Spiel mit der Zeit

Montag, 08.07.2019

Interview mit dem britischen Regisseur Danny Boyle über „Yesterday“

Diskussion

In seiner Jugend stand der Regisseur Danny Boyle eher auf David Bowie und Led Zeppelin, obwohl er die Songs der Beatles durchaus schätzte. In der Musical-Komödie Yesterday erschließt er die Songs der Vier aus Liverpool auf eine Weise wie keiner vor ihm: als eine Art Karaoke-Version. Ein Gespräch über musikalische Ikonen, Ruhm und Romantik.


Ich vermute, dass der Drehbuchautor Richard Curtis sich um alle Details von „Yesterday“ gekümmert hat. Was bleibt da für einen Regisseur noch übrig? Ist es vor allem die Arbeit mit den Schauspielern? Sieht man auf der Leinwand überhaupt etwas, das nicht im ursprünglichen Drehbuch stand?

Danny Boyle: Ja, zum Beispiel der Song „Obladi-Oblada“, der während des Abspanns zu hören ist. Curtis schickte mir das Drehbuch, das mir sehr gut gefiel. Die Art, wie ich heute arbeite, ist die eines Pitches. „Lass mich Dir erzählen, wie ich mir diesen Film vorstelle“. Ich bewarb mich also gewissermaßen für die Regie von „Yesterday“. Als wir „The Beach“ drehten, wollte Leonardo DiCaprio, damals der größte Star in der Welt, trotzdem vorsprechen. Das fand ich bemerkenswert, denn viele Schauspieler versuchen, ein Vorsprechen zu vermeiden. Wenn man dabei klar machen kann, was einem vorschwebt, dann ist das hilfreich; sonst stellt man später fest, dass man nicht auf derselben Wellenlänge liegt. Ich benutzte dafür den Fußballausdruck „to klopp“– „gegenpressen“ (sagt er auf Deutsch).



Das ist es, was ich als Regisseur mache: den Moment zusammenzupressen, alle Energie darin zu bündeln. Richard Curtis glaubt, dass wir 20 Prozent des Drehbuchs geändert hätten. Unter anderem die Fahrt nach Liverpool. Ich bewundere Curtis als sehr interessanten Autor, der das Segment der romantischen Komödie perfektioniert hat. Das Genre mag scheinbar ohne Anstrengungen sein, doch in Wirklichkeit steckt sehr viel Arbeit darin. Für jemanden wie mich, der gerne Verschiedenes ausprobiert, ist es höchst spannend, was man dabei lernt. Ich bringe die Energie mit, aber dann muss es anstrengungslos aussehen – das gilt besonders für Komödien. Man sollte weder den Schnitt noch die Regie bemerken.


Sie haben in so vielen verschiedenen Genres gearbeitet. Hier hatten Sie Richard Curtis als Partner. Hätten Sie eine romantische Komödie nicht auch alleine auf die Beine stellen können?

Boyle: Ich sehe Richard Curtis als „poet laureate“, er ist ein sehr englischer Autor, ich hoffe, dass ich die Märchen, die er schreibt, für ihn aufgefrischt habe. „Yesterday“ ist sehr drehbuchorientiert, aber ich habe versucht, es auf ein anders Level zu heben, durch die Besetzung und den Stil oder wie ich die Songs inszeniere. Das war eine unglaubliche Herausforderung, 15 Songs derselben Künstler auf die Leinwand zu bringen, ohne dass es langweilig wird. Bevor wir Himesh Patel trafen, den Darsteller des Protagonisten Jack Malik, hatten wir große Sorgen, dass das sehr langweilig würde, denn natürlich klingen die Beatles so viel besser! Warum sollte man sich Patels Fassungen anhören, wenn man doch genau weiß, wie es bei den Beatles geklungen hat? Aber dann kam Himesh – und ich weiß nicht, woran es lag – vermutlich, weil er sich nahe an die Originale hielt – doch die Songs klangen frisch, lebendig, innovativ. Ich habe in der Musik der Beatles immer eine Menge Freude gesehen. Wenn man einen Film wie „Yesterday“ macht und so viele der Beatles-Songs benutzt, dann sollte der Film vor allem Freude ausstrahlen.


Bei den Beatles gibt es aber auch eine Art von Melancholie.

Boyle: Die ist sehr subtil, aber praktisch in allem, was sie machen. Das ist etwas sehr Englisches, das ich schwer in Worte fassen kann. Sie finden das auch bei William Wordsworth und vielen anderen englischen Dichtern. Himesh Patel hat das auch; er ist nicht der normale Richard-Curtis-Schauspielertyp, der etwas Energisches und Draufgängerisches hat. Er ist vielmehr melancholisch und komisch und sehr britisch in seinem Humor. Deswegen funktionierten die Songs in seiner Darbietung. Die Lieder haben wir nicht verändert, bis auf „Help“, das ein bisschen punkig klang. Das entsprach für uns mehr dem, dass es im Original ein Hilfeschrei war. Die meisten Songs sind nahe am Original – und fühlen sich zugleich so an, als seien es Jack Malicks Songs und nicht Karaoke-Versionen.



Es war wohl nicht ganz billig, die Rechte für die Songs zu bekommen…

Boyle: Das stimmt. Es gibt im Film ja den Gag, dass „Hey Jude“ in „Hey Dude“ geändert werden soll. Fürs Finale wollten wir das originale Master dieses Songs benutzen, das nur sehr selten herausgerückt wird. Sony hat verstanden, dass nach dem Spaß mit „Hey Dude“ es wohl gerechtfertigt war, wenn am Ende Respekt gegenüber dem Original gezollt würde. Ich sehe Paul McCartney als den Mozart der Pop-Musik, mit endlosen melodischen Erfindungen.


Sie haben aber auch für die Cover-Versionen der anderen Songs zahlen müssen?

Boyle: Weniger! Natürlich möchten die Musiker die Kontrolle darüber behalten, in welchem Kontext die Songs verwendet werden. Wir zeigten ihnen den fertigen Film und bekamen schließlich sehr schöne Briefe von Ringo und von Olivia, der Witwe von George Harrison.


Was bedeuten die Beatles für Sie in Ihrer Jugend?

Boyle: Richard Curtis ist der verrückte Beatles-Fan – das ist schon fast obsessiv. Er kennt alle B-Seiten, er kennt die Adresse, wo sie in Hamburg gelebt haben, und weiß auch, in welche Clubs sie dort gingen. Ich bin dagegen mehr der David-Bowie- und Led-Zeppelin-Typ. Aber ich habe die Beatles geliebt! Ich erinnere mich, dass auch meine Eltern sie hörten, die frühen Sachen. Aber es ist nicht so wie bei den Platten von Led Zeppelin und David Bowie, wo ich Ihnen genau sagen könnte, wann und wo ich sie gekauft und wie ich das Taschengeld dafür zusammenbekommen habe. Dann aber kam der Punk, das war mehr meine Ära. Aber ich liebe die Beatles, ‚Abbey Road‘ ist eines meiner Lieblingsalben. Da gibt es einige ungewöhnliche Momente in der Geschichte, wie ich glaube. Man wird sich dessen bewusst, sobald man daran arbeitet. Ed Sheeran sagte, während wir probten: „Alles kommt von dort.“ Ob man sich dessen bewusst ist oder nicht: Wir kommen alle von dort. Jeder schreibt im Endeffekt als Resultat von ihnen.


Haben Sie während der Dreharbeiten etwas über sich selbst erfahren?

Boyle: Das Wichtige an dem Film war die Romanze. Wenn man eine Liebesgeschichte dreht, muss man sich sein eigenes romantisches Leben anschauen. Man kann gar nicht anders, auch wenn man dabei vielleicht ins Hintertreffen gerät. Schauen Sie sich nur diesen Film an: Da ist dieser Bursche, der nicht erkennt, dass das Mädchen ihn liebt, ihm in gewisser Weise sogar ihr ganzes Leben gewidmet hat. Das sieht wie ein ganz gewöhnlicher Fehler vieler junger Männer aus. Schauen Sie auf sich selbst und die Bedeutung, die die Liebe für Sie hat. Sie ist eine Kraft, eine Macht, und von großer Bedeutung für das Leben. Aber das ist nicht das Thema des Films. Es ist ein leichter und erfreulicher Film. Natürlich denkt man über solche Dinge nach. Ich habe viel über Mädchen nachgedacht. Dagegen kann man nichts machen. Man erforscht sich selbst.



Es geht aber auch um Ruhm. Etwa in der absurden Szene mit den Marketing-Experten. Haben Sie dabei aus Ihrer eigenen Erfahrung geschöpft?

Boyle: Das ist meine Agentur in Los Angeles, „William Morris Endeavour“. Als wir die „Oscars“ für „Slumdog Millionaire“ gewonnen hatten, gab es ein ähnliches Meeting. Es war verrückt, irgendwie lächerlich. Darauf beruht diese Szene.


Berührt das auch die Integrität Ihrer künstlerischen Vision, wenn Sie an solchen Meetings teilnehmen?

Boyle: Wenn man dort sein Glück sucht, ist man verloren. Das Leben ist voller Betrug, mit oder ohne solche Erfahrungen. Ich habe nie in Los Angeles gelebt, ich ertrage den Ort nicht. Ich bin kein Anti-Amerikaner.Ich liebe New York.Meine Tochter lebt in New York – eine fantastische Stadt. Aber ich könnte nicht in den USA leben. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Man kann sich nicht dagegen wehren, angesteckt zu werden. Alles läuft auf diesen Moment des Ruhms hinaus. Jeder verehrt diesen Moment. Wenn man dort angelangt ist, hat man sehr viel Glück gehabt – zumal er nicht lange andauert. Jack wird „populärer als Jesus“. John Lennon soll das einmal gesagt haben. Ob das stimmt oder nicht, scheint niemand genau zu wissen. Ja, Jack wird populärer als Jesus. Aber er realisiert, dass das nicht das Wichtigste in seinem Leben ist. Das Wichtigste in diesem märchenhaften Film ist das Mädchen, das ihn am meisten liebt. Und – weil dies ein Märchen ist – ist er auch in der Lage, das vor 80.000 Menschen zuzugeben, um mit ihr zusammen zu kommen und endlich ein glückliches Leben zu führen. Das ist das Obladi-Oblada dieses Films.


Sie haben sogar John Lennon wieder zum Leben erweckt…

Boyle: Wir haben diese Szene nicht im Trailer benutzt, weil sie innerhalb des Films eine Entdeckung von großer Macht ist. Im Moment dreht sich ja vieles ums Fernsehen, alles redet über Netflix. Für mich gibt es eine klare Unterscheidung zwischen dem neuen Markenzeichen, dem wir uns alle widmen sollen, nämlich „Langzeitfernsehen“ („Long Term Television“) und einem Film. Ein Film ist außergewöhnlich. Ein Film sagt: „Wenn ich Deine Aufmerksamkeit genug erregen kann, dann schenke mir bitte zwei Stunden Deiner Zeit.“ Für diese zwei Stunden gibt es nichts anderes. Das ist, was Filme im Gegensatz zu anderen Künsten tun können: Sie halten die Zeit an, sie beschleunigen sie, sie verlangsamen sie, sie strecken sie, sie verzerren sie, sie reisen in der Zeit oder sie kreieren parallele Zeituniversen – just like that. Keine andere Kunstform kann das.

Fernsehen ist nicht dasselbe. Man kann diese Techniken im Fernsehen anwenden. Der Unterschied aber ist, dass man nicht seine ungeteilte Zeit darauf verwendet. Worum es in dieser anderen Kunst geht, ist endlose Zeit: Wenn du mir deine Zeit schenkst, werde ich sie endlos machen. Dieser Vertrag wird ewig weitergehen. Wir erfinden neue Charaktere, dann kommt Staffel 8, und immer so weiter. Es wird zwar immer schlechter, aber das ist egal, weil wir diesen Vertrag eingegangen sind und schon so viel Zeit damit verbracht haben. Filme hingegen haben etwas Gesegnetes. In einem Film kann man jemanden wiederbeleben. Wir haben auf verrückte Weise den Beweis erbracht, dass das Kino der eigentliche Kniff ist. Die Gewalt des wirklichen Lebens. Im Kino kann man solche Dinge tun. Sie sind dort kraftvoller als alle schrecklichen Momente, denen wir im Leben begegnen. Das liebe ich. Es ist eine wunderbare Sache.


War es schwer, Ed Sheeran zu überzeugen, sich selbst zu spielen? Er kommt ja nicht besonders gut weg.

Boyle: Er mag es, sich über sich selbst lustig zu machen. Er ist sehr unterhaltsam. Ursprünglich war der Part für Chris Martin geschrieben worden. Chris Martin wollte ihn aber nicht übernehmen, weil er gerade erst mit seiner Band Coldplay eine zweijährige Tour beendet hatte. Er wollte Zeit mit seiner Familie verbringen, wir konnten ihn nicht überreden. Dann kamen wir auf Ed Sheeran. Er lebt in der Nähe von Curtis in Suffolk, einer ländlichen Gegend in England. Ich freute mich, ihm vorgestellt zu werden. Erst Chris Martin, dann Ed Sheeran. Er ist der zweitberühmteste Popstar. Ed Sheeran aber wusste nicht, wer ich bin. Das war sehr lustig. Während des Essens googelte er mich. Er wandte sich immer wieder zu Richard Curtis und flüsterte: „Den hat er gedreht?“ Wir haben ihn deshalb hochgenommen. Er behauptete dann im Gegenzug, dass wir zuerst Harry Styles angesprochen hätten und er also nur der Dritte auf der Liste sei.



Ed Sheeran hat einen sehr guten Sinn für Humor. Er wollte auch ein besserer Schauspieler sein. Er liebt die Schauspielerei und ist der Meinung, dass er noch besser werden müsse. Er nahm die Sache sehr ernst und kam auch zu den Proben. Für solche Jungs ist die Zeit aber immer sehr knapp bemessen. Man kann allerdings nicht in einem Film mitspielen, indem man reinkommt, seinen Satz aufsagt, selbstbewusst guckt und gerade erst erfährt, worum es in der Szene geht. Die sind so beschäftigt, dass sie denken: „Für eine Stunde kann auch ich ein Schauspieler sein. Das ist leicht.“ An diesem Missverständnis muss man arbeiten. Ed Sheeran hat das getan. Er ist sehr gut in dem Film, sehr lustig. Es gibt diesen wundervollen Moment, wenn Himesh Patel während der Proben „The Long and Winding Road“ für ihn spielt. Für Patel muss das beängstigend gewesen sein, weil er eigentlich kein richtiger Sänger ist. Er ist ein Schauspieler, der andere ein Sänger. Aber irgendwie hat er Ed Sheerans Job übernommen. Und Ed Sheeran hat ihm große Komplimente gemacht, auf sehr aufrichtige Weise.


Fotos: Danny Boyle (oben); alle anderen aus "Yesterday"; Bildrechte: UPI

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