„Liebe entsteht aus Respekt“

Freitag, 02.08.2019

Ein Interview mit Ilker Çatak über seinen Film „Es gilt das gesprochene Wort“

Diskussion

Der 1984 in Berlin geborene Regisseur Ilker Çatak machte schon früh mit Kurzfilmen auf sich aufmerksam, für die er zwei Max-Ophüls-Preise und einen Studenten-„Oscar“ gewann. Auch in seinem zweiten Spielfilm „Es gilt das gesprochene Wort“ (Kinostart am 1.8.) erweist er sich als aufmerksamer und präziser Filmemacher: Mit scheinbarer Leichtigkeit erzählt er von der vielschichtigen Liebesgeschichte zwischen der Pilotin Marion und dem jungen Türken Baran, aus deren Scheinehe sich echte Leidenschaft entwickelt. Ein Gespräch über einen besonderen Liebesfilm.


Aus den Produktionsnotizen geht hervor, dass von der ersten Idee bis zum fertigen Film zehn Jahre vergangen sind. Das ist ja doch eine lange Zeit!

Ilker Çatak: Das stimmt. Die ersten Gehversuche mit diesem Stoff haben sich als schwierig entpuppt. Ich war einfach nicht in dem Alter, um die Geschichte erzählen zu können. Ich hatte die Idee gemeinsam mit einem Freund. Aber wir waren zu sehr den Konstellationen verhaftet, die zwischen diesen Menschen stattfinden. Wir hatten vielleicht nicht das Vermögen zu abstrahieren. Ich bin nun sehr froh, dass ich diese zehn Jahre gehabt habe. Denn mit 35 erzählt man diese Geschichte ganz anders als mit 25.

Dies ist Ihr zweiter Spielfilm nach „Es war einmal Indianerland“, und es heißt immer, dass der zweite Film am schwerste auf die Beine zu stellen ist. Wie war das bei Ihnen?

Çatak: Ich hatte während meines ersten Films das große Glück, schon das „Go“ für den nächsten Film zu bekommen. Parallel zum Studium waren es drei Langspielfilm-Stoffe, an denen ich getüftelt habe. Gerade habe ich meinen dritten Spielfilm abgedreht, der wartet jetzt auf den Schnitt. „Räuberhände“ nennt er sich, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Finn-Ole Heinrich. Nach dem ersten Max-Ophüls-Preis gab es die ersten Angebote, nach dem zweiten eh. Ich hatte das Glück, dass die Projekte innerhalb dieser kurzen Zeit finanziert wurden. Das ist ja nicht immer so.

Preise sind also…

Çatak: … ein Türöffner. Sie schaffen Vertrauen. Sie führen auch bei manchen Partnern dazu, dass sie beim nächsten Film auf jeden Fall dabei sein wollen. Vielleicht spielt da die Angst mit, dass sie doch eine große Nummer verpassen. Was ich von mir jetzt nicht behaupten würde… (lacht)

Regisseur Ilker Çatak
Regisseur Ilker Çatak

Sie haben das Drehbuch zusammen mit Nils Mohl geschrieben. Wie muss ich mir das vorstellen? Schaut der eine dem andere über die Schulter? Oder verhandeln Sie per Email?

Çatak: Sowohl als auch. Nils und ich haben uns zu Anfang der Entwicklungsphase für zwei Wochen in eine kleine Berghütte eingeschlossen, und zehn Tage, bevor wir überhaupt etwas geschrieben haben, haben wir nur konzipiert, uns die Figuren vor Augen geführt, uns Fragen gestellt wie etwa: Über welche Witze lacht diese Person? Was treibt sie um? Zu welcher Musik tanzt sie? Wir haben eine Figuren-Bibel erstellt und geguckt, was uns interessiert. Das war der Grundstein. Dann hat man ein Gerüst, und an diesem Gerüst arbeitet man sich ab. Wir haben dann in den nächsten dreieinhalb Jahren acht Buchversionen gehabt, die alle ein anderer Film hätten sein können. Mehr oder weniger. Wir haben immer wieder Plots gefunden und verworfen, haben Dinge ausprobiert. Die Arbeit lief ganz stark darüber, sich gegenseitig abzuklopfen, sich zu hinterfragen. Das war einerseits sehr gut für die Arbeit, anderseits sehr zäh für das Verhältnis. Da ist es wichtig, dass man einen Partner hat, der nicht eitel ist. Und Nils ist glücklicherweise kein solcher Mensch.

Sie sind selbst in Deutschland geboren, dann aber mit zwölf Jahren nach Istanbul gezogen, um später nach Deutschland zurückzukehren. Steckt auch etwas Biographisches in dem Film?

Çatak: Nein. Ich kenne diese Gespanne und auch den Ort Marmaris, wo gedreht wurde – dort habe ich alles aus erster Hand beobachten dürfen. Da sind Menschen, die es auf solche Weise nach Deutschland verschlägt, also durch eine Ehe. Das würde ich jetzt nicht autobiographisch nennen.

Sie haben den Film in drei Kapitel eingeteilt: „Was war“ – „Was ist“ – „Was sein wird“. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Çatak: Das ist im Schnitt entstanden.

Also zu einem relativ späten Zeitpunkt…

Çatak: Wir hatten in einer frühen Buchphase mal „Stein, Schere, Papier“. Das war ein Gerüst, das wir uns gebaut haben. Es tut in der Bucharbeit immer ganz gut, wenn man sich Gerüste baut. Eine Regel war dann: In dem Kapitel muss ein Stein vorkommen, in dem Kapitel muss eine Schere vorkommen. Dann baut man die Geschichte, verliert aber das Gerüst, weil das Gebäude irgendwann steht. Die Kapiteleinteilung kam aber in anderer Form im Schnitt wieder dazu, nämlich in einem Sprachkontext.

Wie würden Sie den Stil Ihres Films beschreiben? Ich frage deshalb, weil für mich der Beginn in der Türkei sehr schnell und elliptisch war, während der Film in Deutschland ruhiger wird und sich sehr viel mehr Zeit nimmt. Würden Sie dem zustimmen?

Çatak: Das war jetzt gar nicht so bewusst konzipiert. Das Tempo einer Szene folgt stets dem Tempo einer Figur, dem Inhalt. Marions Lebensrealität ist eine ganz andere als die von Baran, auch eine stagnierende in dem Moment, wo wir sie kennen lernen. Er hingegen ist progressiv und will immer weiter nach vorne. Sie ist schon irgendwo. Vermutlich hat das damit zu tun.

Ungleiches Paar: marion (Anne Ratte-Polle) und Baran (Oğulcan Arman Uslu)
Ungleiches Paar: Marion (Anne Ratte-Polle) und Baran (Oğulcan Arman Uslu)

Welchem Genre würden Sie den Film zuordnen? Ist es ein Liebesfilm? Obwohl die Liebe ja doch sehr versteckt ist und es auch kein Happy End in dem Sinne gibt…

Çatak: Keine Ahnung. Was meinen Sie?

Für mich ist es keine Romanze im eigentlichen Sinne, sondern eher ein Drama, weil es um die Konflikte dieser beiden unterschiedlichen Menschen und ihre Hintergründe geht.

Çatak: Ich denke, es ist ein Liebesfilm. Ich glaube schon, dass sie sich wirklich lieben. Es ist auch eine Frage, wie man Liebe definiert. Bei den beiden ist es nicht wie bei einer klassischen Romantic Comedy, wo sie sich auf Anhieb ineinander verschießen. Hier entsteht die Liebe aus dem Respekt, aus dem Blick, den man für das Gegenüber entwickelt. Aber die Liebe ist da, und sie sitzt auch sehr tief.

Es gibt eine emblematische Szene, wenn wir Marion zum ersten Mal sehen und sie im Cockpit ihren Kollegen zurechtweist: sehr taff, sehr professionell, sehr ironisch. Wie würden Sie sie beschreiben?

Çatak: Wahnsinnig intelligent, fordernd als Chefin, sehr stark über die Arbeit definiert, sehr stark über das Selbstoptimierende definiert. So streng, wie sie zu den Mitarbeitern ist, ist sie auch zu sich selbst. In dem Moment, wo ihre Nase blutet, muss sie sofort zum Arzt, und es wird alles durchgecheckt. Das ist aber nur die vordergründige Marion, wie sie sich am Anfang der Geschichte selbst definiert. Ich lese jetzt häufig in den Kritiken, dass sie als spröde, distanziert und kühl rüberkommt. Aber ich finde, dass sie etwas ganz Warmherziges hat. Unter diesem Deckmantel von Professionalität und nordischer Distanziertheit ist etwas sehr Warmes. Nur lässt sie es nicht so häufig durch. Im Film ist nichts schlimmer als Leute, die die ganze Zeit nett und freundlich sein wollen…

Spannend ist auch ihre Beziehung zu ihrem Liebhaber Raphael, mit dem sie auf eine sehr ironische Art kommuniziert. Da haben mir die Dialoge sehr gefallen. Haben Sie lange daran gefeilt?

Çatak: Nein, gar nicht so lange. Das schüttelt Nils so aus dem Ärmel. Er ist wahnsinnig gut darin, schlagfertige Dialoge zu schreiben. Dieses Verhältnis ist ein Spiel, und dieses Spiel macht den Reiz der Beziehung aus. Irgendwann aber, wie bei Kindern, tut dieses Spiel weh, und dann ist es vorbei.

Eine schlagfertige Frauenfigur: Marion (Anne Ratte-Polle)
Eine schlagfertige Frauenfigur: Marion (Anne Ratte-Polle)

Ist es aber nicht so, dass nur Marion die Regeln bestimmt, nicht der Mann, der versucht, verständnisvoll zu sein und sich nur widerwillig auf das Spiel einlässt?

Çatak: Das stimmt. Aber sie macht das nicht nur mit ihm, sondern auch mit Baran, den ganzen Film über.

Baran bemerkt in der Türkei schon Marions Zurückhaltung. Aber er sieht da eine kleine Chance und hält an ihr fest…

Çatak: Ja. Er sieht, dass diese Frau anders ist als die Frauen, die sonst zu ihm in die Bar kommen. Sie hat eine Grandezza, eine Eleganz. Er weiß sofort, dass das etwas Gutes ist. Sie ist für ihn ein Versprechen – trotz des Freundes, den sie an ihrer Seite hat.

Ich habe mehrere Kritiken gelesen, in denen die Autoren den Sinneswandel von Marion nicht nachvollziehen wollen oder können. Ist das eine bewusste Leerstelle?

Çatak: Das ist bewusst, ja. Die Kritiken, die das bemängeln, sind immer von Männern geschrieben. Es gab noch keine Frau, die das irgendwie auch nur angezweifelt hätte. Ich finde, dass ein Geheimnis das Kino auszumachen hat. Wir sind in Deutschland so deformiert durch das Fernsehen, dass uns alles aufgetischt werden muss. Das war der Schlüssel, als ich gesagt habe: „Nein, wir erzählen das nicht aus, warum sie es macht.“ Es ist alles da. Leute, die genau hinschauen, wissen, warum sie es macht. Wir vertrauen dem mündigen Zuschauer. Das war der Schlüssel im Drehbuch. Danach hat sich alles gelöst. Dann hatten wir auch einen roten Faden für diese Figur: Sie ist einfach Buddha. Sie lächelt, und man weiß nicht – ist das jetzt abwertend oder liebevoll? Das ist ihr Geheimnis. Dieses Geheimnis wünsche ich mir auch in Filmen. So ähnlich, wie Erotik nur entstehen kann, wenn etwas verhüllt ist. Nackt in der Sauna sitzende Menschen sind nicht sexy.

Wenn Baran endlich in Deutschland ist, muss er sich einen Job suchen, eine Wohnung finden, die Sprache lernen, sich an deutsche Gepflogenheiten anpassen. Ist das ein Kommentar von Ihnen zur aktuellen Integrations-Debatte?

Çatak: Ein Kommentar sollte das nicht sein. Es ist eine Beobachtung, die man macht. Wir erwarten ja immer, dass die Menschen, die hierherkommen, sich anpassen, dass sie nicht auffällig sind. Das ist etwas, was ich als Kind unbewusst gemacht habe: Ich wollte nie auffallen, wenn ich bei meinen deutschen Freunden zu Gast war. Ich wollte immer alles richtig machen. Das bekommt man als Gastarbeiterkind mit auf den Weg. Jeder, der von Integration spricht, sagt: „Die Ausländer müssen alle deutsch lernen.“ Das ist ja auch so, klar, sie müssen auch deutsch lernen. Denn was wäre die Alternative? Dass der kommt und sich eine Gaudi macht und sich im Jobcenter durchschnorrt? Von so einer Figur will man ja auch gar nicht erzählen. Man will von einer Figur erzählen, die sich bemüht. Das berührt mich auch, wenn da jemand ist, der das macht und es schaffen will und mit seiner Partnerin auf Augenhöhe kommen will. Das kann nur darüber laufen, dass er sich bemüht.

Oğulcan Arman Uslu als Baran
Oğulcan Arman Uslu als Baran

Dieses Bemühen verändert ihn ja auch, wie die Schlussszene zeigt.

Çatak: Klar – er nimmt auch etwas mit aus Deutschland. Es ist auch nicht dumm, was er hier lernt. Das sind Dinge, die er im Leben brauchen kann. Wenn Menschen diese Eigenschaften haben, egal wie ihre Lebensumstände gerade sind, und es schaffen, aus dieser Situation etwas mitzunehmen, bewundere ich sie.

Wir sprachen vorhin schon über Leerstellen in der Erzählung. Es gibt noch eine andere, nämlich als Baran als Gepäckdieb verdächtigt wird und Sie diesen Vorwurf nicht auflösen.

Çatak: Das war zuvor im Drehbuch expliziter und klarer, wer eigentlich dahintersteckt. Der aufmerksame Zuschauer sieht auch, wer dahintersteckt. Letztlich geht es aber gar nicht darum. Es geht darum, wie sein Umfeld mit diesem Vorwurf umgeht. Das haben wir in der Bucharbeit sehr spät gemerkt: Es ist viel interessanter zu erzählen, wie der deutsche Blick auf eine solche Situation ist, anstatt die Situation an sich zu erzählen. Häufig haben Sie Filme, wo der Ausländer in ein fremdes Land kommt und ihm bleibt nichts anderes, als in die Kriminalität abzudriften. Diesen Irrweg sind wir auch gegangen. Und dann dachten wir uns, dass das auch anders gehen müsse. Es ist doch viel interessanter zu gucken, wie wir auf diese Menschen blicken. So ist das entstanden aus einem gegenseitigen Hinterfragen: Ist das gut? Geht das auch anders? Das muss man bis zum letzten Tag des Schnittes machen. Alles, was man geschrieben hat, ist nur provisorisch. Es ist anstrengend und mühsam. Gegen Ende eines Drehs will man einfach nur fertig werden. Aber man muss den Dingen auf den Grund gehen.

Interessant ist auch, wie sich das Rollenverhältnis zwischen Mann und Frau ändert.

Çatak: Wir haben hier eine Geschichte von einer Frau, die ein Macho ist, und von einem Mann, der eine Prostituierte ist. Allein das war schon sehr reizvoll an dieser Geschichte. Für die Schauspieler war das auch ein Fest, weil das so selten ist. Es ist oft bei diesen Beziehungen so, dass der Mann nach Deutschland kommt und wie ein kleiner Junge Taschengeld von der Frau beziehen muss, was extrem herablassend und entwürdigend ist. Vor allem, wenn man so eine Sozialisation erfährt, wie man sie in der Türkei erfährt, wo der Mann immer stark sein muss.

War für Sie von Beginn an klar, dass Anne Ratte-Polle die Pilotin spielen würde? Hatten Sie schon beim Schreiben sie vor Augen?

Çatak: Nein, wir hatten lange Zeit keine Schauspielerin im Kopf. Wir hatten lange eine Casterin, die uns Vorschläge gemacht hat. Aber wir sind auf keinen gemeinsamen Nenner gekommen. Dann haben wir die Casterin gewechselt und sind zu Simone Bär gegangen. Und die erste, die uns Simone Bär genannt hat, war Anne. Ich kannte sie nicht und habe sie dann gesehen und war direkt fasziniert, wie sie es schafft, das Unausgesprochene zu spielen. Wir haben uns dann getroffen, es gab kein Casting, sondern ein Angebot, und sie hat es angenommen. Und dann sind wir mit ihr in die Türkei gereist, um Baran zu casten. Über unsere türkische Casterin Ezgi Baltaşhatten wir dann ein Wochenende lang Castings. Wir haben geguckt, wer am besten zu Anne gepasst hat. Und uns war sofort klar, dass Arman Uslu derjenige war, der bei uns allen am meisten ausgelöst hat.

Gefreut habe ich mich auch über den Auftritt von Jörg Schüttauf als Barans Arbeitgeber…

Çatak: Es war sehr schwer, ihn zu bekommen, weil er sehr viel dreht und es mit den Drehtagen sehr kompliziert war. Wir haben es dann doch irgendwie geschafft. Jörg Schüttauf ist ein Vollprofi, ein alter Hase. Der kommt an und macht dir drei Angebote und alle sind top. Es ist eine Freude, weil er auch ein gutes Gefühl für Timing hat. Der macht das schon so lange und so gut – mir gab das sehr viel Sicherheit, vor allem am Flughafen, wo man sehr in Zeitdruck ist und die Dinge schnell gehen müssen.

Anne Ratte-Polle und Jörg Schüttauf
Anne Ratte-Polle und Jörg Schüttauf


Fotos: © x-verleih

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