Cannes 2018/ #2: Feier fürs Autorenkino

Cannes Blog 2018

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Heute Abend startet zum 71. Mal das Festival de Cannes (8.-19. Mai), das glamouröseste und in den Augen vieler auch wichtigste Filmfestival der Welt. Über solche Zuschreibungen kann man sicherlich lächeln, zumal sich die Film- wie die Festivallandschaft in ständiger Bewegung befinden und Neuerungen, wie sie aktuell unter dem Stichwort „Netflix“ für Aufregung sorgen, eigentlich zur Tagesordnung gehören. Dennoch fällt auf, dass Cannes unter der Ägide seines künstlerischen Leiters Thierry Frémaux einer konservativen Programmlinie treu bleibt. Denn obwohl Frémaux gerade in der Auseinandersetzung mit den Vorwürfen, dass Cannes viel zu chauvinistisch sei und dem Filmschaffen von Frauen keinen Platz einräume, ein ums andere Mal betont, dass für ihn ausschließlich die künstlerische Qualität von Filmen zähle und keinerlei wie auch immer geartete politische oder sonstige Kriterien, sticht in diesem Jahr umso mehr ein anderer Aspekt ins Auge: Die eherne Regel, dass wer einmal in Cannes war, immer wieder dorthin eingeladen wird.

Unter Frémaux’ Vorgänger Gil Jacob hatte diese „Old Buddies“-Politik zu einer regelrechten Erstarrung des Festivals geführt, weil auch der gefühlt 45. Oliveira-Film umstandslos im Wettbewerb landete, was spürbar auf Kosten aufstrebender Newcomer ging. Seitdem Frémaux im Jahr 2003 auf dem Regiestuhl des Festivals Platz nahm, hat sich Cannes zwar geöffnet und eine spürbare Erneuerung erfahren, doch insgeheim schwingt im Hintergrund eine mächtige Generallinie, die man „Autorenpflege“ nennen könnte und die beispielsweise dazu führt, dass die Filme von Wim Wenders fast immer in Cannes zu sehen sind, und sei es wie in diesem Jahr mit „Papst Franziskus“ als „Special Screening“.

„Festivals sind dazu da, den Ruhm des Autorenkinos zu mehren“, hat Frémaux diese Politik gerade auf den Nenner gebracht und damit auch erklärt, warum in Cannes primär harte Cineastenkost zu sehen ist und Blockbuster wie „Solo: A Star Wars Story“ von Ron Howard die Ausnahme bleiben. „Das radikale Autorenkino braucht Orte wie Cannes“, um überhaupt noch existieren zu können, so Frémaux. Diese Haltung verschafft dem Festival die Freiheit, einen Wettbewerb zu präsentieren, der auf den ersten Blick eher unspektakulär wirkt. Obwohl die jüngsten Werke von Jean-Luc Godard („Le Livre d’image“), Spike Lee („BlacKkKlansman“) oder Asghar Farhadi („Everybody Knows“) zu sehen sind, nimmt sich die Liste der Mitanwärter auf die „Goldene Palme“ ungewohnt bunt, zumindest unvorhersagbar aus, mitden neuen Werken des italienischen Regisseurs Matteo Garrone („Dogman“), seiner Landsfrau Alice Rohrwacher („Lazzaro felice“), dem polnischen „Oscar“-Preisträger Pawel Pawlikowski („Cold War“) oder dem umtriebigen japanischen Autorenfilmer Hirokazu Kore-eda („Shoplifters“). Dazu kommen zwei Filme, deren Nominierung als politisches Signal verstanden werden muss:„Three Faces“ von dem iranischen Regisseur Jafar Panahi sowie „Leto“ des russischen Filmemachers Kirill Serebrennikow, die beide in ihren Ländern aus politischen Gründen unter Hausarrest stehen.

Das deutsche Kino ist einmal mehr nicht im Wettbewerb vertreten. Wenders’ Papst-Film läuft außer Konkurrenz; Ulrich Köhlers vierter Film „In My Room“ wird in der Nebenreihe „Un Certain Regard“ gezeigt.

Drei Regisseurinnen konkurrieren um die „Palme d’Or“: Neben Alice Rohrwacher sind dies die Französin Eva Husson („Les Filles du soleil“) und die libanesische Filmemacherin Nadine Labaki („Capernaum“).

Der Jury steht in diesem Jahr die australische Schauspielerin Cate Blanchett vor; mit ihr entscheiden die Schauspieler Chang Chen (Taiwan), Léa Seydoux (Frankreich), Kristen Stewart (USA), die Musikerin Khadia (Burundi) sowie die Regisseure Ava DuVernay (USA), Robert Guédiguian (Frankreich), Andrej Swjaginzew (Russland) und Denis Villeneuve (Kanada) über die begehrten Preise.


Das komplette Cannes-Programm im Überblick:

Wettbewerb

„Everybody Knows“ von Asghar Farhadi (Eröffnungsfilm)

„At War“ von Stéphane Brizé

The Wild Pear Tree“ von Nuri Bilge Ceylan

Burning“ von Lee Chang-dong

Le livre d’image“ von Jean-Luc Godard

My Little One“ von Sergey Dvortsevoy

Dogman“ von Matteo Garrone

Knife + Heart“ von Yann Gonzalez

„Asako I & II“ von Ryusuke Hamaguchi

„Sorry Angel“ von Christophe Honoré

Girls of the Sun“ von Eva Husson

„Capernaum“ von Nadine Labaki

„BlackkKlansman“ von Spike Lee

Shoplifters“ von Hirokazu Kore-eda

Under the Silver Lake“ von David Robert Mitchell

„Three Faces“ von Jafar Panahi

Cold War“ von Pawel Pawlikowski

Lazzaro felice“ von Alice Rohrwacher

„Yomeddine“ von A.B. Shawky

Summer“ von Kirill Serebrennikov

Ash Is Purest White“ von Jia Zhang-ke


Außer Konkurrenz

Solo: A Star Wars Story“ von Ron Howard

Le Grand Bain“ von Gilles Lellouche

The House That Jack Built“ von Lars von Trier

The Man Who Killed Don Quixote“ von Terry Gilliam (Abschlussfilm)


In der ReiheUn Certain Regard“ laufen:

„Donbass“ von Sergei Loznitsa (Eröffnungsfilm)

„Border“ von Ali Abbasi

Sofia“von Meyem Benm’Barek

„Little Tickles“ von Andréa Bescond & Eric Métayer

„Manto“ von Nandita Das

„Sextape“ von Antoine Desrosières

Girl“ von Lukas Dohnt

Angel Face“ von Vanessa Filho

„Long Day’s Journey into Night“ von Bi Gan

„Euphoria“ von Valeria Golino

„My Favourite Fabric“ von Gaya Jiji

„Friend“ von Wanuri Kahiu

„The Harvesters“ von Etienne Kallos

In My Room“ von Ulrich Köhler

„The Dead and the Others“ von Renée Nader Messora

„Muere, Monstruo, Muere“ von João Salaviza

El Angel“ von Luis Ortega

„The Gentle Indifference of the World“ von Adilkhan Yerzhanov


Special Screenings

„10 Years in Thailand“ von Aditya Assarat, Wisit Sasanatieng, Chulayarnon Sriphol & Apichatpong Weerasethakul

„The State Against Mandela and Others“ von Nicolas Champeaux & Gilles Porte

„O Grande Circo Mistico“ von Carlo Diegues

Die Odyssee“ von Romain Goupil

„To The Four Winds“ von Michel Toesca

„Dead Souls“ von Wang Bing

Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes“ von Wim Wenders


Midnight Screenings

Fahrenheit 451“ von Ramin Bahrani

„The Spy Gone North“ von Yoon Jong-Bing

Whitney“ von Kevin Macdonald

Arctic“ von Joe Penna


Fotos: Startseite: Aus "Everybody Knows", ©Prokino; oben: Cannes Plakatmotiv 2018, ©Filmfestival Cannes


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