Serie: Big Little Lies - Staffel 2

Donnerstag, 25.07.2019

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„So tot er auch ist, ich glaube, ich bin noch toter!“ Celeste (Nicole Kidman) ist nicht die Einzige, die mit dem Ableben ihres Mannes Perry ungeahnte Probleme hat. Perry war zwar ein Monster und er hat das Leben seiner Familie, vor allem das von Celeste, zur Hölle gemacht. Aber ihn deshalb gleich umbringen?

Was an diesem Abend bei der Party wirklich geschah, hat die erste Staffel von „Big Little Lies“ zu ergründen versucht. An deren Ende lag Perry mit gebrochenem Genick unten an der Treppe, und Celeste, Madeline (Reese Witherspoon), Bonnie (Zoe Kravitz), Renata (Laura Dern) und Jane (Shailene Woodley) blickten auf ihn herab. Verächtlich, geschockt, befreit…

„Ihnen fehlt der Krieg, Celeste!“, resümiert ihre Psychotherapeutin (Robin Weigert) nach einer der langen Sitzungen nach Perrys Tod. Sie sei an der chronischen Gewalt ihres Mannes fast zerbrochen, aber sie habe es auch als Vorspiel für ihre sexuellen Abenteuer geschätzt. Sie habe Perry geliebt; als fürsorglichen Vater ihrer beiden Söhne, als Liebhaber, aber nicht als Mensch. Als solchen hat Celeste ihn gehasst.

Den prügelnden Ehemann ist sie los, die Probleme nicht: Nicole Kidman als Celeste
Den prügelnden Ehemann ist sie los, die Probleme nicht: Nicole Kidman als Celeste

Die „Monterey Five“ finden keine Ruhe

„Monterey Five“ nennen sich die fünf Freundinnen, allesamt Mütter und im besten Alter, die ihren Lebenstraum in finanzieller Sorglosigkeit verwirklichen könnten. Doch Geld ist bekanntlich nicht alles: Eine von ihnen ist eine Mörderin, und die vier anderen decken sie! So endete die erste Staffel von „Big Little Lies“. Aber das Quintett hat mehr zu fürchten als Detective Adrienne Quinlan (Merrin Dungey), die ahnt, dass an dem Abend von Perrys Tod mehr als nur ein Unfall passiert ist. Alle haben ihre Leichen im Keller und ihre Familientragödien auszuhalten – als Täterinnen und Opfer.

Das ist das Thema der zweiten Staffel, die vor Augen führt, dass in dem kleinen Luxushort an der kalifornischen Sonnenküste etwas gehörig faul ist. So steht die energische Madeline vor dem Scherbenhaufen ihrer doch so perfekten Zweitehe, weil sie sich einmal nicht zurückhalten konnte und ihren Mann Ed (Adam Scott) betrogen hat. Renata, die sich als Frau an der Macht begreift, sieht ihren Lebenstraum vom immerwährenden Reichtum schwinden, weil ihr Mann Gordon (Jeffrey Nordling) mit windigen Spekulationen 16 Millionen Dollar Schulden aufgehäuft hat.

Betrogen: Laura Dern als Renata
Betrogen: Laura Dern als Renata

Da ist Bonnie, die nach Perrys Tod von Gewissensbissen und Todesfantasien heimgesucht wird, welche die Beziehung zu ihrem Mann und vor allem aber zu ihrer Mutter Elizabeth schwer belasten. Auch Jane kämpft weiterhin mit Erinnerungen an Perry, die von einer Vergewaltigung geprägt sind, aber auch vom Glücksfall ihres Sohnes Ziggy (Ian Armitage), der als Folge dieses Ereignisses ihr Leben ungemein bereichert.

Meryl Streep als verbissene Schwiegermutter

Celeste aber hat die größte Bürde zu tragen: ihre Schwiegermutter Mary Louise (Meryl Streep). Sie ist nach Monterey gekommen, um zu trauern, aber auch, um Zweifel zu säen an den zu Protokoll gegebenen letzten Sekunden im Leben ihres Sohnes. „Es tut mir leid, wenn ich ihnen schon wieder auf die Nerven gehe...“ Mary Louise gehört zu den Menschen, die sich permanent entschuldigen, nur um dann umso befreiter genau damit fortzufahren.

In der zweiten Staffel von „Big Little Lies“ steht kein Mord im Mittelpunkt, sondern Mary Louise, die das ungesunde Klima in Monterey vollends verpestet. Die alte, gebrechliche, ebenso verbissene wie verschlagene Frau ist der Katalysator, der das Gift erst wirksam werden lässt. Sie ist es und nicht die Polizei, die das Gebirge aus Lügen und Selbstbetrug, hinter dem sich die „Monterey Five“ verschanzt haben, zum Bröckeln bringt.

Eindrucksvolles Schwiegermonster: Meryl Streep als Mary Louise
Eindrucksvolles Schwiegermonster: Meryl Streep als Mary Louise

Die Kunst von Regisseurin Andrea Arnoldbesteht darin, diese Gestalt auf dem schmalen Grat zwischen Hassfigur und einem menschlichen Wesen, das man durchaus verstehen kann, auszubalancieren. Meryl Streep ist dafür wie geschaffen und ein Glücksfall für den nach der ersten Staffel etwas entzauberten Plot von „Big Little Lies“. Sie sorgt dafür, dass die Figur nicht nur als Motor der Spannungsdramaturgie funktioniert, sondern auch als kantiger Charakter. Sie ist die perfekte Ergänzung in einer Riege eindrucksvoller Frauenfiguren, die trotz eines nicht ganz so virtuos strukturierten, auf klare Feindbilder setzenden Plots durchgängig fesselt.

Systemisch bedingter Wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn dieses materiell so privilegierten, aber von menschlichen Abgründen durchzogenen Kosmos eines US-amerikanischen Küstenstädtchens mag am Ende zwar kanalisiert und therapiert sein. Doch ganz geheilt ist er nie, weil er in dieser Welt des schönen Scheins geradezu systemisch bedingt ist. Das Glück macht weiterhin einen Bogen um Monterey – zum Vergnügen der Zuschauer, die dem Treiben aus der Ferne mit Genuß folgen.

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