Hinter den Schlagzeilen

Dokumentarfilm | Deutschland 2021 | 93 Minuten

Regie: Daniel Sager

Dokumentarfilm über die Arbeit der beiden investigativen Journalisten Frederik Obermaier und Bastian Obermayer von der Süddeutschen Zeitung, die über einen längeren Zeitraum bei ihren Recherchen begleitet werden. Sie treffen Edward Snowden, spüren einem Waffenhändler und dem Mord an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia hinterher. Am Beispiel der „Ibiza-Affäre“ um den FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache verfolgt der Film detailgenau mit, wie seriöser Enthüllungsjournalismus auch in brisanten Fällen verantwortbar bleibt, und warnt davor, welchen Gefährdungen und Einflussnahmen er gleichermaßen ausgesetzt ist. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2021
Regie
Daniel Sager
Buch
Marc Bauder · Daniel Sager
Kamera
Börres Weiffenbach · Daniel Sager · Anne Misselwitz · Frank Pfeiffer
Musik
Hannah von Hübbenet · John Gürtler
Schnitt
Hannes Bruun
Länge
93 Minuten
Kinostart
16.09.2021
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Doku über die Arbeit investigativer Journalisten am Beispiel der Recherchen zweier SZ-Redakteure zum Ibiza-Video mit dem FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache.

Diskussion

Das Thema hat leider Konjunktur. In aktuellen Dokumentationen wie „Silence Radio“ oder „The Dissident“ kommt es zur Sprache. Beinahe täglich erfährt man in den Nachrichten, wie Autokraten à la Putin, Orban, Erdogan kritische Journalistinnen und Journalisten einschüchtern, zensieren und inhaftieren lassen.

Regisseur Daniel Sager nähert sich dem Thema in Manier einer Reportage, indem er zwei investigative Journalisten bei ihrer Arbeit begleitet: Bastian Obermayer (Jahrgang 1977) und Frederik Obermaier (Jahrgang 1984), die beide als Redakteure dem „Ressort Investigative Recherche“ der Süddeutschen Zeitung angehören. Sie waren Teil des Journalisten-Pools zur Enthüllung der „Panama Papers“, haben 2016 dazu auch ein gleichnamiges Buch veröffentlicht.

Unterwegs zu einem Treffen mit Edward Snowden

In den ersten Szenen sieht man die Reporter, wie sie bei regnerischem Wetter am Münchner Flughafen zum Check-in Richtung Moskau eilen. Mit ihren Rucksäcken und Trolleys sehen sie wie jung-dynamische Geschäftsreisende aus. In Moskau müssen sie diverse Sicherheitsvorkehrungen beachten. Sie spurten durch enge Hotelgänge und treffen schließlich Edward Snowden, der sie freundlich als Beteiligte an der „Panama“-Sache begrüßt. Snowden, der berühmteste aller Whistleblower, spricht über das schwierige Verhältnis von Informanten und Journalisten und beklagt, dass es „eine Form des Journalismus“ gebe, die von Machthabern „bewusst eingesetzt wird, um die Öffentlichkeit zu täuschen und zu desinformieren, wie das zum Beispiel in der Brexit-Kampagne geschah! Die Errungenschaften der liberalen, offenen Gesellschaft sind nicht garantiert, sie sind gefährdet!“

Das Snowden-Gespräch bildet eine Art Prolog, in dem das Kernthema des Films angesprochen wird: die Sorge um Bestand eines freien, seriösen Journalismus. Zurück in München erklärt Bastian Obermayer: „Investigativer Journalismus lebt zu weiten Teilen von Whistleblowern, von Leuten, die Missstände sehen und dann mit uns Journalisten Informationen teilen.“ In den Redaktionsräumen des SZ-Hochhauses werden neue Recherche-Projekte besprochen. Da geht es um „den gefährlichsten Waffenhändler der Welt“, auf dessen Spur man sich begeben will. Später sitzen beide vor einem Laptop und sichten ein brisantes Video, das ihnen zugespielt wurde: „Das hat Potential, eine Regierung zu stürzen!“

Heinz-Christian Strache & das Ibiza-Video

Später wird klar, dass es sich um das berühmte Ibiza-Video handelt, das 2017 während des österreichischen Wahlkampfs entstand. Darin ist der rechtspopulistische FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache zu sehen, wie er mit einer vermeintlich steinreichen russischen Oligarchin Verhandlungen führt. Strache realisiert nicht, dass er in eine Falle gelockt wird. Die Russin schlägt ihm allerlei korrupte Deals vor, auf die Strache bereitwillig eingeht. Die Veröffentlichung des Videos 2019 durch die Süddeutsche Zeitung und den Spiegel bringt dann tatsächlich die österreichische Regierung mit Strache als Vizekanzler zu Fall.

Zuerst aber geht es nach Malta. Dort wurde die regierungskritische Journalistin Daphne Caruana Galizia ermordet. Bastian Obermayer besucht den Ort, an dem sie durch ein Autobombenattentat ums Leben kam. Er spricht von den Gefahren, denen auch er ausgesetzt ist, und erzählt von der Drohung, dass „Recherchen in der Daphne-Sache von Killer-Kommandos gestoppt werden sollen“.

Abends steht er am Fenster seines Hotelzimmers und telefoniert: „Wir würden wirklich sehr, sehr gerne mit Ihnen sprechen. Das Ganze bliebe streng vertraulich, so als hätte das Treffen nie stattgefunden!“ Das könnte eine Szene aus einem Politthriller sein. Wer waren die Auftraggeber des Mordes? Sie könnten direkt in der Regierung oder bei verschiedenen Mafia-Organisationen zu finden sein. Der Zeitungsartikel, den Bastian Obermayer später mit seinem Kollegen verfasst, muss mit dem Bekenntnis enden, dass die Drahtzieher des Mordes nicht zu ermitteln sind.

Sich nicht instrumentalisieren lassen

Manche Recherchen stoßen auf heiße Spuren, andere laufen ins Leere. Auch im Fall des Waffenhändlers, der das iranische Atomwaffenprogramm bedient haben soll, kommen die Nachforschungen nicht voran. Von Kontaktleuten aus dem Umkreis des israelischen Geheimdienstes wird man in Tel Aviv „nur mit Phrasen“ abgespeist, die man in jeder Regierungserklärung nachlesen könne: „Sie wollen uns Journalisten nur für ihre politischen Ziele instrumentalisieren.“

Dann aber konzentriert sich der Film ganz auf die Ibiza-Sache. Die Ereignisse überstürzen sich. In den SZ-Redaktionsräumen wird fieberhaft gearbeitet. Die im Ibiza-Video dokumentierten Verhandlungen müssen – soweit verständlich – Wort für Wort abgetippt werden. Das Video wird materialtechnisch auf seine Authentizität hin überprüft. Die Juristen des Hauses diskutieren, ob es gesetzlich überhaupt vertretbar ist, ein solches Video zu veröffentlichen. Auch der Artikel, der mit dem Video erscheinen soll, muss akribisch geprüft und juristisch gecheckt werden: „Jetzt dürfen wir keinen Fehler machen.“

Es ist in jeder Phase spannend und aufschlussreich, alle diese Prozesse, die ein seriös agierender investigativer Journalismus zu absolvieren hat, am konkreten Beispiel der Ibiza-Affäre so detailgenau mitverfolgen zu können. Aus dem Ibiza-Video selbst ist im Film jene Passage zu sehen, die direkt zum Thema der Gefährdung des freien Journalismus passt. Strache fordert die Russin auf, die „Kronenzeitung“, also die in Österreich „meinungsführende“ Zeitung, aufzukaufen, denn dann könne man dort die kritischen Journalisten abservieren und eine der FPÖ gefügige Berichterstattung durchsetzen.

„Hinter den Schlagzeilen“ ist eine spannende, lehrreiche Dokumentation, die hautnah miterleben lässt, durch welche Minenfelder investigativer Journalismus seine Wege bahnen muss. Gleichzeitig öffnet sie einmal mehr die Augen dafür, wie bedroht ein freier, unabhängiger Journalismus ist.

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