#Venezia76: Die aus der Rolle fallen

Donnerstag, 05.09.2019

Mit „Babyteeth“, dem einzigen Debütfilm im Wettbewerb und einer von nur zwei Arbeiten unter weiblicher Regie, feierte ein weiterer würdiger „Löwen“-Kandidat in Venedig Premiere

Diskussion

Mit „Babyteeth“, dem einzigen Debütfilm im Wettbewerb und einer von nur zwei Arbeiten unter weiblicher Regie in der Auswahl, feierte ein weiterer würdiger „Löwen“-Kandidat in Venedig Premiere. Einer von mehreren Filmen des aktuellen Jahrgangs, in denen es um ein Plädoyer dafür geht, sich weder von Scham oder Angst noch von Konventionen, sozialen oder sexuellen Rollenbildern verbiegen und vom intensiven Leben abhalten zu lassen.


Für die 15-jährige Milla Finlay (Eliza Scanlen) ist es Faszination auf den ersten Blick, als sie am Bahnhof den acht Jahre älteren Junkie Moses (Toby Wallace) kennenlernt. Dem Mädchen ist es vollkommen egal, dass er exakt die Art von Freund ist, die sich bürgerliche Eltern wie die Finlays tunlichst nicht für ihre gut behütete Tochter wünschen. Denn Milla hat keine Zeit, ihre Sehnsüchte auf die lange Bank zu schieben und erstmal das Leben zu leben, das andere für sie richtig finden: Milla ist schwerkrank und weiß, dass der Krebs sie vielleicht umbringen wird.

Für ihre Eltern Henry (Ben Mendelsohn) und Anna (Essie Davis) ist es allerdings kaum erträglich, ihre Tochter, um die sie seit der Diagnose sowieso voller Angst sind, nun in Gesellschaft eines Menschen zu sehen, der aufgrund seiner eigenen Suchtprobleme der Verantwortung für ein schwerkrankes Mädchen nicht gewachsen ist. Entsprechend versuchen sie zunächst, Moses von Milla fernzuhalten. Doch Milla ist nicht gewillt, sich von jemand anderem als dem Tod Grenzen setzen zu lassen.


Ein fulminantes Spielfilmdebüt: „Babyteeth“

Was für ein Debüt! Unter zahlreichen prominenten Regie-Stars ist die Australierin Shannon Murphy mit ihrem Film Babyteeth der einzige Neuling im diesjährigen Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig – und schaffte es auf Anhieb, sich als würdige „Löwen“-Anwärterin zu empfehlen. Wobei man sagen muss, dass Murphy nur als Spielfilm-Regisseurin eine Anfängerin ist; als Theaterregisseurin und mit diversen Fernsehserien hat sie sich in Australien längst einen Namen gemacht. Als Basis von "Babyteeth" stand überdies ein erfolgreiches Theaterstück der Autorin Rita Kalnejais zur Verfügung, die auch die Drehbuch-Adaption besorgt hat.

"Babyteeth"
"Babyteeth"

Trotzdem ist es respekteinflößend, wie perfekt Murphy in „Babyteeth“ die Balance zwischen existenzieller Schwere und schrägem Humor gelingt. Vom Clash zwischen der im Angesicht des möglichen Todes umso lebenshungrigeren, emotional aufs Ganze gehenden Milla, dem Psychiater Henry und seiner seelisch labilen Musiker-Gattin Anna und dem seit dem Rauswurf aus seinem Elternhaus auf der Straße lebenden Moses erzählt Murphy als pointierte Tragikomödie, die von einem Grundvertrauen in die Menschen und von einer Lebensbejahung getragen wird, die letztlich auch die Sterblichkeit mit einschließt.

 

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Dabei beeindruckt der Film mit wunderbar gezeichneten Charakteren (was sowohl dem Drehbuch als auch den Darstellern zu verdanken ist; Eliza Scanlen dürfte sich nach ihrem denkwürdigen Auftritt in Sharp Objects endgültig als aufstrebende Aktrice qualifiziert haben). Der Film findet überdies einen schwebenden Tonfall, der den Blick beiläufig auf Figuren jenseits des zentralen Quartetts weitet, auf Beobachtungen und Begegnungen am Rande, die diese Geschichte eines Sterbeprozesses in eine Fülle von Lebendigkeit einbetten.


Antanzen gegen vordefinierte Rollenbilder

Filme über Figuren, die wie Milla durch Schicksalsschläge oder neue Impulse dazu angestiftet werden, „aus der Rolle zu fallen“, familiäre Erwartungen zu enttäuschen, Neues zu wagen oder sich auf unkonventionelle, gesellschaftlich als unpassend empfundene Beziehungen einzulassen, gehören zu den spannenden Entdeckungen der diesjährigen „Mostra“. Im Kern geht es dabei immer wieder um filmische Plädoyers für die Offenheit und den Mut, sich nicht von Scham oder Angst, von Konventionen und sozialen oder sexuellen Rollenbildern verbiegen und vom intensiven Leben abhalten zu lassen. So erzählt zum Beispiel „Rialto“, ein irisches Drama von Peter Mackie Burns, das in der "Orizzonti"-Sektion Premere feierte, vom späten Coming-out eines Familienvaters, der erst nach dem Tod seines eigenen Vaters und dem Verlust des ihn definierenden Jobs in der Lage ist, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass er eigentlich homosexuell ist.

"Ema"
"Ema"

In Ema von Pablo Larraín spielt der Tanz als künstlerisch-befreiendes Medium eine Schlüsselrolle: Die Titelfigur ist eine junge Tänzerin (eine Naturgewalt: Mariana Di Girolamo), die zusammen mit ihrem Partner (Gael García Bernal) einen Jungen adoptierte, sich mit dessen Erziehung aber nach einer fatalen Brandstiftung des Kindes überfordert sah und den Kleinen an die Behörden zurückgab – eine mit Schuldgefühlen behaftete Entscheidung, die einen tiefen Keil zwischen die Adoptiveltern getrieben hat.  „Ema“ schildert, wie sich die Hauptfigur nach dieser zwischenmenschlichen Niederlage jenseits traditioneller Rollenbilder als Frau, Liebhaberin, Reggaeton-Tänzerin und letztlich auch als Mutter neu zu erfinden versucht – wobei das Drehbuch zwar nicht viel tut, um die Figurenentwicklungen plausibel zu machen (was es teilweise schwer macht, dem Film zu folgen), die schiere körperliche Energie des Ganzen aber doch ihren Reiz hat.


Mütter & junge Männer: „Madre“ & „No. 7 Cherry Lane“

Etwas konventioneller, aber stringenter und nachvollziehbarer erzählt der spanische Film „Madre“ von Rodrigo Sorogoyen von einer anderen Frauenfigur, die durch ein tragisches Ereignis aus ihrer Mutterrolle „herausgefallen“ ist. Ihr sechsjähriger Sohn ist bei einem Strandurlaub in Frankreich spurlos verschwunden; diesen Verlust hat die Mutter auch Jahre später noch nicht verwunden und sich am Strand, an dem das Unglück geschah, als Kellnerin niedergelassen, um weiterhin nach dem Verschollenen Ausschau zu halten – bis sie eines Tages einem Teenager begegnet, zu dem sie eine instinktive Verbindung zu haben scheint. Die seltsame, in kein Schema passende und Anstoß erregende Beziehung zu dem jungen Mann, die sich danach anspinnt, droht die fragile Existenz, die sich die Frau nach dem Verschwinden des Kindes aufgebaut hat, aus den Angeln zu heben. Allerdings auf durchaus produktive Art und Weise, da diese Existenz von der Trauer um das verlorene Kind niedergedrückt und überschattet war.

"No. 7 Cherry Lane"
"No. 7 Cherry Lane"

Eine ähnliche Konstellation von älterer Frau und jungem Mann findet sich in einem der ästhetischen Höhepunkte des Wettbewerbs, dem einzigen Animationsfilm der Auswahl: Yonfans No. 7 Cherry Lane, eine im Hongkong der 1960er-Jahre angesiedelte Dreiecks-Liebesgeschichte um einen jungen Literaturstudenten, der ungehörige amouröse Bande zur etwa 40-jährigen Mutter einer Nachhilfeschülerin knüpft, aber auch von dem jungen Mädchen begehrt wird, dem er englische Literatur nahebringen soll.

Eine zentrale Rolle bei der Entfachung der Gefühle spielen die Künste, die die Kommunikation in Gang bringen und die Gefühle der Protagonisten befeuern. Neben dem chinesischen Romanklassiker „Der Traum der roten Kammer“, der der reifen Dame des Hauses ihre erste erotische Fantasie über den Studenten beschert, und Werken wie „Jane Eyre“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ sind es nicht zuletzt französische Kinofilme mit „Madame Simone“ (Signoret), die der Leidenschaft den Boden bereiten.

In schwelgerisch schönen Bildern, die auf der Basis von 3D-Vorlagen aufwendig per Hand in 2D auf Reispapier gebannt wurden, ist der Film gleichermaßen eine Liebeserklärung ans liberale Hongkong (die angesichts der heftigen Auseinandersetzungen, die um den freiheitlichen Status der Sonderverwaltungszone gegenüber China in den letzten Wochen geführt wurden, genau zur richtigen Zeit kommt) wie eine Hommage auf die beflügelnde, befreiende Kraft der Künste. Regisseur Yonfan reißt darin lustvoll Grenzen ein – zwischen Ost und West, männlich und weiblich, Alt und Jung, Märchenhaftem und Realem.


Fotos: Lisa Tomasetti, Pablo Larraín, Far Sun Film Company Limited

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