Cannes 2018/#13 - Abgesänge

Am letzten Tag drehte das Festival mit dem neuen Film von Nuri Bilge Ceylan noch einmal richtig auf

Diskussion

Am letzten Tag drehte das Festival noch einmal richtig auf, mit dem neuen Film von Nuri Bilge Ceylan. Doch „The Wild Pear Tree“ widmet sich drei Stunden lang mehr der Sprache als den Bildern. Der französische Filmemacher Yann Gonzalez wirft einen melancholischen Blick auf die Porno-Industrie der 1970er-Jahre vor Ausbruch der Aids-Krise. Und Sergey Dvortsevoy strapaziert in „Ayka“ mit einem Film, der Putin gelegen kommen dürfte.


Kurz vor Festivalende gibt es seit einigen Jahren einen Platz, auf dem jüngere, wildere Filme laufen. Diesen Slot, auf dem schon Nicolas Winding Refns „Drive“ oder „Good Time“ von den Safdie-Brüdern zu sehen waren, füllte diesmal „Un Couteau dans le Coeur“ von Yann Gonzales aus. In der Hauptrolle überrascht Vanessa Paradis als lesbische Porno-Produzentin, die ihre schwulen Darsteller am Set herumkommandiert und durch ihren Alkoholismus die langjährige Beziehung zu ihrer Cutterin aufs Spiel setzt. Als mehrere Protagonisten auf brutale Weise durch ein phallisch eingesetztes Messer zu Tode kommen, breitet sich Angst aus. Gerade die lustvolle Entgrenzung kostet auf perfide Weise Leben, und die Polizei sieht nur zu.

"Un Couteau dans le Coeur"
"Un Couteau dans le Coeur"

Gonzalez besitzt ein Talent für starke Bilder, die er auch musikalisch elegant zu untermalen versteht. Sein Bruder Anthony Gonzalez, der Teil des Elektro-Duos „M83“ ist, steuert den sinnlichen Retro-Soundtrack bei. Auf visueller Ebene orientiert sich Gonzalez an Klassikern des Underground-Films von Kenneth Anger bis zu Dario Argento, die er mit surrealen wie erotischen Momenten in eine queere Ästhetik überführt. Gonzalez versteht es dabei insbesondere, Vanessa Paradis in Szene zu setzen, die den Film durch ihr Charisma trägt.


„Ayka“: Die Geschichte einer illegal in Moskau lebenden Frau

Die Protagonistin von Sergey Dvortsevoys „Ayka“ hatte hingegen wenig Chancen, das Publikum in eine empathische Beziehung zu locken. Die tendenziöse Inszenierung ließ der jungen kasachischen Schauspielerin Samal Yeslyamova keinen Raum für ein differenziertes Spiel. Dvortsevoy erzählt mit einer Handkamera, die der Schauspielerin viel zu nahe kommt, die Geschichte einer illegal in Moskau lebenden Frau. Sie hat gerade ihr Kind entbunden und läuft aus der Klink davon, weil sie Angst hat, ihre Arbeit zu verlieren. Den ganzen Film über blickt man auf ihr meist ausdrucksloses Gesicht, das nur manchmal ihr Martyrium andeutet, das der Film eigentlich in ganzer Bandbreite darstellen möchte. Aber gerade in seiner Einseitigkeit wird die Inszenierung politisch fragwürdig. Es gibt keine Hoffnung, keine Unterstützung, nicht einen einzigen Moment, der Platz ließe für die Erfahrungen der Protagonistin. Stattdessen: ein nicht abreißender, immer abstruser werdender Abwärtsstrom.

"Ayka"
"Ayka"

Am Ende formuliert eine wütende russische Krankenschwester die Frage, auf die sich der ganze Film herunterbrechen lässt: Warum ist diese Frau überhaupt nach Moskau gekommen? Hätte sie nicht einfach in ihrer Heimat bleiben können? Als einzigen Grund für ihre Migration nennt die Protagonistin den Wunsch, zu Geld zu kommen. Das aber vermag kaum zu erklären, warum sie all das Grauen und die Entwürdigung erträgt. Dvortsevoys Inszenierung liefert vielmehr den Gegnern der Zuwanderung Argumente und schürt überdies Vorurteile gegenüber Einwanderern.


Die Poesie des Verlustes: „The Wild Pear Tree“

Einen würdigen Abschluss fand der diesjährige Wettbewerb in dem epischen Dreistundenwerk „The Wild Pear Tree“ von Nuri Bilge Ceylan. Der Filmtitel bezieht sich auf einen Roman, den der junge Protagonist Sinan verfasst hat und dessen Inhalt bis zum Schluss nicht genauer erläutert wird. Sinan steht vor dem Staatsexamen als Lehrer und fürchtet, danach in den Osten versetzt zu werden, also ins Krisengebiet. Die Stellen im Bildungssektor sind rar geworden. Es zeichnet sich eine Wende in der türkischen Kulturpolitik ab, die Ceylan auf subtile Weise immer wieder aufgreift. 

Zurück in seinem Heimatdorf an der Küste, wendet sich Sinan mit seinem literarischen Debüt an Kommunalpolitiker, Förderer und andere Institutionen, aber die flüchten sich in Ausreden und Bedauern. Warum sollte man ein Buch veröffentlichen, das ausschließlich die subjektive Erfahrung des Autors zum Ausdruck bringt, ohne jeden praktischen Nutzen? Was als selbstverständliche Aufgabe der Kunst erscheint, wird hier mit bildungsfeindlichem Gestus zurückgewiesen.

"The Wild Pear Tree"
"The Wild Pear Tree"

Der Kontrast zwischen ländlicher Bevölkerung und städtischem Bürgertum ist bei Ceylan ein wiederkehrendes Motiv. „The Wild Pear Tree“ greift aber auch die aktuelle Situation in der Türkei auf. Sinans Kommilitone ist bei den Einsatztruppen der Polizei gelandet, die linke Demonstranten zusammenschlagen. Mit einem geisteswissenschaftlichen Abschluss hat man kaum Aussichten auf einen Job; die Bereiche der Inneren Sicherheit und das Baugewerbe werfen hingegen mehr ab.

Angelpunkt des Films ist das Verhältnis zwischen Sinan und seinem Vater, der ebenfalls Lehrer ist, jedoch durch seine Spielsucht negativ auffällt. Der eigensinnige Sturkopf sucht bei aller Melancholie stets seinen eigenen Weg, was den Sohn in beschämende Situationen bringt. Dennoch ist der Vater der einzige, der sich mit dem Roman, den keiner lesen will, auseinandersetzt.

Ceylan übersetzt das, was man in diesem literarischen Werk vermutet, filmisch, aber er inszeniert es meist über die Sprache. Die endlosen Dialoge mit den Dorfbewohnern werden zur Zustandsbeschreibung der vielfältigen inneren Spaltungen in der Türkei. Wie so oft bei Ceylan, sind die Dialoge poetisch wie philosophisch aufgeladen. Hier aber fällt auch die Sprachlosigkeit ins Gewicht, die trotz der pausenlosen Quasseleien eine Zerstörung des kulturellen Raums anzeigt, hinter der auch die Bilder zurücktreten.

Hin und wieder öffnet sich die Sprache dem Schweigen. Dann sieht man Landschaften, wehende Haare, das gebrochene Licht auf dem Wasser. Es ist jene Poesie, die einen unwiederbringlichen Verlust anzeigt.




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