The Tale - Die Erinnerung

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Ihr erster Impuls ist instinktive Abwehr. Die aufgeregten Nachrichten auf ihrem Handy scheinen der Dokumentarfilmerin Jennifer Fox nur zu typisch für ihre Mutter zu sein. Immer schon hatte diese einen Hang zur Übertreibung und Aufbauschung von Nichtigkeiten. Neigungen, die im Alter noch zugenommen haben. Auch jetzt scheint der Anlass trivial: Ein Schulaufsatz, den die Tochter mit 13 Jahren geschrieben hat und der ihrer Mutter erst jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später, in die Hände gefallen ist und sie in Schrecken versetzte.

Das hinausgeschobene Telefongespräch bringt keine Klärung. Die alarmierte Panik, mit der die Mutter sie mit Begriffen wie „sexueller Missbrauch“ bombardiert, scheint der Tochter aufdringlich und unangemessen. Hatte sie in dem Aufsatz nicht lediglich ihre erste Liebesbeziehung verarbeitet, zugegebenermaßen mit einem älteren Freund? „Warum lässt du mir nicht meine Erinnerungen?“, versucht sie sich herauszuwinden, muss aber dann doch klein beigeben. An einem neuen Blick auf das einst Geschriebene führt kein Weg vorbei.

Die für ihre Dokumentarfilme wie „Beirut: Der letzte Privatfilm“ (1987) bekannte Filmemacherin Jennifer Fox schaut sich in ihrem autobiographischen Spielfilm „The Tale – Die Erinnerung“ quasi selbst über die Schulter. Eindringlich verkörpert von Laura Dern, trifft Fox beim Lesen des Aufsatzes schockartig die Erkenntnis, dass sie die Erlebnisse des betreffenden Jahres nahezu vollständig verdrängt hat. Nur die Eckdaten hat sie behalten: Sie als Jugendliche in einer Sommer-Reitschule auf einer Pferdefarm, die selbstsichere Ausstrahlung der Pferdebesitzerin „Mrs. G.“, der gutaussehende Lauftrainer Bill.

Doch was sie im Gedächtnis als schöne, wenn auch kurze Phase gespeichert hat, enthüllt seine hässliche Seite, je mehr Fox in ihren Erinnerungen zu kramen beginnt. Ein Foto beweist, dass sie mit 13 keineswegs ein frühreifes und selbstbewusstes Mädchen, sondern schmächtig und schüchtern war. Und die beiden von ihr bewunderten Erwachsenen, deren Affäre sie damals zur idealen Liebe stilisierte, verlieren immer mehr ihre freundlichen Züge. So lange, bis aus dem Verdacht Gewissheit geworden ist: Nach immer zudringlicheren Annäherungsversuchen zwang Bill sie schließlich zum Sex und missbrauchte sie mehrere Monate lang, mit Mrs. G. als offensichtlich aktiv unterstützender Mitwisserin.

Stückchenweise dringt so immer mehr von dem Verdrängten ans Licht. Die verschlungenen Pfade des Gedächtnisses mit seinen Mechanismen der Täuschung hat Jennifer Fox bei der Aufarbeitung ihrer Leidensgeschichte in die filmische Struktur übersetzt: Einerseits rekapituliert sie chronologisch die Ereignisse des Aufarbeitungsjahres 2006, andererseits arbeitet sie mit langen, verschachtelten Rückblenden, bei denen mitunter auch Sequenz-Varianten mit Unterschieden in Details aneinander montiert sind. Zudem bricht sie den dokumentarischen Ansatz mit irrealen Szenen, in denen das ältere Ich mit dem jüngeren konfrontiert wird oder die maskenhaft unbewegte Mrs. G. wie bei einem Verhör direkt in die Kamera spricht.

Fox erspart es sich nicht, auch den tatsächlichen Missbrauch zu bebildern, doch sind diese zurückhaltend inszenierten Momente, in denen sichtlich nicht die fulminante Kinderdarstellerin Isabelle Nélisse, sondern ein Body-Double zum Einsatz kam, gar nicht das Beklemmendste an dem Film. Eher schon ist es ihre Weigerung, Geschehen und Täter zu dämonisieren und damit Zugeständnisse an bequeme Schwarz-weiß-Vorstellungen zu machen. Gewalt und Zwang manifestieren sich nicht in Drohungen oder Brutalität, sondern allein in dem Vorgang an sich: der Ausnutzung einer hilflosen Jugendlichen, die weder mental noch physisch für eine sexuelle Beziehung bereit ist, und die von den Menschen, denen sie ihre Zuneigung geschenkt hat, fürs Leben geschädigt wurde.

Am stärksten ist „The Tale“, wenn er jene Prozesse aufzeigt, die Missbrauchsopfer dazu bringen, aus Gründen des Selbstschutzes den Opfer-Begriff für sich abzulehnen – womit sie die Täter nicht nur nicht zur Rechenschaft ziehen, sondern Verdrängungsstrategien in Gang setzen, die ihrer Entwicklung unbewusst schaden. Dieser Punkt verleiht dem Film eine Bedeutung im Diskurs um sexuellen Missbrauch, die leicht dazu verleitet, über seine Schwächen hinwegzusehen. Diese sind allerdings durchaus auffällig und schaden dem Gesamteindruck erheblich. So wirkt die auch aus anderen HBO-Produktionen bekannte Hochglanzästhetik mit ihren gelackten Farbtönen bei „The Tale“ wenig angemessen für eine so intime Selbstbeschau. Noch unangebrachter ist die aufdringliche Musikuntermalung, die dermaßen plump Emotionen erzeugen will, dass man sich streckenweise fast im Herzschmerz-Fernsehen wähnt. Dadurch prägt sich der Wagemut von Jennifer Fox, sich ihrem Leid zu stellen, weit mehr ein als der daraus resultierte Film. Oder, positiv gewendet: Das mutige Beispiel der Filmemacherin strahlt über ihre Arbeit hinaus, auf eine Gesellschaft, in der aktuell zumindest Hoffnung besteht, dass sexuelle Abhängigkeitsverhältnisse nachhaltiger bekämpft werden.


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