Filmklassiker: „Bübchen“

Montag, 24.06.2019

Der Debütfilm von Roland Klick, bei der Premiere 1968 heftig angefeindet, ist digital restauriert auf DVD/BD erschienen

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Bei der Filmwoche Mannheim konnte 1968 weder Publikum noch Kritik sonderlich viel mit dem Debütfilm von Roland Klick anfangen. „Bübchen“ konfrontiert mit Totschlag unter Kindern, ohne dafür eine entlastende Erklärung anzubieten. Wohl auch deshalb ist er einer der „genauesten und schmerzhaftesten Filme der 1960er-Jahre“ (Peter W. Jansen). Jetzt ist der Film digital restauriert erneut auf DVD und erstmals auch auf BD erschienen.


„Rolandino, du musst unbedingt bei mir spielen“, sagte Federico Fellini Ende der 1960er-Jahre zu Roland Klick, der sich gerade in einer Schaffenskrise befand und mit großen Finanzierungsproblemen für sein Filmprojekt Deadlock kämpfte. Doch der 1939 in Hof geborene Maverick des „Neuen Deutschen Films“, der kurzzeitig als Fahrer für Fellini in Rom arbeitete, wollte nicht Teil seines „Satyricon“-Schauspieler-Ensembles werden. Stattdessen antwortete er trocken: „Nein, ich bin Regisseur und in einer Sackgasse. Ich muss unbedingt wieder drehen.“

Und so stieg Roland Klick, nachdem er eine Zeitungsmeldung gelesen hatte, die vom Mord eines Bruders an seiner kleinen Schwester handelte, kurzerhand in den nächsten Zug nach München, um auf der Heimfahrt das Drehbuch zuBübchen zu skizzieren. „In 16 Stunden“ stand die erste Fassung, heißt es im Booklet zu Klicks digital restauriertem Langfilmdebüt „Bübchen“ (alias Der kleine Vampir, so lautete der spätere Verleihtitel zum Kinostart), das jetzt in einer herausragenden Heimkino-Edition (mit umfangreichem Bonusmaterial und einem spannenden Audiokommentar von Klick) veröffentlicht wurde.

Trostlose Neubausiedlung in der Peripherie

Bereits der Diminuitiv des Filmtitels ist eine Provokation. Denn das zentrale „Bübchen“ Achim, das Sascha Urchs mundfaul-lustlos und seltsam introvertiert verkörpert, ist alles andere als ein Musterknabe. In einer trostlosen Neubausiedlung an der Peripherie Hamburgs verlässt der etwa zehnjährige Junge an einem bleischweren Samstagnachmittag zwischen leeren Parkplätzen und großflächigen Werbeschildern den Schulbus. Einsam streunt er Richtung Elternhaus, während über ihm Flugzeuglärm tost. Dort wartet schon die 17-jährige Nachbarstochter Monika (Renate Roland), die auf ihn und seine einjährige Schwester Katrin aufzupassen soll.

Renate Roland in "Bübchen"
Renate Roland in "Bübchen"

Doch die frühreife Monika, für deren lasziv-naive Darstellung Renate Roland einen Bundesfilmpreis als beste Nachwuchsschauspielerin gewann, denkt überhaupt nicht ans Babysitten. Stattdessen bricht sie mit ihrem neuen Freund Otto (Jürgen Jung) zu einer Spritztour in ein nahegelegenes Waldstück auf. Währenddessen stülpt Achim seiner Schwester im Gartenschuppen eine Plastiktüte über den Kopf, und das kleine Mädchen erstickt.

Später fährt Achim Katrins Leiche mit einem Bollerwagen zur nächstgelegenen Müllhalde und versteckt sie im Kofferraum eines Schrottautos. Abends kehren die Eltern (Sieghardt Rupp, Edith Volkmann) betrunken von einer Feier zurück. Eine fieberhafte Suche nach dem kleinen Mädchen beginnt...

Ein skandalumwittertes Debüt

„Die bürgerliche Gesellschaft duldet nicht, dass das Grauen möglich ist. Es findet aber statt, es bricht ein. Und am Ende wird so getan, als sei nichts!“, sagt Roland Klick im Audiokommentar über sein skandalumwittertes Debüt, das 1968 bei der Uraufführung während der „Mannheimer Filmwoche“ bei Publikum wie Kritik gnadenlos durchlief und auch beim Kinostart 1969 unter dem irreführenden Titel „Der kleine Vampir“ ein weiteres Mal auf großen Widerstand stieß.

Denn die Motive für Achims Tat werden an keiner Stelle erläutert. Hat er seine kleine Schwester nur „zum Spaß“ getötet? In gewisser Weise nimmt „Bübchen“ damit andere skandalöse Kindsmordfilme wie Michael Hanekes Benny’s Video (1992) oder Bartosz M. Kowalskis Playground (2016) um Jahrzehnte vorweg. Oder resultiert der Todeher aus Unachtsamkeit, Neugier oder Langeweile? War es am Ende ein tödlicher Unfall? Oder eine bewusste Aktion des Widerstands gegen die Eltern und die Vororthölle?

Die Gründe für das Verhalten des auffällig still agierenden Jungen bleiben bis zum Ende in der Schwebe. Ähnlich wie in Volker Schlöndorffs Mord und Totschlag (1966) oder Johannes Schaafs Tätowierung (1967) passiert der grausame Mord ohne Vorwarnung. Dass dieses Verbrechen obendrein noch von einem Kind begangen wird, das ein anderes Kind tötet, brachte das Fass zum Überlaufen. Der erstaunlich souverän erzählte und von Jane Sperr extrem flüssig montierte Film war in der Folge lange Zeit nicht zu sehen und erfuhr erst Jahrzehnte später mehr Anerkennung.

Achim (Sascha Urchs) im Visier der Polizei.
Achim (Sascha Urchs) im Visier der Polizei.

Eine auffällige Gehässigkeit

In „Bübchen“ wird, anders als in vielen gleichzeitig entstandenen Werken des „Neuen Deutschen Films“, die Klick als „Krankenkassenfilme mit Behindertenrabatt“ kritisierte, nichts psychologisiert oder soziologisch gedeutet. „Ich will nicht verstanden werden, sondern erlebt“, lautet das Credo des großen Außenseiters des deutschen Autorenfilms.

Mit den von Robert van Ackeren präzise kadrierten Einstellungen, die Achims Familie regelrecht einkerkern, liefert Klick abseits der erschütternden Kindsmordgeschichte eine brutal ehrliche Milieuschilderung des spießigen, jederzeit gewaltbereiten Kleinbürgertums am Ende des Wirtschaftsbooms. Biedere Konventionen, verdrängte Sehnsüchte und die Gier nach gesellschaftlichem Aufstieg existieren hier nebeneinander. Eruptive Ausbrüche verbaler wie physischer Art gehören zum Alltag; auf den apokalyptisch anmutenden Bolz- und Schrottplätzen von Kindern und Erwachsenen herrscht eine auffällige Gehässigkeit.

„Ich habe mir fest vorgenommen, keinerlei reflektorische Vokabeln in einem Film fallen zu lassen, sondern alles, was ich zu sagen habe, über ein Milieu, durch Gegenstände, Kleidung oder Handlungsabläufe zu sagen, also durch Dinge und Action sichtbar zu machen. Das ist die Arbeit, die zu leisten ist. Punkt.“

Kein Ventil für das Unheil

Roland Klick, der am 4. Juli 2019 seinen 80. Geburtstag feiert, hat mit „Bübchen“ einen „der genauesten und deshalb schmerzhaftesten Filme der 1960er-Jahre“ (Peter W. Jansen) gedreht.

In der aufrüttelnden Genese „vom Aufstieg des Proletariats zum Kleinbürgertum, und was das wert ist und was das kostet“ und dem zynisch anmutenden Schlusssatz der Mutter („Nimm die Serviette!“) manifestiert sich die Brüchigkeit einer ganzen (Nachkriegs-)Generation. Das Schrecklichste an „Bübchen“ ist die Tatsache, dass es für den Terror, den der Film auf höchst beunruhigende Art zeigt, nirgendwo ein Ventil zu geben scheint. Diese buchstäblich atemlosen, extrem verdichteten Milieubilder haben bis heute nichts von ihrer Sprengkraft verloren.


Bübchen. Deutschland 1968. Regie: Roland Klick. Mit Sascha Urchs, Sieghardt Rupp, Edith Volkmann, Renate Roland, Jürgen Jung, Elisabeth Ackermann. Länge: 86 Min., FSK: ab 16; f. BD/DVD (sowie als „Limited Edition“) mit zahlreichem Bonusmaterial (z.B. ein Audiokommentar von Roland Klick und ein Interview mit Alexander S. Kekulé). Anbieter: Subkultur-Entertainment


Fotos: Subkultur-Entertainment

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