Heaven's Gate

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Die Produktion „Heaven's Gate“ gehört zu den großen Mythen Hollywoods. Michael Cimino soll sich als neuer Star am Regiehimmel unfassbare Freiheiten herausgenommen haben wie vor ihm nicht einmal Orson Welles, das Studio United Artists soll durch den Misserfolg des Films ruiniert worden sein, und das New Hollywood wurde unter den Trümmern dessen begraben, was es einmal sein sollte: eine Neuformulierung von Autorenschaft.

Beflügelt von seinem Erfolg mit „The Deer Hunter“, für neun Oscars nominiert und mit fünf Trophäen ausgezeichnet, nahm sich Cimino jenes Genres an, das wie kaum ein anderes für das klassische Hollywood steht: Der Western erzählt in den von der Kritik als Meilensteine des Genres kanonisierten Werken von der mühsamen, aber letztlich erfolgreichen und notwendigen Besiedlung eines Kontinents. Zivilisation siegt über Wildnis, die Weißen über die Wilden, die bis heute in der Filmkritik noch regelmäßig als Indianer bezeichnet werden.

Cimino bezieht sich genau darauf. Und er entmythologisiert, mit allen Mitteln eines hoch ambitionierten Naturalismus. Was im Western seit jeher eine gewichtige Rolle spielte, der aus dem Osten mit der Eisenbahn heranrollende Strom von Einwanderern einerseits und skrupelloser Geschäftsleute andererseits, passiert auch in „Heaven's Gate“. Doch wird daraus narrativ keine „recreation through violence“ entwickelt, wie es der Historiker Richard Slotkin bezeichnet hat. Von einer Neuerschaffung kann keine Rede sein. Die Ideologie eines Teils des Western, dass eine Siedlergesellschaft im Kampf gegen alle Widrigkeiten, die auch aus den eigenen Reihen kommen, gemeinsam ein Land, die USA, in die Moderne führt, wird ad absurdum geführt. Mächtige Viehbarone, die sich in einem Verband vereinigt haben, wollen Siedler von ihrem Land vertreiben, weil sie ihren kapitalistischen Zukunftsplänen im Weg stehen. Sie werden abgeschlachtet wie diejenigen, die das Land besiedelten, bevor die Europäer kamen.„It's not like the Indians. You can't just kill them all“, heißt es einmal gegen Ende des Films.Eine Antwort darauf wird nicht gegeben, aber sie könnte lauten: „Of course, we can.“

Diese Europäer, die in „Heaven's Gate“ abgeschlachtet werden können wie Vieh, haben ihre Rechte verwirkt. Sie sind keine Iren oder Nordeuropäer, wie sonst sehr oft im Western. Sie sind Osteuropäer und Deutsche. Cimino inszeniert sie nicht als homogene Gemeinschaft, jeder spricht seine eigene Sprache, das Englische lernen sie gerade erst, und sie haben auch ihre Konflikte und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Aber sie ziehen alle an einem Strang, im Glauben daran, sich in diesem Land eine Zukunft aufzubauen. Sich zu beschützen sind sie allerdings nicht in der Lage. Dafür erfand Cimino mit dem von Kris Kristofferson gespielten James Averill eine Figur, die aus der Aristokratie stammt, sich aber den Subalternen verbunden fühlt, für sie als Marschall arbeitet und eine Prostituierte aus ihren Reihen (gespielt von Isabelle Huppert) liebt. Er steht für den gescheiterten amerikanischen Traum – er, der im Prolog des Films im Jahre 1870 sein Studium in Harvard abschließt und den Walzer in eine vermeintlich glorreiche Zukunft tanzt. Wenn wir ihn im nächsten Bild im Jahre 1890 sehen, haben die 20 Jahre, die dazwischen liegen, ihn bereits massiv altern lassen. Der Traum hat sich nicht verwirklicht, wird vielmehr zum Albtraum.

Die andere wichtige Figur des Film ist der von Christopher Walken verkörperte Nathan Champion, selbst Osteuropäer, aber für die Viehbarone arbeitend, zwischen den Fronten positioniert, hin- und hergerissen und ebenfalls in Ella verliebt. Kein Wunder: Ella ist eine der bewundernswertesten Figuren, die Cimino geschaffen hat.

Wenn am Ende eines Kampfes die Kavallerie auftaucht, handelt es sich im klassischen Western noch meist um eine „last minute rescue“. Die Kavallerie sorgt für Recht und Ordnung. Doch das Bild der Armee hatte sich in den 1970er Jahren bereits in Filmen wie „Soldier Blue“ (1970) und „Little Big Man“ (1970) gewandelt. Cimino setzt dem die revisionistische Krone auf. Die Soldaten werden von Frank Canton angeführt, dem mächtigsten unter den Viehbaronen und dem Mann, der für das Massaker an den Immigranten verantwortlich ist. Die Armee bringt keine Gerechtigkeit, sondern die Festigung des neuen Status Quo: dass dem kapitalistischen Denken alles zu weichen hat.

Ist „Heaven's Gate“ ein Spätwestern? Ein Antiwestern? Oder gar kein Western, sondern eher ein Historienfilm, ein Geschichtsepos? Oder sogar ein Liebesfilm? Wie auch immer man dieses Werk generisch einordnet: es ist ein Meilenstein der Filmgeschichte, jetzt in der ungeschnittenen Fassung, mit restauriertem Bild und Ton zum ersten Mal in HD-Qualität für den deutschen Sprachraum mit sorgfältig editiertem Media Book.

Anbieter/Fotos: Capelight

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