Neue Filmliteratur 2019: Schroeter, Lang und die Stasi

Montag, 11.03.2019

Eine Auslese herausragender neuer Filmbücher: Fritz Langs Notizen, Aufsätze zu Werner Schroeter, zur Kinokultur auf dem Balkan, der Darstellung der Stasi im Film und der Stadtentwicklung in Frankfurt am Main

Diskussion

Neue Buchpublikationen machen die gesammelten Notizen von Fritz Lang aus seiner wichtigen Arbeitsphase zwischen 1929 und 1934 erstmals allgemein zugänglich und zeigen, dass sich die Stasi-Darstellung im deutschen Film und Fernsehen beileibe nicht mit „Das Leben der Anderen“ erschöpft. Außerdem: Frische Perspektiven auf Werner Schroeter, eine empirische Untersuchung der Kinokultur auf dem Balkan und die Stadtentwicklung Frankfurts am Main im Film.



Fritz Lang. „What makes him tick?” Notizbuch 1929-1934. Von Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen (Hg.). belleville Verlag, München 2018. 246 S., 29,80 EUR.

Fritz Lang – encore, möchte man sagen. Alle paar Jahre wieder gibt es zu Fritz Lang noch etwas Neues, das noch nicht oder noch nicht richtig erforscht wurde. Als Autor von Buchbesprechungen fällt einem das besonders auf. Fritz Langs Notate dürfen als verloren betrachtet werden, aber für die Jahre von 1929-1934 befindet sich seit 1997 eine Kladde im Archiv der Stiftung Deutsche Kinemathek. Gelegentlich wurde daraus schon zitiert, jetzt liegt sie im Reprint, farbig, auf gutem Papier vor. Fast ein bisschen edel für eine Kladde. Fritz Lang schrieb kein Sütterlin und ist weitgehend gut lesbar. Enthalten sind darin auch seine eingeklebten Zeitungsschnipsel aus der „Drehbuchseite“ – das heißt aus der Rubrik „Verschiedenes“ –, der wichtigsten Ideen-Fundgrube für Regisseure und Drehbuchautoren weltweit. Ergänzt wird der Reprint durch eine Transkription, erklärende Anmerkungen und eine Einschätzung durch die Herausgeber.

Die Jahre von 1929 bis 1934 umfassen eine wichtige Phase im Werk von Fritz Lang. Es kann und darf jeder seine eigene Interpretation daran hängen. Die Herausgeber sind in ihrer Einschätzung aber sehr zurückhaltend. Sie vermeiden es, gleich neue Interpretationsansätze zu Filmen zu liefern. Es geht ihnen darum, den Stellenwert dieser Notizen einzugrenzen. Kein Tagebuch, kein Drehbuch, keine Filmtheorie, sondern Materialien, zufällig, ungeordnet, unsystematisch, manchmal zu Filmideen, manchmal zu „M“ und „Das Testament des Dr. Mabuse“. Sie folgen einer Spur mit Hinweisen auf Langs Faible fürs Kriminalistische, sein zwiespältiges Verhältnis zu Frauen, sein Interesse am Tonfilm. Ein Einblick in das, was Lang bewegt, wie er arbeitet, wie er tickt. Mehr als ein bloßer Zettelkasten.

Die Notate enthalten auch kaum Hinweise auf die turbulente Zeitgeschichte, andere Personen oder die Umstände seiner Emigration. Trotzdem schimmert ein Thema immer wieder durch. Die Erfahrung des Ersten Weltkriegs, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Und bei Fritz Lang davon abgeleitet die Fragen von Schuld und Unschuld, vom organisierten Töten im Krieg und vom verbotenen Mord im Zivilleben. „Vor dem Verbrechergericht“, heißt es zum Beispiel, „Kriegsszene als Entschuldigung des Mörders.“ Ein ausgestreckter Arm wird zum Kanonenrohr. „Einer der Wahnsinnigen ein Kriegsverletzter.“ Oder ein Vergleich von Filmwirkung und Kriegswirkung. Motive wie Verrat im Krieg, Kriegsgericht, Briefe von Kriegstoten et cetera spielen eine Rolle. Und eine Notiz: „Menschen müssen immer töten!!“

Von Thomas Brandlmeier


Fritz Lang. „What makes him tick?” Notizbuch 1929-1934. Von Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen (Hg.). belleville Verlag, München 2018. 246 S., 29,80 EUR.




Karl Kaser: Hollywood auf dem Balkan. Die visuelle Moderne an der europäischen Peripherie (1900-1970). Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2018. 388 S., 89 Abb., 67 EUR.

Karl Kasers Buch handelt von kollektiven visuellen Lernprozessen. Der 1954 geborene Autor, Professor für südosteuropäische Geschichte an der Universität Graz, der schon mit mehreren Büchern zur südosteuropäischen Historie und Geschichtswissenschaft hervorgetreten ist, befasst sich mit der Frage, „wann und unter welchen Umständen die Bevölkerung der Balkanländer, die im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert von Zeitgenossen und -innen noch als kulturell und wirtschaftlich rückständig klassifiziert wurde, in einer erstaunlichen Geschwindigkeit regionale und religionsgebundene visuelle Traditionen um säkulare und globale Weltsichten zu erweitern imstande war“. Das Buch weist nach, dass sich diese Weltsichten erst in der Mitte des 20. Jahrhunde

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