Klaus Wildenhahn. Ein Nachruf

Zum Tod des stilbildenden Dokumentaristen (19.3.1930-9.8.2018)

Diskussion

An Klaus Wildenhahn und seinen Dokumentarfilmen schieden sich Ende der 1970er-Jahre die Geister. Die kritische Parteinahme des NDR-Redakteurs für den Alltag der arbeitenden Menschen trieb die Konservativen auf die Barrikaden. Doch sein stilbildendes Werk prägte viele nachfolgende Filmemacher. Am 9. August ist Klaus Wildenhahn mit 88 Jahren gestorben.


Klaus Wildenhahn ist in einer Zeit groß geworden, in der Fernsehmachern noch eine eigene Haltung, eine eigene Handschrift, ein eigener Stil zugestanden wurde. Damals konnte das Fernsehen noch unbequem sein – und wollte es mitunter auch sein. In dieser Epoche entwickelte sich Klaus Wildenhahn als festangestellter Fernsehredakteur zu einem der prägendsten deutschen Dokumentarfilmer. Es war aber auch eine Zeit, in der dem Fernsehen seine Grenzen aufgezeigt wurden. Am 9. August ist er mit 88 Jahren in Hamburg gestorben.

Für Wildenhahn, der am 19. März 1930 in Bonn geboren wurde, war 1964 ein entscheidendes Jahr. Die Begegnung mit Richard Leacock, Don Alan Pennebaker und Albert Maysles, den wichtigsten Vertretern des US-amerikanischen „direct cinema“, wurde für ihn zum einschneidenden Erlebnis. Er war von der Ästhetik des beobachtenden Dokumentarfilms fasziniert, der mit langen Einstellungen und Originaltönen die Wirklichkeit möglichst getreu abbilden wollte. Zugleich versuchte er, diese Verfahren auch für den Magazinjournalismus – Wildenhahn arbeitete zu dieser Zeit noch beim Fernsehmagazin „Panorama“ – fruchtbar zu machen. Erste Beiträge über die Parteitage von CDU, CSU und SPD führten aber zu Unmut, da sie mit Verlautbarungsjournalismus nichts mehr zu tun hatten. Die „Panorama“-Redaktion zog daraufhin Wildenhahns Kurzfilm „Parteitag 64“, der vor allem auf innerparteiliche Konflikte fokussierte, aus dem Programm der Oberhausener Kurzfilmtage zurück, obwohl er von der Auswahlkommission als „eine der bedeutendsten Dokumentationen der letzten Jahre“ gewürdigt wurde.

Klaus Wildenhahn (l.) und Richard Leacock (r.)
Klaus Wildenhahn (l.) und Richard Leacock (r.)

Eine andere Freiheit beim NDR

Als ihn Egon Monk im gleichen Jahr in die Fernsehspielabteilung des NDR holte, eröffnen sich plötzlich ganz andere Möglichkeiten: „Als Fernsehspiel waren solche Filme ganz unproblematisch. Sie wurden ganz anders, als eine interessante Form des Fernsehspiels aufgenommen.“ (Wildenhahn) Ohne Aktualitätsdruck konnte Wildenhahn nun seinen Stil entwickeln und sein Thema finden. Er wurde neben Egon Monk und Eberhard Fechner zu einem der wichtigsten Vertreter der Zweiten Hamburger Schule.

Zunächst entstanden Arbeiten für die Musikredaktion („Bayreuther Proben“, 1966, „Eine Woche Avantgarde für Sizilien“, 1966, „Smith, James O. – Organist“, USA, 1966, „John Cage“, 1966 und „489, Third Avenue“, 1968). Wildenhahn beobachtete Künstler auf Tournee, im Studio und bei der Probe. Hier deutete sich schon sein Interesse für die Arbeitswelt an, denn Wildenhahn zeigt vor allem, wie Kunst erarbeitet wird. Es sind weitaus mehr als „reine Beobachtungen“, es sind dramaturgisch fein gestaltete Dokumentarfilme.

„In der Fremde“ (1968) ist ein Schlüsselfilm in Wildenhahns Werk. Darin wandte er sich bundesdeutschen Zuständen zu; hier auf einer Baustelle. Vor allem aber kamen drei Aspekte zusammen, die seine Filme von nun an prägten: die Methode des „direct cinema“, die Form der Langzeitbeobachtung/-dokumentation und das Thema Alltags- und Arbeitsleben. Die „Neue Züricher Zeitung“ bezeichnet Klaus Wildenhahn daher einmal als „Chronist der Arbeiterkultur“.

Gerade durch die oft wochen- oder monatelangen Dreharbeiten zeichnen seine Filme oft eine besondere Nähe zu den Protagonisten aus (Filme wie „Heiligabend auf St. Pauli“, 1968, oder „Der Mann mit der roten Nelke“, 1975, sind mit ihren kurzen Drehzeiten die Ausnahmen). Das unterscheidet sich deutlich von den frühen amerikanischen „direct cinema“-Filmen. Noch deutlicher unterschied Wildenhahns Filme aber ihre politische Haltung, die seiner Adaption des „direct cinema“ eine eigene Prägung gaben. So betont Wildenhahn in seinem sehr einflussreichen dokumentarfilmtheoretischen Buch „Über synthetischen und dokumentarischen Film“ (1975): „Dem dokumentarischen Film ist eine propagandistische Wirkung zu eigen: sie ergibt sich aus der Veröffentlichung von gegenwärtigen Zuständen, die in sich die Tendenz auf eine besser zu machende Zukunft bergen.“

Wildenhahns Filme sind daher immer auch als Kritik am Bestehenden zu verstehen. Sie sind engagiert – und parteilich, allerdings ohne dominanten, wertenden Kommentartext. Sie lassen dem Zuschauer Raum, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Parteilichkeit zeigt sich darin, welche Perspektive eingenommen wird und wer in den Filmen zu Wort kommen kann. Dies wird besonders in dem Vierteiler „Emden geht nach USA“ (1976/77) anschaulich, in dem Wildenhahn den Kampf von VW-Arbeitern gegen eine mögliche Werksschließung thematisiert, ohne die Seite der Firmenleitung zu berücksichtigen. Für den ersten Teil erhielt Wildenhahn 1976 den „Adolf-Grimme-Preis“ in Gold.


Das Fernsehen verweigert sich

Nach Monks Weggang aus der Fernsehspielabteilung hatte es Wildenhahn zunehmend schwerer, seine Filme im ersten Programm der ARD zu positionieren. Nach „Die Liebe zum Land“ (1975) erlebte erst „Die dritte Brücke. Ein Film aus Mostar. Spätsommer ’94“ (1995) wieder eine Erstausstrahlung im Ersten. Seinen letzten Film, „Ein kleiner Film für Bonn. Sommer ’99“ (2000) zeigte schließlich 3sat. Wildenhahn fehlte offenbar der Rückhalt des neuen Abteilungsleiters Dietrich Meichsner, der die Aufgabe von Gesellschaftskritik lediglich darin sah, „die diffizilen Wechselbeziehungen einer Welt im heilen Gleichgewicht zu erhellen“. 1981 wechselte Wildenhahn daher in die Abteilung Weiterbildung I, blieb aber dem NDR treu.


Der Filmwissenschaftler Norbert Grob bezeichnete Wildenhahn einmal bewusst ironisch als den „Ideologe[n] aller Ideologen des bloßen Beobachtens“, denn dessen normative dokumentarfilmtheoretische Positionen wurden stets weitaus dogmatischer wahrgenommen, als sie waren. Das machte insbesondere auch die „Kreimeier-Wildenhahn-Debatte“ (1979-1981) deutlich, in der kaum auf konkrete Filme, insbesondere nicht auf Arbeiten von Klaus Wildenhahn, Bezug genommen wurde, aber viel auf die vermeintliche Haltung des Filmemachers. Dabei zeigten Wildenhahns Filme bereits früh auch „synthetische“ Elemente – insbesondere „Im Norden das Meer / Im Westen der Fluss / Im Süden das Moor / Im Osten Vorurteile – Annäherungen an eine norddeutsche Provinz“ (1977), den er selbst als „poetischen Film“ bezeichnete. Vielleicht trug Wildenhahn der Debatte damit Rechnung, dass er seit „Stillegung“ (1987) seine Filme als „Filmerzählungen“ bezeichnete und nicht mehr als Dokumentarfilme. Sie sind zwar noch stark vom „direct cinema“ geprägt, weisen aber deutliche subjektivere und essayistischere Züge auf.


Wildenhahn und die Rotfunk-Kampagne

Seine Filme, das oft zitierte dokumentarfilmtheoretische Buch, die „Kreimeier-Wildenhahn-Debatte“, aber auch seine Lehrtätigkeit an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) zwischen 1968 und 1972 prägten die bundesdeutsche Dokumentarfilmszene nachhaltig – und bis heute.

Wildenhahns „Im Norden das Meer / Im Westen der Fluss / Im Süden das Moor / Im Osten Vorurteile – Annäherungen an eine norddeutsche Provinz“ (1977) lief auf dem Höhepunkt der sogenannten Rotfunk-Kampagne. Vielleicht wurde der Film sogar bewusst zur Stimmungsmache benutzt. Der Film nimmt eine Sonderstellung in Wildenhahns Werk ein, denn er ist der einzige „poetische Film“. Wildenhahn fokussiert darin auf die Situation der Arbeiterinnen und Arbeiter in Ostfriesland und stellt sie als Ausdruck eines systemimmanenten gesellschaftlichen Konflikts, eines grundlegenden Interessengegensatzes, dar. „Im Norden das Meer“ besitzt einen klaren argumentativen Aufbau: Problemaufriss – Erkenntnis – Maßnahmen/Lösungen, wobei Wildenhahn eine Lösung in der Gewerkschaftsarbeit sah. Eine CDU-Landtagsabgeordnete wollte darin gleich einen „radikal-linken Indoktrinationsfilm“ erkennen. Konservative Politiker verteufelten das Fernsehen jener Zeit gerne einmal als „Tele-Kolleg für Linksradikale“. Kritische Sendungen wie Wildenhahns „Im Norden das Meer“ wurden – aus heutiger Sicht nicht immer nachvollziehbar – als Belege angeführt. Die Kampagne gegen die sogenannten „Rotfunksender“ NDR und WDR gipfelten 1978 sogar in der Kündigung des NDR-Staatsvertrages (und erinnert in beunruhigender Weise an die aktuellen „Lügenpresse“-Parolen).

Der Protest gegen Wildenhahns Film führte dazu, dass der NDR sich veranlasst sah, einen „Wiedergutmachungsfilm“ zu produzieren, der ein ausgesprochen positives Bild von Ostfriesland zeichnete und vor allem die produktiven Aspekte betonte. „Im Norden das Meer“ und der Wiedergutmachungsfilm „Gesichter Ostfrieslands“ (1978) stehen damit sinnbildlich für eine gewisse Form der Entpolitisierung im bundesdeutschen Fernsehen, das sich zunehmend nur noch einem falsch verstandenen Ausgewogenheitspostulat und einem Stoppuhrjournalismus verpflichtet fühlte.


Die Filme von Klaus Wildenhahn machen deutlich, was ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk leisten kann – oder leisten könnte (und einmal konnte). Sie stehen für ein Fernsehen der Autoren und Filmemacher. Sie stehen für einen öffentlich-rechtlichen Auftrag, der kritisch und manchmal auch einseitig sein will. Sie zeigen aber auch, dass die Zeit eines solchen Fernsehens vorbei ist. Es sind Filme, die sich Zeit lassen – und die sich Zeit lassen konnten (hinsichtlich ihrer Laufzeit; hinsichtlich ihrer Drehzeit); es sind Filme, die sich einlassen auf ihre Protagonisten, auf die dokumentierten Situationen. Und es sind Filme, auf die man sich als Zuschauer einlassen muss. Sie sind nicht gefällig – und wollen es nicht sein. Es sind und bleiben wichtige Filme.


Rund 60 Filme von Klaus Wildenhahn sind in einer von ihm selbst kuratierten DVD-Edition bei absolutMedien erhältlich. Auf insgesamt fünf DVDs finden sich die Werke „Smith, James O. – Organist.“ 1. Die Europa-Tournee des Jazz-Organisten Jimmy Smith. / 2. Ein Jazz-Organist in Amerika“ (1965/66). „Bandonion. 1. Deutsche Tangos. / Bandonion. 2. Tangos im Exil“ (1981), „In der Fremde“ (1967), „Stillegung. Oberhausen Mai–Juli ’87“ (1987), „Heiligabend auf St. Pauli“ (1967/68), „Noch einmal HH 4: Reeperbahn nebenan“ (1991), „Barmbek: Ein Aufstand wird abgebrochen“ (1971/1989), „Der Mann mit der roten Nelke“ (1974/1975), „Ein Film für Bossak und Leacock“ (1983/84), „John Cage“ (1966), „Im Norden das Meer. Im Westen der Fluss. Im Süden das Moor. Im Osten Vorurteile“ (1975/76), „Der König geht. Schloss Dresden“ (1990). Im DVD-ROM-Teil finden sich zwei vergriffene Bücher von Klaus Wildenhahn als PDF-Dateien: „Über synthetischen und dokumentarischen Film. Zwölf Lesestunden“ (1975) sowie Mimesis und Wirkung der Schnulze. Filmtheorie Nr. 2 (1997).

Klaus Wildenhahn. Dokumentarist im Fernsehen. 5 DVDs. Anbieter: absolutMedien


Fotos: absolutMedien

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