Der Cinephile und die Lobbyistin

Samstag, 23.06.2018

Mariette Rissenbeek übernimmt gemeinsam mit Carlo Chatrian die Leitung der Internationalen Filmfestspiele Berlin

Diskussion

Eine Doppelspitze für die Berlinale: Mariette Rissenbeek übernimmt gemeinsam mit Carlo Chatrian die Leitung der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Das eröffnet viele Chancen, birgt aber auch Risiken.


Die neue Leitung der „Berlinale“ und damit die Nachfolge des im Jahr 2019 nach 18 Amtsjahren scheidenden „Berlinale“-Direktors Dieter Kosslick steht fest. Wider Erwarten wurde es doch noch eine Überraschung und in mancher Hinsicht auch ein Kuriosum, als Kulturstaatsministerin Monika Grütters die neue Leitung am Freitagnachmittag in einer Pressekonferenz vorstellte. Tage zuvor war in Berliner Lokalmedien durchgesickert, dass der Italiener Carlo Chatrian, zur Zeit noch Leiter des Filmfestivals von Locarno, als Teil der von Grütters gewünschten Doppelspitze berufen würde. Mit der Niederländerin Mariette Rissenbeek als zweiter „Berlinale“-Chefin hatte allerdings niemand gerechnet, schon deswegen nicht – dies ist das Kuriosum –, weil Rissenbeek bislang auch Mitglied der nur dreiköpfigen Findungskommission war und formal auch dem für die Berufung zuständigen Aufsichtsrat der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB) angehört; sie hat sich gewissermaßen selbst gefunden. Auch dies besitzt bei der „Berlinale“ einen Vorläufer: Im Jahr 1975 gehörte Wolf Donner jener Findungskommission an, aus der er selbst dann als „Berlinale“-Chef und Nachfolger von Alfred Bauer hervorging.


Lösung aus dem Süden

Eine spannende Lösung ist diese unerwartete Regelung der Kosslick-Nachfolge allemal. Nicht allein wegen der Aufgabenteilung zwischen den beiden Ämtern, die sich in der Praxis erst noch finden und einpendeln muss. Sondern wegen des beruflichen und persönlichen Profils von Chatrian und Rissenbeek, deren Ernennung so wirkt, als habe man im Staatsministerium für Kultur und Medien sehr bewusst einen Gegenentwurf zum bisherigen „Berlinale“-Direktor gesucht.

Die Entscheidung für Carlo Chatrian ist spannend und gut. Mit dem Italiener hat nun auch die „Berlinale“ endlich das, was alle anderen großen europäischen Festivals schon lange haben: einen echten Cinephilen an der Spitze, einen Direktor, der als Autor und Filmhistoriker gearbeitet hat. Chatrian, 1971 in Turin geboren, studierte Philosophie und Literatur, war als Filmkritiker und bereits früh als Kurator verschiedener Filmarchive tätig. Seit 2002 ist er Mitglied im Team des Filmfestivals von Locarno, wo er einige Zeit vor allem für exzellent kuratierte Retrospektiven verantwortlich war. In besonderer Erinnerung geblieben ist etwas die erste europäische Retro zum japanischen Anime-Film im Jahr 2009. Dies deutet auch die Spannbreite von Chatrians Interessen an. Denn mit viel Sinn für Filmgeschichte interessiert sich Chatrian ebenso für den experimentelle Autorenfilm wie für Hollywood; er begeistert sich aber auch fürs asiatisches Kino; unter seiner Ägide liefen in Locarno Werke von Lav Diaz, Hong Sang-soo und Wang Bing; und auch die Neuen Wellen Lateinamerikas hatten in ihm immer einen Fürsprecher. Im Jahr 2012 wurde Chatrian als Nachfolger d

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