Heaven's Gate

Michael Ciminos imposanter Spätwestern in der ungeschnittenen Fassung, mit restauriertem Bild und Ton in HD-Qualität, als sorgfältig editiertes Media Book

Diskussion

Die Produktion von „Heaven's Gate“ gehört zu den großen Mythen Hollywoods. Michael Cimino soll sich als neuer Star am Regie-Himmel unfassbare Freiheiten herausgenommen haben wie vor ihm nicht einmal Orson Welles; angeblich wurde das Studio United Artists durch den Misserfolg des Films ruiniert, und selbst New Hollywood soll unter dessen Trümmern begraben worden sein, als Hoffnung auf eine Neuformulierung von Autorenschaft.

Beflügelt vom Erfolg mit „Die durch die Hölle gehen“ (1978), der für neun „Oscars“ nominiert war und mit fünf Trophäen ausgezeichnet wurde, nahm sich Cimino jenes Genres an, das wie kaum ein anderes für das klassische Hollywood steht. Der Western erzählt in den von Experten als Meilensteine des Genres kanonisierten Werken von der mühsamen, aber letztlich erfolgreichen Besiedlung des Kontinents im Widerstreit von Recht/Ordnung und Gewalt. Zivilisation siegt über Wildnis, die Weißen über die Ureinwohner, die bis heute noch immer als Indianer bezeichnet werden.

Isabelle Huppert und Kris Kristofferson in "Heaven's Gate"
Isabelle Huppert und Kris Kristofferson in "Heaven's Gate"

Cimino bezieht sich genau darauf. Und er entmythologisiert, mit allen Mitteln eines hochambitionierten Naturalismus. Was im Western seit jeher eine gewichtige Rolle spielte, der aus dem Osten mit der Eisenbahn heranrollende Strom von Einwanderern sowie skrupellosen Geschäftsleuten, passiert auch in „Heaven's Gate“. Doch daraus wird narrativ keine „Erneuerung durch Gewalt“ entwickelt, wie dies der Historiker Richard Slotkin bezeichnet hat. Von einer Neuerschaffung kann keine Rede sein. Die Ideologie vieler Western, dass eine Siedlergesellschaft im Kampf gegen alle Widrigkeiten, die auch aus den eigenen Reihen kommen, das Land, die USA, in die Moderne führt, wird vielmehr ad absurdum geführt. Mächtige Viehbarone, die sich vereinigt haben, wollen Siedler von ihrem Land vertreiben, weil sie ihren kapitalistischen Zukunftsplänen im Weg stehen. Sie werden genauso abgeschlachtet wie jene, die einst das Land besiedelten, bevor die Europäer kamen. „Es ist nicht wie bei den Indianern. Wir können sie ja nicht alle umbringen“, heißt es gegen Ende des Films. Eine Antwort darauf wird nicht gegeben, aber sie könnte lauten: „Doch, wir können.“

Die Europäer, die in „Heaven's Gate“ abgeschlachtet werden wie Vieh, haben ihre Rechte verwirkt. Sie sind keine Iren oder Nordeuropäer, wie sonst oft im Western. Sie sind Osteuropäer und Deutsche. Cimino inszeniert sie nicht als homogene Gemeinschaft; jeder spricht seine eigene Sprache, das Englische lernen sie gerade erst, und sie haben auch ihre Konflikte und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Aber sie ziehen alle an einem Strang, im Glauben daran, sich in diesem Land eine Zukunft aufzubauen.

Nur sind sie nicht in der Lage, sich zu beschützen. Dafür erfand Cimino mit dem von Kris Kristofferson gespielten James Averill eine Figur, die aus der Aristokratie stammt, sich aber den Subalternen verbunden fühlt, für sie als Marshal arbeitet und eine Prostituierte aus ihren Reihen (gespielt von Isabelle Huppert) liebt. Averill steht für den gescheiterten amerikanischen Traum: der Mann, der im Prolog des Films im Jahre 1870 sein Studium in Harvard abschließt und den Walzer in eine vermeintlich glorreiche Zukunft tanzt. Wenn man ihn in der nächsten Einstellung 1890 sieht, haben ihn die 20 Jahre, die dazwischen liegen, schon massiv altern lassen. Der Traum hat sich nicht verwirklicht, er wird vielmehr zum Albtraum.

Tanz um den Freiheitsbaum: "Heaven's Gate"
Tanz in eine illusionäre Zukunft: "Heaven's Gate"

Die andere wichtige Figur des Films ist der von Christopher Walken verkörperte Nathan Champion, ein Osteuropäer, der für die Viehbarone arbeitet, sich hin- und hergerissen zwischen den Fronten positioniert und ebenfalls in Ella verliebt ist. Was nicht verwundert, da Ella eine der bewundernswertesten Figuren ist, die Cimino je geschaffen hat.

Wenn am Ende eines Kampfes die Kavallerie auftaucht, handelt es sich im klassischen Western meist um eine „Rettung in letzter Minute“. Die Kavallerie sorgt für Recht und Ordnung. Doch das Bild der Armee hatte sich in den 1970er-Jahren in Filmen wie „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (1970) und „Little Big Man“ (1970) stark gewandelt. Cimino setzt dem die revisionistische Krone auf. Die Soldaten werden von Frank Canton angeführt, dem mächtigsten unter den Viehbaronen, der für das Massaker an den Immigranten verantwortlich ist. Die Armee bringt keine Gerechtigkeit, sondern die Festigung des neuen Status Quo: dass dem kapitalistischen Denken alles zu weichen habe.

Ist „Heaven's Gate“ ein Spätwestern? Ein Antiwestern? Oder gar kein Western, sondern eher ein Historienfilm, ein Geschichtsepos? Oder gar ein Liebesfilm? Wie auch immer man dieses Werk generisch einordnet: es ist ein Meilenstein der Filmgeschichte, das jetzt in der ungeschnittenen Fassung, mit restauriertem Bild und Ton, zum ersten Mal in HD-Qualität für den deutschen Sprachraum als sorgfältig editiertes Media Book verfügbar ist.

Grandiose Perspektiven: "Heaven's Gate"
Grandiose Perspektiven: "Heaven's Gate"


Anbieter/Fotos: Capelight

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