Masken der Macht: Politiker im US-Kino

Freitag, 22.02.2019

Zum Kinostart von "Vice": Wie das US-Kino Geschichte als Drama mit Helden und Schurken fassbar zu machen versucht

Diskussion

Adam McKays rasantes Drama „Vice“ erzählt die US-Geschichte seit den frühen 1960er-Jahren anhand des Lebenswegs des späteren Vizepräsidenten Dick Cheney. Als manipulativer Charakter, der für das höchste Amt der USA zu unscheinbar ist, häuft er bei McKay mittels konstitutioneller Kniffe und anderer Gaunereien eine Machtfülle an, die sowohl jene seiner Vorgänger als auch die der meisten US-Präsidenten der Geschichte übertrifft. Als strippenziehender Schurke eignet sich der von Christian Bale auch dank Maske und Masseaufbau eindrücklich verkörperte Cheney perfekt für die biografische Methode: Den Gang der Geschichte über die Lebensläufe berühmter Persönlichkeiten zu erzählen.

Biopics sind für Hollywoods Bild der amerikanischen Geschichte ebenso unentbehrliches romantisches Inventar wie die Autorentheorie für den Cineasten. Wo jene die „Écriture“, die Handschrift des Künstlergenies wittert, spürt diese dem charismatischen Politikertyp nach, der „Geschichte schreibt“. Der klassische Spielfilm eignet sich dafür perfekt, denn er braucht einen Helden. Am besten einen, der sich nicht bloß in den Lauf der Zeit einfügt, sondern das Vorgefundene nach seiner Vision gestaltet.

Der Held als Autor der Geschichte – dieses Muster hat der Hollywoodfilm bei Literatur und traditioneller Geschichtsschreibung geborgt. Figuren wie Alexander der Große, Cäsar oder Napoleon stehen dort für genialische Demiurgen, die unbeschränkt regieren und befehlen konnten, jeglicher Kontrolle entledigt, und die scheinbar nur vom Schicksal aufzuhalten waren. In der US-amerikanischen Politik gibt es freilich Verfassungsinstitutionen, die ein absolutistisches Durchregieren verhindern sollen. Doch haftet dem Präsidenten in Hollywoods Biopics trotzdem stets etwas schillernd Königliches auf Zeit an. Auch wenn die Reinheit der Darstellung knallbunter Indifferenz wich, steckt in „Viceviel heimliche Bewunderung für die Macht: Wenn Cheney sich mit seinen Beratern die Theorie der „Exekutive aus einer Hand“ zu eigen macht – nach der die Macht des Präsidenten letztlich unbeschränkt ist – wirkt er wie der geniale Meisterdieb im Gangsterfilm, dessen Plan endlich in Erfüllung ging. „Vice“frönt dem Personenkult gerade dort, wo er ihn scheinbar entlarvt.


Christian Bale als Dick Cheney in "Vice"
Christian Bale als Dick Cheney in "Vice"

Geschichte als Drama mit Schurken und Helden

Verglichen mit politischen Heldenepen des klassischen Hollywood der 1930er- und 1940er-Jahre wie John Fords „Young Mr. Lincoln“ oder Henry Kings „Wilson“ fehlt es „Vice“ zwaram naiven Glauben an persönliche Allmacht. Doch auch wo er äußere Umstände betont, werden diese Einflüsse durch Nebenschurken wie Verteidigungsminister Rumsfeld verkörpert. Sam Rockwells George W. Bush benimmt sich wie der texanische Dorfdepp, den man am liebsten in ihm sieht. Lange vor „Vice“ sollte Christian Bale Bush in Oliver Stones Biopic „W. - Ein missverstandenes Leben“ von 2008 spielen – lehnte nach einigen Proben aber ab. Alles dortsieht einen Tick billiger produziert, aber auch weniger dick aufgetragen aus als in „Vice“. Auch Oliver Stone verlässt sich in seiner Darstellung des 43. US-Präsidenten auf die vertraute Version vom verpeilten Versager, den glückliche Zufälle und intellektuell überlegene Helfer ins Präsidentenamt hieven. Richard Dreyfuss gab einen reizvollen, gleichsam natürlicheren Cheney. Josh Brolins George W. erscheint deutlich stärker als Sam Rockwells Version, harmonierte zudem gut mit Elizabeth Banks als Laura Bush. Während Amy Adams als durch patriarchale Umstände verhinderter Mastermind hinter dem „Vice“ steht, dominiert bei Stone die Liebesgeschichte.

Deutlich kühler inszenierte Steven Spielberg sein Drama „Lincoln“ (2012). Zwar mit unverhohlener Bewunderung, doch die selbst einem Bürgerkriegspräsidenten Fesseln anlegende Prozesshaftigkeit der Politik stets betonend. In einem Feldlager nahe der Front empfängt Daniel Day-Lewis’ Abraham Lincoln, von der Kamera ehrfürchtig zentriert, gleich zu Beginn schwarze Soldaten. Der Zuschauer beobachtet, wie der Präsident, asketischer Zweifler und gewiefter Taktiker zugleich, den Verfassungszusatz zur Abschaffung der Sklaverei mit Beharrlichkeit und Hinterzimmer-Diplomatie durchsetzt. Aber auch andere wie Außenminister Seward oder der Anwalt Thaddeus Stevens erscheinen als starke Akteure.


Daniel Day-Lewis als "Lincoln"
Daniel Day-Lewis als "Lincoln"

Spielberg vermeidet es, das historische Klein-Klein zugunsten von Heureka-Momenten preiszugeben. Henry Fondas Lincoln erschien 1939 in „Der junge Mr. Lincoln“ noch als unbekümmerter Idealist, der zwei des Mordes verdächtigte Brüder mit leidenschaftlicher Verteidigung vor dem Galgen bewahrt. Als tugendhaft beschrieb Drehbuchautor Lamar Trotti fünf Jahre danach auch den Geschichtsprofessor Woodrow Wilson in „Wilson“, der für die Demokraten ins Weiße Haus einzog und die USA 1917 in den „Kreuzzug“ des Ersten Weltkriegs führte. Henry Kings Biopic unterstützte mit der historischen Referenz an ihn den auf die Bombardierung Pearl Harbors im Dezember 41 folgenden erneuten Kriegseintritt des USA: Es war eine Zeit, die den ungebrochen positiven (Polit-)Helden als Kontrapunkt zur faschistischen Gefahr dringend nötig zu haben schien. „Wilson“ erhielt mehrere „Oscars“, u.a. einen für Trottis Drehbuch. Doch verglichen mit den ebenfalls von ritterlichen Figuren lebenden Klassikern der Epoche wie „Stagecoach“ oder „Casablanca“ sind die Biopics jener Zeit miserabel gealtert: Ihnen fehlt das Abgründige und Zweischneidige, das dem modernen Helden eignet.


Verdrängte Geschichte sichtbar machen: Biopics um afroamerikanische Helden

Wie in der Politik kam Afroamerikanern im US-Film lange der Status von Objekten zu: In „Die Geburt einer Nation“ von 1915 zeigt D.W. Griffith sie mit unverstelltem Rassismus als triebhafte Unmündige, die Südstaaten nach dem Bürgerkrieg ins Chaos stürzend – erst gestoppt von den ritterlichen Reitern des Ku-Klux-Klans. Nate Parker borgte 2016 ironisch Griffiths Titel aus, um in „Birth of a Nation“ vom kurzen Leben des Nat Turner zu erzählen, der 1831 einen Sklavenaufstand anführte. Drei Jahre vor Parker verfilmte Steve McQueen Solomon Northups albtraumhafte Geschichte „12 Years a Slave“: Als freier Schwarzer aus dem Norden wird Northup (Chiwetel Ejiofor) von zwei Männern entführt und landet auf einem Sklavenmarkt in den Südstaaten, um anschließend zwölf Jahre unter dem Willkürregime eines sadistischen Plantagenbesitzers (Michael Fassbender) zu verbringen.

Auch in diesen Filmen wird von individuellen Heldenfiguren erzählt, jedoch geht es hier nicht darum, großen „Autoren“ der Geschichte ein Denkmal zu setzen, sondern im Brennglas der Lebenserzählung den Rassismus als tragendes Motiv der amerikanischen Gesellschaft freizulegen. Vorgemacht hatte das Spike Lee in „Malcolm X“ (1992), der das Leben des Black-Muslim-Führers von der Kindheit bis zum frühen Tod porträtiert: Nach der mutmaßlichen Ermordung des Vaters legen Ku-Klux-Klan-Anhänger das Haus der Familie in Brand. Die Behörden nehmen der Mutter die Kinder weg, Malcolm kommt zu Weißen, bekommt immerfort die Minderwertigkeit der Schwarzen gepredigt. Als junger Erwachsener ist Malcolm (Denzel Washington) zunächst peinlich darauf bedacht, nicht als Schwarzer aufzufallen – ein Schlüsselmoment ist in Lees Film das schmerzhafte Glätten des krausen Haares. Wegen Verkehrs mit einer Weißen landet er im Gefängnis, wird dort politisch interessiert. Begeistert er sich zunächst für Marcus Garvey, der Rassentrennung unter schwarzen Vorzeichen predigte und „Afrika den Afrikanern“ proklamierte, zieht es ihn schließlich zum „schwarzen Nationalismus“, dem Martin Luther Kings Gewaltlosigkeit als Anbiedern des „Onkel Tom“ bei den Weißen gilt.


Denzel Washington als "Malcolm X"
Denzel Washington als "Malcolm X"

Aktivist Lee sympathisiert sichtlich mit Malcolm, beraten von dessen Witwe Betty Shabazz. Wie jüngst in „BlacKkKlansman“ ergänzt er den Spielfilm mit dokumentarisch-zeitgenössischen Referenzen, eine rassistische Kontinuität brachial betonend: Dort die Neonazis in Charlottesville 2017, hier die Misshandlung Rodney Kings durch weiße Polizisten im L.A. des Jahres 1991.


Strahlende, ungebrochene Helden der Politik haben ausgedient

Über bedeutende Präsidenten des 20. Jahrhunderts wie Franklin D. Roosevelt oder Kennedy gibt es interessanterweise keine großen Filme. „JFKkommtin Oliver Stones gleichnamigem Verschwörungsthriller von 1991 nur als guter Geist vor, den finstere Mächte unbedingt beseitigen mussten; und andere Filme wie Pablo Larraíns „Jackie“ (2016) oder Peter Landesmans „Parkland“ (2013) tun es ihm gleich und stellen nicht die Präsidentschaft Kennedys, sondern deren gewaltsames Ende ins Zentrum . Der Mord an John F. Kennedy ist auch ein Schlüsselmoment im Biopic „LBJ“ (2016), Rob Reiners so informativem wie drögem Porträt von Kennedys Vize und Amtsnachfolger Lyndon B. Johnson: Es zeigt LBJ zunächst als Vorwahlgegner von John F., später als Intimfeind von Robert Kennedy; im Tumult nach der Ermordung von JFK (die Johnson laut einer besonders verwegenen Verschwörungstheorie, die der Film nicht teilt, selbst in Auftrag gab) kann Johnson seine Vereidigung kaum erwarten. Reiner präsentiert ihn dem Zuschauer als im Geiste Konservativen, dem die Abgrenzung von den die Rassentrennung verteidigenden Südstaatendemokraten dann aber doch mühsam gelingt – und der dadurch das innenpolitische Erbe des Vorgängers bewahrt. Woody Harrelson, der LBJ verkörpert, hatte zwar auch geschminkt kaum Ähnlichkeit mit dem historischen Vorbild, beherrschte als gebürtiger Texaner aber dessen Akzent.

Welche Präsidenten oder andere Politiker zu welcher Zeit in den Fokus des filmischen Interesses rücken, spiegelt nicht zuletzt auch die jeweilige Haltung zur Politik. Die ungebrochenen präsidialen Helden, wie sie Hollywood in den 1930er- und 1940er-Jahren gezeichnet hatte, machten spätestens im „New Hollywood“ zweifelhafteren Figuren Platz – parallel zu historischen Ereignissen wie dem Vietnamkrieg, die das Vertrauen in die Politik erschütterten. Selbst das Amt des Präsidenten erschien zwielichtiger. Allen voran jener Mann, der im Zuge der sogenannten „Watergate-Affäre“ über einen Einbruch in die Wahlkampfzentrale der Demokraten stürzte: Richard Nixon. Alan J. Pakula setzte den von Dustin Hoffman und Robert Redford verkörperten Journalisten Woodward und Bernstein, die den Fall damals aufdeckten, in „Die Unbestechlichen“ 1976 ein Denkmal; 20 Jahre danach nahm sich dann wiederum Oliver Stone den von seinem Nachfolger begnadigten Delinquenten vor: In Anthony Hopkins’ einprägsam nuschelnden „Nixon“ schwingt noch der Hannibal Lecter aus „Das Schweigen der Lämmer“ nach.


Anthony Hopkins als "Nixon"
Anthony Hopkins als "Nixon"

Eine Figur, die für alles steht, was an Amerika verabscheuungswürdig ist

Als Kommunistenfresser im berüchtigten Ausschuss für unamerikanische Umtriebe groß geworden, wird Nixon Vizepräsident unter Eisenhower. Seit der gegen JFK hauchdünn verlorenen Wahl 1960 leidet er an der Liebesverweigerung des Volkes. Regisseur Oliver Stone unternimmt immer wieder Ausflüge in die Jugend „Tricky Dicks“ mit seiner von Mary Steenburgen grandios manipulativ verkörperten Mutter, um seine unehrliche Persönlichkeit zu erklären. Nixon versteht es, der angeblichen „schweigenden Mehrheit“ zu schmeicheln, die in Kriegsdienstverweigerern Verräter sieht und über Werteverfall klagt – trotz seiner Sozialisierung als Quäker bricht er die brutalen Bombardements in Kambodscha vom Zaun nach dem Versprechen, den Krieg in Vietnam ehrenvoll zu beenden. Gleichzeitig steht Nixon für die Annäherung an Maos China und die UdSSR. Der alberne Vorwurf an Stone, er wolle den Zuschauer manipulieren, übersieht, dass jedes Biopic mindestens ebenso viel vom Weltbild eines Produzenten oder Regisseurs erzählt wie von der Geschichte. Mit dem kommerziellen Flop „Nixon“ gelang Stone ein übersehenes Meisterstück: Sein Held steht für alles, was seine Generation mit ihrem kritischen Verhältnis zu Amerika und seiner Macht verabscheute.

Diese kritische, von tiefem Misstrauen geprägte Sicht auf die politische Elite, die in fiktionalen Stoffen wie der Serie „House of Cards“ ein Echo findet, scheint sich bis hin zu „Vice“ als dominante filmische Lesart etabliert zu haben: Im modernen US-Kino scheinen die Autoren der Geschichte nur noch als Schurken denkbar zu sein. Was man als gesunden Skeptizismus, gespeist aus historischer Erfahrung, sehen kann, was aber durchaus auch seine eigenen Gefahren birgt: Die Annahme, dass die Politik nichts als ein schmutziges Geschäft sei, befördert auch das reaktionäre Geraune über „die da oben“. „Vice“ zieht am Ende eine arg bemühte Linie von Cheney zum aktuellen Präsidenten Donald Trump. Dabei hat es Trump immer geholfen, kein etablierter Politiker zu sein, sondern seine Anhänger mit dem Gestus des unverbrauchten Außenseiters ködern zu können, der mit verfilzten Strukturen der politischen Elite aufräumt. Er scheint dabei seine grelle Parodie gleich mitzuspielen; seine hyperaktive Politik des Ausnahmezustands hat sich auf die Öffentlichkeit übertragen. Bleibt zu hoffen, dass man irgendwann wieder nüchterner von Präsidenten und ihren Möglichkeiten erzählen kann.

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