Cannes 2018/#6: FiftyFifty

Neue Filme von Lukas Dhont und Eva Husson

Diskussion

Auch Cannes kann sich blamieren. Eine War-Soap wie „Les Filles du Soleil“ von Eva Husson weckt Zweifel an der Unabhängigkeit des Festivals. Dabei gäbe es in den Nebenreihen außergewöhnliche Filme zu entdecken. Jüngstes Beispiel: „Girl“ von Lukas Dhont. Kurios: Godard am Telefon. Und die weiblichen Filmschaffenden formieren sich zum 50/50x2020-Bündnis.


Über Langeweile kann man in diesem Jahr in Cannes nicht klagen; das Festival präsentiert sich ungewöhnlich abwechslungsreich. Eine echte Kuriosität war der „Auftritt“ von Jean-Luc Godard, der sich bei der Pressekonferenz zu „Le Livre d’Image“ per Facetime zuschalten ließ. Aufgeräumt stellt sich der 87-jährige Regisseur den Fragen der Kritiker und ließ dabei auch durchblicken, dass er mit seiner Arbeitskraft noch nicht am Ende sei. Seine Kommentare, so assoziationsreich wie klar, blieben nicht aufs Kino oder seinen aktuellen Film beschränkt; politische und gesellschaftliche Statements blitzen immer wieder auf, und wenn ihm einmal gar nichts einfiel, konzidierte er schlicht: „Weiß ich nicht.“

„Let’s climb“, forderte hingegen bei der Abendgala demonstrativ die fast 90-jährige Agnes Varda ihre Mitstreiterinnen auf, die sich mit ihr auf dem Roten Teppich versammelt hatten. „Die Stufen des Festivals müssen für alle zugänglich sein, nicht nur für Männer.“ Unter Führung von Varda und Jury-Präsidentin Cate Blanchett formierten sich 82 Frauen als Repräsentantinnen jener 82 Filmemacherinnen, die seit 1942 zum Wettbewerb eingeladen worden waren; im selben Zeitraum schritten 1866 Regisseur die beehrten Stufen empor. Klarer lässt sich die Zwei-Geschlechter-Welt nicht auf eine griffige Formel bringen.

Die 20-minütige Aktion formulierte mit starken Bildern den Anspruch, dass sich in Cannes und in der Filmindustrie generell endlich etwas ändern muss. Unter dem Slogan „50/50 x 2020“ bündeln sich in Frankreich aktuell verschiedene Initiativen, die für mehr Gender-Gerechtigkeit und eine echte Gleichstellung der Geschlechter streiten.


„Les Filles du Soleil“: Kriegsspiele mit Frauen (Trailer)

Anlass für die symbolische Geste war die Premiere von „Les Filles du Soleil“ von Eva Husson über eine kurdische Fraueneinheit, die im Herbst 2014 in der Koalition gegen IS-Brigaden kämpften. Der Kriegsfilm schildert den Kampf eines von einer charismatischen Kommandeurin (Golshifteh Farahani) geleiteten Bataillons allerdings so verkitscht und unglaubwürdig, dass anschließend über den Missgriff des Festivals heftig diskutiert wurde. Die immer wieder betonte Ansage des Festivaldirektors Thierry Fremaux, dass bei der Auswahl keine Gender-Kriterien, sondern allein die künstlerische Qualität den Ausschlag gäbe, entpuppte sich hier als Bumerang, fast so, als sollte die missglückte War-Soap als Beleg dafür herhalten, dass es eben keine besseren Filme von Frauen gäbe.

Spekulationen über die Hintergründe, warum diese französische Produktion in Cannes um die Goldene Palme konkurriert, sind allerdings müßig. Da auf der anderen Seite aber auch schon Vermutungen über eine Palme ins Kraut schießen, kann man den Film nicht einfach links liegen lassen, sondern muss ein paar Worte über seine ästhetische und politische Unangemessenheit verlieren.

"Les Filles du Soleil"
"Les Filles du Soleil"

Der Film handelt vom Kampf der kurdischen Peschmerga gegen den IS im nördlichen Irak, wo sich 2014 der Genozid gegen die Jesiden ereignete: die Männer wurden erschossen, die Frauen vergewaltigt und getötet, Mädchen als Sexsklavinnen verkauft und Knaben zu IS-Kriegern umgepolt. In zwei langen Rückblenden skizziert der Film das Schicksal der Kommandeurin Bahar und ihrer Familie; auch die Kriegsreporterin erhält einen tragischen Background; die eigentliche Handlungszeit erstreckt sich über zwei knappe Tage und besteht in einer Kommandoaktion, um einen IS-Stützpunkt einzunehmen. Die filmische Umsetzung setzt dabei durchgängig auf rührselige Dialoge und simpel emotionalisierende Bilder bar jeder Ambivalenz; gleiches gilt für die Kriegsszenen, nur dass es hier etwas dreckiger und staubiger zugeht; für den Ernst und die Tragik besitzt die Inszenierung keine adäquaten Mittel; selbst Spannung kommt nur während einer Fluchtsequenz auf. Das vermeintliche Verdienst des Films, dem Widerstand der kurdischen Frauen gegen ihre Peiniger eine Öffentlichkeit zu geben, entpuppt sich als echter Bärendienst, als ebenso tränen- und rührseliges Episödchen in einem barbarischen Krieg.


„Girl“: Aus Viktor wird Lara (Trailer)

Der Ärger über „Les Filles du Soleil“ speist sich auch aus dem Umstand, dass man in den Nebenreihen immer wieder auf echte Entdeckungen stößt, eben erst auf das belgische Drama „Girl“ von Lukas Dhont. Es handelt von der 15-jährigen Lara, die früher Viktor hieß. Es dauert eine ganze Weile, bis man die hochgewachsene Jugendliche, die sich an einer Tanzakademie als Ballerina bewirbt, als Jungen auf dem Weg zur Frau identifiziert. Laras knochiger Körper ist zwar muskulöser als der ihrer Tanzpartnerinnen, doch wirkliche Klarheit ergeben erst Gespräche mit Betreuern, die sie auf ihrem Weg zur Frau begleiten.

"Girl"
"Girl"

Zwei Elemente stechen besonders hervor: das Fehlen jeglicher gesellschaftlicher Vorurteile gegen die Geschlechtsumwandlung sowie die von der Inszenierung mit immenser Energie umgesetzte Entschlossenheit Laras, sich als Balletttänzerin durchzusetzen. Die von dem Tänzer Victor Polster bravourös verkörperte Lara arbeitet mit manischer Besessenheit daran, ihren Körper für die Strapazen des Spitzentanzes abzuhärten; schon in der Eingangssequenz wird man Zeuge, wie Lara sich ihre Ohrläppchen pierct, um beim Vorstellungsgespräch an der Akademie ihre Weiblichkeit zu unterstreichen, wozu auch ihre zum Schopf hochgebundenen blonden Haare dienen und der lange, schlanke Hals. Mit wachsender Ungeduld blickt sie allerdings auf ihre fehlenden Brüste und den peinlich streng weggebundenen Penis, der am hartnäckigsten ihr falsches Geschlecht dokumentiert.

Die Kunst und die Magie der umwerfenden Inszenierung liegen in ihrer Chuzpe, kaum etwas verbal aufzuklären, sondern den glasklaren Bildern des Kameramanns Frank van den Eden zu vertrauen und dem Publikum, die Nuancen und Andeutungen wahrzunehmen. „Girl“ ist packend und mitreißend, brutal und tragisch, und wirft am Ende eine Reihe von Fragen auf, nach seinen Intentionen und dem Kern der Geschichte, die er erzählt. Darüber müsste man länger nachdenken; für den ersten Eindruck im Festivaltrubel würde sich der Film aber für alle Preise empfehlen, weil er mit primär filmischen Mittel und einer ausgeklügelten Dramaturgie von einem Kampf um Identität erzählt, der in seiner Ausschließlichkeit fasziniert und zugleich verstört.



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