In memoriam Waltraut Pathenheimer

Ein Nachruf auf die DEFA-Filmfotografin (17.2.1932-21.12.2018)

Diskussion

Als im Jahr 2002 der einst verbotene und nunmehr restaurierte DEFA-Film „Die Schönste“ (1957) uraufgeführt wurde, sollten möglichst viele Mitwirkende zur Premiere geladen werden. Natürlich hatten sich, 45 Jahre nach den Dreharbeiten, die Reihen erheblich gelichtet. Doch immerhin kamen mit Gisela May als Hauptdarstellerin und Erich Mehl als westdeutschem Produktionspartner noch zwei der Hauptbeteiligten ins Berliner Kino Babylon. Auch die Filmfotografin Waltraut Pathenheimer hatte damals zum Stab gehört, und weil ich mit der Rekonstruktion des Films und der Vorbereitung der Premiere befasst war, stand auch sie auf meiner Liste.

Frau Pathenheimer wohnte damals in einer kleinen Wohnung im Prenzlauer Berg. Als ich sie besuchte, hatte sie ein paar Szenen- und Arbeitsfotos aus der „Schönsten“ schon für mich vorbereitet. Nur ein paar Erinnerungsstücke, denn sie hatte stets Wert darauf gelegt, ihre Aufnahmen komplett im DEFA-Fotoarchiv zu hinterlegen, nicht bei sich zu Hause. Die DEFA, zu der sie 1950 als 18-Jährige gekommen war, bedeutete für sie so etwas wie ihre Heimstatt. Das Studio als Lebensmittelpunkt, über vierzig Jahre lang, bis zum Ende 1991. Als Abiturientin hatte sie eine Annonce der Babelsberger Fotoabteilung gelesen. Weil sie gern zeichnete und sich für Kunst interessierte, glaubte sie sich dort am rechten Ort. Nach vierjähriger Lehre wusste sie: Sie hatte sich richtig entschieden. Mit der von der Mutter gestifteten Kamera und einem selbst gebauten Stativ trat sie im Sommer 1954 als Standfotografin an, für zunächst 450 Mark Gehalt im Monat. Am Ende ihrer Berufslaufbahn hatte sie für rund 80 Filme die entsprechenden Alben zusammengestellt und dafür rund 32.000 Standfotos ausgewählt.

"Der schweigende Stern"
Ein Filmfoto von Waltraut Pathenheimer zu "Der schweigende Stern"

„DEFA-Pathenheimer“: Das Signum auf der Rückseite der Fotos, übrigens ohne Vornamen, wurde bald zum Qualitätsmerkmal. Waltraut Pathenheimer bereitete sich auf jeden Film penibel vor, las das Drehbuch, war dann schon vor Drehbeginn am Drehort. Ihre Fotos sollten den Geist des Films atmen – und selbst Kunst sein. Bald versicherten sich bedeutende Regisseure ihrer Mitwirkung: Gerhard Klein für „Eine Berliner Romanze“ (1955) und „Berlin– Ecke Schönhauser...“ (1957), Kurt Maetzig für „Der schweigende Stern“ (1960), „Das Kaninchen bin ich“ (1965) und andere, Frank Beyer für „Königskinder“ (1962), „Nackt unter Wölfen“ (1963), „Das Versteck“ (1978) oder „Der Bruch“ (1989), Günter Reisch und Günther Rücker für „Die Verlobte“ (1980).

Waltraut Pathenheimers Fotos, besonders die expressionistischen Schwarz-weiß-Motive, wurden zu Ikonen der DEFA-Geschichte. Armin Mueller-Stahl, mit dem sie bei mehreren Filmen zusammenarbeitete, schrieb über sie: „Ungeachtet der zum Teil außergewöhnlichen Bildästhetik wirkt die Umsetzung nie formal, sondern geht immer vom Inhalt der jeweiligen Szene und den handelnden Charakteren aus. Wegen dieser Empathie und des großen gestalterischen Könnens haben die Bilder bis heute nichts von ihrer Intensität verloren.“

Der Kameramann Dieter Chill, der 2016 gemeinsam mit Anna Luise Kiss das schöne Buch „Pathenheimer: Filmfotografin“ (Ch. Links Verlag Berlin) herausgegeben hat, beschreibt darin in einem Text, wie sich die Praxis der Filmfotografie im Lauf der Jahrzehnte auch für Waltraut Pathenheimer wandelte: von gebauten und gestellten, stets der Szene folgenden, aber eigenständig gestalteten, berechenbaren Stativ-Aufnahmen hin zu gleichsam dokumentarischen Aktionsaufnahmen, die „dank präziser Beobachtungsgabe und reflexhafter Schnelligkeit“ brillant gelangen. Gemeint sind damit vor allem die Fotos von DEFA-Indianerfilmen wie „Chingachgook, die große Schlange“ (1967) und „Spur des Falken“ (1968), die nicht zuletzt dazu beitrugen, den Hauptdarsteller Gojko Mitic berühmt werden zu lassen.


"Chingachgook, die Große Schlange"
"Chingachgook, die Große Schlange"

Waltraut Pathenheimer war Standfotografin von Jürgen Böttchers Verbotsfilm „Jahrgang 45“ (1966); im letzten DEFA-Jahrzehnt arbeitete sie mit Herrmann Zschoche, Roland Gräf, Jürgen Brauer, Lothar Warneke, Siegfried Kühn. Als Übersetzerin der Intentionen von Drehbuch und Regie ins Medium Filmfotografie galt sie als die Beste. Und alles analog!

Ins Kino Babylon, zur Premiere von „Die Schönste“, kam sie dann leider doch nicht. Das Ende der DEFA hatte sie hart getroffen; den Vorruhestand, in den sie geschickt worden war, empfand sie als Beleidigung. Sie verkaufte ihre Fotoausrüstung und fotografierte nie mehr wieder. Eine verspätete DEFA-Premiere mitzuerleben, hätte zu vieles aufgerührt, was sie unter Schmerzen in den Hinterzimmern der Erinnerung abgelegt hatte. Waltraut Pathenheimer starb am 21. Dezember 2018 in Berlin.


Fotos: © DEFA-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

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