Interview mit Nadine Labaki zu „Capernaum“

Ein Gespräch mit der libanesischen Filmemacherin Nadine Labaki über ihren Film „Capernaum – Stadt der Hoffnung“

Diskussion

In ihrem Spielfilm „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ (zur FILMDIENST-Kritik) erzählt die libanesische Filmemacherin Nadine Labaki vom Elend von Kindern aus Flüchtlingsfamilien in ihrer Heimatstadt Beirut. Für ihr empfindsames und humanistisches Werk erhielt sie beim Festival de Cannes den Preis der Ökumenischen Jury. Ein Gespräch mit der Regisseurin.


Woher stammt der Titel, „Capernaum“? Ist das eine biblische Referenz?

Nadine Labaki: Capernaum ist ein Dorf aus der Bibel, durch das auch Jesus gekommen ist. Aber es gibt noch eine andere Bedeutung: In der Literatur und im allgemeinen Sprachgebrauch ist Capernaum ein Synonym für Unordnung, Chaos, Hölle. Der Titel des Films bezieht sich darauf. Als wir anfingen, das Drehbuch zu schreiben, waren wir mit ganz schrecklichen Themen konfrontiert: Kinderarbeit, Kinderehe, dann die Absurdität, dass du ein Dokument brauchst, um nachzuweisen, dass du überhaupt existierst, die Absurdität von Grenzen, von Kontrollen, von all den Problemen, die Immigranten haben. Ich habe das alles für mich unter dem Begriff Capharnaüm zusammengefasst: Chaos, es ist die Hölle. Das Entsetzen über die Wirklichkeit war das Grundgefühl, mit dem wir den Film begannen. Ich sah diese Kinder, die nichts zu essen hatten, die nicht einmal irgendwo schlafen konnten, weil sie sofort weggejagt wurden, und ich sagte mir: Wie kann die Gesellschaft, also wir, das zulassen?

Oft erzählen Filme über soziales Elend ihre Geschichte aus der Perspektive einer Identifikationsfigur aus der Mittelschicht, etwa einer Anwältin oder einer Journalistin. Warum haben Sie in Ihrem Film die Perspektive des Kindes gewählt?

Labaki: Der Film musste aus der Perspektive des Kindes erzählt werden, das war für mich keine Frage. Ich werde jeden Tag mit dem Elend konfrontiert, ich werde auch jeden Tag mitschuldig, weil ich nichts dagegen mache, wie diese Kinder leben. Die Kinder leiden am meisten unter unseren Fehlern, unseren Kriegen, all unseren falschen Entscheidungen. Wir aus der Mittelschicht haben unsere Position diesem ganzen Elend gegenüber. Aber was fühlt so ein Kind, was fühlt das Opfer dieser ganzen grausamen Verhältnisse? Wie schaut dieses Kind mich an? Was denkt es von mir? Von mir und von der ganzen Gesellschaft, die es einfach nicht wahrnimmt, die einfach nicht hinschaut? Denn in der Regel schauen wir nicht hin. Weil es uns auch das Herz brechen könnte. Wir sind hilflos, hoffnungslos, wir können nichts tun. So leben wir einfach weiter, wie immer. Aber wie fühlt man sich, wenn man nicht einmal mehr wahrgenommen wird? Wenn man nur ignoriert wird? Ich wollte aus der Perspektive des Jungen erzählen: Wie fühlt er sich? Wie lebt er, was beobachtet er?

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Wie haben Sie Ihren Protagonisten gefunden?

Labaki: Auf der Straße, in einem Elendsviertel, wo solche Kinder leben. Er ist ein syrisches Flüchtlingskind, und meine Casterin fand ihn direkt auf der Straße. Er spielte dort mit seinen Freunden. Sie sprach mit ihm und es war ganz offensichtlich, dass er einfach Zain sein würde.

Der junge Hauptdarsteller Zain Al Rafeea in "Capernaum"
Der junge Hauptdarsteller Zain Al Rafeea in "Capernaum"

Wie lange haben Sie vorher recherchiert?

Labaki: Es war ein langer Prozess von etwa vier Jahren. Wir haben viel Zeit mit den Menschen in ihrem Umfeld verbracht. Aber auch in Gerichtssälen, um zu schauen, wie unser Justizsystem funktioniert. So haben wir natürlich viele kleine Einzelheiten wahrgenommen, die nachher in den Film wieder eingeflossen sind.

Wie lange haben Sie gedreht?

Labaki: Wir haben sechs Monate lang gefilmt und hatten am Ende 500 Stunden Material. Die erste Schnittfassung war dann 12 Stunden lang. Es war sehr, sehr schwierig, irgendwann einmal zu sagen: So Schluss, jetzt ist der Film fertig!

Es ist auch ein Film über Frauen, die für das Überleben ihrer Familien kämpfen.

Labaki: Sowohl Zains Mutter, die auch im wirklichen Leben seine Mutter ist, und die junge Äthiopierin sind ganz wichtige Figuren. Es sind zwei Frauen, die unter völlig ungerechten Bedingungen leben: Sie sind beide illegal im Land und beide ohne gültige Papiere und ohne Geld. Es ist interessant, wie beide auf ganz unterschiedliche Weise mit der Situation umgehen und die Anforderungen reagieren. Die Figur der Mutter war für mich sehr wichtig, weil die Mutter immer der Anfang ist. Ohne Mutter gibt es keine Geschichte. Für ein Kind ist die Mutter ganz besonders wichtig, es idealisiert sie, ganz egal wie gut und schlecht die Mutter wirklich sein mag. Ich habe aber auch gemerkt – und das hat wieder mit der Perspektive zu tun – dass ich mich selbst als Mutter mit ihnen verglichen habe. Als ich die Kinder gesehen habe, die in schmutzigen, kalten Räumen alleine in ihrem Dreck lagen, habe ich sie verurteilt, ich war böse: Wie kann sie ihr Kind einfach so liegen lassen? Wie kann sie das machen? Was ist das für eine Mutter? Aber als ich dann die Mütter selbst getroffen habe, traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Wer bin ich denn eigentlich, dass ich mich gegenüber diesen Frauen zur Richterin aufspiele? Ich habe niemals in ihrer Haut gesteckt, ich war niemals hungrig und meine Kinder auch nicht. Ich musste meine Kinder nie alleine im Haus zurücklassen, weil ich arbeiten und Geld verdienen musste. Ich musste meine 11-jährige Tochter nicht an irgendeinen Mann verkaufen, um die anderen Kinder zu ernähren. Es war mir sehr wichtig, diese Mutterfiguren zu zeigen und auch dem Zuschauer zu verdeutlichen, dass niemand ein Recht hat, diese Frauen zu verurteilen. Letztendlich ist die Mutter ebenso ein Opfer der Verhältnisse wie der Sohn.

Nadine Labaki erzählt konsequent aus der Perspektive der Kinder
Nadine Labaki erzählt konsequent aus der Perspektive der Kinder

Wie haben Sie mit den Laienschauspielern gearbeitet?

Labaki: Es war immer ein ganz schmaler Grat zwischen der Wirklichkeit, in der sie leben, und dem Drehbuch, das wir natürlich auch hatten. Wir haben viel improvisiert und ich habe versucht, so viel wie möglich von der sozialen Wirklichkeit in die geschriebene Spielhandlung aufzunehmen. Diese Kinder sind eigentlich keine Kinder mehr. Sie haben so viel Leiden gesehen, dass sie erwachsen geworden sind, so klein sie auch noch sind. Sie sind so erwachsen, dass sie manchmal schon weise wirken.

Wie haben Zain und Ihre anderen Darsteller das ganze Filmprojekt wahrgenommen?

Labaki: Sie waren wirklich stolz, weil sie ihre Mitarbeit in dem Film auch als Teil einer sozialen Mission begriffen haben, als eine Stimme für die Menschen, die sonst keine Stimme haben. Sie fühlen sich als Kämpfer für die eigene Sache und das hat sie stolz gemacht.

Die Frauen sind die starken Figuren, die Männer schneiden eher schlecht ab, sind betrunken oder kriminell. Was für ein Mann wird Zain als Erwachsener sein?

Labaki: Ich denke, Zain wird zu den 25 Prozent jener Kinder gehören, die den Teufelskreis durchbrechen können, weil er sich schon entschieden hat, etwas anderes zu werden als die Menschen aus seinem Umfeld. 75 Prozent der Kinder schaffen es nicht, den Teufelskreis zu verlassen, sie wiederholen die Muster, die sie von ihrem Umfeld gelernt haben, von ihren Vätern und ihren Müttern. Wer missbraucht wurde, wird selber missbrauchen, wird kriminell und landet im Gefängnis oder wird abhängig von irgendetwas. 75 Prozent schaffen es nicht, 25 Prozent können es schaffen. Vielleicht haben sie sich besondere Kenntnisse oder eine besondere Weisheit angeeignet oder sind einfach imstande, ihre Situation wirklich einzuschätzen, vielleicht haben sie eine besondere Hoffnung. Ich glaube, Zain ist eines dieser Kinder.

Wenn man Ihren Film sieht, kommen einem die Sorgen in Europa über die Integration von Flüchtlingen fast wie Luxusprobleme vor. Wie ist die Situation der Flüchtlinge im Libanon?

Labaki: Sie ist wirklich sehr schlecht. Im Libanon haben wir mehr als zwei Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Das sind die offiziellen Zahlen, die Dunkelziffer ist noch viel höher. Sie machen mittlerweile fast die Hälfte der Bevölkerung aus. Sie können sich vorstellen, was das für ein kleines Land wie den Libanon bedeutet, das immer noch mit seinen eigenen wirtschaftlichen und politischen Problemen zu kämpfen hat. Die Situation ist katastrophal.

Dokumentarische Szenen ergänzen sich bei Labaki mit poetischen
Dokumentarische Szenen ergänzen sich bei Labaki mit poetischen

Über weite Strecken wirkt Ihr Film dokumentarisch; doch es gibt auch ganz dramatische Szenen, die mit Musik unterlegt sind. Wie haben sie die Balance zwischen Melodram und Realismus gehalten?

Labaki: Ich würde nicht von melodramatischen, sondern von poetischen Szenen sprechen. Ich wollte diesen Kontrast: Die Realität, in die wir eindrangen, die um uns war und die wir mit schneller beweglicher Handkamera filmten auf der einen Seite, und auf der anderen Seite diese Momente, die einen für einen Moment innehalten lassen und aus dieser Realität wieder herausheben. Momente, die erlauben, eine andere Perspektive einzunehmen und nicht einmal mehr den Originalton zu hören.

Es ist ein Film über den Libanon, aber gleichzeitig ist es auch eine ganz universelle Geschichte. Was sind die lokalen Elemente und was ist das allgemeingültige?

Labaki: Es sind Probleme, die nicht nur den Libanon betreffen, sondern die es überall auf der Welt geben kann in allen großen Städten der Welt. Dieses „Capernaum“, über das wir gesprochen haben, diese Hölle, dieses Chaos ist etwas, das sich immer stärker ausbreitet, weltweit, wenn wir das Problem nicht in den Griff bekommen. Aber das Lokale ist natürlich die Sprache, die Art, wie Menschen agieren und reagieren, das ist spezifisch libanesisch. Der Rest ist universell.

„Capernaum“ ist Ihr dritter Spielfilm. War es schwer für Sie, als Frau in der Filmbranche Fuß zu fassen?

Labaki: Ich persönlich habe niemals eine Schwierigkeit gespürt, als Frau Regie zu führen. Es ist so oder so ein schwieriger Job, es ist auch für jeden Mann schwer, im Libanon Filme zu machen. Es gibt keine Filmindustrie, es ist ein zäher Kampf. Interessanterweise arbeiten mehr Frauen in der Filmbranche als Männer. Da kann man nicht verallgemeinern, jedes Land hat da eigene Erfahrungen, jeder Einzelne hat da eigene Erfahrungen. Für manche Frauen ist es schwieriger sich auszudrücken, für andere ist es leichter.

War es schwierig, so einen Film zu produzieren?

Labaki: Ja. Wir hatten uns dafür entschieden, den Film selbst zu produzieren. Mein Mann Khaled Mouzanar war zum ersten Mal der Produzent. Für ihn war es sehr schwierig, denn er ist eigentlich Musiker. Wir fühlten uns so zwar freier in dem, was wir machten und was wir wegließen, aber oft war es finanziell fast hoffnungslos. Es ist ein Home-Made-Film. Das Büro war im ersten Stock, hier lebten auch der Cutter und der Kameramann, wir wohnten im dritten Stock. Es ist eine Art Familienfilm. Für mich war das einfacher, weil ich so bei meiner Familie sein kann, Arbeit und Privatleben zusammenbringe. Für mich ist es die beste Art zu arbeiten, weil ich mich so am besten entfalten kann.


Fotos: Alamode/Festival de Cannes

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