Laudatio auf Werner Ruzicka

Pepe Danquart über einen Advokaten des Dokumentarischen, der als langjähriger Leiter den Duisburger Filmtagen ein unverwechselbares Profil gegeben hat

Diskussion

Eine Ära geht zu Ende: Nach den 42. Duisburger Filmtagen (5.-11.11.) verabschiedet sich deren langjähriger Leiter Werner Ruzicka, der wie kein anderer in Deutschland für die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Dokumentarfilm steht. Eine Würdigung des unbeirrbaren Festivalleiters, der mit geschliffenen Bonmots und geistiger Präzision das Sprechen über Film geadelt hat.


Die im Verband der deutschen Filmkritik versammelten Filmkritiker haben in diesem Jahr ihren Ehrenpreis an einen Menschen verliehen, der zwar auch vier Filme in seiner Biografie vermerkt hat, aber dessen Tätigkeit eher eine performative ist: seine über vier Jahrzehnte währende Anstrengung, dem Dokumentarischen einen Ort zu verschaffen, der das Sprechen über Film ebenso ernst nimmt wie das Bewegbild selbst.

Inmitten des Ruhrgebiets, bei der Duisburger Filmwoche, der Herbstsonate gegen das Verblöden, dem Novemberlied der Vielfalt, fand er seine Berufung. Seit 1985 leitet Werner Ruzicka dieses Festival für den deutschsprachigen Dokumentarfilm und prägte es maßgebend. So ist eine Würdigung seiner Person zugleich auch eine Würdigung seines Festivals. Natürlich sind es viele, die es möglich machten, dass dieses Festival seit 42 Jahren jährlich stattfindet, finanziell, durch aktive Mitarbeit, durch die Partizipation der Filmemacher, Autoren und Referenten – aber es gibt eben nur eine Konstante: Werner Ruzicka.



„Berlin kann jeder, aber Duisburg muss man wollen“, lautet eine Überschrift in dem vom Festival 2017 herausgegebenen Buch „Aussichten. Öffentliches Reden über Dokumentarfilm“. Denn die Beibehaltung des Anspruches, Raum für reflektiertes Sprechen (über den Dokumentarfilm) zu schaffen, keine Parallelvorführungen zuzulassen, die sorgfältig kuratierte Auswahl jenseits des „Mainstreams“ oder vordergründig populären Dokumentarfilms macht das Festival sperriger, weniger leicht konsumierbar, anstrengend im Sinne der eingeforderten aktiven Partizipation der Teilnehmenden. Für Ruzicka, als wichtigster Entscheidungsträger der Festivalstruktur, war dies stets mehr Ansporn als Abschreckung.

Seine Weigerung, mit der Duisburger Filmwoche die zunehmende Verflachung von Festivals mit Parallelveranstaltungen und Markteinführungen mitzumachen, nur um durch bloße Akkumulation von Programreihen dessen Wichtigkeit zu unterstreichen, war bald schon eine Geste des Widerstands. Es war das hartnäckige Festhalten am Grundsatz, dass das Sprechen über Film einen mindestens so großen Stellenwert besitzt wie das Schauen der Filme.

Diese Widerstandsgeste, mit dieser oberflächlich gesehen konservativen Haltung, den oberflächlichen Trend des im Pasolini’schen Sinne reinen und zerstörerischen Konsumismus nicht mitzumachen, war auch für Ruzicka nicht immer einfach durchzuhalten. Es gab die Zeit der Stigmatisierung, als altmodisch zu gelten, zu einem intellektuellen retro-realistischen Klassentreffen einiger weniger zu verkommen, als ein in die Bedeutungslosigkeit fallenes Festival verrufen zu werden. Die Redakteure blieben weg. Die Kritiker auch. Bis man entdeckte, dass das Konzeptionelle hier zwischen den zerfallenen Häuserfassaden im depressiven Duisburger Novemberregen einen Mehrwert besitzt, nämlich den, sich der durch die globalisierte Konsumindustrie gleichgeschalteten Methodik und Wunschproduktion zu widersetzen, und dass das „zwischen den Stühlen sitzen“, das Subversive und das Exzentrische in der (Film)Kunst und seiner Präsentation ein Modell des Widerstandes ist.

Wie in der berühmten Allegorie des rückblickenden Engels bei Benjamin, die von vielen seiner Zeitgenossen nicht verstanden wurde, weil Benjamins Auffassung von Geschichte eine exzentrische war. Und so kamen sie dann doch wieder. Bis heute nur wenig Redakteure, dafür aber viele junge Menschen, meist von den Hochschulen des Landes, aber auch Kritiker, die das Festival und seine Filme wieder hinaustragen in jene Welt, die Duisburg im November nicht kennt.

So war das Konservieren des zu Bewahrenden, dass das Sehen von Filmen das Denken anregt und dann im gemeinsamen öffentlichen Reden verfertigt wird, die wohl glücklichste oder weiseste Entscheidung, die Werner Ruzicka und das Festival in den letzten 42 Jahren getroffen haben.

Eine typische Duisburger Szene: ein Podiumsgespräch von Ruzicka und Ruth Beckermann
Eine typische Duisburger Szene: ein Podiumsgespräch von Ruzicka und Ruth Beckermann

Vor einiger Zeit hat mir Antje Ehmann eine alte Festschrift zum 30-jährigen Festivaljubiläum in die Hand gedrückt, in der Harun Farocki, der das Festival 1974 zum ersten Mal besuchte, geschrieben hat: „Seit 1986 bin ich fast jedes Jahr auf der Filmwoche gewesen. Stets nur ein paar Tage, stets zur gleichen Jahreszeit, immer wieder die Begegnung mit den gleichen Leuten. Ein Stück Parallel-Leben, eine Zeitraffer Erfahrung. Wegen der Zeitsprünge zwischen den Duisburg Aufenthalten nehme ich besonders deutlich wahr, was sich so änderte, wie Marx verschwand und Foucault kam, auch den Wechsel der Frisuren. Manche gaben die Geste der Aufsässigkeit auf dem Kopf ganz auf, andere passten sich den angebotenen Moderichtungen an.“

Werner Ruzicka blieb auch in dieser Frage konsequent. Nur sprachlich eloquenter als Rod Stewart. Mit Verve und vielen Fremdwörtern. Als ich als junger Mensch nach Duisburg kam, damals in den frühen 1980er-Jahren, noch als Mitglied der Medienwerkstatt Freiburg, selbstverliebt und präpotent im Schutz des Kollektivs, brachte ich immer ein kleines Büchlein mit, um mir die unbekannten Begriffe der intellektuellen Debatte über Film zu notieren.

Noch heute stehen Kino und Diskussionsraum in Opposition, schreibt Ruzicka im Vorwort zu „Aussichten“, zählen also zu jener Ambivalenz, die Foucault mit dem Begriff der Heterotopie beschrieb; sind gewissermaßen Orte außerhalb der Orte mit einer eigenen, gestauchten und expandierten Zeitstruktur. „Heterotopie“ hätte ich mir damals auch aufgeschrieben.

Dieses Suchen nach Begrifflichkeiten, Ruzicka nennt es Arbeit am Begriff, ist die kritische Loyalität der Nachempfindung, mit welchem der Widerspruch zwischen Kinosaal und Diskussionsraum, der Unmittelbarkeit der Bilder in die Mittelbarkeit der Beschreibung wechselt. Werner Ruzicka beherrscht dies wie kein anderer. Er führt das Gesehene zielsicher auf relevantes Diskussionsniveau, benennt dabei oft gedankliche Aspekte oder neue Themenfelder, die nicht vordergründig sichtbar waren beim Schauen des Films, die er aber im Fundus seines Wissens über Film nicht übersehen konnte. Eine Qualität, die eine Debatte zum Besten stimuliert, oft als Einstieg in den Wettstreit der Anwesenden zum kritischen Diskurs und der Arbeit an der begrifflichen Genauigkeit beim Sprechen über das Gesehene.

Michael Glawogger schrieb zum Stil der Duisburger Debatte: „Die Diskussionen, die ich beim Duisburger Filmfestival erlebte, waren Kunstwerke, Kriegskunst-Werke mitunter. Florettgefechte mit feinster Klinge, Duelle mit kundigen Sekundanten, Schlagabtausche mit alten Handfeuerwaffen. Manchmal sah man auch ganze Kavallerien gegeneinander stürmen, und Jagdbomber zogen wild ratternd ihre Runden über einen wortgewaltigen Himmel“!

Gestritten wird immer noch in Duisburg. Die einen mit ihren dritten Zähnen, andere haben gerade ihre letzten Milchzähne verloren, und der Rest debattiert fröhlich trinkend mit, ergänzte damals mein Bruder Didi.

Warum Werner Ruzicka nie lange Texte verfasste, sich nicht als Theoretiker in den wissenschaftlichen Diskurs des Ästhetischen einmischte, habe ich nie verstanden. Ich empfand das immer als Verlust, auch wenn es nachvollziehbar war. Ich habe Ruzicka als einen Intellektuellen wahrgenommen, der keine wissenschaftliche Karriere anstrebte, kein praktizierender Theoretiker werden wollte, obwohl er alles „drauf“ hatte. Wenn er argumentierte – und er tut es bekannterweise heute immer noch –, war dies nie leeres Gerede, immer fundiertes Wissen. Er ist ein „Studium Generale“-Typ mit klarem Schwerpunkt. Der alles las, was sein Wissen zum dokumentarischen Film komplettierte, der die Kinobücher von Gilles Deleuze als einer der ersten studierte und in den dokumentarischen Diskussionsraum einbrachte. In Duisburg. Nicht an der Universität. Im Kinosaal der Filmwoche. Dort, wo er fokussiert seine Arbeit machte und seine Berufung fand. Wo er zum Advokaten des Dokumentarischen wurde, wo er unermüdlich auf der Suche nach interessanten Geschichten war und ist.



Es sei die Frage erlaubt, warum er sich nie dem Spielfilm zuwandte. Auch wenn er sich im deutschsprachigen Inszenierungsfilm durchaus auskannte, ihn aufmerksam verfolgte, genau registrierte, wer was machte, war es doch nie sein „Ding“; er behielt seine Ressentiments gegenüber dem klassischen Spielfilm. Ruzicka war nun mal mehr am dokumentarischen Gestus, an der Wahrhaftigkeit in der Darstellung von Wirklichkeit interessiert. Ganz und gar nicht dogmatisch, was dessen Form angeht. Welches Festival oder welcher Festivalleiter hätte es sonst gewagt, einen Film von James Benning – im Jahr 2009 mit dem Titel „Ruhr“ – als Eröffnungsfilm zu zeigen? In einer Veranstaltung, in der die Honoratioren, Sponsoren und das Rote-Teppich-Publikum bedient werden müssen. Wo man sich normalerweise geschmeidig am Gängig-Unterhaltsamen erfreut und eher leichte Kost konsumieren möchte, um auf der Party noch Appetit für das Fingerfood aufzubringen. Das aber ist Ruzickas Sache nicht. Nie gewesen. Er blieb ein Kämpfer für das produktiv Streitbare, der sich für jede öffentliche Debatte einsetzt. Auch am Eröffnungsabend.

Auch in der Frage der Verortung des Dokumentarischen, bei der Frage, was denn ein Dokumentarfilm eigentlich sei, hat er immer Größe bewiesen und Mischformen in seinem Programm zugelassen. Noch fast jedes Jahr wurde er befragt, warum denn dieser oder jener Film auf einem dokumentarischen Filmfestival laufe, der sei doch komplett durchinszeniert. Ruzicka reagiert darauf immer prompt und stellte einmal kess in den Raum: „Dokumentarfilm ist, was ein Dokumentarfilmfestival einlädt!“

Im Protokoll der Duisburger Diskussionen ist nachzulesen, dass Ruzicka nach dieser prägnanten Bemerkung allerdings weiter ausführte, dass der fragliche Film in seinem Duktus eine dokumentarische Einheit bilde. Für ihn sei dieser Film, es handelte sich um „Finale Stage“ von Nicolaas Schmidt, eine Topographie des Realen und in seiner Verlangsamung ein Moment der Verfremdung, ein Sehgenuss, der für ihn fast bis zur Trance reiche. Es sei ihm wichtig, in solche Bereiche vorzudringen, betonte Ruzicka. „Final Stage“ ließe sich nicht eindeutig zuordnen.

Diese Auslegung verdeutlicht, wie geistreich und undogmatisch Ruzicka das Programm über die Jahre verantwortlich gestaltete, wie er immer auch eine Stimmung der Festlichkeit erzeugen konnte, trotz der knappen Mittel im tristen Ruhrgebiets November.

Er war als Festivalleiter auch einer der ersten, der das Festival in den 1970er-/1980er-Jahren für das neue Medium Video öffnete. So konnten wir mit der Medienwerkstatt Freiburg und den politischen Videos aus der 1980er-Jahre-Bewegung in den Diskurs des Dokumentarischen einsteigen, der bis dahin durch die Generation vor uns bestimmt war, durch Filmkünstler und Dokumentaristen wie Harun Farocki, Hartmut Bitomski, Thomas Giefer, Klaus Kreimeier und Klaus Wildenhahn, Günter Hörmann, Rolf Schübel und viele mehr.

Für Bewegungsaktivisten wie uns, die mit dem neuen Medium im Umfeld der Hausbesetzungen politisch spielten, dem ökologischen Widerstand die notwendigen Bilder lieferten, die technisch experimentierten und dem überkommenen Fernsehdokumentarismus die Stirn boten, war das wichtig. Wir lernten viel auf diesem Festival. So wurde Duisburg für mich zur Filmschule, die ich als Autodidakt nie besucht hatte. Die Offenheit ihres Leiters in Person von Werner Ruzicka machte es möglich. Später war ich dann über Jahre Mitglied der Programmauswahl und intensivierte meine Kenntnisse – auch über Werner Ruzicka.

Folgende Bonmots benennen vielleicht mehr als ein ausführlicher Prosatext seine sprachliche Virtuosität und Schlagfertigkeit im Umgang mit der öffentlichen Meinung wider und charakterisieren ihn als einen „Blitz-Schachspieler im Wortgefecht“. So antwortete er auf die Frage eines Filmjournalisten, was er gerne sein wollte, wenn er nicht der wäre, der er ist, mit der simplen Antwort: „Ein Röslein“. Sein größtes Unglück wäre „Taubheit“ und gleich groß wäre: „alles zu wissen“. Die Berufskrankheit seiner Profession fasste er in einem Wort zusammen: „Schlaumeierei“ – aber das sei vielleicht eher ein Modus als ein Morbus. Ein verschmitzter, schlauer Gesprächspartner (für Journalisten und Kritiker), der immer sein Geld wert war, das sie mit ihm verdienten, wenn sie seine kurzen und intelligenten Ausführungen druckten oder zur Grundlage ihres Artikels nahmen.

Auch wenn er nie eine wissenschaftliche Karriere anstrebte, so lehrte er doch an Universitäten, vornehmlich an Film- und Kunsthochschulen, reiste als Experte des Dokumentarischen um die Welt, hielt Vorträge und moderierte Podiumsdiskussionen mit seiner unvergleichlichen Art. Hier in Deutschland ist er regelmäßig in München an der HFF und auch an der HFBK in Hamburg. Dort hat er einen Lehrauftrag, veranstaltet jedes Jahr ein sehr spezielles Seminar. Es ist wie ein Nachatmen des Festivals selbst, wenn man daran teilnimmt. Genaueste Analyse mit seinem sehr spezifischen Blick und Wissen. Getragen von seinem Erkenntnisinteresse am Besonderen der jeweiligen Filme, die er mitbringt, seine Hinweise auf das nicht Vordergründige, das leicht Übersehbare, auf das noch nie Gesehene bei diesem oder jenen oft gesehenen Film. Er spricht über Körper, filmische Körper, den dokumentarischen Gestus bei den Protagonisten und über Musik. Werner Ruzicka begeistert mit seinem Charme, seinem performativen Vermögen und seinem Humor wie kein anderer junge Menschen für dieses Genre. Bedenkt man die geistige und finanzielle Lage des Dokumentarfilms in diesem Land, ist das keine Selbstverständlichkeit.

Es gäbe noch viel zu sagen über Werner Ruzicka, doch ich vermute, ich habe meine Zeit bereits überschritten. Kommen Sie bei der nächsten Filmwoche im regnerischen Duisburg doch vorbei, die seine letzte als Festivalleiter sein wird, um der Film interessierten Welt zu verkünden, das eine Ära zu Ende geht: die des Festivalleiters Werner Ruzicka, dem ich an dieser Stelle zum Ehrenpreis der deutschen Filmkritik herzlich gratuliere.



Der Text ist die leicht gekürzte Laudatio des Dokumentarfilmers Pepe Danquart anlässlich der Verleihung des Ehrenpreises der deutschen Filmkritik an Werner Ruzicka.

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