Ein Interview mit Christian Frei

Freitag, 18.01.2019

In „Genesis 2.0“ spürt der Schweizer Filmregisseur auf den Fersen von Genforschern und sogenannten Mammutjägern dem Code des Lebens nach. Ein Gespräch.

Diskussion

In „Genesis 2.0“ (hier die FILMDIENST-Kritik) spürt der Schweizer Filmregisseur Christian Frei („War Photographer“) auf den Fersen von Genforschern und sogenannten Mammutjägern dem Code des Lebens nach. Er erzählt dabei von einer Zukunft, in der die synthetische Biologie sich anschickt, den Mensch zum Schöpfer von Tier- und Pflanzenklonen zu machen. Ein Gespräch über einen Film, der eine faszinierende, aber auch zwiespältige Entwicklung behandelt.


Was fällt Ihnen ein beim Begriff „synthetische Biologie“?

Christian Frei: Das Buch „Regenesis“ des amerikanischen Genforschers George M. Church, vor allem dessen Untertitel „Wie synthetische Biologie die Natur und uns Menschen neu erfindet“: Was für ein Titel! Da kommt etwas auf uns zu, das viel größer ist als ein Mammut! Eine radikale Veränderung, folgenreicher als die digitale Revolution.

Und was beim Wort „Klon“?

Frei: In meinem Film trifft man einen südkoreanischen Forscher, der das ausgestorbene Mammut wieder ins Leben zurückholen will. Der Mann in Seoul hat über 1000 Hunde erfolgreich geklont! Und diese Hunde sind quicklebendig und gesund. Wer seinen geliebten Hund verliert, kann diesen bei ihm für 100.000 Dollar wieder bestellen.

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Was fasziniert Sie an diesem Thema?

Frei: Ich mag es, mich als Filmemacher auf Spurensuche zu begeben. Ich mag Wissenschaftler: Sie sind ähnlich wie wir Künstler, durchbrechen Konventionen und betreten Neuland. Ich glaube, dass es die Rolle von Medienschaffenden ist, wahrheitsgerecht zu informieren und dabei genau und kritisch hinzuschauen. Mit Neugierde und mit Faszination, aber auch mit Respekt und Sorgfalt. Wir dürfen nicht nur Ängste bedienen beim Publikum! Ich persönlich habe großen Respekt vor dem logischen und aufgeklärten Denken der Forscher. Aber gegen Ende wird mein Film auch sehr kritisch. Er hinterfragt den ungebremsten und kaum je in Frage gestellten Enthusiasmus, mit denen in China der Code des Lebens digitalisiert und an ihm herumgebastelt wird. Der Skandal um die Zwillinge, deren Erbgut verändert worden ist, bestätigt meine Bedenken. Trotzdem will mein Film nicht einfach dystopischen Horror verbreiten.

Dystopischen Horror?

Frei: Sobald etwas Neues auf uns Menschen zukommt, reagieren wir entweder mit Neugier oder mit Angst. Das war schon immer so. Mein Film führt die Zuschauer in eine archaische Welt und überrascht sie mit einem Zukunftsthema. Genesis 2.0 ist ein dokumentarischer Science-Fiction-Film. Meine Haltung ist die einer neugierigen Skepsis. Ich stelle Fragen und prangere nicht einfach an. Ich versuche, das Neue und Fremde zu verstehen. Aber ich bejuble es nicht naiv.




Was kommt denn mit der synthetischen Biologie wirklich auf uns zu?

Frei: Sie wird das Leben, wie wir es kennen, komplett auf den Kopf stellen. Man digitalisiert und schneidet den Code des Lebens wie einen Film. Der Mensch hat die Genome von Pflanzen und Tieren schon seit Jahrtausenden verändert. Durch Züchtung. Aber durch die Präzision dieser neuen Technologie wird der Mensch zum Schöpfer. Er wird das Alphabet des Lebens nicht nur immer besser verstehen, er wird damit immer mehr zu schreiben beginnen, neue Lebensformen schaffen, Krankheiten besiegen, eventuell aber auch versuchen, alles Störende und Behindernde in uns Menschen auszuschalten. Zwischen Heilen und Optimieren ist nur ein schmaler Grat!

Was führte Sie von Ihrem Film „Sleepless in New York“ von 2014 zu „Genesis 2.0“?

Frei: „Sleepless in New York“ war für mich ein Ausflug in das Feld des Intimen und der starken Gefühle. „Genesis 2.0“ baut eher auf dem Gestus meiner anderen Filme auf, in denen ich hinaustrete in die Welt und Phänomene und Bruchstellen anschaue. Die zündende Idee hatte ich, als ich während der Lektüre von „Regenesis“ – genauer gesagt, dem Kapitel über die wundersame Wiederauferstehung des Wollhaarmammuts dank synthetischer Biologie – Fotos der jakutischen Fotografin Evgenia Arbugaeva entdeckte. Sie zeigen diese faszinierende Welt von sogenannten Mammutjägern, die am Ende der Welt nach Elfenbein suchen und dabei einen gut erhaltenen Mammutkadaver entdecken. Ein Glücksfall für Genetiker wie George Church!

Ich würde „Genesis 2.0“ neben „Space Tourists“ eingliedern. Sowohl die Erschaffung von Leben durch Menschenhand als auch die Eroberung des Weltalls sind Themen, die in der Filmgeschichte immer wiederkehren. Sie haben zudem beide einen technologischen und einen Zukunfts-Aspekt.

Frei: Ich denke, das kann man durchaus so sehen: Der viele Dreck und Staub in „Space Tourist“ steht in Kontrast zum Klischee der cleanen Glattheit, welche Weltraumfilme normalerweise pflegen, und in „Genesis 2.0“ stehen die archaisch anmutenden Inselszenen in Kontrast zu denjenigen aus den Zukunfts-Labors.

Sie sind in „Genesis 2.0“ für den wissenschaftlichen Teil verantwortlich, Maxim Arbugaev hat die Mammutjäger in Neusibirien begleitet. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Frei: Maxim Arbugaev ist der Bruder von Evgenia Arbugaeva, deren Fotos ich damals im „National Geographic“-Heft entdeckte. Maxim hat seine Schwester 2012 auf einer Foto-Expedition auf die Neusibirischen Inseln als Bodyguard begleitet. Er war nur 21 Jahre alt und ein Profi-Eishockey-Spieler. Aber auf den Inseln hatte er eine Offenbarung. Er begann mit der Kamera herumzuspielen und wollte plötzlich Filmemacher werden. Tatsächlich studiert Maxim heute an der besten Filmschule Russlands. Die Zusammenarbeit mit ihm wurde zu einer der schönsten und besten Erfahrungen in meiner Kariere.




Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit konkret?

Frei: Die Gesamtregie und Projektleitung lag bei mir, ich habe zusammen mit Thomas Bachmann den Film auch geschnitten. Maxim hat einen großen Respekt vor meinen Filmen und hat mehrmals mit meinem Kameramann Peter Indergand gesprochen. Alle zusammen haben wir so den Stil des Films diskutiert und die Kamera-Haltung festgelegt. Ich wollte keine Riefenstahl’sche Überhöhung, sondern nüchtern und mit Respekt geschossene Bilder vor Menschen, die ihr Leben riskieren. Wir wollten Schönheit ohne Kitsch. Eine Annäherung auf Augenhöhe. Maxim war vollkommen in den Alltag der Mammutjäger integriert. Er hat mit ihnen alles geteilt: Das Benzin, die Nahrung, auch das Risiko. Jährlich kommen zwei, drei Menschen nicht von den Inseln zurück. Es ist sehr gefährlich, da zu drehen. Aber dank den guten Beziehungen von Maxims Vater zu den Militärs hatte ich die Gewähr, dass er und sein Assistent jederzeit ausgeflogen werden könnten.

Wie haben Sie das Ganze – auch stilistisch – schließlich zusammengebracht?

Frei: Die größte Herausforderung lag darin, die Welt der Labors und der Forschung, die für den Laien fast keine sichtbare visuelle Erlebnisebene bietet, in Bilder zu fassen. Der erste Impuls, den man als Filmemacher in dieser Situation hat, ist, auf die Künstlichkeit zu setzen und die Kontraste zusätzlich zu betonen. Ich aber habe das Gegenteil versucht: Die Menschen in diesen Labors haben auch Gefühle und Freude und Menschlichkeit, diese sind nur viel schwieriger einzufangen. Konkret filmte ich den fast schon bedrohlich wirkenden Enthusiasmus von Tausenden junger Genforscherinnen und Genforscher, die sich jährlich in Boston an einer riesigen Konferenz treffen. George Church ist ihr Idol. Er ist der Guru der Biobastler.

Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, Sie pflegen einen rein beobachtenden Stil.

Frei: Das stimmt für den Inselteil. Aber ich kann nicht einfach in ein Labor gehen und sagen: Wir sind gar nicht wirklich hier, beachtet uns und die Kamera nicht und tut irgendwas. George Church zum Beispiel gab uns bloß fünf Stunden Drehzeit. Deshalb habe ich diese fünf Stunden wochenlang vorbereitet.




Haben Sie die anfangs erwähnten, kritischen Fragen konkret gestellt, oder sind diese durch die Montage entstanden?

Frei: Ich habe erst mal nach Parallelen zwischen der archaischen Welt der Stoßzahnjäger und der Genforscher gesucht. Gemeinsam ist die Aufbruchsstimmung, der Mut, sich in das Unbekannte und Neue hinauszuwagen. Man riskiert etwas! Ich nähere mich beiden Welten mit vorsichtiger Empathie. Und natürlich gehe ich sehr gut vorbereitet an das Thema und an die Dreharbeiten heran. Für mich wurde während der Recherchen klar, dass die Wiederauferstehung des Mammuts eine Art PR-Aktion ist, eine erste Manifestation dieser neuen technologischen Revolution. Und schließlich drehten wir in China in der erst zwei Monate zuvor eröffneten Nationalen Genbank. Und was stand vor diesem Gebäude? Eine Mammutfamilie! Da wusste ich, dass ich mit meiner Haltung richtig lag. „Gottes Wort ist noch nicht perfekt“, sagt im Film der chinesische Forscher zu meinem Protagonisten, „aber wenn wir zusammen arbeiten, dann machen wir Gott perfekt!“

An dieser Stelle habe ich mich ehrlich gesagt beim Gedanken ertappt, dass ein Mann, der so etwas sagt, schon fast selber ein Klon sein müsste.

Frei: In China geht die Euphorie einfach sehr viel weiter. Man hat nicht diese Restriktionen wie bei uns, es gibt kaum kritische Medien oder Organisationen, welche die Forschung kritisch reflektieren.

Hat sich Ihre Sicht auf die Welt durch diesen Film verändert?

Frei: Jeder Film verändert mich. Das ist eines der Privilegien, die man als Filmemacher hat: Ich kann jahrelang in ein Thema eintauchen und mich damit auseinandersetzen. Stolz bin ich nicht auf meine vielen Preise, sondern auf die Tatsache, dass meine Filme gut altern. Mein Kuba-Film, „Ricardo, Miriam y Fidel“, war beim Erscheinen der Zeit noch voraus und wurde erst später richtig begriffen.

Sie sprechen den bereits erwähnten Aspekt des Vermittelns an?

Frei: Genau. Man taucht tief ein in ein Thema und schält die wichtigen Aspekte heraus. Die Kunst besteht darin, präzise zu fragen und zu verdichten. In „Genesis 2.0“ geht es konkret darum, nicht Angst zu schüren, sondern präzise Ansätze für die Kritik herauszuarbeiten.




Wo liegt für Sie die Verbindung zwischen Archaik und Zukunft? In der Sehnsucht?

Frei: In der Neugierde aufs Unbekannte, der Lust auf Aufbruch und Neuentdeckung, auch in der Angst davor, die damals wie heute die gleiche ist. Alles Neue macht Angst. Wenn Maxim im Zelt alte Karten anschaut, sehen wir in den unerforschten Gebieten – sozusagen am Rand der Welt – wilde Tiere, Bären und Monster.

Jetzt möchte ich doch nochmals nachhaken. Wie bringen Sie das zusammen? Sie haben, stelle ich mir vor, stundenlanges Material und müssen daraus einen Film machen.

Frei: Das ist eine sehr lange und intensive Arbeit. In „Genesis 2.0“ hatte Thomas Bachmann sehr früh schon die Idee zur Anfangssequenz, dieser fantastisch schön gefilmten und eindrücklichen Annäherung an die Insel – die übrigens überhaupt nicht zu Beginn der Dreharbeiten entstanden ist, sondern irgendwann mittendrin. Daraus ergab sich der Bogen zum Schluss, der Heimkehr. Danach ging es darum, die kleinen Geschichten auf der Insel herauszufiltern; die Auseinandersetzungen der Männer miteinander, die Eisbären, die auftauchen. Das Schwierigste aber war, in der End-Montage die zwei Welten zu einem in sich stimmigen Film zu verweben. Das hat mir viele schlaflose Nächte beschert.

Was sieht man im Film nicht, was Sie auch gedreht haben?

Frei: Ich hatte im Konzept noch einen Mammutspezialisten aus Holland und die Höhlenmalereien in Frankreich. Aber das ist beides vor den Dreharbeiten wieder herausgefallen, ich arbeite sehr konzeptuell.

Würden Sie Ihren Hund klonen?

Frei: Nie und nimmer. Nicht nur, weil ich mit 100.000 Dollar etwas Besseres anzufangen wüsste, sondern weil ich auch ethische und moralische Bedenken habe. Zudem bin ich überzeugt, dass man die Seele nicht klonen kann. So gesehen hat man dann bloß einen Zwilling, und Zwillinge sind, auch wenn sie dieselben Gene haben, im Charakter unterschiedlich.


Fotos: Rise and Shine Cinema

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