Berlinale 2019: Caligari-Preis für Thomas Heise

Freitag, 15.02.2019

Der 34. Caligari-Filmpreis geht an „Heimat ist ein Raum aus Zeit“

Diskussion

Der 34. Caligari-Filmpreis geht an Thomas Heise für seinen Film „Heimat ist ein Raum aus Zeit“, eine 218-minütige Reflexion der Geschichte des 20. Jahrhunderts anhand sorgfältig ausgewählter Fragmente seines eigenen Familienarchivs, das die Spuren der Biografien von vier Generationen enthält.


"Was bleibt?," heißt es zu „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ im „Berlinale“-Katalog, „Biografien hinterlassen Spuren. Die Zeitläufte auch. Wie sich das eine zum anderen verhält untersucht Thomas Heise in „Heimat ist ein Raum aus Zeit“. Anhand von Dokumenten aus seinem persönlichen Archiv – Briefe, Fotografien, Schulaufsätze, Tagebucheinträge –, von ihm selbst aus dem Off vorgetragen und im Bild zu sehen, zeichnet er die Geschichte seiner Familie über vier Generationen zwischen Wien, Dresden und (Ost-)Berlin nach. 

Hinzu kommen aktuelle schwarzweiße Aufnahmen der in den Korrespondenzen erwähnten Orte und Landschaften, denen die Zeichen verschiedener Zeiten anzusehen sind: das Arbeitslager in Zerbst, ehemalige NVA-Kasernen, ein Lehrsaal an der Universität, Reihenhäuser in Mainz. Außerdem Erdverwerfungen, Risse im Asphalt, Haufen und immer wieder Bahnhöfe, Züge und Gleise. Erste Lieben, Väter, Mütter, Söhne und Brüder, die Deportation der Wiener Juden, Kriegstote in Dresden, Kunst und Literatur, DDR-Sozialismus und anständig bleiben – anhand von Fragmenten aus einem Speicher persönlicher Erfahrungen, sorgfältig ausgewählt und mit Lücken zusammengesetzt, erzählt Heise nicht weniger als die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Ein großer Film, der bleibt.“


Risse durch Länder & Biografien

In der Begründung notiert die Jury: „Risse ziehen sich durch die Landschaften, welche die Kamera betrachtet. Risse ziehen sich durch die Biografien, die anhand von Fotografien und Schriftstücken erzählt werden. Historische Dokumente gewinnen Konturen und werden erlebbar. Geschichte wird hier zu einem Fluss durch ein ganzes Jahrhundert deutscher (Familien)Geschichte, die eine eindringliche Stimme erhält. Der Poesie aus Tagebüchern und Briefen fügt der Regisseur keinen weiteren Kommentar hinzu – er findet Bilder für sie. Aus dieser Fülle persönlicher Dokumente, wie es sie in Zukunft wohl nicht mehr geben wird, formt Thomas Heise einen eindrücklichen, klarsichtigen und wahrhaft großen Film.“



Die Jury bestand in diesem Jahr aus Lucas Barwenczik (filmdienst.de), Silke Johanna Räbiger (Internationales Frauenfilmfestival Dortmund | Köln) und Wolfgang Peters (Kommunales Kino Bremerhaven).

Der von den Kommunalen Kinos gemeinsam mit filmdienst.de, dem Portal für Kino und Filmkultur gestiftete Preis würdigt einen stilistisch wie thematisch innovativen Film aus dem Programm des „Internationalen Forum des Jungen Films“ und hebt damit die besondere Bedeutung dieser „Berlinale“-Sektion für die kulturelle Kinoarbeit hervor. Die Auszeichnung ist mit 4 000 Euro dotiert, wobei die Hälfte des Betrages der Preisträger erhält, während die andere Hälfte für Werbemaßnahmen verwendet wird, um die Kinoauswertung nach dem Festival deutschlandweit zu unterstützen.

Filmplakat zu "Heimat ist ein Raum aus Zeit"
Filmplakat zu "Heimat ist ein Raum aus Zeit"


Auszüge eines Gesprächs mit Thomas Heise zu „Heimat ist ein Raum aus Zeit“


Es heißt, sie würden Ihre Studenten raten, niemals einen Film über sich und ihre Familie zu machen?

Thomas Heise: Vor Filmen über Familienangehörige warne ich, wenn es erste Arbeiten sind. Auch wenn man ernsthaft darangeht, gerät man mit Sicherheit in Untiefen. Die haben aber oft nichts mit Film zu tun. Man sollte daher lieber einen großen Umweg machen, wenn es denn doch sein muss, und ein paar Jahrzehnte Filme über andere Menschen machen, bevor man sich ums Eingemachte Zuhause kümmert. Nur mit einer solchen Erfahrung, die aus praktischer Begegnung mit Unbekanntem und Fremdem entsteht, kann man von außen wieder auf das Eigene blicken. Man braucht diese Distanz. Man bekommt im Fremden, wenn man sich ungeschützt darauf einlässt, sich auf schwankendem Boden zu bewegen, mit der Zeit ein Gespür für Ungesagtes, Verheimlichtes, Verschwiegenes, auch Unverstandenes. Das braucht man auch, wenn man an das Eigene gehen will.


Die Gegenwart bestimmt unser Bewusstsein mehr und mehr. Online-Medien sind voll mit Sensationsschlagzeilen, die schon nach Minuten jeden Wert verlieren. Ist eine Besinnung des Gegenwarts-Dokumentaristen Heise auf die Vergangenheit ein Protest gegen den Auswuchs von Timelines und Breaking News?

Heise: Es ist nicht das erste Mal, dass mich das Verhältnis von Mensch und Geschichte beschäftigt. Auch wenn das manchmal die Gegenwart ist. Es geht darum, Zeugnis abzulegen. Das klingt pathetisch, ist aber ganz unabhängig von aktuellen Aufregungen, eher still. „Wir sehen ja das Fließen der Geschichte nicht“, heißt es in einem Brief aus dem Arbeitslager. In den wechselnden Zeugnissen kann man das Fließen erkennen, mindestens Risse, wenn nicht Brüche. Protest würde ich es nicht nennen, so zu arbeiten. Ich mache meines und verhalte mich nicht zu etwas anderem, schon gar nicht Fernsehen. Das hat sicher auch mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun, dem oft langen Liegen meiner Arbeiten, bis sie schließlich überhaupt an Öffentlichkeit kamen.


„Oral History“ beherrscht (im Fernsehen) die populären Darreichungen von jüngerer Geschichte. Guido Knopp & Co. würden sicherlich am liebsten den Enkel von Cäsars Mörder auftreten und von den angeblich letzten Worten seines Großvaters berichten lassen. Dagegen setzen Sie auf Geschichtsschreibung aus erster Hand, in Form von Briefen und Akten. Das erinnert stark an Viktor Klemperer und seine Tagebücher. Wie kam es dazu?

Heise: Formate interessieren mich nicht; ich arbeite mich nicht daran ab. Klemperer hat mich allerdings interessiert. Und ich habe früh begonnen, mich für Montage zu interessieren. Eine meiner früheren Arbeiten war eine Toncollage, ein Sammelsurium aus Akten, Protokollen, Briefen, Szenen, entlang der Biografie eines 20-Jährigen, alles O-Ton, der erst bald aus dem Knast kam. Ich begleitete ihn mit dem Tongerät, bis er wieder drin war. Dazu gehörte auch die Erfahrung, sich permanent und bewusst auf einer Grenze zwischen Nähe und Distanz zu bewegen. Über die Dauer wurde sichtbar, warum das Leben dieses jungen Mannes so verlaufen musste.

Es hat vielleicht auch Thomas Harlan eine Rolle gespielt, bei dem für „Suicides“ und später bei „Wundkanal“ als weiterer Drehbuchbearbeiter und Regieassistent gearbeitet habe. Das war sehr intensiv. Es kommen Dinge hinzu, die ich anfangs gar nicht bemerkt hatte. Zum Beispiel gibt es im Film eine Szene zwischen meinem Vater und Heiner Müller; sie sprechen über Brecht. Ich habe das aufgenommen und dann transkribiert, und die beiden haben daraus dann einen Text zu Brecht montiert. Erst viel später ist mir aufgefallen, wie sehr ich vieles davon absolut verinnerlicht habe. Mit Folgen für meine Arbeitsweise, also auch für den Film jetzt. Aber das habe ich erst viel später mitbekommen.


Sie beschreiben den Werdegang von Mitgliedern einer privilegierten Familie aus dem in den letzten Jahren so viel beschworenen „christlich-jüdischen Abendland“.

Heise: Welche Privilegien meinen Sie? Wem gegenüber? Mein Großvater väterlicherseits, Wilhelm Heise, mit dessen Schulaufsatz der Film beginnt, kommt aus kleinen ländlichen Verhältnissen ohne Besitz; er gehört zu denen, die von Mecklenburg an den Rand der Stadt Berlin gezogen waren, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er Sanitäter war, und mit den Bildern im Kopf, die er dort gesehen hatte, dem Elend, den vielen Verwundeten und Toten, ging er zum Spartakus-Bund und in die KPD. Auch dass er Lehrer wurde, hat mit diesen Erfahrungen zu tun. Seine Frau Edith stammt aus einer jüdischen Schneiderfamilie mit fünf Kindern, deren Eltern ebenfalls auf der Suche nach einem besseren Leben sehr jung von Galizien nach Wien gezogen waren. Ediths Mutter arbeitete dort in einer Fabrik als Näherin, ihr Vater war Schneider und ein sehr kleiner Stoffhändler. „Der Haushalt war wohl knapp“ schreibt sie in ihrem Lebenslauf. Edith erarbeitete sich ihr Kunststudium und ihre frühe, bewusste Selbstständigkeit gegenüber ihrer sehr geliebten Familie allein.

Es mag bestenfalls für die DDR gelten, wenn es ein Privileg ist, so wie Wolfgang – Wilhelms und Ediths ältester Sohn – Kommunist und Angehöriger der VVN zu sein, weil er das Zwangsarbeitslager überlebt hatte und die dort vorgesehene Vernichtung der Gefangenen in den Wirren des Kriegsendes nicht mehr gelungen war. Das brachte eine kleine Zusatzrente und meinem Bruder und mir ein Buchgeschenk zur Jugendweihe. Es ist vielleicht auch ein Privileg, kein Berufsverbot mehr zu haben, bis man erfuhr, dass auch an den neuen Verhältnissen ein Herz zerbrechen konnte, wie das Wilhelms oder man anders entsorgt oder stillgelegt wurde. Davon erzählt der Film ja auch.

Sicherlich, dem Befehl der SED, Anfang 1953 von Lichterfelde in Westberlin nach Ostberlin an den Stadtrand umzuziehen, folgte Wolfgang. Er bekam, frisch verheiratet, über einen befreundeten Genossen, damals Bezirksbürgermeister im Stadtbezirk Berlin-Köpenick, eine Wohnung vermittelt, deren ursprünglicher Inhaberin Steuervergehen vorgeworfen wurden und die dafür kurzerhand enteignet worden war. Später dann eine andere, als wegen des „Neuen Kurses“ nach dem 17. Juni 1953 diese Frau ihre Wohnung wieder zurückerhielt, und meine Eltern eine Wohnung ein paar Straßen weiter zugewiesen bekamen. Eine Zweieinhalb-Zimmer Wohnung in einem aufgeteilten ehemaligen Einfamilienhaus am Dämmeritzsee, idyllisch gelegen. Das kleine Kinderzimmer von meinem Bruder und mir war mit Holzpaneel und eindrucksvollem, fest eingebauten Gewehrschrank versehen, das Haus ein Neubau aus den 1930er-Jahren, sehr solide. Der Besitzer war vor den Russen geflohen. Er war nicht der einzige aus diesem Villen-Vorort, dessen Häuser jetzt Altersheime wurden, bis die Renter mit Beginn der 1980er-Jahre wieder verschwanden und die Häuser zu sehr verschwiegenen Gästehäusern des Ministerrats der DDR mutierten.

Auch die Eltern meiner Mutter Rosemarie stammen aus kleinen Verhältnissen. Sicher war es ein Privileg ihres bei einer Pflegemutter aufgewachsenen Vaters, als mittelloser junger Mann auf Wanderschaft einen Förderer wie Willi Münzenberg kennenzulernen, der ihm eine Arbeit in einer Druckerei der SPD vermittelte und Bildung ermöglichte. Er hatte Glück; als er dort verhaftet werden sollte, 1933 nach dem Reichstagsbrand, ließ ihn ein Polizist, der ihn kannte, heimlich laufen.

Seine Frau Elisabeth diente als Kindermädchen auf einem Gut am Rand von Dresden, später arbeitete sie als Sekretärin in einem kleinen Betrieb. 1922, zu ihrer Hochzeit mit Rudolf, war das Hochzeitsgeschenk ihr Eintritt in die SPD.

Es hat später, mit dem Vater in der Partei und an der Uni, keine Vorteile daraus für meinen Bruder oder mich gegeben, außer denen, dass wir inmitten von Büchern aufwuchsen und viele Leute kennenlernten. Das prägt. Und ich kann mich auch nur an ein ernstes ökonomisches Problem erinnern. Da hatte mein Vater sein Monatsgehalt für eine Mondlandschaft ausgegeben, ein Bild. Dem folgte Flaschensammeln. Beide Eltern haben nicht versucht, es uns in der Schule irgendwie zu erleichtern, und ich bin nach der zehnten Klasse abgegangen und habe Drucker gelernt im Dreischichtsystem und kein Abitur gemacht, erst später auf der Abendschule. Mein Studium habe ich ohne Abschluss beendet.


Ihr Film ist fast eine Bildmeditation, über ganz konkrete Dinge. Die Bilder sind so konkret wie die Texte, hart, grau, industriell geprägt. Wie kam es dazu?

Heise: Dieser Film geht mir seit vielen Jahren durch den Kopf und hat sich immer wieder verändert: Bruchstücke, Fragmente, die sich immer wieder neu zusammensetzten, mit vielen Lücken dazwischen. Vorwärts, rückwärts, gleichzeitig. Ich kann nicht sagen, ob diese bewegten Bilder, die zu diesem Film jetzt geworden sind, endgültige sind, aber er ist ein ziemlich genaues Bild dessen, was ich zu sagen habe. Man kann das jetzt auf der Leinwand sehen, wenn man will und wenn der Film dort gezeigt wird.

Die Entscheidung, zu drehen, bevor mir überhaupt klar war, welche von den in 40 Aktenordnern versammelten, immer noch nicht vollständig transkribierten Briefe, Aufsätze, Tagebuchausschnitte, alten Notizen etc. in welcher Form Teil des Films sein werden – dazu kommen noch Sachen aus dem Wolfgang-Heise-Archiv usw. – war allerdings richtig. Und es kamen noch meine Erinnerungen dazu, übriggebliebene Gedanken. Die Bilder entstanden ohne dazugehörigen Text oder Szenarium, obwohl es das in einer Form gab, die Fördergremien verstehen. Wir haben blind gedreht im Ahnen oder Wissen um die ganze Geschichte: ein großer Haufen.

Vorhanden war allerdings das Material vom S-Bahnhof Ostkreuz, dem wichtigsten Umsteigebahnhof in Berlin. Das Material ist von 2009 und eigentlich für diesen für „24 h Berlin – Ein Tag im Leben“-Film gedreht. Ich hatte mir damals das Ostkreuz ausgesucht und die Rechte an den gedrehten Bildern gesichert, um sie später in meinem eigenen Film, „Heimat ist ein Raum aus Zeit“, nutzen zu können. Das war der Plan.

Bei Filmen aus Briefen, Tagebüchern usw. gerät man leicht in die Gefahr einer Bebilderung. Mir war es eine Hilfe, sich beim Drehen um keinerlei Zuordnungen zu kü̈mmern, sondern im Schnitt erst Bezüge zu entdecken zwischen Ton und Bild.

Es war ein ganz freies Arbeiten mit Stefan Neuberger, dem Kameramann, und Johannes Schmelzer, dem Tonmeister Der Ton ist selten Originalton. Ich hab Johannes oft vom Dreh weggeschickt und ihm gesagt, er soll Töne suchen, die er fü̈r diese Geschichte gebrauchen kann, und er ist dann durch einsame Landschaften gestapft und hat auf das Knarren der Bäume gehört, oder er lauschte dem Rascheln von Papier im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum zu, in dem auch das Wolfgang-Heise-Archiv untergebracht ist.

Auch im Schnitt war es anders als sonst, Chris Wright und ich haben nicht mit dem Anfang begonnen, sondern mit Rosemaries erster Liebe. Einfach, weil es das war, von dem ich am wenigsten wusste und weil es so deutlich war, wie jung beide gewesen sind, wie gierig auf Leben.

Auf einmal war es ganz einfach, Chronologien zu verlassen, sich in Schleifen zu bewegen, Dinge wegzulassen. Dazu kam die sehr frühe Entscheidung, kein Archivmaterial zu nutzen, keine Dokumente. Nur Persö̈nliches. Es gibt einen Ausweis, den meiner Großmutter mit dem J. Und die Transportlisten für die Deportationen. Sie wuchsen geradezu in den Film hinein, wurden immer länger. Ich merkte, als ich beim Ansehen der Namen und Adressen mich zu fragen, was grüne Häkchen hinter irgendeinem Namen bedeuteten oder ein rotes Fragezeichen. Beim Ansehen dieser Listen wurden die dazu gelesenen Briefe von Anna, Max, Elsa und Pepi zu Briefen aller dieser Deportierten und Getöteten.


Mit der fast tonlosen Rapportierung der Namen Deportierter vermitteln Sie eine Ahnung, was Naziterror bedeutet hat. Doch dann lassen Sie plötzlich Marika Rökk einen Durchhaltesong trällern. Für die Zuschauer ist das ein Schock und eine Befreiung zugleich. Ironischerweise erzeugt das Lied die Ablenkung vom Alltäglichen, die zur Zeit seiner Entstehung möglicherweise gewünscht war.

Heise: Unterhaltungsmusik gehört zum Töten. Sie macht es gemütlicher.


Die Band Laibach hat den Song für ein Stück zum 1. August 1944, dem Aufstand im Warschauer Ghetto, verarbeitet.

Heise: Das kenne ich nicht. Interessant.


Es gibt ein Wort, das im Gegensatz vielen anderen Dokumentarfilmen hier kaum fällt...

Heise: ...Sie meinen das Wort „Ich“...


Ja. Wie oft wird es verwendet?

Heise: Es gibt verschiedene Ichs. Da sind die der Briefe von Edith, Wilhelm, Anna, Max und Elsa, von Pepi, Hans und Wolf, später Udo und Rosie, dann das des Tagebuchs, das Ich von Christa Wolf und Wolf Biermann. Dann gibt es eins, ohne sich wirklich erkennen zu geben, im Erlebnisbericht zum 7./8. Oktober 1989.

Sprecher und Person sagen erst zum Schluss des Films „Ich“, im Schnitt weit nach der Aufforderung durch den Vernehmer, als Überschrift, verbunden mit der Notiz von Anfang Sommer 2014, kurz bevor meine Mutter starb und ein Freund. „Am Grunde erwartet Dich die Leere.“


Sie sprechen im Zusammenhang mit Ihrem Film von „Material“. Ein Begriff, der sehr neutral klingt, distanziert, unpersönlich; dabei handelt es sich doch um Dokumente Ihrer Angehörigen. Kein Klempner dürfte zu einer Schraubenmutter ein derartiges Verhältnis haben wie Sie zu diesen Dokumenten. Lassen Sie diese wirklich so kalt, wie das Wort Material vermuten lassen kann?

Heise: Nein. Nichts lässt mich kalt.


Was meinen Sie mit dem „Rest, der nicht aufgeht“, wenn Sie vom Nachdenken über die Zeit sprechen?

Heise: Das taucht seit einigen Filmen immer wieder mal auf. Was nicht aufgeht, gehört dazu. Es ist für mich wichtig, das fragile, vielleicht auch nur Vorläufige eines Bildes, dieses Filmes, der Gedanken, zu betonen. Es gibt Lücken, Verkürztes, es knirscht. Es gibt nichts Rundes, nichts Fertiges. Das macht es schwierig, es zu schlucken. Man muss sich damit beschäftigen, muss kauen, um es herunterzubekommen. Das gilt auch für mich.


Verstehen Sie Ihren Film als Kommentar zur Gegenwart? Was wünschen Sie sich von dieser Gegenwart für die Zukunft?

Heise: Ja, das ist, was ich dazu zu sagen habe und mit mir herumschleppe. Und es ist nicht so, dass es nicht noch sehr viel mehr gäbe. Jetzt aber das. Manchmal träume ich. „Der glücklose Engel“, heißt ein Gedicht.

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