Filmklassiker: Paul

Klaus Lemkes vogelwildes Happening-Frühwerk aus dem Jahr 1974 ist erstmals auf DVD erschienen

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Like a hurricane: Klaus Lemkes vogelwildes Happening-Frühwerk „Paul“ aus dem Jahr 1974 sprengte bei der Erstausstrahlung im ZDF alle Sehgewohnheiten. Jetzt ist dieser Prä-„Dogma“-Film schmutzigster Art als DVD erschienen und beweist, dass es im deutschen Kino seit den 1970er-Jahren keine größere filmische Urgewalt mehr gegeben hat als diesen Bastard von einem Fernsehfilm.


Lemkes Film rockt. Auch nach 44 Jahren schlägt „Paul“, der zweite Film aus der so genannten „Hamburger Periode“ des Urschwabinger Film-Guerilleros, direkt zu: wie mit einer Eisenfaust, direkt hinein in vertraute Sehgewohnheiten oder Erwartungen der Zuschauer. Der titelgebende Knacki (Paul Lys) wird nach sieben Jahren Zuchthaus entlassen und hat mit dem Zuhälter Jimmy (Jimmy Braker) noch eine Rechnung offen: 250.000 Mark hätte er von der Hamburger Kiezgröße gerne zurück – und zwar sofort. Und so sucht er erneuten Kontakt ins Rotlichtviertel der damals noch reichlich schmuddeligen Hansestadt.

„Geschichte eines Ausgestoßenen“, hat der Münchner Underground-Filmemacher seine dreckige Kiez-Ballade im Untertitel genannt. Das wird auf der Bild- und Tonebene sogleich eingelöst: verwackelte Handkamera-Bilder (Lothar E. Stickelbrucks), stechende Tinnitustöne (Werner Vittiglio) und eine offen sprunghafte Montage (Peter Przygodda) entfachen von der ersten Szene an einen unbändigen Filmrausch, aus dem man später wankend wieder erwacht – mit nur einem Gedanken: Was habe ich hier gerade gesehen? Kaum zu glauben, dass so etwas einmal zur Hauptsendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gelaufen ist!

Paul Lyss
Rastloser Antiheld im Anzug: Paul Lys als Paul

Klaus Lemke, der heute fast 80-jährige, immer noch ausgesprochen produktive „ewige Rebell“ des deutschen Kinos, pfiff schon zu Beginn der 1970er-Jahre auf konventionelle Plotpoints und etablierte Fernseh- oder Theaterdarsteller. Stattdessen setzte er wie in „Rocker“ (1972) auch in seinem fulminanten „Paul“ auf echte Milieugrößen, die in ihrer Präsenz keineswegs laienhaft, sondern wunderbar ungekünstelt wirken und in ihren besten Momenten eine geradezu elektrisierende Leinwandmächtigkeit erzeugen.

Erstaunlich lange hat es gedauert, bis jenes wild-wuchtige Frühwerk wiederentdeckt wurde. „Paul“ geisterte zwar viele Jahre als Phantom durch die Filmliteratur, aber erst nach kleineren Retrospektiven in Hamburg (2003) und auf dem Filmfest München (2014) kehrt dieses kaum zu bändigende Schmutzjuwel von einem Film sowohl auf die Kinoleinwände wie vermehrt auch ins filmgeschichtliche Interesse zurück. Bei dem Label Mad Dimension ist „Paul“ nun als DVD erschienen: mit knappen, aber sehenswertem Bonusmaterial, das dem Dokumentarfilm „Zeigen was man liebt“ entnommen wurde.

Martin Müller, Lemkes langjähriger Tonmann und künstlerischer Mitarbeiter, erzählt darin, dass ein Fernsehfilm wie „Paul“ mit den aktuellen Förder- und Finanzierungsstrukturen nicht mehr möglich wäre. Es sei in erster Linie dem einstigen ZDF-Redakteur Helmut Rasp zu verdanken, dass der Film überhaupt je ausgestrahlt worden ist; denn es wurde ein ziemlich anderes Drehbuch verfilmt, als das, was der Sender vorher abgenommen hatte.

Genauso ungeplant und ungezügelt drauflos gedreht sieht „Paul“ auch aus, weil „Paul Lys immer ein Top-Alkoholiker war. Dem konntest du jetzt nicht sagen: Geh dorthin oder mach das“ (Klaus Lemke). Mit derselben anarchisch freigeistigen Methodik ging Lemke auch selbst ans Werk: selbstverständlich ohne Drehbuch, mit der puren Lust auf das sich zwangsweise Ereignende.

„Wir wollten das unbewusste Kino, wir wollen gar nicht erst wissen, wie ein Film ausgeht“, fasste Lemke während der Hommage 2014 auf dem Filmfest München seinen Guerilla-Regiestil in Worte. Das war das radikal Neue in filmischer Hinsicht, weil der bayerische Großstadtcowboy den aufbrausenden Lys in der Hauptrolle einfach ungebremst auf die Wohnzimmercouch losrennen ließ: sozusagen ohne Rücksicht auf Verluste.

Und so stürmt der rastlose Antiheld „Paul“ zuerst eine Millionärsparty kunsthandelnder Aristokraten und schlägert sich überaus ruppig mit dem Hausherrn Murnau (wunderbar lässig: Friedhelm Lehmann, der einzige echte Schauspieler in diesem furiosen Typenensemble). Dann spannt er ihm kurzerhand die traurig-trotzige Gattin (Sylvie Winter) aus und quartiert sich mit einem Tross von Rotlichtwesen in der noblen Villa an der Elbchaussee ein. Dabei bringt „Paul“, selbstredend ungefragt, eben jenen verdutzten Hausbesitzern sein Motto von der Straße rabiat näher: „Entweder wir hauen uns in die Fresse – oder wir lieben uns!“

Die feine Gesellschaft reagiert zuerst pikiert, will aber gleichzeitig das verruchte Pack trotzdem nicht wirklich loswerden. Auch zwielichtige Gestalten dürfen auf ihre Menschenwürde pochen, raunt einem Lemkes Anarcho-Experiment permanent zu. Bis der lose Handlungsfaden vollends explodiert – und eine spontane Hausparty beginnt, mit wilden Tänzen und Grabschereien, feinem Essen, das durch den Saal fliegt, genauso wie zahllose Unflätigkeiten. Bis zum Exzess; weniger geht bei Lemke nicht!

Niemals zuvor hatte man im deutschen Fernsehen ein solches Arsenal an Alltagssprache und Kiez-Getue gesehen und gehört. „Paul“ ist auch auf der Tonebene ein einziger Lebensrausch in Mundart („Dicker“) und Direktheit („Du machst die Fliege“), was den Film zusätzlich adelt. Und so stört auf der Bildebene bald auch nicht mehr, dass der Kameramann Paul, deutlich hörbar, in der Parkanlage hinterherhinkt.

Lässt "das bösartige Tier" aus dem Sack: Regisseur Klaus Lemke
Lässt "das bösartige Tier" aus dem Sack: Regisseur Klaus Lemke


Ergänzt durch extreme Unschärfen, ratterndes wie flatterndes Neonlicht und Roxy Music auf Anschlag transformiert sich dieser einzige deutsche Happening-Film zum Ende hin in pure Aktion mit eruptiven Gewaltausbrüchen. Zwischen sündhaft teurem Porzellan und Huren-Striptease lässt Lemke „das bösartige Tier“, wie er das Medium Film seit Jahren bezeichnet, lustvoll aus dem Sack: mit einem abgefuckten James-Dean-Rowdy im immer gleichen Anzug, und einem völlig außer Rand und Band geratenen Schnitt-Feuerwerk aus der Hand von Peter Przygodda, der Lemkes Film sogar noch einen anderen Schluss verpasst hat, wie man aus dem Bonusmaterial erfährt.

Ungestüm-rauer und gleichzeitig filmgeschichtlich transgressiver ging es selten zu im „Jungen deutschen Film“. Auch heute noch ist „Paul“ ein herrlich roher Straßenköterfilm, der sich einmal gesehen, unweigerlich ins cineastische Langzeitgedächtnis einbrennt.


„Paul“. Deutschland 1974. Regie: Klaus Lemke. Mit Paul Lys, Sylvie Winter. 75 Min. Anbieter: Mad Dimension

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