Paul Schrader und „Dying of the Light“

Freitag, 09.11.2018

Ein Essay über das Spätwerk von Paul Schrader als Ausdruck postkinematografischer Strategien der Präsentation

Diskussion

Dem Filmemacher Paul Schrader wurde bei seinem Film „Dying of the Light“ (2014) der finale Schnitt verweigert; aus Videomaterial erstellte er eine eigene Fassung, die unter dem Titel „Dark“ eine unfertige, aber faszinierende Eigenständigkeit verrät. Lukas Foerster hat die Sichtung dieses „untoten Films“ zu einem Essay inspiriert, der von dem Ausbruch aus der filmemacherischen Routine zu einer Gesamtsicht auf das Spätwerk von Schrader ausholt, das auf je eigene Art von der Ära der Postkinematografie geprägt ist.


Das Harry Ransom Center ist ein großes, schönes, modernistisch anmutendes Gebäude am Rand des Campusgeländes der University of Texas at Austin. Die jugendliche Betriebsamkeit, die das Unigelände sonst fest im Griff hat, weicht, wenn man die Türen des Centers öffnet, sofort einer Atmosphäre der Vergeistigung und fast schon zeremoniellen Konzentration. Beherbergt sind hier ein Archiv, eine Bibliothek und ein Museum. Die wissenschaftliche Aktivität dreht sich hauptsächlich um eine Reihe von umfangreichen Sammlungen aus ganz unterschiedlichen Bereichen künstlerischer Aktivität; unter anderem sind Originalmanuskripte von Edgar Allan Poe und der Nachlass des legendären Hollywoodproduzenten David Selznick eingelagert. Das Archiv ist öffentlich und kostenfrei zugänglich, allerdings muss man sich, wenn man es nutzen möchte, zunächst einen Lehrfilm ansehen, der die Ausleih- und Benutzermodalitäten erläutert und einem unter anderem erklärt, dass gebundene Bücher im Lesesaal nur mithilfe eines Stützkissens geöffnet werden dürfen.

Auch sonst ist alles – wie in jedem Archiv, das etwas auf sich hält – exakt reglementiert: Einen Laptop darf ich in den Lesesaal mitnehmen, Papier und Schreibwerkzeug nicht. Fotografieren darf ich, aber nur ohne Blitz. Absolute Ruhe ist ohnehin geboten. Eine Tür im Lesesaal führt in den Jeffrey-Selznick-Room: ein kleines, schalldicht abgeriegeltes Zimmer, das lediglich einen Tisch, ein paar Stühle und einen Fernsehapparat enthält. Hier kann das im Harry-Ransom-Center eingelagerte Videomaterial gesichtet werden. Unter anderem, darum bin ich hier, der Film „Dark“ von Paul Schrader.


Dying of the Weltordnung

„Dark“ ist, je nach Sichtweise, eine alternative Schnittfassung von „Dying of the Light“, eines 2014 veröffentlichten Schrader-Films; oder, so möchte der Regisseur selbst es verstanden wissen, ein eigenständiges, neues Werk. Entstanden ist „Dark“ in Folge einer Auseinandersetzung Schraders mit den Produzenten von „Dying of the Light“. Die hatten ihm das Projekt, nachdem ihnen eine Preview-Version missfallen hatte, im Schnitt entrissen und allerlei Änderungen vorgenommen, die in der Summe den Regisseur dermaßen frustriert hatten, dass er sich nicht nur in Interviews von der Release-Version distanzierte, sondern außerdem im Jahr 2017 den Versuch unternommen hat, sich mit ein wenig Abstand und neuen Ideen im Kopf noch einmal dem Material zuzuwenden.

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Ich gehöre zu den recht wenigen, denen selbst die von den Produzenten verhackstückte Version des Films gar nicht so schlecht gefällt. Sicher, „Dying of the Light“ hat jede Menge Probleme, ein enttäuschend flaues Produktionsdesign vor allem, die Musik ist größtenteils fürchterlich generisch und das Ende – eine Vollstreckungsfantasie, die das vorher ambivalent bleibende Verhältnis zwischen dem Terroristen Muhammad Banir (Alexander Karim) und dem CIA-Agenten Evan Lake (Nicolas Cage), der ihn jagt, auf plumpe Art vereindeutigt – in seiner gedankenlosen Willkür zum Davonlaufen. Aber all das kann nicht davon ablenken, dass der Film einen hochgradig faszinierenden Kern besitzt: „Dying of the Light“ handelt nicht nur vom Duell zweier Männer, die unterschiedlichen politischen Lagern angehören, sondern auch von der Konfrontation, beziehungsweise Verschaltung zweier Krankheiten: Lake, ein vom von George W. Bush ausgerufenen Kampf gegen den Terrorismus besessener Einzelgänger, der von seinen Vorgesetzten aufs Abstellgleis geschoben wurde, wird zu Filmbeginn mit einer auf Dauer tödlichen Form von Demenz diagnostiziert, der religiöse Extremist Banir leidet an Thalassämie, einer Blutkrankheit.

Man könnte auch sagen: „Dying of the Light“ lässt eine „neocon disease of the brain“ gegen eine „islamist disease of the blood“ antreten – gemeinsam ergibt sich daraus eine kategorisch unkurierbare Generalkrankheit, die eine gesamte geostrategische Ordnung erfasst hat, das Amerika der Post-George-W.-Bush-Ära (Lake schimpft des Öfteren über das „Weichei“ Obama) genauso wie seine terroristischen Gegenspieler. Das ist der spezifische politische Nihilismus des Films: Es geht um zwei Pathologien, die, im Wettlauf mit dem eigenen Tod, die jeweils andere zu zerstören versuchen. Wenn Lake Banir schließlich in dessen Versteck in Mumbasa aufstöbert, fragt der Terrorist ihn: „How are you going to kill me?“ Lake kann nur antworten: „I don’t know.“ Das ist durchaus absurd, weil Lake den gesamten Film über nichts Anderes umgetrieben hatte, als die Aussicht darauf, Banir (der einst, wie Rückblenden zeigen, ihn selbst folterte) zu töten. Wenn er endlich vor seinem Kontrahenten steht, muss er eingestehen, dass er sich über den letzten, entscheidenden Schritt seines Plans keine Gedanken gemacht hat.

Alexander Karim in "Dying of the Light"
Alexander Karim in "Dying of the Light"

Die Hilflosigkeit des amerikanischen Agenten, der, scheinbar am Ziel angekommen, plötzlich mit der Sinnlosigkeit seiner gesamten Mission, eigentlich seiner gesamten Lebensleistung konfrontiert wird, ist ein perfekter Schlusspunkt für den Film. Schon deshalb ist es verständlich, dass Schrader besonders mit dem missratenen Finale (angekündigt wird es durch einen großspurigen, per Helikopterkamera aufgenommenen Establishing Shot; schon da ist klar: ab jetzt ist das nicht mehr Schraders Film) unzufrieden war. Wenn es Lake in der Release-Version doch noch gelingt, sich an Banir zu rächen, bevor sein eigenes Auto frontal in einen Lastwagen kracht, dann wird der Todestrieb im Moment seiner Erfüllung umfunktioniert zur heldenhaften Aufopferung fürs Vaterland. Dadurch verändert sich n

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