Räume in der Zeit. Die Filme von Nikolaus Geyrhalter

Mittwoch, 03.07.2019

Ein Sammelband im Verlag Sonderzahl durchmisst das dokumentarische Werk des österreichischen Filmemachers

Diskussion

Seit 25 Jahren spürt der österreichische Dokumentarist in seinen Filmen den Veränderungen der Gegenwart nach. Gerade startet sein jüngstes Werk „Erde“ in den Kinos, das den Raubbau am Planeten in schmerzhaft klaren Bildern festhält. Ein reich bebilderter Sammelband über Geyrhalters bisheriges Filmschaffen schärft parallel dazu den Blick auf die Eigenheit seines Werkes.


25 Jahre, 14 Filme. Beharrlich, ohne Eile und mit unerschütterlicher Neugier durchmisst Nikolaus Geyrhalter in seinen Dokumentarfilmen die Welt. Jetzt gerade läuft sein jüngstes Werk „Erde“ im Kino an. In seinem Debütfilm „Angeschwemmt“ (1984) porträtierte er die Lebenswelt der Donaulandschaft in Niederösterreich unweit von Wien; „Erde“ zeigt die fortwährende Aneignung des Planeten durch seine Bewohner. Dazu passt ein wunderbarer Sammelband über Geyrhalters Werk, mit dem Alejandro Bachmann das Werk eines der bedeutendsten Dokumentarfilmer der Gegenwart überblickt.

„Räume in der Zeit. Die Filme von Nikolaus Geyrhalter“ versammelt vier Essays, je ein Interview mit Nikolaus Geyrhalter und seinem langjährigen Cutter Wolfgang Widerhofer, Texte zu allen Filmen einschließlich „Über die Jahre“ (2015) sowie eine Bibliografie. Dazu gibt es zahlreiche Bilder aus den Filmen. Die farbigen Doppelseiten halten die Filme beim Lesen gegenwärtig und geben dem Buch einen bestechenden Rhythmus.


Mehr sehen, sich neu verorten

Bachmann spürt in seinem Essay „Konstanten und Verschiebungen“ in Geyrhalters Filmen auf. Nicht zufällig haben viele mit einem strengen Raumkonzept zu tun: „Kino ist bei Geyrhalter zuerst Raumerfahrung, ist mit jedem Einzelbild die Möglichkeit, mehr zu sehen und sich neu zu verorten.“ Volker Pantenburg widmet sich der Zusammenarbeit von Geyrhalter als Regisseur und Kameramann mit dem Cutter Wolfgang Widerhofer. Widerhofer arbeitete bislang an acht Geyrhalter-Filmen mit. Wie zentral dessen Arbeit für die Filme ist, wird auch dadurch deutlich, dass Widerhofer in den Credits meist unter „Schnitt und Dramaturgie“ geführt wird. Pantenburg arbeitet auch eine Reihe von visuellen Grundsatzentscheidungen heraus, etwa den Bildern ihre Autonomie zu belassen und keine Zwischenschnitte zu machen, da die Poetik der Bilder nicht angetastet werden soll. Geyrhalters Filmbilder ähneln durch ihre Vorliebe für Weitwinkelaufnahmen jenen des frühen Kinos, aber auch zeitgenössischer Fotografie.

Zu Recht betont Bachmann im Vorwort das Wechselspiel von Abbildcharakter der Bilder und deren Überformung durch künstlerische Eingriffe: „Man sieht überdeutlich immer durch eine bestimmte Form auf die Welt. Die Welt erscheint uns immer durch diese Form. Weil sie es betonen, fasziniert an den Filmen von Geyrhalter genau das, was am Kino ohnehin das Spannendste ist: jener (nur scheinbare) Widerspruch zwischen seinem Potenzial, die Welt aufzuzeichnen, und den Möglichkeiten des formalen, künstlerischen Eingriffs – Dichtung und Wahrheit.“


Eine Vergegenwärtigung

Geyrhalters Filme – davon legt auch sein jüngster Film „Erde“ ein weiteres Mal Zeugnis ab – arbeiten Strukturen und Entwicklungen heraus, ohne dass die Individualität hinter ihnen verschwindet. Der Sammelband „Räume in der Zeit" ist eine Bestandsaufnahme von Geyrhalters Werk, die dazu einlädt, sich dessen Arbeiten immer wieder aufs Neue zu vergegenwärtigen.

Das Wechselspiel zwischen Abbildcharakter und Überformung gewinnt im Rückblick überdies eine zeitliche Komponente. Deutlich tritt die Dichotomie zwischen Zeitbezug und Überzeitlichem in den Filmen hervor, was nicht das geringste der vielen Verdienste dieses Buches ist.


Räume in der Zeit. Die Filme von Nikolaus Geyrhalter . Herausgegeben von Alejandro Bachmann. Verlag Sonderzahl. Wien 2015, 180 S. zahlr. farbige Abb., 25 EUR.

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