Zum Tod des Drehbuchautoren William Goldman (1931-2018)

Ein Nachruf auf den Drehbuchautor und Analysten der Filmbranche

Diskussion

„Nobody knows anything“ – das nüchterne und ernüchternde Urteil am Anfang seines kritischen Hollywood-Buches „Adventures in the Screen Trade“ (1982) hat William Goldman noch mehr zu einer Ausnahmeerscheinung unter den in der Öffentlichkeit meist wenig wahrgenommenen Drehbuchautoren gemacht, als es ihm mit seinen Filmskripts gelungen war. Mit seinem vielzitierten Verdikt zielte Goldman auf eine Entzauberung des Mythos vom planbaren Publikumserfolg, wie ihn gerade die mächtigsten Hollywood-Produzenten seit den Gründungstagen der Filmstudios immer wieder propagiert hatten - und immer noch propagieren. Goldman stellte demgegenüber den Glücksspielcharakter des Filmgeschäfts heraus, der jede Art von sicherer Vorhersage über den Erfolg eines Films unmöglich mache – eine hellsichtige Analyse der Verhältnisse im kommerziellen Kino im völligen Kontrast zu all jenen Drehbuch-Gurus, die in teuren Seminaren und Ratgeber-Büchern weismachen wollen, dass es für den Erfolg an der Kinokasse nur der Beherrschung einiger simpler Formeln bedürfe.

William Goldman erwies sich auch in anderen Sachbüchern als einer der scharfsinnigsten und treffsichersten Beobachter einer Branche, in der er für seine Arbeit als Drehbuchautor ebenso geschätzt wurde wie als „Script-Doctor“, der Verbesserungen an den Entwürfen anderer vornahm. Der 1931 in Illinois geborene Goldman hatte in den 1950er-Jahren als Autor von Romanen Fuß gefasst, die durch ihren Verkaufserfolg auch das Interesse von Filmproduzenten erregten.

Seinen Einstieg als Filmautor erhielt Goldman durch die Vermittlung des ehrgeizigen Schauspielers Cliff Robertson, der sich Mitte der 1960er-Jahre auch als Produzent hervortat und den begabten Dialogschreiber und Spannungsaufbauer für mehrere Projekte engagierte. Beim Skript zur Spionageparodie „Agenten lassen bitten“ (1965) nach einer britischen Romanvorlage passte Goldman Robertsons Dialoge US-amerikanischen Verhältnissen an, für Robertsons „Oscar“-gekrönten Auftritt in „Charly“ (1968) nach der Erzählung „Flowers for Algernon“ lieferte Goldman einen ersten Entwurf. 

Mit dem Krimi „Ein Fall für Harper“ (1966) mit Paul Newman als Privatdetektiv erzielte der Autor einen ersten Achtungserfolg, sodass er ein ehrgeiziges Vorhaben vorantreiben konnte: Nach langer Vorarbeit legte er ein Drehbuch über zwei legendäre Wildwest-Banditen vor, das er kühn mit gewitzten Dialogen und einer Orientierung an der Verspieltheit europäischer Filme der 1960er-Jahre würzte. Für „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ („Zwei Banditen“) erhielt er die seinerzeit einmalige Gage von 400.000 US-Dollar und für den auch beim Publikum erfolgreichsten Film des Jahres 1969 seinen ersten „Oscar“.

Dies katapultierte Goldman in den Status eines hochbegehrten Autoren hinein, der vor allem in den 1970er-Jahren weitere Triumphe feierte. Mit „Sundance Kid“-Darsteller Robert Redford arbeitete er bei der cleveren Gaunerkomödie „Vier schräge Vögel“ (1972), der nostalgischen Flugakrobaten-Saga „Tollkühne Flieger“ (1974), dem Kriegsfilm „Die Brücke von Arnheim“ (1977) und jenem Werk zusammen, das Goldman endgültig zum Star seiner Zunft machte: Seine Adaption des Enthüllungsbuchs „All the President’s Men“ der Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward über die Watergate-Affäre wurde zum ikonischen Meisterwerk des Journalismus- und Politthrillers, für die Verfilmung von Alan J. Pakula strich William Goldman seinen zweiten „Oscar“ ein.

Die Erfolge als Drehbuchautor ließen auch das Interesse der Studios an seinen weiterhin regelmäßig erscheinenden neuen Romanen steigen, die Goldman selbst für die Filme umarbeitete. So erhielt er auch Beachtung für seinen Nazithriller „Der Marathon-Mann“ (1976), den Gruselfilm „Magic“ (1978) um eine mörderische Bauchrednerpuppe und vor allem sein mit hintersinnigem Witz und vielschichtigen Figuren auftrumpfendes Märchen „Die Braut des Prinzen“ (1987).

Die Vielseitigkeit von William Goldmans verschaffte ihm auch in den 1990er-Jahren noch interessante Aufgaben, wobei unter seinen offen genannten Drehbuch-Credits die Stephen-King-Adaption „Misery“ (1990), das Biopic „Chaplin“ (1992) und Clint Eastwoods Einbrecher- und Polit-Krimi „Absolute Power“ (1997) hervorstachen. Geistreich und mitunter durchaus schonungslos blieb er auch im hohen Alter noch ein umworbener Kommentator der Umtriebe und oftmals kopflosen Entscheidungen in Hollywood.

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