Filmbulletin – Die Kunst des Überlebens

Mittwoch, 26.06.2019

„Filmbulletin“, eine der letzten noch in Print erscheinenden Filmzeitschriften der Deutschschweiz, feiert 2019 ihr 60-jähriges Bestehen. Eine kleine Inaugenscheinnahme.

Diskussion

Als eine der ältesten und renommiertesten Filmzeitschriften der Deutschschweiz genießt das „Filmbulletin“ weit über die Landesgrenzen hinaus Ansehen. 2019 feiert die acht Mal im Jahr erscheinende Zeitschrift ihr 60-jähriges Bestehen. Ein Rückblick und Ausblick mit aktuellen und früheren Redakteuren und der Frage, wie Filmpublizistik auf die sich wandelnde Medienlandschaft reagieren muss.

18. Juni 2019, 11 Uhr, Zürich „Chreis Cheib“. Zu einem spontanen Treffen in der Redaktion hat Chefredakteurin Tereza Fischer die Journalistin eingeladen, die zum 60-jährigen Bestehen des Filmbulletins etwas schreiben soll. Die Gelegenheit ist günstig, weil an diesem Vormittag auch Fischers langjähriger Vorgänger Walt R. Vian sowie der vor zwei Jahren in den Ruhestand getretene Redakteur Josef Stutzer vorbeischauen. Aus aktuellem Anlass: Das Filmbulletin, eine der repräsentativsten, ältesten und noch immer in Print erscheinenden „seriösen“ Filmzeitschriften der Deutschschweiz, feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen.

Für das Wochenende vom 29. und 30. Juni stehen deshalb eine Jubiläumsfeier im Kino RiffRaff in Zürich an sowie ein „Filmbulletin-Abend“ beim Freiluftkino „Bloom“ im Landesmuseum, ebenfalls in Zürich. Im RifRraff wird Fredi M. Murers „Chicorée“ (1966) gezeigt, mit anschließendem Filmemacher-Gespräch, im lauschigen Hof des Landesmuseums Harmony Korines „Beach Bum“ (2019), in den Tereza Fischer einführt.

Bei den weiteren Jubiläumsaktivitäten setzt man auf Nachhaltigkeit. In Zusammenarbeit mit der ETH-Bibliothek wird das Filmbulletin ab der ersten Ausgabe 1/1959 vollständig digitalisiert und der Allgemeinheit auf der Online-Plattform E-Periodica zugänglich gemacht. Im Herbst soll beim Schüren Verlag der Reader „Freie Sicht aufs Kino“ erscheinen, eine Aufsatzsammlung mit Beiträgen zur „Filmkritik in der Schweiz“. Angekündigt ist das Buch als Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte und Entwicklung der Schweizer Filmkritik, bei der die „reiche Vergangenheit“ und „gegenwärtige Situation“ ebenso in den Blick genommen wird wie „mögliche zukünftige Entwicklungen“. Als eine der „ältesten unabhängigen Filmzeitschriften der Schweiz“ soll das Filmbulletin darin einen besonderen Platz einnehmen.

Filmbulletin, Ausgabe 3/2018
Filmbulletin, Ausgabe 3/2018

Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis von „Freie Sicht aufs Kino“ verspricht von den „Anfängen der Filmpublizistik in der Schweiz“ über den „Übergang vom Print zu den Digitalmedien“, den „Aufstieg der Filmzeitschriften und die Zukunft der Filmzeitschriften“, den „Frauen und der weiblichen Sicht in der Schweizer Filmkritik“ bis zu den „neuen zeitgenössischen Formen der Filmkritik“ viel spannende Information und auch reichlich Diskussionsstoff.

Vorerst muss dieses Buch aber noch fertig geschrieben, editiert, gelayoutet und gedruckt werden. Bis dahin werden mindestens noch drei Ausgaben von Filmbulletin erscheinen. Wie in den letzten Jahren wird sich Filmbulletin auch 2019 beim Filmfestival in Locarno engagieren. Zusammen mit „Indiewire“, der Film Society des Lincoln Centers in New York, dem Schweizerischen Filmjournalistenverband und der ZHdK Plattform Kulturpublizistik wird die „Critics Academy“ durchgeführt, die zehn jungen FilmkritikerInnen aus aller Welt die Möglichkeit bietet, begleitet von Masterclasses, Workshops und Tutorials die Realitäten des Berufsalltags näher kennenzulernen.


Eine Rückkehr ins Zentrum

Doch zurück nach Zürich, wo das Filmbulletin seit drei Jahren zu Hause ist. In großen, weißen Lettern steht „Filmbulletin“ auf den straßenseitigen Fenstern des Redaktionsbüros. Dieses befindet sich unweit vom Bahnhof, in einer Seitenstraße der Züricher Langstraße, ziemlich genau in der Mitte zwischen den beiden jüngsten Zürcher Kinos, dem 2017 an der Europaallee eröffneten „Kosmos“ und dem „Houdini“, das drei Jahre davor in der Kalkbreite startete.

In einem Haus direkt gegenüber der Filmbulletin-Redaktion logieren seit Jahren unabhängige Schweizer Filmproduktionsfirmen, unweit davon hat Kurt Früh 1957 „Konditorei Zürrer gedreht, 1988 war Samir für „Filou“ im Quartier unterwegs, 2004 Manuel Flurin Hendry für Strähl. Petra Volpes „Traumland“ (2013) spielt in der Umgebung, ebenso ein Teil von „Heimatland“ (2015); die Liste ließe sich fast endlos weiterführen.

Filmbulletin ist also derzeit mitten in der Stadt Zürich zuhause und somit im Zentrum des Schweizer Filmschaffens. Das war nicht immer so und verbindet sich unmittelbar mit der Person von Tereza Fischer. Die promovierte Filmwissenschaftlerin, die in Zürich wohnt und dort auch studiert hat, ist seit April 2014 die Chefredakteurin. So wie ihr Vorgänger Walt R. Vian, als der im Mai 1968 (!) die Leitung übernahm, den Redaktionssitz des Filmbulletins zuerst in seine Wohnung in Winterthur und später in eine stillgelegte Spinnerei verlegte, transferierte Fischer die Redaktion wieder zurück nach Zürich. Damit ist das Filmbulletin, das im Januar 1959 unter Redaktion von Hansruedi Camenzind als „Mitteilungsblatt des Filmkreises Zürich der katholischen Jugendorganisationen“ erstmals in Zürich erschien, und schon vor Vian einige Redakteurs- und Standortwechsel vollzog, sozusagen in seine ursprüngliche Heimat zurückgekehrt.

Während die Zeitschrift im Laufe der sechs Jahrzehnte ihrer Existenz also durch die Gegend zog, wobei sich die lokale Verwurzelung und Verbundenheit immer mal wieder auch auf die finanzielle Lage auswirkt(e) – aktuell fehlen zum Beispiel die 20.000 Franken, welche die Stadt Winterthur jährlich beisteuerte – hat sich ihre Erscheinungsform unablässig weiterentwickelt. Ursprünglich ein im Umdruck erstelltes, zweiseitiges Mitteilungsblatt, das unter Berücksichtigung kirchlicher Moralvorstellungen Empfehlungen abgab, ist Filmbulletin heute eine der renommiertesten und weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte unabhängige (Deutsch-)Schweizer Filmzeitschrift.

Filmbulletin erscheint in einer Auflage von 3000 Heften aktuell achtmal im Jahr als Printausgabe mit einem Umfang von 60-70 Seiten und darf sich rühmen, als eine der weltweit ersten Filmzeitschriften bereits seit 1996 über eine eigene Homepage zu verfügen.

Die Webseite von Filmbulletin
Die Webseite von Filmbulletin

Diese war beim Amtsantritt von Tereza Fischer schon 20 Jahre alt. Eines von Fischers ersten Anliegen war es, die Homepage neu aufzustellen und analog dazu dem Heft eine moderne Erscheinungsform zu verpassen. Etwas eigenwillig präsentiert sich die Homepage seit 2015 im breiten Format und lässt sich ungewohnt links-rechts scrollen. Wie das vom Grafikbüro Bonbon gleichzeitig neu gestaltete Heft ist die Homepage visuell überaus ansprechend und erklärt sich in der Bedienung sozusagen von selbst. „Schick & sexy“ präsentiere sich das neue Filmbulletin, hat der Tages-Anzeiger 2015 bekundet und dem Inhalt eine „substanzielle“ Qualität bescheinigt.


Mit Walt R. Vian begann eine neue Ära

Dieser Inhalt ist es denn auch, welcher das Filmbulletin seit Jahrzehnten von vielen anderen Filmpublikationen unterscheidet. „Die Geburt der Zeitschrift aus dem Geiste der Cinephilie darf auf den Mai 1968 datiert werden“, schrieb der Tages-Anzeiger im Mai 2008 anlässlich des 40-jährigen Bestehens. Bei der Redaktionsübernahme hat sich Walt R. Vian die Erklärungen seines Vorgängers zwar angehört, danach aber alles anders gemacht. Er hatte ein eigenes Konzept im Kopf und verwandelte das Mitteilungsblatt für katholisch bewegte Filmkreise in eine „Zeitschrift für den anspruchsvollen Film“ mit richtigem Titelblatt, ganzseitigem Inhaltsverzeichnis und mehr und mehr Bildern: Filmbulletin lesen, bedeutet seit Jahren auch Bilder anschauen.

Auch publizistisch schlug Vian neue Wege ein. Bereits in den 1970er-Jahren publizierte Filmbulletin, was heute gang und gäbe ist, damals aber noch eine Seltenheit war: lange Interviews. Nicht nur Filmregisseure, sondern auch deren Mitarbeiter wurden – und werden noch immer – zum Gespräch eingeladen: Kameraschaffende, Cutter, Tontechniker, Komponisten, Produzenten, eher selten: Filmschauspieler. 1991 deklarierte Vian dieses sich bereits in den Anfängen manifestierende, allumfassende Verständnis, als was Film und Filmkunst zu betrachten sei, als „politique des collaborateurs“.

So wenig Vian den großen Auftritt sucht, so sehr neigt er, wenn das Moment der Gesprächsverweigerung erst einmal überwunden ist, zu „mäandrierendem Monologisieren“, wie Thomas Binotto das einmal treffend formuliert hat. Doch ihm zuzuhören lohnt. Denn Walt R. Vian ist ein Mann der kernigen Sätze und Voten. „Kino in Augenhöhe“, stand lange Jahre als Motto direkt unter oder neben dem Hefttitel. „Sie lesen Kino“, lautet ein anderes seiner Mottos; sehr früh und Jahrzehnte, bevor man in der Schweiz mit dem „Lehrplan 21“ Medienbildung (Medien und Informatik) in die Schul- und Lehrpläne einschrieb, vertrat Vian dezidiert die Meinung, dass Film eine Sprache ist, die man lesen lernen kann.

Aus diesem Verständnis konzipierte sich in den 56 Jahren seiner Tätigkeit als Chefredakteur, was ein anspruchsvoller Film ist und demzufolge auch anspruchsvolle Filmkritik beziehungsweise Filmjournalismus zu sein hat: eine vertiefende Auseinandersetzung mit (einem) Film, die im idealsten Fall auch dem/der Schreibenden neue Erkenntnis bringt.

Man liest Filmbulletin, auch auf der Leinwand, in "Pause" von Mathieu Urfer
Man liest Filmbulletin, auch auf der Leinwand, in "Pause" von Mathieu Urfer

Abgesehen davon ist Walt R. Vian ein leibhaftiges Lexikon zum – nicht nur Schweizer – Film und der Schweizer Film- und Filmförderungspolitik. Und er kennt tausendundeine Anekdote und Räuberpistole, die er nur zu gern zum Besten gibt. Auch beim kurzen Treffen in der Redaktion ist man abgedriftet – und befindet sich plötzlich beim Thema „Überlebenskampf“.

Ruhig, wie man ihn kennt, seit er 1988 als – in eigenen Worten – „Mädchen für alles“ bei Filmbulletin in Stellung kam, sitzt neben Vian Josef Stutzer. Er verfolgt das Gespräch aufmerksam, zaubert flink eine Kopie aus „L’Avant-Scène. Cinéma No 108, November 1970“ zu Alain Tanners „Charles - tot oder lebendig“ auf den Tisch: „Soyez réaliste. Demandez l’impossible“, monologisiert Paul darin vor sich hin; das andere maßgebliche Motto – „Du hast keine Chance, aber nutze sie“ – stammt aus Herbert Achternbuschs „Atlantikschwimmer“ (1976).


Die Finanzen als Dauerthema

In diesem Sinne haben Vian und Stutzer – der in all seiner Bescheidenheit weit mehr war und ist als Vians Adlatus, nämlich der brillante Kopf und ordnende Chronist des Filmbulletins, der Mann auch, der mit feinem Sprachgefühl und großem Wissen die Texte der vielen Schreiberinnen und Schreiber, die das Filmbulletin belieferten, zurechtschliff – die Zeitschrift jahrzehntelang gemeinsam durch Hochs und Tiefs gelotst.

Vor allem die Finanzen waren und sind ein Dauerthema. Die Kämpfe und Krämpfe darum lassen sich auf der „kleinen Chronik“ des Filmbulletins nachverfolgen, die Stutzer der Journalistin nach dem Treffen auf elektronischem Weg zukommen lässt: Er und Vian – beide im Ruhestand und so etwas wie ziemlich beste Freude – sind derzeit dabei, die bewegte Geschichte des Filmbulletins zu dokumentieren.

Irgendwann in den 1980er-Jahren scheint sich der Katholische Filmkreis Zürich aufgelöst zu haben. Und nachdem der Bund in einem Schreiben 1985 festhielt, dass es „nicht Sache des Bundes“ sei, „jährliche Subventionen für periodische Filmpublikationen zu gewähren“ und den Antrag auf Unterstützung ablehnte, gingen die Wellen hoch. Der Bund hat das Filmbulletin nach einem Rekurs damals dann doch unterstützt – und unterstützt es immer wieder. Doch auch Tereza Fischer muss alle vier Jahre – das nächste Mal 2020 – ein neues Gesuch stellen. Ohne Subventionen und sporadisch zusätzlicher, projektbezogener Förderung, wie aktuell etwa für die Jubiläumsprojekte, gäbe es das Filmbulletin (schon lange) nicht (mehr).

Wir haben „Übung im Überleben“, hat Vian das Phänomen vor einigen Jahren formuliert. Fischer bleibt wohl oder übel nicht viel anderes, als genau das zu tun. Ideen und Visionen, wie man Filmbulletin künftig verorten könnte in der sich immer schneller wandelnden Medienlandschaft, in der die Filmkritik auch aus Tageszeitungen immer mehr verschwindet, während immer mehr filmbegeisterte Amateure eigene Websites betreiben, hat Fischer genügend. Vor allem den Webauftritt, der derzeit mehr oder weniger die Printausgabe spiegelt, möchte sie verbessern. Aktueller sein, schneller – und dabei auch maßgebend eigene Themen setzen, welche einer kulturinteressierten, cinephilen Leserschaft neue Blickfelder öffnen. Nicht nur auf die Ästhetik von Filmen, sondern auch deren Ethik, auf ihre Gestaltung, Produktion, aber auch ihre Wirkung.

Filmbulletins der 1980er- und 1990er-Jahre
Filmbulletins der 1980er- und 1990er-Jahre


Neue Herausforderungen

Gerade in der heutigen Zeit, in der die Mehrzahl der Menschen Filme nicht mehr auf der großen Leinwand betrachtet, sieht Fischer die Bedeutung von Fachzeitschriften in der Kuratierung. „Als Filmzeitschrift“, sagt Fischer, „haben wir die Aufgabe und auch die Expertise, einerseits eine qualifizierte Auswahl von interessanten Themen und Filmen aus einem kaum noch zu überblickenden filmkulturellen Angebot zu treffen, andererseits diese Auswahl auch kritisch einzuordnen, sowohl innerhalb des zeitgenössischen Kulturschaffens, als auch im historischen Zusammenhang.“

Aus diesem Grund hat Filmbulletin sich inhaltlich erweitert. So sind Fernsehserien seit einigen Nummern thematisch fester Bestandteil der Zeitschrift, wie man sich grundsätzlich auch anderen Künsten gegenüber geöffnet hat. Damit liegt Filmbulletin im Trend, bei dem Hybridisierung in jeder Form angesagt ist. Auch dass das Geschick des Filmbulletins, nachdem es 55 Jahre fast ausschließlich in Männerhand lag, mit Tereza Fischer als Chefredakteurin und Miriam Erni als Verlagsleiterin nun von Frauen bestimmt wird, passt durchaus in die gerade in der Schweiz zunehmend frauenbewegte Gegenwart.


Weiterführendes und Infos

Filmbulletin online

Freie Sicht aufs Kino. Filmkritik in der Schweiz. Von Philipp Brunner, Tereza Fischer, Marius Kuhn (Hrsg). Edition Filmbulletin. Schüren Verlag. 272 Abb., zahlr. Abb., 28 EUR. Vorbestellung: Schüren Verlag

E-Periodica: Online-Plattform für digitalisierte Schweizer Zeitschriften

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