Nicht ohne die Anderen

Ein Porträt des italienisch-türkischen Filmemachers Ferzan Ozpetek

Diskussion

Im Werk des italienisch-türkischen Regisseurs Ferzan Ozpetek ist alles miteinander verbunden. Seine Filme feiern das menschliche Miteinander und plädieren für Offenheit und Toleranz als wünschenswertem Normalzustand. Die Liebe zum Verweis prägt auch seinen aktuellen Film „Das Geheimnis von Neapel“. Mit dem zitatenreichen Thriller-Melodram beschreitet der Filmemacher einmal mehr neue Wege und bleibt sich dabei doch treu. Ein Porträt.

Das Werk von Ferzan Ozpetek hat etwas von einem sich immer weiter verzweigenden Netz. Unzählige Verbindungslinien verweisen auf die Werke untereinander, in Gestalt sich wiederholender Motive, Figuren und Schauspieler, als kleine Spielereien am Rande, aber auch in Gestalt tiefer Überzeugungen. Höchst selten steht etwas oder jemand ganz für sich allein.

Ozpeteks Figuren bewegen sich in höchst durchlässigen, bunt gemischten und freigeistigen Wahlfamilien, was auch Fragen der sexuellen Orientierung miteinbezieht. Es gibt Abendessen in großer Runde mit aufwändig zelebrierter Essensvorbereitung, die zu jedem Ozpetek-Film gehört. Da sind die Schauspieler, denen der italienisch-türkische Autor und Regisseur über viele Produktionen hinweg die Treue hält, Margherita Buy, Stefano Accorsi, Serra Yilmaz, Giovanna Mezzogiorno. Die weiblichen Hauptfiguren sind häufig Ärztinnen oder Psychologinnen. Das Motiv einer eleganten Frau, die im Museum auf eine Verabredung wartet oder im Abendkleid zwischen Skulpturen umherstreift, findet sich in „Die Ahnungslosen“ (2000) wie auch in „Das Geheimnis von Neapel“ (2018).

XX in "Das Geheimnis von Neapel"
Giovanna Mezzogiorno in "Das Geheimnis von Neapel"

Ozpetek zitiert aber nicht nur sich selbst, sondern verweist auch auf andere Regisseure und Künstler. Sein neuester Film „Das Geheimnis von Neapel“ nimmt Anleihen bei Hitchcocks „Vertigo“ sowie beim „Verhüllten Christus“ des Bildhauers Giuseppe Sanmartino, und er setzt der neapolitanischen Volkstheater-Tradition der „Figliata“ ein Denkmal. In „Hamam – Das türkische Bad“ (1996) und „Die Ahnungslosen“ zitiert Ozpetek den türkischen Dichter Nazim Hikmet, mit dem er weitläufig verwandt ist, in „Cuoresacro – Das Zimmer“ (2005) ist es die polnische Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska.


Die Philosophie des Teilens

Fragt man den Filmemacher nach dem Warum dieser unzähligen Verzweigungen innerhalb seines Werkes, winkt der deutlich jünger wirkende 59-Jährige lachend ab und sagt: „Das macht mir eben Spaß, es amüsiert mich!“ Und schiebt als eine Art Erklärung hinterher: „Wenn ich etwas Schönes sehe, dann fotografiere ich das und teile es auf Instagram. Ich habe eine gewisse Manie, Dinge mit Menschen teilen zu wollen. Meine Filmkunst basiert auf dem Gedanken des Teilens mit anderen Menschen. Ich zitiere da immer [den italienischen Regisseur] Marco Ferreri, der einmal gesagt hat: ‚Filme existieren nicht ohne die anderen. Und die anderen sind wie wir die Autoren unseres Films.‘“

Zu teilen, stets auf das Verbindende zu setzen, dabei aber keineswegs die Unterschiede zu negieren, sondern die Diversität des menschlichen Daseins zu feiern, das soziale Miteinander und die Solidarität zu zelebrieren: Das scheint die Quintessenz seiner Filme, aber auch sein Lebensmotto zu sein. Sehr zugewandt, freundlich und charmant trat der 1959 in Istanbul geborene Regisseur auf dem diesjährigen Münchner Filmfest auf, im vollbesetzten Kino nach der Premiere von „Das Geheimnis von Neapel“, aber auch im Zwiegespräch beim Interview.

Wie seine Figuren ständig mit gemeinsamem Essen in großer Runde beschäftigt sind und in einem anregenden Austausch stehen, so scheint auch Ozpetek selbst seine besten Ideen in der Gemeinschaft von Freunden und Bekannten zu finden. Etwa den Ausgangspunkt des aktuellen Films über eine Gerichtsmedizinerin, die den toten Körper ihres Liebhabers vor sich auf dem Seziertisch wiederfindet. Wenn Ozpetek erzählt, wie die gemeinsam mit Gianni Romoli geschriebene Story entstanden ist und die Drehorte gefunden wurden, dann geht das nicht ohne Erwähnung von zahlreichen Abendessen und Festen, die einen weiten Bogen spannen: Von der ersten Inspiration durch die Bekanntschaft mit einer Gerichtsmedizinerin, die er bei einem Essen im Haus seiner Stammschauspielerin Serra Yilmaz vor zehn Jahren in Istanbul kennenlernte, bis zu diversen Einladungen in Neapel, als Ozpetek 2012 am dortigen Teatro san Carlo „La Traviata“ inszenierte.


Der Meister der Verknüpfungen

Die Wohnung der Hauptfigur Adriana mit den charakteristischen, ebenso verhüllenden wie enthüllenden Klapptüren; die großbürgerliche, mit Antiquitäten zugestellte, geradezu museal anmutende Wohnung ihrer Tante Adele; der fast grottenartige Verkaufsraum der beiden mysteriösen Kunsthändlerinnen – alles Schauplätze, die Ozpetek mehr oder weniger durch Zufall über Bekannte, Freunde und geselliges Beisammensein gefunden hat. Der Regisseur ist ein begnadeter Menschenfischer, so viel ist klar. Was vermutlich unmittelbar mit seiner Fähigkeit zusammenhängt, Menschen, Dinge, Ideen, Motive, Figuren zu verknüpfen, miteinander in Beziehung zu setzen: ein im wahrsten Sinne des Wortes verbindlicher Mensch.

In dem für ihn eher untypisch düsteren „Geheimnis von Neapel“, einer Mischung aus Erotik-Thriller, Melodram und psychologischem Drama, übertreibt es Ozpetek mit der Liebe zum Verweis bisweilen und lastet dem Film viele Zitate und Motive auf. So scheint es wenig zwingend, weshalb der Film neben allen Verknüpfungen zum Thema „Sehen“ (die herausgeschnittenen Augen des Toten, verhüllte Wahrheiten, enthüllte Körper, die häufig zitierte Form des Auges…) auch noch eine vermeintliche Parallele zwischen Auge und weiblichem Uterus ins Feld führt. Das lässt den von Gian Filippo Corticelli elegant fotografierten Film gelegentlich arg gekünstelt wirken, was sonst gar nicht Ozpeteks Art ist.

Spiel mit dem Augen-Motiv: "Das Geheimnis von Neapel"
Spiel mit dem Augen-Motiv: "Das Geheimnis von Neapel"

Auch scheint der dunkle, erotisch-mysteriöse Ton von „Das Geheimnis von Neapel“ nicht so recht zu Ozpetek zu passen. Bezeichnenderweise überzeugt der Film vor allem in jenen Momenten, in denen sich die Inszenierung der Leichtigkeit hingibt. Wenn sie gar nichts Besonderes sein oder darstellen will, sondern neapolitanisches Brauchtum mit leichter Ironie in Szene setzt, etwa wenn Adriana mit Freunden zu einem grotesken „Medium“ geht, um sich von ihren „Geistern“ heilen zu lassen. Oder beim Lottospiel gealterter Transsexueller, die über die große Bedeutung der Zahlen in Neapel aufklären. Oder wenn eine Freundin mit Verve verkündet, dass es doch gänzlich egal sei, ob jemand, in den man sich verliebe, Mann oder Frau, jung oder alt, reich oder arm sei: Dann merkt man wieder, dass man in einem Film von Ferzan Ozpetek sitzt. Ähnliche Plädoyers für sexuelle, soziale und gesellschaftliche Offenheit und Toleranz gibt es auch in „Die Ahnungslosen“ oder „Saturno Contro – In Ewigkeit Liebe“ (2007).


Das „Andere“ als Normalität

Man kann Ferzan Ozpetek als dezidiert politischen Filmemacher beschreiben: Von seinem Debütfilm „Hamam – Das türkische Bad“ aus dem Jahr 1997 an waren sexuelle und geschlechtliche Identitäten jenseits des Mainstreams Bestandteil seiner Filme. Sein Kino richtet sich aber nicht primär an ein queeres Publikum. Es wirkt im besten Sinne integrativ. Bei Ozpetek ist eine alternative oder wandelbare sexuelle Orientierung ein normaler Wesenszug der Figuren, ohne dass diese Zuschreibungen oder eben auch Nicht-Zuschreibungen unbedingt im Zentrum der Story stehen müssten. Gleichzeitig aber werden spezifische Themen oder Probleme der LGBT-Community nicht ignoriert; so leidet Ernesto in „Die Ahnungslosen“ an Aids, und Tommaso aus „Männer al dente“ (2010) traut sich nicht, seiner Familie von seiner Homosexualität zu erzählen. Aber eigentlich geht es Ozeptek um universale Themen über alle Grenzen hinweg: Liebe, Tod, Trauer, Gemeinschaft und Einsamkeit.

Universale Themen: "Hamam - Das türkische Bad"
Universale Themen: "Hamam - Das türkische Bad"

Das Geheimnis des Filmemachers ist es, dass er nicht in Kategorien fester Zuschreibungen denkt, die ja immer auch Ab- und Ausgrenzung bedeuten. Er kann gar nicht anders, als sich mit seinen Filmen an ein breites Publikum, im Grunde an alle zu richten. Deshalb treiben ihn derzeit auch die Abgründe des weltweiten Erfolgs der Rechtspopulisten um. Der beruht vor allem auf der Festlegung des Anderen als etwas „Fremdem“: „Viele Menschen hassen die Dinge, die anders sind. Sie versuchen die Brücken zum Andersartigen abzureißen. Ich frage mich nach dem Motiv dahinter? Ich spüre auch Wut, wenn ich sehe: Alles Andere soll ausgelöscht werden. In der Türkei mögen sie die Syrer nicht, in Italien sind es die Schwarzen oder die Schwulen, in Deutschland wiederum gibt es andere Probleme mit der AfD…“

Doch Ferzan Ozpetek wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch der bedrückenden politischen Situation etwas Positives abgewinnen würde: „Auf gewisse Weise muss ich der AfD, Matteo Salvini und ihren Pendants in der Türkei danken – denn mit ihrer Hilfe schaffe ich es noch besser, zu unterscheiden, was ich liebe und was ich nicht liebe. Sie helfen mir, das Böse und das Gute zu verstehen.“ Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen in seinen beiden Heimatländern Italien und Türkei ist für Ozpetek „der Moment gekommen, zu kämpfen“. Deshalb will er in seinem nächsten, nach eigener Aussage wieder eher „schwulen“ Film von der Andersartigkeit erzählen. Und zwar nicht aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft, sondern über den Blick der sogenannten „Anderen“. Das klingt so, als müsste man sich auf einen typischen „Ozpetek“ gefasst machen.

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