Das Phänomen Nicolas Cage – Ein Porträt

Annäherungen an den US-Schauspieler anlässlich des Kinostarts von „Mandy“

Diskussion

Faulheit kann man dem 1964 geborenen US-Schauspieler nicht vorwerfen: Nicolas Cage dreht Filme wie am Fließband. Mit Ruhm hat er sich in den letzten Jahren aber nur noch selten bekleckert. Das liegt allerdings eher an Cages Wahllosigkeit bei neuen Filmprojekten, nicht an schauspielerischem Unvermögen. Sein hyperaktiver Schauspielstil kann bei richtigem Einsatz durchaus genialisch sein, wie aktuell der Horrorfilm „Mandy“ beweist.


Von großen Komikern sagt man, dass ihnen jede Rolle leicht von der Hand zu gehen scheint – auch wenn sie in Wahrheit schwer zu spielen ist. Bei Nicolas Cage verhält es sich genau anders herum: Noch die alltäglichsten Handlungen – einen Kühlschrank öffnen, auf einem Sessel Platz nehmen, einen Drink bestellen – spiegeln sich in seinem Gesicht als Epochenbrüche wider. Cages Helden sind, im besten Falle, sehr begeisterungsfähig. Doch zugleich geben sie sich leicht reizbar, sofern sie nicht gleich nach dem Vorspann schon auf der Palme sind. In seinen unzähligen Filmen fragt man sich oft: „Was ist denn los, warum regt sich der Mann so auf?“

    

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Das bedeutet keinesfalls, dass der 1964 als Nicholas Kim Coppola geborene Schauspieler sein Handwerk nicht beherrscht – wie es die YouTube-Highlightclips seiner bizarrsten Ausraster  in „Vampire's Kiss“ oder „The Wicker Man“ seit Jahr und Tag weismachen wollen. Auch dank des expressiven Überschusses, der seinem großflächigen, eigentlich grundgütigen Gesicht entströmt, hat er für so unterschiedliche Regisseure wie David Lynch, Joel Coen, John Woo und Martin Scorsese vor der Kamera gestanden – von den mit seinem Onkel Francis Ford Coppola gedrehten, würdevoll gealterten Frühwerken wie „Rumble Fish“ und „Peggy Sue hat geheiratet“ gar nicht zu reden. Ob Road Movies, Action- und Katastrophenfilme oder Liebesdramen: kein Genre ist Cage fremd.


Der Schauspiel-Schamane

Doch auch Wohlmeinenden fällt auf: Wählerisch scheint er nicht gerade zu sein. Seit „Weather Man“ (2005), der ihm auf den Leib geschrieben schien, wenn er vor dem Blue Screen tänzelnd das Wetter vorhersagt, hat er seine unverkennbare Visage für fast 40 Filme zur Verfügung gestellt. Davon war, von David Gordon Greens Südstaatendrama „Joe“ einmal abgesehen (in dem Cage einen Ex-Knastinsasse spielt, der sich mit einem vernachlässigten Jungen anfreundet) eine einzige Arbeit bemerkenswert: In Werner Herzogs Remake von Abel Ferraras „Bad Lieutenant“ spielt Cage einen drogensüchtigen Cop, der im New Orleans der Post-Katrina-Zeit ein Massaker an senegalesischen Einwanderern aufzudecken versucht. Herzog hatte das Original nicht einmal gesehen, doch passte der gewohnt hyperaktive Cage ideal in den atmosphärischen, wenngleich nicht durchgängig schlüssigen Film.

In den übrigen Filmen, die Cage seit 2005 wie am Fließband drehte, war man höchstens gespannt, welches exotische Haarteil („Bangkok Dangerous“, „Arsenal“) er tragen würde oder in welcher Uniform er die aktuellste Katastrophe erleben musste („USS Indianapolis“). Eine der typischen, nicht einmal schlechtesten Rollen dieser bleiernen Schaffensperiode war in „Knowing“ die des Astrophysikers John, der seine Uni-Vorlesungen mit Kalenderweisheiten über Vorsehung und Zufall würzt: Er hat - natürlich - seine Frau bei einem tragischen Unglück verloren und kümmert sich liebevoll um seinen Sohn. Als dieser in seiner Grundschule nach dem Bergen einer vor 50 Jahren eingebuddelten Zeitkapsel rätselhafte Zahlenreihen einer damaligen Schülerin in die Finger bekommt, bemerkt John, dass diese Reihen Katastrophen prophezeien. Er versucht sie aufzuhalten, seine Umgebung wachzurütteln, doch bald wird er Zeuge der ersten Desaster.

An einer Unglücksstelle schreit er flüchtende Opfer wahllos an, obwohl er ihnen doch helfen wollte. Cage hat diesen hyperaktiven Schauspielstil einmal als „Nouveau Shamanic“ beschrieben. Es ist schließlich nicht so, dass er sich seines Wahnsinns nicht bewusst wäre.

Ein Mann beim Ausrasten: Nicolas Cage in "Army of One"
Ein Mann beim Ausrasten: Nicolas Cage in "Army of One"

Es gibt andere Schauspieler wie John Cusack oder Robert de Niro, deren Filmografie sich in den letzten Jahren ähnlich desaströs liest. Doch nur Cage wird dafür offen verspottet. Dabei liegt das Problem der Filme, in denen der „Oscar“-Preisträger von 1995 („Leaving Las Vegas“) gerne Augen und Nasenlöcher weit aufreißt, vor allem an ihrer fantasielosen Inszenierung. Ein Schauspieler, der einen vollkommen unsinnigen Text vorträgt, wirkt wie ein unbegabter Schauspieler. Oder unfreiwillig komisch, um eine Phrase zu dreschen. Würde man Cage aus Filmen wie „Ghost Rider“ oder „Duell der Magier“ herausfiltern, stünde einem deren Grauen noch viel unverstellter vor Augen. Die permanente Ungleichzeitigkeit von Cages innerer Verfassung, seinem Gesichtsausdruck und äußeren Umständen macht diese Filme nahezu erträglich. Wie andere vor ihm dreht Cage Filme nicht nur aus Liebe zur Kunst. Auch seine chronische, dem Kauf von Moselschlössern und dem Verschleiß an Gattinnen geschuldete Geldnot treibt ihn ans Set.

In dem psychedelischen Rache-Trip „Mandy“ von Panos Cosmatos vermag Nicolas Cage seine Erscheinung endlich einmal wieder sinnvoll einzusetzen. Als Red Miller rächt er seine Freundin, mit der er Anfang der 1980er-Jahre in einem Holzhaus fernab der Zivilisation lebt. Er fällt Bäume, sie malt Bilder, düstere Bilder – bis ein fahler Sektenführer Mandy entführt. Der farbenprächtige Film nutzt Cages ausladende Backenknochen, um die Stadien seiner Verwandlung auszuleuchten. Auf Trauer folgt Wut, schließlich der Exzess.

"Mandy"
"Mandy"


Wenn Cage seinen natürlichen Wahnsinn nutzbar macht, ist er am besten

Nicolas Cage war nicht immer der schauspielerische Vielfraß, als der er heute gilt. Seine erste wirkliche Rolle (die allererste zeigt ihn beim Wenden eines Spiegeleies im High-School-Film „Fast Times at Ridgemont High“/„Ich glaub' ich steh im Wald) war Smokey in „Rumble Fish“. Zwar steht dieses in Schwarz-Weiß gedrehte Gangsterdrama im Zeichen zweier von den ebenfalls blutjungen Matt Dillon und Mickey Rourke gespielten Brüder. Doch als Aufschneider Smokey bietet Cage eine solide Performance. Neben dramatischen Rollen wie im Antikriegsdrama „Birdy“ neben Matthew Modine hielten die 1980-Jahre in „Mondsüchtig“ (als Bäcker an der Seite von Cher) und „Arizona Junior“ (als Kleinkrimineller neben Holly Hunter) auch komödiantische Parts für ihn parat. In David Lynchs „Wild at Heart“ harmoniert er sehr gut als Outlaw Sailor mit Laura Dern, die ein ähnlich markantes Gesicht hat und ebenfalls einen Schlag ins Wahnsinnige in sich birgt. In diesem für Lynchs Verhältnisse geradlinigen Road Movie bewies Cage zum ersten Mal seine Begabung fürs Diabolische.

"Wild at Heart"
"Wild at Heart"

Wenn Nicolas Cage seinen natürlichen Wahnsinn nutzbar macht, ist er am besten. Daher ist der Actionfilm der natürliche Lebensraum des Schauspielers. Seinen Höhepunkt markierte der mit etwas Science Fiction angereicherte "Face/Off –Im Körper des Feindes", in dem er sich ein Fernduell mit John Travolta liefert. Obwohl nicht ohne bizarre Übertreibungen - man denke an seinen Auftritt als lüsterner Pfarrer mit weit aufgerissenen Nüstern im Vorspann – lieferte Cage als Castor Troy seinen bislang stärksten Bad Guy ab. Reizvoll war besonders, dass sowohl Cage als auch Travolta (auch er nicht gerade ein wählerischer Mime) durch den plotbedingten Gesichtstausch Held und Bösewicht in ein und demselben Film spielen konnten.


Der verhinderte Superman

Die Filmgeschichte ist nicht zuletzt auch eine Geschichte der versäumten Filme: Projekte, die nie zustande kamen. Jodorowskys „Dune“ ist so ein Fall, manches von Orson Welles, oder ein immer wieder erträumtes Comeback von Greta Garbo nach ihrem abrupten Karriere-Ende Anfang der 1940er-Jahre. Auch Nicolas Cage hat sich in die Apokryphen der Filmgeschichte eingeschrieben – auf YouTube kursieren die Probeaufnahmen von „Superman“ Mitte der 1990er-Jahre. Einen überdrehten Weltenretter zu spielen hätte sehr gut zu ihm gepasst und wäre gewiss nicht so öde geraten wie die Comicheldenaufgüsse der letzten Jahre.

Anfang der Nullerjahre waren die unzuverlässig erzählten „Mindfuck Movies“ noch in Mode. Cages einziger Ausflug in diese Welt in Spike Jonze's „Adaption“ war die Rolle der Zwillinge Kaufman. Das war schön anzusehen, doch passt all das dem Gerne innewohnenden Distanzierte, Unernste, Selbstironische eigentlich nicht zu Cages direkter Art. Daran herrschte freilich kein Mangel in „8 Millimeter“ – als dauerergriffener Privatdetektiv spürt er einem auf Super 8 festgehaltenen Mord nach – oder in „Lord of War: Als Waffenschieber Orlov handelt er mit Despoten auf der ganzen Welt – und vermag sich gleichzeitig aus allem herauszuhalten. Eine ziemlich souveräne Rolle, wenngleich man dem Werk von Andrew Niccol gelegentlich vorwarf, den Dealer zu glorifizieren.

Eine von Cages stärksten Figuren ist die des Sanitäters Frank Pierce in „Bringing Out The Dead“ von Martin Scorsese. Franks nächtliche Einsätze führen ihn durch Manhattans „Hell's Kitchen“, dessen von der Gesellschaft ausgestoßene Bewohner in die Fänge der Droge Red Death geraten sind. Cage nimmt sich zunächst sehr zurück in diesem deprimierend-romantischen Stadtporträt. Der nie verwundene Tod eines Mädchens, eine durch Medikamentensucht verstärkte Rastlosigkeit – alles was in späteren Filmen in Cages Rollenprofil zur Parodie verkam, wirkt hier originell und eindringlich.

"Bringing Out the Dead"
"Bringing Out the Dead"

Im klassischen Hollywood legte man die großen Darsteller auf einen bestimmten Rollentyp fest. Sie waren sehr gut bezahlte Arbeiter, die einen Job zu erledigen und ein Image zu bedienen hatten. Es gab wortkarge Westernhelden wie John Wayne, leichtfüßige Charmeure wie Cary Grant und steife Ehrenmänner wie James Stewart. Wer sie in einer neuen Rolle sah, erkannte immer auch sogleich die Star-Persona dahinter. Das in den 1950er-Jahren aufkommende Method Acting brach diese Festlegung auf. Marlon Brando, Al Pacino und ihre Nachfolger gestalteten ihre Karrieren als Folge immer neuer Verwandlungen, bei denen man hinter den Rollen den Schauspieler völlig vergessen sollte. Nicolas Cage ist eine verwegene Kreuzung aus beiden Prinzipien. In „Bad Lieutenantfragt er zugedröhnt, auf einen Schreibtisch weisend: „Was haben die Leguane hier zu suchen?“ Cage selbst ist ein Chamäleon – dem doch bei jedem Farbwechsel noch eine Dosis Wahnsinn in den Hornschuppen liegt.



Nicolas Cage – Neu auf DVD/BD:

Mom and Dad (erschienen am 20.9.; Anbieter: KSM)

The Watcher – Willkommen im Motor Way Motel (erschienen am 18.10., Anbieter: Concorde)

211 – Cops Under Fire (erschienen am 23.10.; Anbieter: EuroVideo)


Nicolas Cage - Aktuell im Kino:

Mandy (erscheint ab 22.11. auch auf DVD/BD; Anbieter: Koch Media)

"211 - Cops Under Fire"
"211 - Cops Under Fire"


Fotos: Koch Media; Splendid; Universal; Touchstone; EuroVideo

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