Lebenserfahrungen: 9 Filme von Hans-Dieter Grabe

Diskussion

„Dem Fernsehen ist es zu danken, wenn wir heute über einen allerdings kaum gesichteten und ausgewerteten Schatz von Lebenserzählungen verfügen.“  (Hans-Dieter Grabe)


Die Vergessenen haben den Dokumentarfilmer Hans-Dieter Grabe immer weitaus mehr interessiert als die sogenannten „großen Namen“ der Geschichte oder prominente Zeitgenossen. Von daher überraschte es vielleicht, dass die neue DVD-Box „Lebenserfahrungen. 9 Filme von Hans-Dieter Grabe 1970-2017“ ausgerechnet mit einem Porträt des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann als erstem Film aufwartet („Es gibt schwierige Vaterländer, eins davon ist Deutschland – Gustav Heinemann in Holland, Dänemark, Norwegen“ 1970). Doch auch das ist irgendwie konsequent: So wie Grabe später immer wieder reißerische Titel nutzte, um das Interesse an seinen Protagonisten zu schüren (etwa „Gisela Bartsch oder Warum haben Sie den Mörder geheiratet?, 1977, oder „Fritz Teufel oder Warum haben Sie nicht geschossen?“, 1982; beide sind Teil der Edition), so liefert Grabe hier nur vordergründig einen Film über Heinemann. Vielmehr geht es um die Frage, ob eine „Aussöhnung“ Deutschlands mit den europäischen Nachbarn 25 Jahre nach Kriegsende möglich ist – und welche Rolle die Person Heinemann dabei spielt.


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Zu Wort kommen neben Heinemann vor allem Vertreter der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen in den Niederlanden, Dänemark und Norwegen. In diesen Ländern war Heinemann als erstes bundesdeutsches Staatsoberhaupt nach dem Krieg offiziell zu Besuch. Grabe erinnert im Kommentar, in Textinserts und mit Archivaufnahmen an die Überfälle von Nazi-Deutschland auf diese Länder, an die Gefallenen und Verhungerten – und an die Deportierten. Er macht deutlich, dass eine „Aussöhnung“ nur gelingen kann, wenn sich Deutschland zu seiner Schuld bekennt und aktiv die Vergangenheit aufarbeitet.


Szene aus "Es gibt schwierige Vaterländer, eins davon ist Deutschland"
Szene aus "Es gibt schwierige Vaterländer, eins davon ist Deutschland"

Einzelschicksale, die große gesellschaftliche Themen spiegeln

Die NS-Vergangenheit thematisiert Grabe in seinem Werk immer wieder, sei es explizit wie in „Mendel Schainfelds zweite Reise nach Deutschland“ (1972) oder der „Poddembice“-Trilogie (1994-1995), sei es implizit wie in „Wer schießt auf Ralf Bialla? Warum läßt Herr Bialla auf sich schießen?“ (1972). Letzterer ist– ähnlich wie „Es gibt schwierige Vaterländer“ – nur vordergründig ein Porträt. Es entpuppt sich als ein Film über Gehorsam und erscheint wie ein aus dem Labor in die soziale (und filmische) Wirklichkeit geholtes Milgram-Experiment. So erzählt Grabe eigentlich davon, wie „ganz gewöhnliche Deutsche“ potenziell zu Mördern werden können.

Hans-Dieter Grabe stand lange im Schatten von Eberhard Fechner oder Georg Stefan Troller. Mittlerweile ist unstrittig, dass auch er zu den ganz großen deutschen Fernsehdokumentaristen gehört. Dazu haben vor allem seine auf das Wesentliche reduzierten Interviewfilme der 1970er- und 1980er-Jahre und seine Langzeitdokumentation „Do Sanh“ (fünf Filme 1970-1998) beigetragen.

Grabe, der 1937 in Dresden geboren wurde, studierte in den 1950er-Jahren zunächst an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Babelsberg, bevor er sich in den Westen absetzte. 1960 wurde er zunächst Freien Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk und realisierte dort vor allem Nachrichten- und Magazinbeiträge. Beim neu gegründeten ZDF fand er dann als Redakteur im Bereich Außenpolitik eine Anstellung. 1963 drehte er nach einem Buch von Dieter Schröder seinen ersten dokumentarischen Langfilm, „Wohlfahrt in Waffen – Ein Bericht über das neutrale Schweden“. Seit 1965 („Kuwait – Ein Scheichtum stürzt ins 20. Jahrhundert“) zeichnete er bei seinen Filmen für Buch und Regie verantwortlich.

Der Grabe-Stil

Seinen eigenen Stil fand Grabe mit „Mendel Schainfelds zweite Reise nach Deutschland“: Im Mittelpunkt steht oft ein einzelner, erzählender Mensch, der über sein Leben und seine Erfahrung spricht (zum Beispiel „Simon Wiesenthal oder Ich jagte Eichmann“, 1978; „Tytte Botfeldt: Aufs Sterben freu’ ich mich“, 1979; beide sind Teil der DVD-Box). Archivmaterial setzte Grabe nur spärlich und sehr bewusst ein. Auch Alltagsbeobachtungen finden sich bis in die 1990er-Jahre eher selten.

Dann aber wandte sich Grabe zunehmend dem beobachtenden Dokumentarfilm zu (etwa in „Tage mit Sanh“, 1994; „Frau Siebert und ihre Schüler“, 1996; „Jens von Sonntagnachmittag bis Freitagabend – Wiederbegegnung nach 7 Jahren“, 1996). Immer wieder geht es darum, wie diese Menschen mit ihrem Leben, mit ihren Erfahrungen umgehen, mit dem Leid, das sie erlebt haben, den Anfeindungen, den Verletzungen und ihrem Schmerz – und wie sich die großen gesellschaftlichen Themen und menschliche Tragödien (Vietnam-Krieg, NS-Verbrechen, DDR, Unglücksfälle, Krankheit und Behinderung etc.) in persönlichen Schicksalen und im alltäglichen Leben brechen.


Aus "Tytte Botfeldt: Aufs Sterben freu‘ ich mich"
Aus "Tytte Botfeldt: Aufs Sterben freu‘ ich mich"

Diese Entwicklung in Grabes Werk zeichnet die von Klaudia Wick für die „Stiftung Deutsche Kinemathek“ herausgegebene DVD-Box anschaulich nach. „Es gibt schwierige Vaterländer“ repräsentiert die frühen Filme Grabes, die noch sehr featurehaft und kommentarlastig waren (etwa „Hoffnung – Fünfmal am Tag – Beobachtungen auf einem Deutschen Bahnhof“, 1966; „Lava“, 1968; „Kämpfen wofür – über die Fortsetzung des Vietnam-Krieges“, 1970). „Gisela Bartsch“, „Simon Wiesenthal“, „Tytte Botfeldt“ und „Fritz Teufel“ stehen exemplarisch für Grabes extrem verdichtete Interviewfilme. „Das Wunder von Lengede oder Ich wünsch’ keinem, was wir mitgemacht haben“ (1979) ist hingegen ein Beispiel für die wenigen Gruppenporträts in Grabes Œuvre (zu denen auch „Die Trümmerfrauen von Berlin“, 1968, „Barry Meeker oder Ich war bloß der Pilot“, 1976, gehören).

Bernauer Straße 1-50 oder Als uns die Haustür zugenagelt wurde“ (1981) erzählt aufeinanderfolgend einzelne Fluchterlebnisse als episodenhafte Abfolge einer Geschichte der Berliner Mauer. Eine solche Dramaturgie der Wiederholung nutzte Grabe in vielen späteren Filme (auffällig etwa in „Hiroshima, Nagasaki. Atombombenopfer sagen aus“, 1985; „Nicht mehr heimisch in dieser Welt. Einblicke ins Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin“, 1994). Für Grabes Interesse am beobachtenden Dokumentarfilm stehen seine beiden bisher letzten Produktionen „Raimund – ein Jahr davor“ (2013) und „Anton und ich“ (2017).


Aus "Anton und ich"
Aus "Anton und ich"

Ein Filmemacher, der seine Protagonisten ernst nimmt

Im pdf-Booklet finden sich neben einem kurzen Vorwort von Klaudia Wick weitere Informationen zu den Filmen, Ausschnitte aus Kritiken und Aussagen von Hans-Dieter Grabe zu seinem Selbstverständnis und seiner Arbeitsweise.

Die neue Box „Lebenserfahrungen“ ist eine gelungene Ergänzung zu der bereits 2012 ebenfalls bei absolut MEDIEN erschienene DVD-Box „Hans-Dieter Grabe: Dokumentarist im Fernsehen. 13 Filme 1970 bis 2008, auf der sich einige der wichtigsten Filme Grabes finden (insbesondere auch einige der Landzeitdokumentationen wie „Mendel lebt“, 1999; oder „Diese Bilder verfolgen mich – Dr. med. Alfred Jahn“, 2002, die in der aktuellen Edition keine Berücksichtigung finden). Zusammen ergeben beide Editionen eine repräsentative Auswahl von 22 Filmen aus dem über 60 Produktionen umfassenden Werk Grabes. Wünschenswert wäre allerdings noch eine Gesamtedition der (im weiteren Sinne) „Vietnam-Filme“ Grabes, von „Die Helgoland in Vietnam“ (1966) bis „Diese Bilder verfolgen mich“.

Der DVD-Titel „Lebenserfahrungen“ bezieht sich auf den Reihentitel, unter dem einige der hier versammelten Filme einst im Fernsehen gezeigt wurden. Allerdings gilt dies nicht für alle Gesprächsfilme von Grabe, die im Booklet zwischen 1967 und 2017 verzeichnet sind. Grabe nutzte diesen Titel nur zwischen 1979 („Tytte Botfeldt“) und 1991 („Do Sanh“) bei insgesamt 19 Filmen. Zwischen 1977 („Mehmet Turan oder Noch ein Jahr, noch ein Jahr“) und 1979 („Das Wunder von Lengede“) liefen seine Produktionen unter dem Signet „beschrieben und vergessen“ – wie man auch an den Inserts der entsprechenden Filme auf der DVD-Box ersehen kann.

Die DVD-Box lädt dazu ein, ein (öffentlich-rechtliches) Fernsehen wiederzuentdecken, das sich Zeit genommen hat, Lebensgeschichten zu erzählen und Menschen in ihrer Vielschichtigkeit – und manchmal auch Widersprüchlichkeit – facettenreich zu dokumentieren; und sie – anders als es heutzutage in vielen Reality-TV-Formaten üblich ist – ernst zu nehmen. Für ein solches Fernsehen steht Hans-Dieter Grabe.


Fotos: © absolutMedien

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