Konfetti 30 – Schloss

René Clair gilt als Meister der leichten Komödie, der bravourös mit Schauwerten hantiert. Eine Analyse seiner Kunst am Beispiel von "The Ghost Goes West" (1935)

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Der Franzose René Clair gilt als Meister der leichten Komödie, der bravourös mit Schauwerten hantiert. Lukas Foerster schaut im „Konfetti“-Blog darauf, wie Clair in „The Ghost Goes West“ ein Lichtspektakel im Hintergrund einer Liebesszene nutzt, um seine Kulisse zum Kino-Ort par excellence zu machen.


Kein Filmgenre wird so oft unterschätzt wie die leichte Komödie. Und zwar nicht etwa, weil ihre Komplexitäten und Schönheiten im Verborgenen lägen, sondern, ganz im Gegenteil: weil die leichte Komödie mit ihren Reizen freimütig umgeht, sie direkt an der Oberfläche der Bilder platziert, für alle zugänglich und – als Unterhaltung – genießbar. Das heißt nicht, dass Lustspiele, Schlagerfilme und so weiter nur eine einzige Lesart zuließen. Auch hier gilt: Jede Zuschauerin sieht ihren eigenen Film. Wer aufmerksamer und offenherziger schaut, wird auch im Fall einer leichten Komödie mehr sehen. Aber dieses „mehr“ wird sich nicht grundsätzlich, sondern nur in Details von dem unterscheiden, was alle sehen.

Wie schwer das Leichte es in der cinephilen Kultur hat, zeigt der Fall René Clair: Aufgrund seiner Verbindungen zu den Surrealisten und seiner filmsprachlich innovativen frühen Tonfilme kann man ihm einen Platz im Kanon nicht ganz verwehren. Aber alles, was er nach À nous la liberté (1931) gedreht hat, ist in der Filmgeschichtsschreibung höchstens eine Fußnote wert. Und zwar, weil er sich danach fast ausschließlich der leichten Komödie widmete; genauer gesagt, das kommt verschärfend hinzu, der übernatürlichen leichten Komödie. Auch das Fantastische hat einen schweren Stand im cinephilen Diskurs, vor allem, wenn es nicht als Konfrontation mit einem mysteriösen Anderen oder Ursprünglichen gedacht ist, sondern, wie bei Clair, lediglich eine Methode darstellt, die Welt etwas beweglicher zu machen.

„The Ghost Goes West“ („Ein Gespenst geht nach Amerika“ / „Ein Gespenst geht auf Reisen“, 1935), Clairs erster außerhalb Frankreichs, nämlich in Großbritannien produzierter Film, ist so ein Fall. Da wird alles an der und als Oberfläche verhandelt, aber eben: als eine äußerst bewegliche Oberfläche. Es beginnt als Kostümkomödie über einen leichtlebigen Adligen (Robert Donat), der beim Versuch, das erste Mal in seinem Leben den heroischen Ansprüchen seiner Familie gerecht zu werden, gleich ins Gras beißt – und sich, weil durch sein jämmerliches Dahinscheiden die Familienehre beschmutzt ist, in ein Schlossgespenst verwandelt. Diese alteuropäische, historische Neurose, die in einer Jahrhunderte zurückreichenden Familienfehde wurzelt, wird anschließend mit ein paar eleganten erzählerischen Kunstgriffen erst in die Gegenwart verpflanzt; und dann nach Amerika – und zwar jeweils mitsamt Schloss und Schlossgespenst!

"The Ghost Goes West" von René Clair
"The Ghost Goes West" von René Clair

Dort angekommen, verwandelt sie sich in die nicht in jeder Hinsicht anders geartete Neurose des modernen Konsumkapitalismus. Das alles läuft keineswegs auf Nostalgie, auf die Sehnsucht nach einfacheren, schottischeren Zeiten hinaus; ganz im Gegenteil, nirgendwo fühlen sich Schloss, Schlossgespenst und René Clair so wohl wie in einem Amerika, das freilich seinerseits deutlich erkennbar nur Pappkulisse ist, aufgebaut in den Denham Studios in Buckinghamshire, England.

Besonders begeistert hat mich eine Szene kurz vor Schluss: Das Schloss wird, nach seinem Wiederaufbau durch einen leutseligen Lebensmittelproduzenten (Eugene Pallette), der das Gemäuer vor allem für eine überdimensionierte Werbekampagne benutzen möchte, feierlich eingeweiht. Und zwar mithilfe einer Light-Show, die auch das Dach des Schlosses illuminiert, auf dem sich die beiden Hauptfiguren des Films – der Nachfahre des Schlossgespensts und die Tochter des neuen Besitzers (Jean Parker) – begegnen. Tatsächlich glaubt sie, dass ihr das leibhaftige Gespenst gegenüberstehe, und nur deshalb gesteht sie ihrem Verehrer unfreiwillig ihre Liebe –doch diese romantischen Verwicklungen würden an dieser Stelle zu weit führen.

Mich interessiert stattdessen die erwähnte Light-Show, die dafür sorgt, dass im Verlauf der Szene beide Gesprächspartner von künstlichem Licht umflort werden. Die Scheinwerfer schreiben in rhythmischen Abständen klar abgezirkelte Lichtkegel in das Schwarz der Nacht ein, der Bildeffekt ähnelt eher einer animierten Tapete als einem irgendwie realistischen Beleuchtungsschema. Die Verwandlung ist vollkommen: Das Schloss hat sich von einem historisch verorteten und mit dem Blut von Generationen behafteten Gebäude in ein synthetisches, ornamentales Lichtspektakel verwandelt. In einen reinen Kino-Ort.

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