Im Porträt: Mia Goth

Freitag, 14.12.2018

Über die britische Jungdarstellerin, die 2018 mit ihren Auftritten in Claire Denis’ „High Life“ und Luca Guadagninos „Suspiria“ von sich reden machte

Diskussion

Sie erscheine ihr immer, als wäre sie erst vor einer Minute geboren worden: So charakterisierte Regisseurin Claire Denis Mia Goth, die in ihrem Film „High Life“ mitspielt. Die 1993 geborene Britin gehört zu den Jungdarstellern, die 2018 von sich reden machten – auch dank ihres Auftritts im Remake von „Suspiria“. Dem Typus der Kindfrau gewinnt sie überraschend abgründige Seiten ab.


Die enigmatische Präsenz der britischen Schauspielerin Mia Goth hat niemand besser beschrieben als Claire Denis. In einem Gespräch zwischen Denis und Goth sagt die eine zur anderen: „Mir erscheint es immer, als wärst du erst vor einer Minute geboren worden. Du hast etwas an dir, das nicht gewitzt oder antrainiert ist. Jeden Tag, wenn ich dir begegnet bin, warst du wie neu. Du bist eine geheimnisvolle Person, die in der Nacht verschwindet und am Morgen wiedergeboren wird“.

Mia Goth, eigentlich Mia Gypsy Mello Da Silva, 1993 als Tochter eines kanadischen Vaters und einer brasilianischen Mutter in Southwark, London geboren, wird im Kino das erste Mal in Nymphomaniac (2013) wiedergeboren, Lars von Triers Versuchsanordnung über das sexuelle Leben einer Frau. Einen richtigen Namen hat sie nicht, sie ist einfach nur „P“. Bevor sie in Kapitel 8, „The Gun“, überhaupt erscheint, ist sie zunächst Objekt eines ausführlichen Gesprächs zwischen Joe, der von Charlotte Gainsbourg gespielten weiblichen Hauptfigur, und ihrem kriminellen Auftraggeber.


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Was „P“ da nicht alles sein bzw. werden soll: eine potenzielle Nachfolgerin, rechte Hand, loyale Helferin, eine Kronprinzessin, die für sie (Joe) durchs Feuer gehen würde. Erst dann formt sich in der Beschreibung ein konkretes Bild: 15 Jahre alt, extrem verloren, ein Kind von Kriminellen, der Vater im Knast, die Mutter tot, aber nicht nur das. Ihr rechtes Ohr sei ein wenig deformiert, wofür sie sich sehr schäme. Alles in allem: „P“ sei eine leichte Zielscheibe („an easy target“). Wenn Goth dann zum ersten Mal im Film auftaucht wie frisch ausgeschlüpft – langes blondes Haar, voller Mund, stupsige Nase, riesige, weite Augen mit fast farblosen Wimpern (das Film-Ohr geht eigene, seltsam schiefe Wege) –, findet sich in ihrem Äußeren das Kindchenschema in so übertriebener Form wieder, dass es fast schon wieder ins Fremdartige kippt.


Mehr Manga als klassische Schönheit

In jedem Fall hat ihre Erscheinung mehr mit Manga und Glubschi zu tun – oder nach Luca Guadagnino, für den sie kürzlich in „Suspiria“ mitgewirkt hat: mehr mit der US-Schauspielerin Shelley Duvall als mit einem nur annähernd konformen Weiblichkeitsbild. Ohnehin führt das etwas schwierige, oft sexuell konnotierte Attribut „Unschuld“ mit all seinem schwül-misogynen Beigeschmack bei Goth in die Sackgasse. Zum einen speziell hier, weil „P“ ihren Auftritt als zärtliches, hingebungsvolles und folgsames Wesen damit beendet, dass sie breitbeinig über der zu Boden geprügelten Joe in die Hocke geht, um auf ihre Mentorin und „Mutter“ zu pinkeln. Zum anderen: Keine Kindfrau dieser Welt wurde erst vor einer Minute geboren. Doch im Gegensatz zu den vertrauten Vorlagen wirkt Goth immer ein wenig wie von einer anderen Welt. Ihr seltsam durchscheinendes, gleichermaßen zerbrechliches wie furchtloses Wesen hat fast schon etwas Amphibienhaftes.

Eigentlich ist Mia Goth in Gore Verbinskis "A Cure for Wellness" die bedrohte Unschuld, verleiht der Rolle jedoch etwas latent Beunruhigendes und Unheimliches
Eigentlich ist Mia Goth in Gore Verbinskis "A Cure for Wellness" die bedrohte Unschuld, verleiht der Rolle jedoch etwas latent Beunruhigendes und Unheimliches

Schmale, aber prägnante Filmografie

Die Filmografie der Autodidaktin Mia Goth ist bisher noch überschaubar. Zu „Nymphomaniac“ kommen sechs weitere Spielfilme hinzu, dazwischen finden sich zwei kleine Auftritte in Fernsehserien, etwa in einer Episode von „Kommissar Wallander“, sowie ein Musikvideo der Band Future Unlimited; „Regie“, falls man das so nennen kann, führte dabei Shia LaBeouf. Eine „normale“ Figur hat Goth, deren Name zu naheliegenden Wortspielen einlädt, nie gespielt (die Presse liebt die Analogie zu Gothic und titelte auch schon mal „Oh my Goth“).

Im Kino ist sie weder in bürgerlichen noch in sonstwie halbwegs geordneten Verhältnissen zu Hause. Keiner ihrer bisherigen Filme spielt im Jetzt und Heute – immer herrscht der Ausnahmezustand, und meist ist es bis zum Horror nicht weit. Goth spielte eine Überlebende in Stephen Fingletons ziemlich hässlicher Dystopie „The Survivalist“ (2015), eine Langzeitpatientin einer zwielichtigen Bäderanstalt in Gore Verbinskis schlingerndem Mystery-Thriller A Cure for Wellness (2016), und in dem Horrorfilm Das Geheimnis von Marrowbone (2017) von Sergio G. Sánchez spielt sie eine Überlebende. Aber das nur fürs erste. Mit der Mutter und den drei Brüdern flieht sie vor dem grausamen Vater, einem Serienmörder und Kinderschänder, in ein altes, entlegenes Familienanwesen namens Marrowbone, das bald von dunklen Mächten heimgesucht wird, die sich als ganz und gar nicht geisterhaft entpuppen.

Abgründige Elfe: Mia Goth in "The Survivalist"
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Auf Strafmission ins Schwarze Loch

In Luca Guadagninos Dario-Argento-Remake Suspiria (2018) ist Goth als Tanzstudentin Sara zwar die einzig „nette“ Person in einem Ensemble von obskuren, monströsen, hysterischen und buchstäblich tanzverrückten Frauen, doch im Kreis von Hexen bleibt man nicht lange gesund und körperlich unversehrt. Ihren aktuellsten Auftritt hat Goth in Claire Denis wunderbar hypnotischem Science-Fiction-Film „High Life“, der 2018 auf diversen Festivals zu sehen war und am 14. März 2019 in die deutschen Kinos kommt, wo sie als ein ehemals drogensüchtiges Mädchen namens Boyse zu einer Gruppe von Kriminellen gehört, die auf eine Strafmission zu einem Schwarzen Loch geschickt wurden. Ein weiterer Film mit einem Ensemble voller „unwiderstehlicher und bizarrer Figuren“ befindet sich derzeit in der Vorproduktion. Der Titel: „The Devil All the Time“.



Fotos: (oben: aus "Suspiria"), © Capelight, Fox, Neue Pierrot Le Fou

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