Manchmal versteckt man Sachen so gut, dass man sie nicht wiederfindet. Auch das Gehirn kann einem solch einen Streich spielen. Amnesie entsteht oft durch Traumata: Es ist ein Schutzmechanismus, der Menschen schlimme Ereignisse vergessen lässt. Bei Louise (Natalie Wolfsberg Madueño) scheint so etwas nicht vorzuliegen. Die Dänin lebt auf einer idyllischen, von Fjorden umgebenen norwegischen Insel und führt trotz ihres Gedächtnisverlustes ein glückliches Leben. Sie betreibt ein Restaurant und hat sich gerade mit dem Norweger Joachim (Pål Sverre Hagen) verlobt. Erst als ein dänischer Tourist auf die Insel kommt und meint, in ihr eine ehemalige Arbeitskollegin zu erkennen, wird Louise stutzig.
Sie lässt einen DNA-Test machen und erfährt, dass sie in Wirklichkeit Helene Söderberg heißt und vermögend ist. Als Erbin der viertgrößten Reederei Skandinaviens lebte sie in einer Villa und hatte, bevor sie auf der Insel strandete, einen Ehemann und einen Sohn in Dänemark zurückgelassen. Nun kehrt sie zurück in ihr ehemaliges Leben, um die Erinnerung zurückkommen zu lassen. Ehemann Edmund (Claes Bang) und ihre Schwiegermutter Caroline (Stinea Ekblad) helfen ihr dabei.
Mit den Erinnerungsfetzen kommen Verdachtsmomente
Doch während Helene bald wieder eine emotionale Bindung zu ihrem kleinen Sohn Alexander aufbaut, wird sie mit Ehemann Edmund nicht recht warm. Er führt sie behutsam wieder in ihr Arbeitsleben ein und lässt ihr innerhalb der prächtigen alten Villa zunächst Raum. Doch bald kommt Helene Unstimmigkeiten auf die Spur. Sie habe nach dem Tod ihres Vaters ein Trauma erlitten, sagt man ihr. Dieser war offenbar schwerkrank die Treppe hinuntergefallen und danach gestorben. Doch in Helenes verschüttetem Hirn tauchen immer wieder Erinnerungsfetzen auf. Hatte der alte Söderberg seiner Tochter vor seinem Tod etwas mitteilen wollen? Während seine treue Sekretärin Ingrid sehr hilfsbereit ist und Helene ein Fotoalbum und andere Dokumente zur Verfügung stellt, scheint Edmund zu mauern.
Auch Joachim kommt Helenes Situation verdächtig vor. Er liebt Helene, die er als Louise kennengelernt hat, und ermittelt auf eigene Faust. Edmund missfällt das zutiefst. Hinter der Fassade des liebevollen Ehemanns kommt ein eifersüchtiger Kontrollfreak zum Vorschein.
Schauermärchen-Anklänge
Barbara Topsøe-Rothenborgs „Die Frau ohne Vergangenheit“ beruht auf dem gleichnamigen Thriller des dänischen Autorenduos, das unter dem Namen Anna Ekberg veröffentlicht. Ein paar Details wurden für den Film verändert und eine besonders garstige Figur erfunden. Denn den Film kann man wie ein Schauermärchen lesen. Dem Publikum müssen sowohl die derzeitige als auch die vergangene Idylle Louises/Helenes suspekt sein. In Norwegen führt sie ein sorgenfreies, bescheidenes Leben, obwohl sie weiß, dass sie an Gedächtnisschwund leidet. Als sie dann in ihr Elternhaus zurückkehrt, mutet es zunächst wie ein Märchenschloss an. Doch in Märchenschlössern gibt es geheime Räume und werden die Prinzessinnen hin und wieder wie Gefangene gehalten. Auch eine Art böse Hexe gibt es, die ihr wahres Gesicht jedoch erst später offenbart.
Dass Helene in ihrem goldenen Käfig gefangen ist, merkt sie jedoch erst spät. Auch die Wandlung von Ehemann Edmund vollzieht sich allmählich, wobei der gewohnt überzeugend spielende Claes Bang seiner Figur recht bald eine verdächtige Aura verleiht. Der realistische Ansatz, der Helenes Geheimnis enthüllt, lautet im Angesicht von bestochenen Ex-Kollegen, unheimlichen Handlangern und einschläfernden Substanzen im Drink schließlich: „Follow the money.“ Hier offenbart sich, wer aus welchen Motiven seine ehrlich oder unehrlich erworbenen Besitztümer verteidigen will und wer oder was überhaupt als Besitz interpretiert wird.
Zu viel Altbewährtes
So kommt in diesem Netflix-Thriller zwar Spannung auf, doch unterm Strich greift er zu sehr auf bekannte Stil- und Storyelemente und zunehmend auch auf Klischees zurück. Die eine oder andere hübsche Hitchcock-Anspielung in Szenenbild (Stichwort Schatten auf Treppen) und Handlung („Verdacht“, „Berüchtigt“) kann darüber nicht hinwegtäuschen. Zum Schluss gerät das Ganze dann zu einer Räuberpistole, welche die Ambivalenz der Vorlage glättet, nette Figuren verschont und andere vollends dämonisiert. Das ist schade, da die Märchenmotive eher angedeutet als zu einem stimmigen Stil verdichtet werden.
So entpuppt sich „Die Frau ohne Vergangenheit“ trotz schicker Ästhetik zu einer abendlichen Netflix-Unterhaltung, die einen originellen Ansatz scheut und sich auf Bewährtes verlässt.