Filmklassiker: Westfront 1918 & Kameradschaft

Zwei Antikriegsfilme von G.W. Pabst in neuem Gewand

Diskussion

Wir ziehen in den Krieg! Zum Beginn des Ersten Weltkriegs schwang da noch Euphorie mit. Woher sollten die Ziehenden auch wissen, was auf sie zukam, damals, in den 1910er-Jahren. Indoktriniert zogen selbst Intellektuelle in Richtung Schützengraben – und erkannten erst zu spät, dass Krieg vor allem das Wimmern von halbtotem Fleisch im Stacheldraht bedeutet.

Man kann Filmgeschichte gar nicht hoch genug schätzen, führt sie doch nicht nur vor Augen, wie man (fehl)geleitete Gedanken in Bilder gefasst hat, sondern auch, wie man mit später mit unbequemen Wahrheiten umgegangen ist. Von „J’accuse – Ich klage an!“ (1919) von Abel Gance bis „Im Westen nichts Neues“ (1930) von Lewis Milestone wurden die Künstler und ihre Werke dafür angefeindet, dass sie zeigten, wie es war. Auch G.W. Pabsts „Westfront 1918“ hatte unter den „Patrioten“ zu leiden, die behaupteten, dass Krieg wichtig sei – weil er vor allem dem Vaterland, dem Gemeinwohl nütze. Alles andere sei pure Agitation. Auch „Westfront 1918“ stammt von 1930 – einer Zeit, in der die Wahrheiten des Ersten Weltkrieges wieder zu verblassen begannen, mit fatalen Folgen.

In den Anmerkungen von Filmgeschichtler Martin Koerber ist zu lesen, wie man mit dem (Anti-)Kriegsfilm „Westfront 1918“ umgegangen ist. Er hat Statements des Regisseurs neben die Meinungen der Rezensenten und der Zensurbehörden von einst gestellt, die den Film liebten und hassten. Koerber hat ein bebildertes 24-seitiges Lesebooklet verfasst, das nun im Mediabook des Filmes erschienen ist. Ein Booklet, das ein bewegendes Bilddokument in den zeitgeschichtlichen Kontext stellt – und somit doppelt zum Leben erweckt. Nicht nur die restaurierten Bilder eines Filmes, der den Krieg und all die Wahnsinnigen, die ihn gutheißen, anklagt, sind zu sehen, sondern auch die Geschichten um sie herum.

Sicher spricht das Werk für sich. Es zeigt am Beispiel von vier fiktiven Infanteristen, wie es in den Schützengräben an der deutsch-französischen Front zuging. Er zeigt parallel auch den nicht minder bitteren Alltag der Lieben daheim. Sehen und lesen ist hier die Devise der neuen Edition von Atlas Film. Das hilft beim Verstehen ungemein. Sicher gibt es auch hier kritisch anzumerken, dass die Filmgeschichtler in England und den USA einmal mehr viel schneller waren mit der Aufarbeitung deutscher Vergangenheit. Es existieren bereits sehenswerte und lesenswerte Editionen von Criterion und Masters of Cinema (Eureka). Letztere sogar günstig, da als Doublefeature zusammen mit „Kameradschaft“ erschienen. In Deutschland waren dagegen vor der kürzlich erschienenen neuen Edition nur die in allen Belangen erbärmlichen deutschen DVD-Veröffentlichungen aus dem Jahr 2006 im Handel.


Wobei es vielleicht irgendwie auch passt, dass G.W. Pabsts „Westfront 1918“ und „Kameradschaft“ gerade nun erscheinen, in dem Jahr, in dem sich das Ende des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährt. Nicht zuletzt „Kameradschaft“ wirft dazu passende Fragen auf: Ist es möglich zu verzeihen? Kann man kollektive Wunden, die der Krieg gerissen hat, heilen? Angesichts aller kämpferischen Auseinandersetzungen in der Welt scheint das gerade aktueller denn je. G.W. Pabst hat sie sich bereits 1931 gestellt, kurz nachdem sein „Westfront 1918“ alte Wunden aufgerissen hatte. In „Kameradschaft“ erzählt er von einem Grubenunglück an der deutsch-französischen Grenze zehn Jahre nach dem Krieg. Und er erzählt von Feinden, die ob der Katastrophe zu Rettern werden. Er erzählt aber auch von Ressentiments im Großen, die das Menschliche im Kleinen immer wieder überdecken, wie der Kohlestaub, der allen den Atem nimmt.

Auch in dem Mediabook zu „Kameradschaft“ erläutert Martin Koerber mustergültig, wie überfordert die Gesellschaft war angesichts solcher Filme. Diesseits und jenseits der Grenze hatte man an das Werk nochmals Hand angelegt, Zungenschläge verändert. Leider kann man die unterschiedlichen Ansätze nicht mehr sehen, nur die Beschreibungen des Wissenschaftlers und der Presse nachlesen. Sehen und lesen als Schlüssel zum Verständnis – auch hier. Der Film ist restauriert nun so zu erleben, wie man ihn laut den Restauratoren sehen soll. Die Diskussionen um all die neuen und alten Fassungen werden freilich weiterhin nicht verstummen. Und das ist gut so!

Vor allem aber zeigen uns die beiden Filme von einst, dass wir im Zusammenleben erstaunlich wenig gelernt haben; dass Vorurteile jetzt wie einst so unselig mächtig sind. Und die Kriegseuphoriker auch im digitalen Zeitalter noch überzeugungskräftig agieren. Immerhin, zwischen den Deutschen und den Franzosen herrscht Frieden, entspannte Nachbarschaft und Freundschaft... G.W. Pabst hatte das einst in seinen Filmen noch mit einem großen Fragezeichen versehen.


Fotos: Atlas Film


Die Heimkino-Editionen:

Westfront 1918:

1. Eureka! (Masters of Cinema #170-171), VÖ: 24. Juli 2017 (3-Disc Special Dual Format Edition zusammen mit „Kameradschaft“); Regionalcode B

Bonus: Einführung durch Jan-Christopher Horak (18 Min.); 44-seitiges Booklet mit dem Aufsatz „Pabst - A Flawed Genius“ von Philip Kemp (engl.).

2. Criterion Collection #907; VÖ: 30. Januar 2018; Regionalcode A

Bonus: Restoration Demonstrations (9 Min.); „Les dossiers de l’écran“ (Dokumentation von 1960 mit französischen Kriegsveteranen, die auf eine Vorführung von „Westfront 1918“ reagieren; 76 Min.); Einführung durch Jan-Christopher Horak (18 Min.).

3. Atlas Video (Mediabook), VÖ: 13. April 2018; Regionalcode B

Bonus: 24-seitiges Booklet mit Analysen zum Film (dt.) von Filmwissenschaftler Martin Koerber.


Kameradschaft:

1. Eureka! (Masters of Cinema #170-171), VÖ: 24. Juli 2017 (3-Disc Special Dual Format Edition zusammen mit „Kameradschaft“); Regionalcode B

Bonus: Einführung durch Jan-Christopher Korak (15 Min.); 44-seitiges Booklet mit dem Aufsatz „Pabst - A Flawed Genius“ von Philip Kemp (engl.).

2. Criterion Collection #908; VÖ: 30. Januar 2018; Regionalcode A

Bonus: Einführung durch Jan-Christopher Korak (15 Min.); Interview mit dem Filmwissenschaftler Hermann Bath (31 Min.); 24-seitiges Booklet zum Film (engl.).

3. Atlas Video (Mediabook), VÖ: 13. April 2018; Regionalcode B

Bonus: 24-seitiges Booklet mit Analysen zum Film (dt.) von Filmwissenschaftler Martin Koerber.

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