Cannes 2018/#7 – Auge in Auge

Neue Filme von Alice Rohrwacher, Jafar Panahi, Hirokazu Kore-eda und Vanessa Filho

Diskussion

Wenn es in Cannes regnet, kühlt die Festivalstimmung bedrohlich ab, weil es in den Kinos frostig kalt wird. Doch die Filme halten dagegen, allen voran Alice Rohrwacher mit „Lazzaro felice“ und Hirokazu Kore-eda mit „Shoplifters“. Dazu passt auch „3 Faces“ von Jafar Panahi und die 70mm-Aufführung des restaurierten Kubrick-Klassikers „2001 – Odyssee im Weltraum“.

An dem US-Schauspieler Keir Dullea (Jahrgang 1936) alias Dave Bowman scheint die Zeit vorbeigegangen zu sein. Zwar sichtlich gebrechlich, aber mit dem gleichen schlanken und entschlossenen Gesicht wie in „2001 – Odyssee im Weltraum“ (Trailer) schritt er würdevoll zur Cannes-Gala des restaurierten Stanley-Kubrick-Klassikers, die einmal mehr den meilenweilten Unterschied zwischen einer lieblosen Homekino-Verwurstung und einer 70mm-Vorführung auf höchstem Niveau unterstricht.

Am Trudelsturz von Bowmans Partner Poole, den der Bordcomputer HAL beim Außeneinsatz absichtlich verunglücken lässt, könnte man die verschiedenen Stadien von VHS bis Blu-Ray-Auswertung im Detail Revue passieren lassen; auf jeder technischen Stufe ließe sich jeweils spürbar mehr vom zitronengelben Raumanzug des Astronauten im schwarzen Sternenmeer erkennen; doch erst in der bestechenden Projektion der neuen 70mm-Kopie erkennt man die Rotation des menschlichen Körpers auch noch in unendlicher Ferne. Dazu kommt ein umwerfender, bedrohlich intensiver Sound, bis hart an die Schmerzgrenze gesteigert im ekstatischen Sirenengesang von György Ligeti, die Bowmans „Landung“ auf dem Jupiter ins „Infinite“ begleitet.

"2001 - Odyssee im Weltraum"
"2001 - Odyssee im Weltraum"

Christopher Nolans Plädoyer fürs altmodische Zelluloid und seine kunstvollendete Präsentation ist nach einem solchen Event absolut nichts mehr hinzuzufügen; man studiert schließlich die Kunst der Bach’schen Orgelchorälen ja auch nicht am Transistorradio.


Lazarusgeschichten: „Lazzaro felicie“ (Trailer)

Zur Mitte des Festivals sind in Cannes häufig Werke versammelt, die sich unter die Rubrik „eigenwillig“ summieren lassen. Dazu zählt insbesondere der neue Film von Alice Rohrwacher über einen heiligen Narren, den titelgebenden "Lazzaro felice". Wie schon in „Land der Wunder“ entwirft die italienische Regisseurin mit Hilfe ihrer Kamerafrau Hélène Louvart in der ersten Hälfte ein in sanfte Ockertöne getauchtes Bild einer ländlich-armen Einöde, in der mehrere bäuerliche Großfamilien für die Marchesa de Luna Tabak anbauen. Unter ihnen ist der Simpel Lazzaro (eine Entdeckung: Adriano Tardiolo), der allen freundlich zur Hand geht, dann aber in den Bann eines jungen Adeligen gerät, der seiner Welt entkommen will.

Zur Mitte des Films stürzt Lazzaro zu Tode, wird von einem Wolf aber wieder zum Leben erweckt und stößt am Rande einer Großstadt auf ehemalige Mitglieder der Landkommune, die im Gegensatz zu ihm inzwischen mehrere Jahrzehnte gealtert sind.

"Lazzaro felice"
"Lazzaro felice"

Diese seltsame Geschichte mischt die zwei biblischen Lazarus-Geschichten vom reichen Prasser und der jenes Mannes aus Bethanien, den Jesus wieder zum Leben erweckt, mit märchenhaft-altmodischen Gestus zur eigenwilligen Fabel. Die passt in keines der gängigen Narrative, obwohl es um Ausbeutung und Missbrauch, die Gier des Kapitalismus, Entfremdung und Elend, aber auch um eine Art von Mystik oder zumindest um magischen Anklänge geht. In einer der schönsten Szene des Films wird Lazzaro aus einer Kirche vertrieben, in die ihn Orgelmusik gelockt hatte. Ohne dass der Film viel Aufhebens darum machen würde, folgte die Melodie wie von Geisterhand dem in der Stadt gar nicht mehr so verloren wirkenden Jüngling, auch wenn dies keine generelle Wende in seinem Leben nach sich zieht. Am Ende läuft wieder der Wolf durchs Bild und schnürt durch die Stadt, auf der Suche nach einem verlorenen Paradies, das nie eines war.


Unterwegs mit Jafar Panahi (Trailer)

Auch bei Jafar Panahi und seinem jüngsten, den Mullahs abgetrotzten Film „3 Faces“ will man die Stringenz des Plots nicht auf die Goldwaage legen. Das Video einer jungen Frau aus dem türkischsprachigen Norden des Iran verstört die Schauspielerin Behnanz Jafari so sehr, dass sie sich von Panahi in die Provinz fahren lässt. Die Jugendliche hatte damit gedroht, sich das Leben zu nehmen, weil ihre Familie sie in Teheran nicht Schauspiel studieren lassen will.

"3 Faces"
"3 Faces"

Der dreitägige Trip dient als Aufhänger für eine lose Folge von Begegnungen & Beobachtungen, die mal die Landschaft erkunden, mal den ländlichen Traditionen Raum geben, häufig aber die Enge und den Fundamentalismus der Region aufspießen, unter denen insbesondere die Frauen zu leiden haben.

Ganz ernst nehmen muss man das allerdings nicht, da es sich Panahi als Darsteller immer wieder auf seinem Autositz gemütlich macht und dem Geschehen eher als Beobachter beiwohnt. Auch blitzt seine inszenatorische Meisterschaft nur gelegentlich auf, etwa in der ausgeklügelten Schlusseinstellung, in der mehrere der losen Fäden wie von Zauberhand zueinander finden.


Was heißt „Familie“? „Shoplifters“ von Kore-eda (Trailer)

Meist braucht es nicht mehr als eine Einstellung, um einen Film des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-Eda zu identifizieren: warme Farben, eine große Nähe zu den Figuren, familiäre Themen und eine umsichtig-unaufdringliche Kamera. Auch der englische Titel "Shoplifters" erklärt sich schnell: man erlebt Vater und Sohn als eingespieltes Team beim Kaufhausdiebstahl. In ihrer winzigen Wohnung, in der neben der Mutter noch Tante und Oma wohnen, ist sogar noch Platz für die kleine Yuri, die sie auf dem Nachhauseweg aufgabeln. Das kleine Mädchen wird von seinen wirklichen Eltern offensichtlich schlecht behandelt; bei den Shibatas findet es hingegen Zuneigung und Liebe, weshalb künftig einen Mund mehr mitzuversorgen ist.

"Shoplifters"
"Shoplifters"

Um alle satt zu bekommen, lassen sich die Erwachsenen eine Menge einfallen: angesehene oder weniger angesehen Gelegenheitsjobs, aber eben auch systematisch geplanten Laden- und anderen Diebstahl. Die Handlung folgt den insgesamt sechs Protagonisten bei ihren unterschiedlichen Tätigkeiten, woraus ein buntes, vielgestaltiges Bild erwächst, mit lauter Einzelstücken, die sich aber wie die mit tausend Details überladene Wohnung zum gemütlichen Gesamtbild formen. Aus dem allerding immer wieder ein irritierender Satz oder eine rätselhafte Anmerkung herausragen. So wie aus der kleinen Yuri die kurzhaarige Lin wird, scheint auch hinter mancher Erzählung ein zweiter Boden verborgen zu sein.

Der Knoten geschnürt wird allerdings erst, als der Junge erwischt wird und die Polizei vor der Hütte steht. Erst jetzt kommt in den Verhören ein ganz anderes Bild zum Vorschein, in dem viele Dinge korrigiert werden; umso dringlicher aber werden Fragen nach dem, was eine Familie wirklich ist oder zusammenhält.

Die Dramen im Leben der Figuren liegen bei Kore-eda stets in der Vergangenheit; sie bestimmen damit zwar die Gegenwart, dominieren sie aber nicht. Das ist der große Trost dieses Kinos, dem man ohne allzu großen Widerspruch in alle seine noch so verrückten Windungen folgt.


Kurz notiert:

„Angel Face“ (Trailer) von Vanessa Filho. Ein Debütfilm aus Frankreich, in dem sich Marion Cotillard mehr um ihr Outfit als Dancing-Queen denn um ihre achtjährige Tochter Elli kümmert. Bis sie eines Tages mit einem neuen Lover komplett verschwunden ist und das Kind sich selbst überlässt. In der ersten Hälfte glänzt der Film als visuelle Eruption einer wilden, ganz und gar unverantwortlichen Lebensgier, deren Wurzeln sich unschwer im Schicksal der vernachlässigten Tochter spiegeln. Im zweiten Teil aber gerät der Film aus der Spur; die Suche nach einem neuen Vater ist weit weniger zwingend und verliert sich in bekannten Erzählmotiven.



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