Filmklassiker: César und Rosalie

Montag, 01.04.2019

Eine Wiederbegegnung mit Claude Sautets Drama um eine Dreiecksbeziehung mit Romy Schneider, Yves Montand und Sami Frey

Diskussion

Zu den unbedarften, aber unausrottbaren Vorurteilen übers Kino zählt die Annahme, dass Filme aus Frankreich sich durch eine spezielle Form der Geschwätzigkeit und die Vorliebe für kulinarische Genüsse auszeichnen. Als archetypische französische Filmszene gilt demnach nach ein ausgedehntes Gespräch rund um einen üppig gedeckten Tisch, bei dem Baguettes, Rotwein und andere Landesspezialitäten die Figuren stilgerecht einrahmen. So undurchdacht dies ausblendet, dass andere Nationen das Setting des Esstisches filmisch nicht weniger nutzen, berührt die stereotype Vorstellung doch eine tatsächlich speziell im französischen Kino auffallende Qualität: Über Szenen des alltäglichen Zusammenseins einen anspruchsvollen erzählerischen Weg zu finden, der weder einer selbstzweckhaften Dramaturgie folgt, bei der jeder Moment und jeder Dialog seine Handlungsfunktion vor sich herträgt, noch in oberflächliche Redundanz abgleitet.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Würdigung des Filmemachers Claude Sautet durch François Truffaut zu verstehen, der seinen Kollegen als „französischsten aller Regisseure“ bezeichnete. Sautets Filme sind voll von den genannten Szenen, in denen gemeinschaftlich gegessen, getrunken und geredet wird, ergänzt durch weitere Attribute des geselligen Zusammenseins: Rauchen, Kartenspiel, Feiern, Strandausflüge, Angeln... Zumindest gilt dies für jene Werke, mit denen der 1924 geborene Regisseur nach fast zwei Jahrzehnten Anlauf seine ureigene filmische Berufung fand. Seine ersten Regiearbeiten der 1950er-/1960er-Jahre waren noch Kriminalfilme und Komödien, doch von diesen Anfängen wandte sich Sautet, beginnend mit „Die Dinge des Lebens“ (1970), radikal ab: Sein Metier waren von da an im Tonfall leichte, grundsätzlich aber dramatische Filme mit Hauptfiguren aus dem Mittelstand, die Sujets Beschreibungen von Krisen, die meist mit den unberechenbaren Auswüchsen von Beziehungen oder ganz allgemein der Liebe zusammenhingen.

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Claude Sautet: Kein radikaler Kritiker der Bourgeoisie, sondern ein neutraler Beobachter

Bereits „Die Dinge des Lebens“ und „Das Mädchen und der Kommissar“ (1971) sind formvollendete Werke, in denen Sautet seinen Stil aber noch sucht. Zementiert wird dieser erst mit „César und Rosalie“ (1972), in dem das Schicksal der Figuren erstmals untrennbar mit ihrer Verankerung in der Bourgeoisie verknüpft ist. Damit bewegen sich Sautet und sein Stammdrehbuchautor Jean-Loup Dabadie im Strom eines Zeitgeistes, der im Fahrwasser der 1968er-Aufstände das französische Bürgertum zum Feindbild erklärt hat. Claude Chabrol hat in diesen Jahren mit ätzenden Attacken auf die eine seiner kreativsten Phasen, in Luis Buñuels „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ und Marco Ferreris „Das große Fressen“ werden bürgerliche Normen einem Exzess geopfert, in dem sich die Klasse schließlich selbst vernichtet. Im Vergleich dazu ist Claude Sautet zahm, milder im Urteil – was ihm die betont gesellschaftskritische zeitgenössische Filmkritik auch sehr übel genommen hat –, doch letztlich auch realistischer. Sein Blick registriert sich wiederholende, womöglich klassenspezifische Verhaltensweisen, zeichnet markante Details auf, interessiert sich für Prozesse beim Umgang miteinander, für Eitelkeiten und Schwächen, doch bleibt er stets ein neutraler Beobachter, der eine gewisse Distanz zu seinen Figuren gewahrt wissen will.

Zwei Männer und nur eine Romy Schneider

In „César und Rosalie“ ist das auch deshalb augenfällig, weil die zentralen Männerfiguren ebenfalls im Grunde von außen auf das bourgeoise Milieu schauen: Der 50-jährige Schrotthändler César (Yves Montand) hat sich aus proletarischen Ursprüngen hochgearbeitet und betont seine Herkunft mit hemdsärmeligem, lautem und kraftmeierischem Verhalten, sein Nebenbuhler um die Gunst seiner zehn Jahre jüngeren Partnerin Rosalie (Romy Schneider) ist der mit ihr gleich alte David (Sami Frey), der als Comiczeichner von den bürgerlichen Charakteren allseits schräg beäugt wird. Dem – finanziell abgesicherten – Künstlertum, das er vertritt, gehört auch der Maler Antoine (Umberto Orsini) an, der in Rosalies Leben ebenfalls einmal den wichtigsten Platz eingenommen hat: Während David mehrere Jahre im Ausland war, heirateten Antoine und Rosalie und bekamen eine Tochter, bevor sie sich wieder scheiden ließen und Rosalie sich César zuwandte. Wirklich geliebt hätten sie sich nie, erklärt der Maler dem zurückgekehrten David, vorgeblich ohne Gefühle der Trauer – sein mit Fotos und Gemälden von Rosalie gefülltes Atelier straft dies freilich Lügen.

Die potenziell durchaus auch interessante Geschichte von Rosalie und Antoine spricht der Film, der mit Davids Rückkehr nach Frankreich einsetzt, nur am Rande an. Die vom Filmtitel nahegelegte Zweisamkeit allerdings ist von Anfang an in Frage gestellt: Rosalie sieht sich mit zwei gleichermaßen in sie verliebten Männern konfrontiert, die den Platz neben ihr beanspruchen, dabei aber nicht gerade geschickt vorgehen. Der energiegetriebene César neigt zu exaltierten Auftritten, wenn er Publikum hat – je mehr Zuschauer, desto besser. Das Bild des fröhlichen Possenreißers fällt jedoch sofort zusammen, als David sich als sein Rivale positioniert. Das erste Duell der beiden inszeniert Sautet auf einer kleinen Landstraße, bei dem David in seinem unscheinbaren gelben Auto an Césars Angeberschlitten vorbeirauscht. Dieser fühlt sich sofort in seiner Ehre gekränkt und startet ein Rennen mit riskanten Überholmanövern, das allerdings für ihn ein peinliches Ende in einer Wiese findet. Auch später reagiert César impulsiv und mit heftigen Gewaltausbrüchen auf seinen Konkurrenten, einmal zerstört er sogar die Zeichenwerkstatt von David und seinen Berufskollegen. Seine Rohheit schadet ihm jedoch bei Rosalie mehr als alles andere: Ein erstes Mal sucht sie kommentarlos das Weite, als er sie zur Bedienung seiner Runde aus Pokerfreunden abkommandieren will. Nach dem Tobsuchtsanfall gegen Davids Comickunst verlässt sie César schließlich, nicht aber ohne sich zuvor aus seinem Büro-Safe das Entgelt für den angerichteten Schaden zu holen.

Eine unausweichliche Emanzipation

Auch Rosalies Zusammenleben mit David zeichnet Sautet jedoch nicht als die wahre Erfüllung. David erweist sich als eminent schüchterner Mann, dem gerade die Art von Temperament fehlt, die Rosalie an César zu viel des Guten war: „Er würde mich vom Ende der Welt heimholen“, gibt sie sich David gegenüber gewiss, „und er würde keine fünf Jahre dafür brauchen.“ Als Rosalie und David sich im Süden Frankreichs niederlassen, taucht auch tatsächlich bald César auf, lässt seinen Charme spielen, lockt mit einem einzigartigen Geschenk, das er für Rosalie gekauft hat, und schafft es, sie wieder mit sich zu versöhnen. Nachdem diesmal David wortlos abgereist ist, könnte das Dreiecksspiel ein Ende haben, doch stellt sich die alte Vertrautheit von César und Rosalie nicht wieder her. Widerwillig holt César seinen Nebenbuhler zurück und das Leben geht eine Weile harmonisch zu dritt weiter, wobei die Männer immer mehr zu besten Kumpels werden. In einer abendlichen Strandszene zeigt Sautet die drei Arm in Arm beim Spaziergang als kaum noch voneinander abhebbare Silhouetten, das Bild einer Verschmelzung, die vielleicht verheißungsvoll scheinen mag, aber keinen Bestand haben wird. Der Schluss, den Rosalie aus dem Szenario zieht, ist ernüchternd (für sie wie für den Zuschauer): Die Unfähigkeit, sich für einen der Männer zu entscheiden, bringt sie dazu, beide zu verlassen. Doch ist das endgültig? Ein Epilog weckt zumindest Zweifel daran.

César und Rosalie“ ist kein Manifest der Frauenbewegung, dennoch erzählen Sautet und Romy Schneider auch von einer unausweichlichen Emanzipation. Scheint Rosalie lange Zeit vor allem durch die Bilder charakterisiert, die sich andere von ihr machen, kehrt sich dies im Laufe des Films um. Immer öfter macht sie ihre Position geltend, bis sie zu ihrem Schlussstrich bereit ist: „Mit der Zeit vertraute sie darauf, dass sie für sich selbst sorgen konnte“, fasst ein für den Abschluss noch auftauchender Erzähler ihren Reifeprozess zusammen. Es ist somit ein positives, 1972 zeitgemäßes und auch aus zeitlichem Abstand noch Mut machendes Signal, das Sautet am Ende den melancholischen Entwicklungen entgegenhält. Anerkennung, Erfolg, Geld, selbst die Liebe haben es nicht geschafft, eine der beiden Beziehungskonstellationen zusammenzuhalten, doch statt Wehleidigkeit zu empfinden oder sich doch noch auf die Seite der Bourgeoisie-Verächter zu schlagen, setzt der Film auf Neuanfänge und die Heilkraft der Zeit. Das strahlende Himmelblau, das Claude Sautet über Vor- und Abspann von „César und Rosalie“ gelegt hat, spricht Bände.

„César und Rosalie“ ist bei Studiocanal als DVD und BD erschienen


Foto: StudioCanal


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