Filmklassiker: „Wenn die Gondeln Trauer tragen“

Freitag, 09.08.2019

Nicolas Roegs bahnbrechendes Horror-Drama ist in 4k restauriert als BD/DVD-Edition neu erschienen

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Das Landhaus, der Teich, die ertrunkene Tochter im roten Mantel und Julie Christies traumatisch-surreale Reise nach Venedig, wo ihr Mann John Baxter (Donald Sutherland) als Kirchenrestaurator arbeitet und bald nicht mehr Herr seiner Sinne ist... Nicolas Roegs Horror-Drama „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ wurde von Arthaus / Studiocanal in 4K restauriert und ist nun als herausragende BD- / DVD-Edition erschienen.

Ein trüb-verregneter Nachmittag in einem englischen Landhaus in den frühen 1970ern: Drinnen erholt sich gerade das lange verheiratete Paar John (Donald Sutherland) und Laura Baxter (Julie Christie). Es wird Tee gereicht, in Büchern geblättert oder sich weiter der Arbeit mit Dias gewidmet, während ihre beiden Kinder draußen auf dem Grundstück in Regenmänteln und Gummistiefeln herumtoben. Ein Spielzeug-Soldat erheitert die Tochter, ein Ball wird geworfen und das gemeinsame Familienidyll scheint perfekt.

Doch in nicht einmal drei Minuten transformiert sich Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (Originaltitel: „Don’t Look Now“) in eines der verstörendsten Bilderinfernos der 1970er-Jahre. Auf einem der Dias, die John ansieht, ist in einer Kirche von hinten eine Gestalt mit roter Kapuze sichtbar, die an den roten Regenmantel der Tochter im Garten erinnert. Auf mysteriöse Weise breitet sich von ihr auf einmal ein seltsamer roter Fleck wie Blut aus. Umschnitt nach draußen: Die kleine Tochter versinkt im gründlichen Wasser eines Gartenteichs. Wie in einer morbiden Vorahnung stürmt John gleichzeitig hinaus zum Teichgelände, doch er kann seine Tochter nur noch tot aus dem Wasser bergen. Die Verknüpfung Wasser, Leben und Tod, die beiden klassischen Primärfarben Rot und Blau sowie eine Montage, die sich auf beklemmende Weise vom realistischen Erzählen verabschiedet und beunruhigende motivisch-assoziative Verbindungen schafft, werden auch die folgenden 100 Minuten bestimmen, ohne je alle Rätsel preiszugeben.

Eine bahnbrechende Erweiterung der filmischen Grammatik

Mit dieser düsteren, verschachtelten Montagesequenz beginnt Nicolas Roegs Meisterwerk „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, das von Arthaus / StudioCanal und unter der Aufsicht von Kameramann Anthony B. Richmond digital aufwendig in 4K restauriert wurde und nun als DVD- und BD-Edition mit zahlreichen Bonusmaterialien erschienen ist. Auch über 40 Jahre nach seiner Entstehung hat es bei einer Neusichtung nichts von seiner singulären Sprengkraft verloren.

Roegs formal-ästhetischer Geniestreich, der nicht umsonst den vieldeutigen Originaltitel „Don’t Look Now“ trägt und gängige Narrationsmuster und Schnittmodelle lustvoll zertrümmerte, lotete die filmische Grammatik zu Beginn der 1970er-Jahre völlig neu aus. Es überrascht daher keineswegs, dass Graeme Cliffords Montage jahrzehntelang auf dem Lehrprogramm an diversen Filmhochschulen stand. So etwas formal unerhört Disruptives, emotional Verstörendes hatte man bis dahin nur selten auf der Kinoleinwand erlebt. Neben der Eingangssequenz besticht zum Beispiel eine intime Liebesszene zwischen John und Laura, die zwei Zeitebenen ineinander montiert und die Zweisamkeit im Liebesakt mit dem vertrauten Beisammensein danach mischt, oder das expressionistisch-hypnotisch aufgeladene Finale bei Nacht in Venedig, in dem dann wirklich das Blut spritzt.

„Kino öffnet immer noch die Türen der Offenbarung“

Wie schon in seinen beiden ersten Filmen Performance (zusammen mit Donald Cammell) und Walkabout hatte der ausgebildete Kameramann Nicolas Roeg (1928-2018, hier zum Nachruf auf den Regisseur) bis dahin übliche Raum-, Zeit-, Handlungs- und Identitätsvorstellungen im Kino konsequent über der Haufen geworfen und sich stattdessen künstlerisch wie kaum ein zweiter Filmemacher seiner Generation daran gemacht, auf der Leinwand das umzusetzen, was Roeg in seiner Autobiographie im Rekurs auf das Kino selbst so formuliert: „Es öffnet immer noch die Türen der Offenbarung, die uns die Zukunft zeigen.“

Dieser Glaube an ein mystisch aufgeladenes, hypnotisch inszeniertes und assoziativ montiertes Autorenkino setzt sich ebenfalls im extrem hörenswerten Audiokommentar dieser Heimkinoedition fort, in dem Nicolas Roeg auch mal schweigt und lieber der Macht seiner Bilder vertraut, anstatt sie lehrbuchmäßig mit technisch-trockenen Bemerkungen zu erklären.

„Wir sehen ein Paar.“ Pause. „Und es ist eine Liebesszene“, sagt er im Grundton britischen Understatements beispielsweise über eine der skandalösesten Sexszenen der Filmgeschichte, zu der sich Donald Sutherland bis heute noch regelmäßig in Interviews äußern muss: So leidenschaftlich „echt“ und „natürlich“ war der Liebesakt zwischen zwei Schauspielern vorher noch nicht zu sehen gewesen, was obendrein zu zahlreichen Schnitten in der US-Kinoversion führte und auch die damalige Filmkritik in unterschiedliche Lager spaltete.

Strudel aus Wasser, Glas, Lichtreflexen, Blut und Scherben

Überhaupt gefiel sich der Regieexzentriker Roeg, der im November 2018 neunzigjährig starb, analog zu britischen Kollegen wie Ken Russell oder Peter Greenaway bis ins hohe Alter hinein in der Rolle des Sonderlings, der einen direkten Umgang mit dem Publikum oder arrivierten Filmfestivals weitgehend mied und Interviewgesuche von Journalisten in der Regel ausnahmslos unbeantwortet ließ. „Ich habe nie versucht, meinen Ruf zu verbessern“ (Nicolas Roeg).

Trotz seines kommerziell mäßigen Erfolgs nannte ihn das Britische Filminstitut (BFI) rückblickend „eine treibende Kraft des Kinos“. Schließlich habe er in seinem komplexen Filmoeuvre einige der „ergreifendsten Momente der Schönheit, des Grauens und der Traurigkeit erschaffen, die man je gesehen hat.“ Genau davon erzählt „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ in seinen atemberauben Strudeln aus Wasser, Glas, Lichtreflexen, Blut und Scherben. Eros, Thanatos und Intellekt tanzten zusammen selten leidenschaftlicher im Kino.

Oder wie es Donald Sutherland bereits im fulminanten Prolog auf den Nenner bringt, was gleichzeitig für das Gros aller Nicolas-Roeg-Filme gilt: „Nichts ist, wie es scheint.“ Irrationale Bilderstürme sind dagegen alles. Für Dominik Graf war Nicolas Roeg dementsprechend der „Cutter unserer Gehirnströme“. Im Geiste jener raffinierten Cut-up-Technik hat Roeg mit „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ auf filmischer Ebene das vollbracht, was Umberto Eco einst als „Das offene Kunstwerk“ einforderte: Wahre (Film-)Kunst muss ewig attraktiv und zeitlos interpretierbar sein. Nicolas Roegs Bildersturmkino mit all seinen Mosaiken, Verschachtelungen und falschen Fährten hat in dieser Kategorie einen Platz in der ersten Reihe sicher: Denn hinschauen will hier jeder. Immer und immer wieder.


Seit dem 01.08.2019 als BD oder DVD mit umfangreichem Bonusmaterial (z.B. mit einem hörenswerten Audiokommentar von Nicolas Roeg, zahlreichen Interviews sowie interessanten Einblicken zur digitalen Restaurierung) erhältlich.



Anbieter/Foto: Arthaus / StudioCanal

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