Die Woche der Kritik: Eine Rückschau

Dienstag, 19.02.2019

Was braucht es, damit Kunst und das Kino ihre Rollen als kritische Instanzen wahrnehmen können? Nicht nur Filmemacher und Kritiker, sondern Künstler aus vielen Sparten stellten sich dieser Frage

Diskussion

Dissens als Chance: Die parallel zur „Berlinale“ veranstaltete Woche der Kritik befasste sich in diesem Jahr mit dem Sinn und den Methoden einer „Kultur der Kritik“. Zum Auftakt ging es in einer Konferenz um Christoph Schlingensief; bei den folgenden Abenden aus Filmvorführungen und Diskussionen war unter anderem der Regisseur Albert Serra zu Gast.


Bereits zum fünften Mal flankierte die unabhängige Programmreihe der „Woche der Kritik“ die „Berlinale“ und befragte durch ihre Auswahl die Kriterien der offiziellen Sektionen. Die politische Positionierung des Festivals war von "Berlinale"-Chef Dieter Kosslick in diesem Jahr sogar explizit zum Motto erklärt worden. Doch ob das Private automatisch immer auch politisch wird, wenn man es im Film zeigt, bleibt ebenso fraglich wie eine bedingungslose Affirmation von Filmen, in der jede Kritik sofort als „Bashing“ missverstanden wird.



Genau diese Sorge um einen Verlust der kritischen Praxis angesichts einer falsch verstandenen Debatte um „political correctness“ führte die „Woche der Kritik“ schon in der Auftakt-Konferenz zum Werk von Christoph Schlingensief zurück. Unter dem Titel „Intensivstation Kino“ eröffnete sie am Vorabend der „Berlinale“ in der Volksbühne mit „Das deutsche Kettensägenmassaker“ von Schlingensief an dessen ehemaliger Wirkungsstätte und blickte gezielt auf Kritik-Kulturen in anderen Künsten.

Zur anschließenden Konferenz waren Gäste aus vielfältigen Kontexten geladen, über ihre kritische oder aktivistische Praxis zu sprechen, darunter der Theaterregisseur Milo Rau, die Lyrikerin Monika Rinck, Kunsthistoriker Philip Ursprung und Anton Gernot vom Kreuzberger Aktivisten-Kollektiv PENG!. Sie traten mit langjährigen Wegbegleitern von Christoph Schlingensief in Dialog, welche daran erinnerten, wie viel Mut und Wagnis die gezielten Provokationen damals erfordert hätten und was durch sie gewonnen wurde. Schauspielerin Susanne Bredehöft bestand auf der „Dysfunktionalität“ Schlingensiefs als Methode und darauf, dass Momente der Verstörung, wie Schlingensief sie immer wieder nutzte, produktiv sein können.


Der Dissens als eigentliches Moment des Politischen

Der Fokus auf Christoph Schlingensief war dabei weniger als Vorbild gedacht, denn als Stein des Anstoßes, von dem aus sich weiterdenken ließ. So wurde innerhalb der Konferenz ebenfalls oft streitbar darüber diskutiert, welche Methoden provokative Kritik erlaube und welche Formen sie annehmen kann.

Gegen die allzu große Bravheit des zeitgenössischen Kinos forderte die „Woche der Kritik“ gerade die unangenehmen Gefühle ein, denn Wut, Unwohlsein und Widerspruch sind politische Momente, die zum Umschlagspunkt für eine kritische Haltung werden können – wenn man die Kritik als Kunstform ernst nimmt. Es lassen sich eben nicht alle gesellschaftlichen Widersprüche in Wohlgefallen auflösen oder schönreden; das Konflikthafte, der Dissens sei, ganz im Sinne des französischen Philosophen Jacques Rancières, das eigentliche Moment des Politischen, wie die Organisatoren der „Woche der Kritik“ klar herausstellten. Es auszuhalten und sprachlich wie künstlerisch adressieren zu können: Dieser Herausforderung wollte man sich in der Programmreihe stellen.

Sieben unterschiedliche Impulse rahmten die Abende der „Woche der Kritik“. Der Vorführung von jeweils ein oder zwei Filmen in den Hackeschen Höfen folgten Debatten über die Werke, die einen vergleichbar großen Raum einnahmen. So wurde die üblichen Diskussionsrunden der Festivals auf eine neue Ebene gebracht.

"Nakorn-Sawan" von Puangsoi Aksornsawang
"Nakorn-Sawan" von Puangsoi Aksornsawang

„Widerstand gegen das Verschwinden“ fragte nach filmischen Möglichkeiten, Entzugsmomente zu fassen und dem einen Raum zu geben, was in klassischen (Kino-)Erzählungen keinen Platz findet. Die thailändische Filmemacherin Puangsoi Aksornsawang findet mit „Nakorn-Sawan“ eine filmische Form der Trauerarbeit, die zugleich über die Ebene des Persönlichen hinausgeht. In meditativen Bildern verschränkt sie Zeiten und Orte, aber auch dokumentarisches Material mit fiktiven Szenen, und stellt das Vergehen selbst in den Vordergrund.

Der türkische Film „Gulyabani“ des Experimentalfilmers Gürkan Keltek findet Bilder, die die Arbeit des Gedächtnisses erfahrbar machen, während sie zugleich über die Gewaltgeschichte des eigenen Landes nachdenken. In eindringlichen Montagen lässt Keltek das Zeugnis einer Familienangehörigen einsprechen, die als Hellseherin zugleich begehrt und verhasst ist. Ihre nie ganz zu verortende Stimme legt auf gespenstische Weise frei, was gesellschaftlich marginal und unterdrückt bleiben musste.


Kino, das mit blinden Flecken spielt

Ein frühes Highlight bot der Film „Fausto“ der kanadischen Regisseurin Andrea Bussmann. In ähnlicher Weise wie Chris Marker und Miguel Gomes denkt sie in ihrem dokumentarischen Essay über die vielen Facetten der Dunkelheit nach. Obskures Wissen, das faustische Begehren nach Erleuchtung, koloniale Düsternis – in wunderschönen und poetischen Zusammenkünften von Bild und Ton zeigt sie, wie das Kino im Medium des Lichts auch mit den blinden Flecken zu spielen vermag.

In der anschließenden Runde um „Dunkle Materie“ diskutierten der argentinische Filmkritiker Roger Koza und die Künstlerin Kitso Lynn Lelliot mit Michael Hack über die verschiedenen Weisen, mit Verdunklungen zu arbeiten und sie erfahrbar zu machen.

Für das Schreiben bedeutet dies einen anderen Umgang mit dem Nichtverstehen; als Kritiker und Kurator müsse man gerade daran arbeiten, solche Momente als etwas Positives zu vermitteln und das Publikum in seiner Verunsicherung zu bestärken. Aus der Perspektive des Kunstschaffens braucht die Hinwendung zum Dunklen und Unerschlossenen vor allem eine Position, die empfänglich ist für das, was noch keine Stimme hat.

"The Great Pretender" von Nathan Silver
"The Great Pretender" von Nathan Silver

Doch auch komödiantische und wunderbar absurde Momente fanden sich unter den Stichworten „Wahn & Wonne“ oder „Erfindung mit gewissen Vorzügen“ im Programm der „Woche der Kritik“. Konstantinos Samaras suchte mit der wilden Balzac-Adaption „Magic Skin“ sein ganz eigenes ästhetisches Konzept innerhalb der „Greek Weird Wave“. Und Esther Garrel geriet in Nathan Silvers romantischer Komödie der anderen Art ("The Great Pretender") in amouröse Verwicklungen, die über Fiktionalisierungen eingefahrene Beziehungsmuster in Bewegung brachten.


Konfrontation mit der eigenen Schaulust

Zu einem ebenso radikalen wie faszinierenden Höhepunkt gelangte Albert Serra mit seinem neuen Film „Roi Soleil“, der die Grenzen zur Video- und Performancekunst öffnete, indem er Ludwig XIV., den er bereits in „Der Tod von Ludwig XIV.“ (2016) zur Hauptfigur gemacht hatte, erneut vor der Kamera sterben lässt – diesmal allerdings ohne Jean-Pierre Léaud in der Hauptrolle. In einem gänzlich entleerten Setting, getaucht in rotes Neonlicht, konzentriert sich Serra auf den Exzess des Sterbens als intensiv ausgedehnter Zeit und konfrontiert die Zuschauer mit ihrer eigenen Schaulust. Im Gespräch mit Fréderic Jäger diskutierte Serra gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp und Schauspielerin Hannah Schygulla.

"Roi Soleil" von Albert Serra
"Roi Soleil" von Albert Serra

Die höchste Nachfrage erfuhr jedoch „Das melancholische Mädchen“ von Susanne Heinrich, die schon beim Max-Ophüls-Preis für Furore gesorgt hatte. Bereits zu Beginn des Festivals war dieser Abend unter dem Titel „Feminismen vorführen“ ausverkauft.

Wer sich einen genaueren Einblick in die Debatten und Kontexte der „Woche der Kritik“ verschaffen möchte, dem sei auch diesmal der mit viel Liebe gestaltete Begleitband „Koschke“ ans Herz gelegt. Die Publikation ist im Synema Verlag erschienen und versammelt spannende Beiträge aus Wissenschaft, Kritik und kuratorischer Praxis ganz im Sinne der produktiven Differenzen.

Einen hervorragenden Eindruck von der aktuellen „Woche der Kritik“ gewinnt man auch auf der Website wochederkritik.de. Mitschnitte der Diskussionen finden sich auf dem Youtube-Kanal #wochederkritik.


Foto oben: "Magic Skin". Quelle: Woche der Kritik

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