Filmklassiker: Der wilde Planet

Der Trickfilmklassiker von René Lalouox ist in einer farbkorrigierten Ausgabe als aufwändiges Mediabook wieder erhältlich

Diskussion

„Der wilde Planet“ (im Original „La Planète sauvage“) von René Laloux aus dem Jahr 1973 ist ein Meilenstein des Zeichentrickfilms. Der auf den Comics „Oms en Série“ von Pierre Pairault fußende Animationsfilm handelt von einem hochentwickelten Planeten, auf dem Menschen wie Haustiere gehalten werden, und erinnert mit seinem surrealistischen Formenreichtum an die Fabelwelt von Hieronymus Bosch. Der Film ist jetzt in einer farbkorrigierten Ausgabe wieder erhältlich.


Auf dem Planeten Ygam leben die Draags, Androide von etwa 12 Metern Höhe, blauhäutig, rotäugig und mit Muschelohren. Sie leben in einem reibungslos funktionierenden Wohlfahrtsstaat. Ihre Wissenschaft und Technologie ist derart hoch entwickelt, dass sie sich ausschließlich der Meditation und spielerischen Unterhaltung widmen können. Neben den Draags gibt es noch die „kleinen“ Oms (abgeleitet von hommes, Menschen), ein paar Überlebende vom Planeten Terra, die von den Draags gerettet worden waren. Die Oms werden von den Draags als Haustiere (Luxus-Oms) zum Zeitvertreib für ihre Kinder gehalten; teilsweise leben sie aber auch wild außerhalb des Wohngebiets der Draags. Die riesenhafte Herrscher von Ygam betrachten die Oms als Ungeziefer, das sich „wie die Kaninchen“ vermehrt (der Lebenszyklus der Draags ist weit langsamer als jener der Oms). Von Zeit zu Zeit werden sie wie Schädlinge vertilgt (durch deshommisation = Entmenschung). Die wilden Oms leben deshalb in ständiger Angst und versuchen, sich an möglichst unzugänglichen Orten zu verstecken.


Das Verhältnis zwischen Draags und Oms wird eines Tages dadurch bedroht, dass der junge Terr (Erd), der als Luxus-Om aufgewachsen ist, nachdem seine Mutter von Draag-Kindern beim Spielen mutwillig getötet worden war, sich des Draag-Wissens bemächtigt und zu den wilden Oms flieht. In einem von den Draags verlassenen Raketenfriedhof wird der Aufstand gegen die Herrschaft der Draags geprobt, um sich ein Dasein in Freiheit und Würde zu erkämpfen. Die Draags reagieren mit einer furchtbaren Entmenschungsaktion, der Tausende Oms zum Opfer fallen. Terr und einigen Gefährten gelingt in zwei Raketen die Flucht auf den „wilden Planeten“, wo sie das Lebenszentrum der Draags entdecken: Diese treffen sich hier in ihren Meditationskugeln mit Wesen anderer Galaxien; sie lassen sich auf kopflosen Riesenstatuen nieder und tanzen einen seltsamen Hochzeitsreigen. Die Oms beginnen mit der Zerstörung dieser Statuen und versetzen dadurch die Draags in Panik. Entsetzt anerkennen sie die Intelligenz der Draags und beschließen, mit ihnen Frieden zu schließen und sie in ihrer Andersartigkeit zu akzeptieren.


Diese Inhaltsangabe zeigt, dass es in diesem ungewöhnlichen Zeichentrickfilm um Fragen von Abhängigkeit und Macht, der Herrschaft durch Wissen, um Humanität, Selbstverwirklichung und Freiheit, Zivilisation und „Wildheit“ geht. Die menschliche Rasse wird hier von höheren Wesen etwa so behandelt, wie Menschen mit Tieren umgehen. Die Science-Fiction-Story mag etwas naiv-utopisch und temperiert-humanistisch erscheinen. Der abrupt rasche Friedensschluss, die sehr überraschend erfolgende Verbrüderung wirken völlig unglaubhaft und als bloße optimistische Anhängsel, weil diese plötzliche Koexistenz nicht vorbereitet oder entwickelt wird und deshalb gegenüber den vorangegangenen, breit geschilderten Feindseligkeiten und Schrecknissen kein Gegengewicht bilden kann.

Obwohl die psychologische und ideelle Entwicklung der Geschichte nicht ganz überzeugt, verdient die Gestaltung umso uneingeschränktere Bewunderung. „Der wilde Planet“ ist ein Meilenstein in der Geschichte des Zeichentrickfilms. Der Zeichner Roland Topor hat hier eine verblüffend fantastische Welt voller Fabelwesen, kristalliner und pflanzlicher Strukturen geschaffen. Die fantastisch-surrealistischen Formen und Wesen erinnern an die Fabelwelt von Hieronymus Bosch. Die Ungeheuer und Schreckgestalten sind mit außerordentlicher Feinheit und Delikatesse gezeichnet. Die unheimlich-faszinierenden, grotesk-exotische Welten dieses Animationsfilms haben nichts gemein mit den flächigen, die Wirklichkeit übersteigernd kopierenden Formen von Walt Disney und seiner Epigonen zu tun. René Laloux hat mit seinem Team in dreieinhalbjähriger Arbeit ein Meisterwerk geschaffen, das durch seinen Erfindungsreichtum und seine grafisch-zeichnerischen Qualitäten beeindruckt.

Die Kritik zu „Der wilde Planet“ von Franz Ulrich erschien erstmals in der FILMDIENST-Ausgabe fd 8/1978.

Wurde 1973 beim Festival in Cannes mit einem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet: "La Planète sauvage"
Wurde 1973 beim Festival in Cannes mit einem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet: "La Planète sauvage"


Angaben zum Mediabook

Der wilde Planet (LA PLANÈTE SAUVAGE). Frankreich/CSSR 1973. Regie: René Laloux. Länge: 72 Min. DVD/BD-Anbieter: Camera Obscura/Alive!

Offiziell lizensierte Erstveröffentlichung des Films auf Blu-ray und DVD zusammen in einem Mediabook inklusive einer Bonus-DVD und einem zwölfseitigen Booklet zum Film, mit einem reich bebilderter Essay von Marcus Stiglegger, der formale Betrachtungen mit philosophischen und soziologischen Analysen zum Film verbindet. Die Bonus-Disk enthält vier Kurzfilme von René Laloux: „Les Escargots“ (1965, 12 Min.), „Les Dents du singe“ (1960, 11 Min.), „Les Temps Morts“ (1964, 10 Min.) und „Comment Wang-Fô fut sauvé“ (1987, 15 Min.). Die Featurette „Laloux sauvage“ (2009, 27 Min.) bietet anhand ausführlicher Interviews mit Regisseur René Laloux einen guten Einblick in die Produktionsgeschichte des Films, der weitgehend in Prag realisiert wurde. Abgerundet wird das Bonusmaterial durch den 52-minütigen Porträtfilm „Les Reves de Topor – Topors Träume“ (Deutschland/Frankreich 1994, Regie: Gerhard Thiel), in dem René Laloux’ Wegbegleiter, der Maler, Schriftsteller und Schauspieler Roland Topor, im Zentrum steht. Er hatte sich während der Produktion zu „Der wilde Planet“ aus dem Projekt als künstlerischer Berater zurückgezogen.



Anbieter/Fotos: Camera Obscura Filmdistribution

Kommentar verfassen

Kommentieren