Zum Tod von Tom Zickler

Mittwoch, 04.09.2019

Der umtriebige Produzent ist im Alter von 55 Jahren überraschend gestorben

Diskussion

Mit der neuen Produktionsfirma Traumfabrik Babelsberg wollte der Produzent Tom Zickler (1.5.1964-2.9.2019) an Ufa- und Defa-Zeiten anknüpfen, mit schnell gedrehten Liebes- und Gangsterfilmen, Musicals und Science-Fiction-Filmen. Jetzt ist er im Alter von 55 Jahren überraschend gestorben.


Am Ende ging alles ganz schnell. Noch vor zwei Monaten hatte der glückliche und stolze Tom Zickler Hunderte Gäste in der Filmstadt Babelsberg begrüßt, um mit ihnen gemeinsam die Premiere seines neuen Films „Traumfabrik“ zu feiern. Es war eine Arbeit, in der sein Herzblut steckte, ein Märchen über die Kraft des Kinos, das Grenzen zu sprengen vermag und Liebende zueinander bringt.

Leider zog das Publikum nicht mit, und auch die Kritik reagierte verhalten. Das muss ihn geschmerzt haben, denn mit „Traumfabrik“ und der von ihm dafür extra ins Leben gerufenen Produktionsfirma wollte er die Wiederbelebung des Babelsberger Filmstandorts mit selbst entwickelten Stoffen einläuten. Es sollten nicht mehr nur Fremdprojekte realisiert werden, sondern eigene Geschichten, von der Idee bis zur Premiere. Eine Sehnsucht, mit der er an alte, erfolgreiche Kinozeiten von Ufa und DEFA anzuknüpfen gedachte.

Keine Scheu vor Emotionen

Die DEFA war ja auch seine Kinderstube, hier fing er in der Aufnahmeleitung an, war mittendrin in der Entstehung der Märchen „Eisenhans“ (1988) und „Die Geschichte von der Gänseprinzessin und ihrem treuen Pferd Falada (1989), bevor er an der Babelsberger Filmhochschule Produktion studierte. Das Studium, so gestand er seinem Professor, empfand er als viel zu trocken. Bevor er sich hinsetzte, um eine Abschlussarbeit zu schreiben, wollte er lieber gleich in die Praxis.

Es war ein glücklicher Zufall, dass er in den 1990er-Jahren auf Til Schweiger stieß. Gemeinsam stemmten sie gegen manche Widerstände das Projekt „Knockin’ on Heaven’s Door“, und die Tränen, die die Zuschauer über die Story von zwei schwerkranken Jungs auf ihrem letzten Trip ans Meer lachten und weinten, hatte zuvor auch schon Tom Zickler gelacht und geweint. Denn Zickler lebte seine Emotionen ohne Scham und in schöner, naiver Anteilnahme für Kinogefühle aus.

Ich erinnere mich, wie er vor ein paar Monaten bei der Trauerfeier für den Babelsberger Tonmann Ulrich Illing am Pult stand und ihm die Stimme brach, weil er einen langjährigen Freund und Ratgeber verloren hatte und das auch gar nicht zu verbergen suchte. „Traumfabrik“ hat er dann Ulrich Illing gewidmet, und die kleine Rolle, die Zickler ihn gebeten hatte zu spielen, wurde eine letzte Verbeugung vor dem älteren Kollegen.

Erinnerungen an einen umtriebigen Geist

Studio Babelsberg trauert nun „um einen der größten Filmproduzenten und leidenschaftlichsten Geschichtenerzähler“, und wir erinnern uns an Produktionen, die er mit auf den Weg gebracht hat. An den Studentenfilm „10 Tage im Oktober“ (1989, R: Thomas Frick), ein authentisches Dokument der Herbstereignisse in der DDR. An „Varieté“ (1992) und „Der unbekannte Deserteur“ (1994), zwei ebenfalls studentische Kurzfilme, die mit geringen finanziellen Mitteln schon das ganz große Kino imaginierten. An seinen Versuch, in Babelsberg eine B-Movie-Tradition aufzubauen, mit Titeln wie „Planet B - The Antman“ (2002) oder „Planet B - Detective Lovelorn und die Rache des Pharao“ (2002), schräge Genrefilme à la Roger Corman, in denen die Kulissen durchaus auch mal wackeln durften. An die gemeinsam mit Til Schweiger produzierten Erfolge „Barfuß“ (2005), „Keinohrhasen“ (2007), „Kokowääh“ (2011) oder „Honig im Kopf“ (2014).

Jeder einzelne Film lag Zickler am Herzen, aber ganz besonders „Friendship!“ (2010), in dem er Friedrich Mücke und Matthias Schweighöfer auf die Reise von Ost-Berlin nach San Francisco schickte und damit gleichsam aus seiner eigenen Biografie erzählte: Unmittelbar nach dem Fall der Mauer hatte er sich mit Freunden auf eine Tramptour durch die USA gemacht, ohne viel Englisch zu können und mit fast keinem Geld. Schweighöfer als Tom: eine Reminiszenz an die wilden Zeiten der Anarchie, als noch alles möglich schien.

Sehnsucht nach Kintopp

Zuletzt erschuf er mit „Traumfabrik“ ein Universum, nach dem er sich gesehnt haben mag: ein prosperierendes Filmstudio, das am Fließband Liebes- und Gangster-, Sandalen- und Piratenfilme, Musicals und Science-Fiction ausspuckt. Und in dem sich die Wege aller bunten Kostümträger kreuzen: in der Kantine, auf Studiostraßen und in Ateliers. Zickler nannte das Gebilde DEFA, obwohl ihm bewusst sein musste, dass sein Traumort so viel mit der DEFA zu tun hat wie Schneewittchen und die sieben Zwerge mit einer wissenschaftlichen Studie über Kleinwüchsige. Aber er wollte die Seele baumeln lassen, aus Liebe zum Kintopp.

Dass die Fabel in eine Rahmenhandlung eingebaut war, in der ein Großvater seinem Enkel die ganze Story vorflunkert, war dabei ein wohlüberlegter dramaturgischer Kniff: Auch Zickler verstand sich nicht als realistischer Erzähler, sondern als ein Mann des Spektakels, der Jahrmarktsattraktion. Etwas, das jede Kinematographie zu ihrer inneren Balance nötig hat, das aber in Deutschland seit Jahrzehnten so schwer zu machen ist.

Den Großvater spielte übrigens Michael Gwisdek, noch so ein Bruder in Zicklers Geiste. Ein mögliches Dreamteam auch für künftige Projekte. Es hätte schön werden können.


Foto: Tobis

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