-Pandemie gegründete Organisation „Moms for Liberty“ und andere rechtsgerichtete Gruppen Kampagnen gegen angeblich verderbliche Bücher koordinieren.
Bibliothekarinnen kämpfen gegen die ideologische „Säuberung“
Als Drahtzieher und Geldgeber fungieren unter anderem ultrareligiöse Milliardäre oder das konservative Mobilfunkunternehmen Patriot Mobile, das unter anderem Donald Trump jr. unterstützt. Ein wichtiges Ziel: Die Rechts-Außen-Gruppen bugsieren ihre Kandidatinnen und Kandidaten in die Schulbehörden, um nach und nach die Kontrolle über diese zu übernehmen.
Doch es regt sich Widerstand gegen die Entfernung missliebiger Bücher aus den Bibliotheken. Engagierte Bibliothekarinnen wie Carolyne Foote, Suzette Baker und Amanda Jones in Texas, Louisiana und Florida wehren sich gegen die zensurartigen Maßnahmen. Sie hinterfragen auch kritisch entsprechende Anordnungen von Schulverwaltungen, die dem Druck der Lobby-Gruppen nachgeben oder restriktive gesetzliche Neuregelungen wie in Florida umsetzen.
Die engagierten Bibliothekarinnen verweisen auf die Meinungsfreiheit, die in der US-Verfassung garantiert ist, und verlangen, dass auch Kinder das Recht auf freien Zugang zum Wissen haben müssen. Letztlich sehen sie durch die Kampagnen der rechtsgerichteten Organisationen die Fundamente der Demokratie in Gefahr.
Der Film macht an etlichen Beispielen auf beklemmende Weise deutlich, wie raffiniert und rücksichtslos die vermeintlichen Kinderschützer gegen liberale Kräfte in den Büchereien vorgehen. Viele der Widerständlerinnen sehen sich mit Schmähungen und Schikanen konfrontiert. Andere verlieren ihren Job, so wie Suzette Baker, eine Bibliothekarin und Armee-Veteranin, aus Llano County in Texas. Durch eine Einblendung erfährt man im Film, dass im Schuldistrikt von Keller, Texas, von 40 Bibliothekarinnen beziehungsweise Bibliothekaren jeder zweite entlassen wurde oder gezwungen war, den Arbeitsplatz zu räumen.
„Wir haben Waffen. Wann können wir anfangen, Liberale zu töten?“
Zu Beginn des Films berichtet eine Bibliothekarin, die anonym bleiben möchte und nur als Silhouette zu sehen ist, dass sie befürchtet, strafrechtlich verfolgt zu werden, weil sie umstrittene Bücher ausgewählt und zugänglich gemacht hat. Kolleginnen von ihr werden Zielscheibe von anonymen Verleumdungen, von Hass-Mails und Todesdrohungen. Die Bibliothekarin Kimber Glidden aus Idaho erzählt von einer sehr konkreten Drohung eines Book-Ban-Aktivisten: „Wir haben Waffen. Wann können wir anfangen, Liberale zu töten?“
Zum Glück finden die Widerständlerinnen auch entschlossene Fürsprecher wie etwa den schwarzen Reverend Jeffrey Dove aus Texas, der sich entschieden dagegen wendet, dass Bücher verbannt werden, nur weil sie von Afro-Amerikanern verfasst wurden. Und der die Heuchelei von Menschen geißelt, die sich auf ihre Liebe zu Gott berufen, wenn sie das Verbot von Büchern fordern, die ihnen missfallen.
Zwischen den aktuellen Problembeschreibungen und Statements der Bibliothekarinnen und ihrer Widersacher verweist der Film auf ähnliche Vorgänge oder gar Präzedenzfälle in der Vergangenheit, etwa mit Hilfe von Filmzitaten. So zeigen Ausschnitte aus François Truffauts berühmtem Film „Fahrenheit 451“ (1966) nach dem dystopischen Roman von Ray Bradbury, wie brutal Schergen des Regimes gegen Bücherfreunde vorgehen. Eine Szene aus „The Twilight Zone“ verdeutlicht die reale aktuelle Gefahr: Da schleudert ein Richter einem Mann das Diktum entgegen: „Du bist überflüssig, du bist ein Bibliothekar!“
Die Geschichte droht sich zu wiederholen
Die Hexenjagd auf angeblich zu liberale Büchereimitarbeiterinnen erinnert nicht zufällig an die diffamierenden Methoden des US-Senators Joseph McCarthy, der in den 1950er-Jahren landesweit auf Kommunistenjagd ging, wie historische Bilder belegen. Besonders eindringlich ist eine Passage, in der schwarz-weiße Wochenschau-Ausschnitte den NS-Propagandaminister Joseph Goebbels zeigen, der 1933 in Berlin vor einem Scheiterhaufen mit brennenden Büchern über die „Deutsche Revolution“ schwadroniert. Im Umschnitt sieht man eine Bücherverbrennung in Mt. Juliet in Tennessee, dort werfen aufgebrachte Bürger im Februar 2022 Bücher ins Feuer.
So prägnant die Regie ihre Kritik an den Zuständen und Fehlentwicklungen in den USA auch vorbringt, in formaler Hinsicht schwächelt die Breitseite. Zu schnell wechselt der Film die Schauplätze und Zensurfälle, zu kleinteilig fallen die Episoden aus. Die Aussagen der Beteiligten bleiben recht kurz, sodass eine vertiefte Darstellung der angerissenen Beispiele unterbleibt. Als alarmierende Bestandsaufnahme, mit welcher Wucht rechte Kreise den Krieg um die Köpfe von Kindern und Jugendlichen ausfechten, bleibt er gleichwohl relevant.