Mit dem Kino über die Vergangenheit sprechen: Ein Interview mit Radu Jude

Dienstag, 28.05.2019

Der rumänischen Regisseur über Vergangenheitsbewältigung & Film

Diskussion

Der 1977 in Bukarest geborene Regisseur und Drehbuchautor hat sich seit seinem Spielfilmdebüt „The Happiest Girl in the World“, das 2009 bei der „Berlinale“ lief, mit Filmen wie „Aferim!“ und „Scarred Hearts“ zu einer international wahrgenommenen Stimme des rumänischen Autorenfilms entwickelt. In „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“ (Kinostart: 30.5.), erzählt er von einem Theaterprojekt, in dem sich eine junge, engagierte Regisseurin mit dem rumänischen Antisemitismus und der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg befasst – und damit auf heftige Widerstände stößt. Ein kluger, vielschichtiger Film darüber, wie Geschichte geschrieben wird, und über die Rolle der Kunst.

Ich muss gestehen, dass mich Ihr Film sehr beeindruckt hat. Er ist sehr kraftvoll und bewegend…

Radu Jude: (unterbricht): Ich erzählte einem Freund von mir, dass ich zum Filmfest nach Hamburg fahren würde. Er meinte daraufhin, dass den Deutschen der Film sicher gefallen würde, weil sie in der Nazizeit nicht die einzigen Barbaren waren…

Aber darum geht es ja nicht. Der Film relativiert nicht die Schuld, die die Deutschen auf sich geladen haben.

Jude: Das stimmt.

Sie haben nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben. Was war der Ausgangspunkt für den Film?

Jude: Das begann schon mit meiner Erziehung, wenn Sie so wollen, mit meiner Generation. Ich gehöre einer Generation an, die unter einer kommunistischen Diktatur aufgewachsen ist – bis ich fast 13 Jahre alt war. Und dann begann der wachsenden Nationalismus in den 1990er-Jahren. Ich war 20 Jahre alt, als ich herausfand, dass sich einige Dinge in der Geschichte meines Landes anders zugetragen haben, als ich es bis dahin wusste, zum Beispiel die Versklavung von Sinti und Roma in Rumänien, über die ich auch einen Film gemacht habe („Aferim“, 2015), aber auch die Situation zwischen Juden und Rumänen in den 1930er- und 1940er-Jahren und die Verwicklung in den Holocaust. Niemand sprach jemals mit mir darüber. Ich wusste nichts über die jüdische Gemeinschaft in Rumänien oder ihre Geschichte. Und als ich es herausfand, war ich wirklich schockiert. Ich fing an, mich für das Thema zu interessieren, nicht für einen Film, sondern als Mensch, der wissen wollte, was damals passiert war. Und später kam die Überlegung dazu, mit meinen Werkzeugen über diese Geschehnisse zu sprechen. Und mein Werkzeug ist der Film. Ich fing dann an zu recherchieren. Ein anderer Aspekt ist dieses Phänomen, dass man in militärischen Uniformen berühmte Schlachten nachstellt. Ich hatte mit meinem ältesten Sohn eine dieser Vorführungen besucht. Ich hatte bis dahin gar nicht gewusst, dass es so etwas gibt. Ich wurde dann auch gefragt: Warum machen Sie einen Film über ein Massaker, dass Rumänen begangen haben sollen? Wie können Sie so etwas behaupten? Und ich antwortete einfach: Warum nicht? Die Ausgangsidee setzt sich also aus dem Studium der Geschichte und diesen Vorführungen zusammen.

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