Darren Aronofsky entdeckt die Mutter Erde

Der US-amerikanische Regisseur entwirft mit der Miniserie „One Strange Rock“ die Naturgeschichte des Planeten

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Das Fernsehnetwork „National Geographic“ hat eine lange Tradition in der filmischen Erkundung wissenschaftlicher Themen, von „Cosmos“ bis „Origins: The Journey of Humankind“. Nun widmet es sich in einer zehnteiligen Miniserie der Entstehung unseres Planeten. „One Strange Rock“ bestreitet dabei neue Wege. Hier werden weder didaktische Schulweisheiten vermittelt noch bloßes Staunen angesichts der Wunder der Erde. Schon die erste Episode lässt das Ergötzen über die Schönheiten des Planeten weit hinter sich. Bilder von galaktischen Stürmen und vulkanischen Eruptionen schockieren den an farbenprächtige Naturwunder gewöhnten Zuschauer, und acht Astronauten berichten hautnah von der Realität, die sie 250 Meilen hoch über dem Globus erlebt haben. „Es ist, als ob ich mein ganzes Leben in einem halbdunklen Raum verbracht hätte“, sagt die Astronautin Peggy Whitson, die erste weibliche Kommandantin der Internationalen Raumstation, „und dann hat jemand das Licht angeknipst.“

Der Regisseur, der ähnliches mit „One Strange Rock“ unternimmt, ist Darren Aronofsky, einer der prominentesten und umstrittensten Filmregisseure in Hollywood. Die von Aronofsky produzierte Serie trägt unverkennbar seine Handschrift. Die Episoden heißen „Gasp“, „Storm“, „Shield“, „Genesis“ oder „Survival“ und sind laute Hammerschläge im betulichen Alltag heimeliger Naturserien. Denn im Zentrum stehen die brutalen Gewalten, die den Erdball geformt haben und in seiner Existenz fortwährend bedrohen. „One Strange Rock“ ist kein Programm für Kinder oder schwache Nerven, aber es kommt dem Stand der aktuellen Forschung näher als alles andere, was derzeit über dieses Thema im Fernsehen verbreitet wird.

"One Strange Rock"
"One Strange Rock"

Die Serie wäre keine Schöpfung von Aronofsky, wenn sie nicht Anstalten machen würde, auch dem spirituellen Wunder hinter der Milliarden-Jahre-Geschichte der Erde näherzukommen. Schon in seinen Spielfilmen, etwa „The Fountain“ (2006) oder „mother!“ (2017), hat Aronofsky die Mythen und Philosophien unterschiedlichster Kulturkreise in die Handlung verwoben, und auch hier gibt es immer wieder Anklänge daran.

Die einzige Konzession, die „One Strange Rock“ ans Massenpublikum des Fernsehens macht, sind eingeschobene Kommentare. Die Popularität des Schauspielers Will Smith, der diese Kommentare in schwarz-weißen Großaufnahmen spricht, banalisiert allerdings mehr als einmal den großen Entwurf eines Fernsehprogramms, das alle bisherigen Grenzen des „Naturfilms“ sprengt.


Der Text ist eine Übernahme aus der Zeitschrift „Medienkorrespondenz“.

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