Serien-Highlights vom Film Festival Cologne

Ausblicke: Demnächst auf Ihrem Bildschirm

Diskussion

Es gibt nur wenige Filmfestivals, in denen Fernsehserien eine so große Rolle spielen wie auf dem Film Festival Cologne. Neben Kinofilmen wie aktuell einem Gewinner aus Locarno („A Land Imagined“) oder einem Kritikerliebling aus Cannes („Burning“) und Deutschlandpremieren („High Life“) stellt das 1991 unter dem Titel „Cologne Conference“ gegründete Festival auch dieses Jahr wieder einige nationale und internationale Serienproduktionen vor. 1993 wurde die Wettbewerbsreihe „Top Ten des Internationalen Fernsehens“ ins Leben gerufen. Acht Jahre später wurde diese auf zwei Reihen erweitert, 2007 dann in die bis heute bestehende Reihe „Top Ten TV“ zusammengefasst. Ein Blick auf sechs besonders spannende und interessante Projekte aus dem aktuellen Serien-Jahrgang.


1. Parfum aus Menschenduft

Köln scheint sich in jüngerer Vergangenheit als gutes Premieren-Pflaster für deutsche Großproduktionen zu etablieren. Im vergangenen Jahr feierte „Babylon Berlin“ seine Premiere auf dem Festival, im 2018er-Jahrgang präsentierte sich mit „Parfum“ das nächste große Serienprojekt aus Deutschland. Drehbuchautorin Eva Kranenburg und Regisseur Philipp Kadelbach („Unsere Mütter, unsere Väter“) haben für die sechsteilige Miniserie aus Motiven des Romans „Das Parfum“ von Patrick Süskind einen Kriminalfall entwickelt, der am Niederrhein der Gegenwart angesiedelt ist. Die Sängerin K wurde brutal ermordet. Nackt, mit kahl rasiertem Schädel, mit tiefen Einschnitten im Intimbereich und unter den Achseln wird sie aufgefunden. Eine Spur führt die Ermittlerin Nadja Simon (Friederike Becht) zu fünf ehemaligen Internatsschülern (Ken Duken, August Diehl, Trystan Pütter, Christian Friedel und Natalia Belitski), die mit der Toten befreundet waren.



Statt die bekannte Geschichte um Jean-Baptiste Grenouille, die der Roman erzählt, als Serie noch einmal nachzuerzählen, adaptiert „Parfum“ die Grundidee von dessen Mörder-Geschichte und macht den Roman selbst zum Hauptdarsteller: Die ehemaligen Schüler haben während ihrer Zeit auf dem Internat mit dem Geheimnis menschlichen Körperdufts experimentiert – nachdem sie das Buch von Patrick Süskind gelesen haben. Während Polizei und Staatsanwaltschaft in dem Mordfall ermitteln, erzählen zahlreiche Rückblenden von den Jugendlichen und ihrer Zeit auf der Einrichtung. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und die Ermittlungen offenbaren Geheimnisse, denen auch die Polizei nach und nach auf die Spur kommt.

Neben der spannenden Suche nach dem Mörder, der anders als im Roman unbekannt ist – ein klassischer „Whodunit“ – offenbart die hochwertig produzierte Serie bereits in den ersten drei Folgen Einblicke in menschliche Abgründe: Es geht um Liebe in unterschiedlichsten tragischen Formen – um missbrauchte, falsche, nicht vorhandene und nie erlebte Liebe, es geht um Macht und deren Ausübung sowie die Auslotung derer Grenzen. Es ist davon auszugehen, dass diese Einblicke in den letzten drei Folgen noch sehr viel tiefer werden.

Jeweils zwei Folgen der Serie laufen ab Mittwoch, 14. November, wöchentlich auf zdf_neo. Zeitgleich werden alle Folgen in der ZDF-Mediathek aufrufbar sein. Außerhalb Deutschlands veröffentlicht Netflix die Serie in rund 200 Ländern. Für 2019 ist auch eine Ausstrahlung im ZDF geplant. Ob und wann „Parfum“ auch hierzulande bei Netflix laufen wird, ist noch unklar.


2. Die großen gesellschaftlichen Fragen

Weniger am Innenleben einzelner Personen, als an gesellschaftlichen Fragen interessiert ist die französische Science-Fiction-Serie „Ad Vitam“. In dem Zukunftsszenario hat die Menschheit dank einer biochemischen Verjüngungstechnologie das Altern und den Tod überwunden. Als an einer Küste jedoch eine Gruppe von toten Jugendlichen entdeckt werden, die sich offenbar selbst umgebracht hat, ruft dies die Polizei auf den Plan. Die Ermittler befürchten, dass erneut eine Sekte tätig ist, die bereits vor zehn Jahren junge Menschen zum Selbstmord verführt hat. Ermittler Darius (Yvan Attal) erhofft sich Unterstützung bei der 24-jährigen Psychiatrie-Insassin Christa (Garance Marillier), die vor ihrer Einweisung der Sekte angehörte.

„Ad Vitam“ erzählt in meist düsteren und dystopisch wirkenden Bildern von einer Gesellschaft, in der die Jugend kaum eine Perspektive hat. Der technische Fortschritt sorgt dafür, dass die Alten nicht sterben und ihre Positionen scheinbar auf ewig behalten. Einige verweigern sich daher der Möglichkeit der Regeneration, was Unverständnis in der Gesellschaft hervorruft. Die Serie stellt mit dem Ermittler und der jungen Frau zwei Figuren gegenüber, die für diese gegensätzlichen Ansichten stehen. Darius versucht zu verstehen, was die junge Generation bewegt, während Christa selbst nach ihrem Platz im Leben sucht. Aus dieser Ausgangslage werden verschiedene Gedanken nach dem Zusammenleben von Jung und Alt, nach der Existenz sowie der Entwicklung der Gesellschaft angestoßen. Fragen, die sich auch in der Gegenwart stellen. „Ad Vitam“ gelingt es in den ersten beiden Folgen, sie mit einem spannenden Krimi-Plot zu verbinden.

Die sechsteilige Serie, die auf dem Festival „Séries Mania“ im Mai als beste französische Serie ausgezeichnet wurde, ist ab Donnerstag, 8. November, ab 20.15 Uhr auf arte zu sehen. Der Sender zeigt jede Woche zwei neue Folgen.


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3. Die Glaubensfrage

Große Fragen stellt auch die dänische Serie „Ride upon the Storm“ („Die Wege des Herrn“). Nachdem sich Adam Price mit seiner Serie „Borgen“ in die Niederungen politischer Machenschaften begab, blickt der Serienschöpfer und Autor nun aus einer protestantischen Priesterfamilie heraus in die kirchliche Welt. Im Zentrum steht Johannes (Lars Mikkelsen), ein eloquenter Pfarrer, der sich ob seiner Leidenschaft für das Amt großer Beliebtheit in seiner Gemeinde erfreut. Seine Frau (Ann Eleonora Jørgensen) und seine beiden Kinder (Morten Hee Andersen, Simon Sears) jedoch lernen sein zweites Gesicht kennen: Dem Alkohol zugewandt, lässt er in den eigenen vier Wänden seine cholerische Art an ihnen aus.



Seine beiden Söhne versuchen, sich gegen ihren Vater zu behaupten, ihn zu beeindrucken oder sich gegen ihn aufzulehnen. August ist als Militärpfarrer der Liebling von Johannes, führt er doch mit seinem Beruf eine generationsübergreifende Tradition von Priestern in der Familie fort. Christian hingegen hat mit der Kirche nur wenig am Hut, weswegen ihm von Seiten seines Vaters eher Ablehnung entgegenschlägt.

„Ride upon the Storm“ widmet sich als Familiendrama mittels der Beziehungen zwischen den Figuren den großen Fragen um Kirche und Glaube. In Kopenhagen, wo die Serie spielt, ist die Kirche, wie an so vielen anderen Orten in Europa auch, damit konfrontiert, dass ihr immer mehr Menschen den Rücken kehren. Verbunden mit der Wahl eines neuen Oberhauptes, zu der sich auch Johannes aufstellt, geht es auch darum, wie sich die Kirche als Institution und die Gemeinde als ihre Keimzelle in Zukunft positionieren und aufstellen müssen. Aber auch persönliche religiöse Dilemmata spielen eine Rolle: Im Kriegsgebiet während seines Auslandeinsatzes segnet August die Soldaten, damit ihnen im Einsatz nichts passiert. Doch als er Tod und Leid hautnah erfahren muss, werden auch sein Glaube und der seiner Kameraden auf eine harte Probe gestellt.

Hervorragende Dialoge, starke Darsteller, aus denen Lars Mikkelsen herausragt, und thematisch unglaublich vielschichtig: „Ride upon the Storm“ erweist sich als packende Dramaserie, mit der Adam Price auch international der nächste große Wurf gelingen dürfte.

Die zehn Folgen der ersten Staffel der Serie sind ab Donnerstag, 29. November, auf arte zu sehen.


4. Das Rätsel um die blutende Madonna

In etwas anderem Sinne dreht sich die italienische Serie „Il Miracolo“ um die Kirche. Doch statt um viele Fragen geht es darin vor allem um eine: Was hat es mit der blutenden Marienstatue auf sich? Diese wird bei einer Polizei-Razzia gegen einen Mafiaboss auf dessen Anwesen entdeckt, mitgenommen und schließlich unter größter Geheimhaltung untersucht. Volta (Sergio Albelli), der General der Carabinieri, weiht nur den italienischen Ministerpräsidenten Pietromarchi (Guido Caprino) ein, ein kleines Team von Wissenschaftlern versucht, das Rätsel zu lösen. Diese finden heraus, dass es sich um menschliches Blut handelt. Doch viele weitere Fragen bleiben, zumindest in den ersten beiden der acht Folgen, ungelöst: Wie können mehrere Liter Blut pro Stunde aus der Statue fließen? Von wem stammt das Blut? Hat es womöglich besondere Eigenschaften? Hat man es gar mit einem veritablen Wunder zu tun?



Dieses scheinbare titelgebende „Miracolo“ führt die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Pater Marcello (Tommaso Ragno) soll seine kirchlich geprägte Sicht dazu erläutern, während die Biologin Sandra Roversi (Alba Rohrwacher) die Welt der Wissenschaft vertritt. Mit dem sich selbst als ungläubig bezeichnenden Ministerpräsidenten prallen hier verschiedene Ansichten aufeinander, die eines eint: keine von ihnen kann für sich in Anspruch nehmen, das Rätselhafte restlos aufzulösen.

Während die blutende Muttergottesstatue diesen kleinen Kreis von Menschen beschäftigt, geht es zugleich um die Zukunft des Landes. Italien steht ein Referendum über den Verbleib in der Europäischen Union bevor. Sensationsmarkierende Schlagzeilen rund um die Statue passen dem Machtmenschen Pietromarchi, dessen politisches Schicksal mit der Abstimmung verbunden ist, so gar nicht. Trotz Figuren, hinter denen mehr steckt als im ersten Moment gedacht, und dem großen Thema einer unsicheren politischen Zukunft, verliert die spannende Serie doch nie ihren (im wahrsten Wortsinn) roten Faden aus den Augen.

Die acht Folgen der ersten Staffel werden ab Samstag, 19. Januar 2019, auf arte zu sehen sein.


5. Die New York Times und Donald Trump

Um Fragen des aktuellen Zeitgeschehens dreht sich „Mission Wahrheit“. Genauer gesagt um das Verhältnis zwischen den Medien und dem aktuellen US-Präsidenten. Die vierteilige Doku-Miniserie beschreibt das erste Amtsjahr von Donald Trump aus Sicht der Journalisten der New York Times. Die „Oscar“-nominierte Regisseurin Liz Garbus hat ein Jahr lang Redakteure und Reporter der Zeitung bei ihrer Berichterstattung über die US-Regierung begleitet. Herausgekommen ist ein spannender Einblick in deren Arbeit, die in diesen „postfaktischen“ Zeiten alles andere als leicht ist. Wenn Trump während einer Rede von „Fake News“ spricht und sich dutzende Menschen abfällig den Berichterstattern in dem Saal zuwenden, sind den Reportern die Fassungslosigkeit und die Frustration ins Gesicht geschrieben. Daneben zeigen sich immer wieder die Energie und der Handlungsdrang der Journalisten, immer weiter zu recherchieren, die „alternativen“ Wahrheiten mit Fakten zu konfrontieren und den Hintergründen im Weißen Haus auf die Spur zu kommen.



Daneben erzählt die Serie aber auch von den Herausforderungen, Veränderungen und Entwicklungen im Journalismus im digitalen Zeitalter. Rund um die Uhr wird getwittert. So sagt einer der Redakteure in Hinblick auf die Schnelligkeit: „Es ist wichtig, erster zu sein. Doch es ist noch wichtiger, richtig zu sein.“ Man sieht die Reporter telefonieren, mit anonymen Quellen oder mit dem Präsidenten. Man sieht sie bei Besprechungen, man sieht sie auf Pressekonferenzen, man sieht sie tippen und twittern. Es sind bekannte Bilder, auf die die Serie in den rund dreieinhalb Stunden setzt und doch durch das schnelle Zeitgeschehen durchaus auch Dynamiken entwickeln kann. Zu der Wahrheit und den Veränderungen der Branche gehören in diesem Zeitraum auch Entlassungen bei der New York Times, die Liz Garbus allerdings nur kurz thematisiert. Und doch zeigt „Mission Wahrheit“ letztlich, wie wichtig die Arbeit der Journalisten ist – mehr denn je.

Die vierteilige Doku-Miniserie läuft am Dienstag, 6. November, ab 20.15 Uhr auf arte. Am Tag darauf sind alle vier Folgen ab 22.55 Uhr auch im WDR zu sehen.


6. Mit Humor an das Thema Bisexualität

Gleichermaßen ernst und humorvoll nähert sich die in Großbritannien produzierte Comedy-Drama-Serie „The Bisexual“ ihrem Thema. Im Zentrum steht die in London gestrandete New Yorkerin Leila (Desiree Akhavan), die mit ihrer langjährigen Partnerin Sadie (Maxine Peake) nach zehn gemeinsamen Jahren nun eine Beziehungspause vereinbart hat. Leila zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und mietet ein Zimmer bei dem neurotischen Schriftsteller Gabe (Brian Gleeson). Sie versucht, ihrem Leben eine neue Orientierung zu geben, und stürzt sich eifrig in die Datingwelt, kann sich ihrer Freundin jedoch nicht völlig entziehen: Sadie und Leila sind Geschäftspartnerinnen und sehen sich so täglich bei der Arbeit.

Was brachte die Auseinandersetzung mit der Sexualität nicht schon an platten Gags hervor! „The Bisexual“ wirkt da erfrischend anders, bricht die Serie doch mit alten Klischees und spielt regelrecht mit Vorurteilen. Statt auf lahme Witze unter der Gürtellinie setzt der gelungene Mix aus Komik und Drama in den ersten beiden Folgen auf trockenen Humor und Figuren, die alle ihre ganz eigenen Skurrilitäten mitbringen: ein gelungener tragikomischer Balanceakt.

Die Serie ist am Mittwoch erstmalig beim britischen Sender „Channel 4“ ausgestrahlt worden. Ob und wann „The Bisexual“ nach Deutschland kommt, ist noch unklar.





Fotos: Startseite/oben: Aus "Ad Vitam", © Ivan Mathie 2017. Andere Fotos: © Film Festival Cologne.

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