#Venezia76: Lach-Nummern

Sonntag, 08.09.2019

Über die Präsenz des Clownesken in der Auswahl der 76. Internationalen Filmfestspiele in Venedig

Diskussion

Der Film „Joker“ hat den „Goldenen Löwen“ der 76. Internationalen Filmfestspiele in Venedig gewonnen. Anlass für einen Exkurs über die Präsenz des Clownesken in der diesjährigen Festivalauswahl als Reaktion auf eine aus den Fugen geratene Zeit und die Ambivalenzen des Lachens als produktive wie destruktive Naturgewalt.


Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Lachen zur Ausschüttung von Endorphinen führt und damit die Laune hebt, auch wenn es nur gespielt ist und einem tatsächlich gar nicht danach zumute ist. Sagt Schauspieler Tim Robbins zu den Teilnehmern eines Workshop seiner Truppe „The Actors’ Gang“, den der Dokumentarfilm „45 Seconds of Laughter“ (bei dem Robbins selbst auch Regie geführt hat) dokumentiert. Robbins und seine Schauspieler-KollegInnen arbeiten mit einer Gruppe von Insassen eines Hochsicherheitsgefängnisses in Kalifornien, zu der Männer unterschiedlichen Alters und unterschiedlichster ethnischer Herkunft gehören. Der Theaterworkshop, bei dem die Teilnehmer u.a. in Rollen der Commedia dell’Arte schlüpfen, soll den Männern helfen, ihre Kommunikationsmöglichkeiten zu erweitern, neue Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Gefühle zu finden und damit letztlich Aggressionen abzubauen – um so langfristig einen Knast-Alltag zu verändern, in dem die einzige akzeptierte Gefühlsäußerung Ärger ist und in dem Kontakt normalerweise nur mit Mitgliedern der eigenen Gang oder der eigenen ethnischen Gruppe gepflegt wird. Zum Abschluss jeder Kurseinheit lachen die Schauspieler gemeinsam mit den Häftlingen, 45 Sekunden lang.

Tim Robbins’ Dokumentarfilm, der im Rahmen der 76. Filmfestspiele von Venedig außer Konkurrenz Premiere feierte und das Gelächter schon im Titel trug, war einer von mehreren Filmen, die einem im Lauf des Festivals Anlass gaben, um über diese universale menschliche Gefühlsäußerung nachzudenken. Nicht unbedingt weil es so viel mehr Komödien bei der „Mostra“ gegeben hätte als bei anderen A-Festivals, aber wegen einer deutlichen Tendenz hin zum Tragikomischen und zum Absurden – zum Lachen vor tiefschwarzem Hintergrund.

Das karnevaleske Lachen des Umsturzes

Die Galionsfigur dafür lieferte dem Festival Joker, Todd Phillips’ brillante, letztlich tieftraurige „Origin Story“ der DC-Comicfigur, die am 7.9. mit dem Hauptpreis des Filmfestivals, dem „Goldenen Löwen“, geehrt wurde. Die gar nicht comic-haft, sondern beklemmend realistisch anmutende Welt, in der die Geschichte verortet ist, ist mit ihrem krassen Gegensatz zwischen Reich und Arm so toxisch und marode, dass kein Lachen der Welt mehr genug Endorphine produzieren kann, um das Elend zu mildern. Wenn die Hauptfigur, der erfolglose Clown und Comedian Arthur Fleck, loslacht, dann hat das nichts Befreiendes und Verbindendes, sondern es überkommt ihn krampfartig-zwanghaft und stigmatisiert ihn in den Augen der Beobachter als Freak.

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Der Film verfolgt, wie Arthur den ohnehin schon prekären Boden seiner materiellen und psychischen Existenz unter den Füßen verliert – bis er schließlich zu einer gefährlich-archaischen Dimension des Lachens und seiner eigenen Rolle als Spaßmacher findet und vom leidgeprüften Individuum zum ikonischen Joker wird: Die Clownsmaske wird zum Gesicht der sozialen Revolte in Gotham Citys Straßen, und Arthurs eigenes gequältes Lachen geht auf im karnevalesken kollektiven Lachen, das das Obere nach unten kehrt und das Untere nach oben. Wobei Todd Phillips’ Film wenig Vertrauen signalisiert, dass dadurch positive Energien freigesetzt werden könnten – am Ende des Films regieren Chaos und Destruktion. Und man ahnt voraus, wie das die Sehnsucht nach dem starken (Bat-)Mann, der im Alleingang für Ordnung sorgt, befeuern wird. Ein trotz des historisierenden, vage nach den 1970er-/1980er- Jahren aussehenden Looks ungemein gegenwärtiges Stimmungsbild der USA der sich verschärfenden gesellschaftlichen Gegensätze, des erodierenden Vertrauens in die Funktionsfähigkeit des demokratischen Staatsapparats und der Trump-Präsidentschaft.

Triumph in Venedig: "Joker"
Triumph in Venedig: "Joker"

Die böseste Form des Humors, der Zynismus

„Joker“ seziert eine Welt, die so pervertiert ist, dass sich das Lachen mit der Gewalt verschwistert und der Witz am Ende immer auf Kosten der Schwachen gehen muss – die böseste Form des Humors, der Zynismus, den der Film analysiert, ohne je selbst zynisch zu werden. Ein Thema, an dem sich auch noch andere Filme im Wettbewerb der „Mostra“ abarbeiteten. Zum Beispiel Ciro Guerras herausragende Romanverfilmung Waiting for the Barbarians, die anhand der Geschichte eines Außenpostens eines nicht näher definierten Empires die Gräuel des Kolonialismus beleuchtet. Johnny Depp kommt als drakonischer, die Welt durch seine rassistische Brille sehender Apparatschik in eine Grenz-Befestigung irgendwo in einer Wüste, wo die Bevölkerung unter einem freundlichen Magistrat (Mark Rylance) bisher friedlich neben dem benachbarten Nomadenvolk lebte. Der Magistrat wird zum entsetzten Zeugen, wie durch brutale, menschenverachtende Übergriffe der Kolonial-Soldaten aus den Nachbarn allmählich tatsächlich Feinde werden; seine Versuche zu intervenieren führen schließlich zu seinem eigenen Fall: In einer Szene wird der „Gutmensch“ verächtlich als Clown diffamiert, in Frauenkleidern dem Gelächter der schaulustigen Menge preisgegeben und öffentlich gefoltert.

Auch in Steven Soderberghs The Laundromat, der sich an den Geldwäsche-Geschäften der hinter den „Panama Papers“ stehenden Anwaltskanzlei Mossack Fonseca befasste, geht es um Zynismus: um den im Haifischbecken des internationalen Finanzwesens, in dem die „Sanftmütigen“, ehrlichen Steuerzahler und naiven Kleinanleger leichte Beute sind – wie das clownesk-diabolische Duo Mossack (Gary Oldman) und Fonseca (Antonio Banderas), das in dem satirischen Film als „Showmaster“ fungiert, bestens gelaunt zugibt.

Realsatiren

Allerdings erobert Soderberghs Film das Lachen sozusagen für die Sanftmütigen zurück, in einer herrlichen, coup-de-theatre-haften, komischen Schlussvolte, in der Meryl Streep als eine Art positiver Joker das von Mossack/Fonseca aufgebaute Kartenhaus an Briefkastenfirmen und Betrügereien zum Einsturz bringt und sich in einem kämpferischen Schlussappell ans Publikum wendet.

Womit Soderberghs Film dem Zynismus einen beherzten Humor des Widerstands entgegenhält. Ein ähnlicher Tonfall fand sich auch in Franco Marescos Dokumentarfilm La mafia non è più quella di una volta (dem besten von insgesamt drei italienischen Beiträgen im Wettbewerb und ausgezeichnet mit einem Spezialpreis der internationalen Jury) über Siziliens anhaltende Verstrickungen mit der Cosa Nostra: eine urkomische Realsatire, die Missstände aufzeigt, die so absurd sind, dass man eigentlich daran verzweifeln könnte – wenn die Aufarbeitung nicht so pointiert zugespitzt und ermutigend angriffslustig wäre. Außer Konkurrenz wurde sie flankiert von Costa-GavrasAdults in the Room, der aus der griechischen Schuldenkrise und der brutalen „Rettung“ des Landes 2015 durch die Euro-Gruppe polemisches Polittheater mit Finanzminister Yanis Varoufakis als tragischem Helden macht, das am Ende wie ein Musical in einer Art „danse macabre“ kulminiert.

Roy Anderssons neuer Streich "About Endlessness" gewann den Regie-Preis
Roy Anderssons neuer Streich "About Endlessness" gewann den Regie-Preis

Humorfreier Miserabilismus vs. Ironie

Dass solch ein Humor im Zweifelsfall noch die konstruktivste Art ist, sich den „Schwarzen Löchern“ der menschlichen Existenz zu nähern – dem Ungerechten, Schmerzvollen, Grausamen – bewiesen auch der längste und der kürzeste Beitrag des diesjährigen Wettbewerbs. „The Painted Bird“ von Václav Marhoul, 169 Minuten lang, tat das ex negativo, durch die vollständige Abwesenheit jedweder Form von Humor: Die Literaturverfilmung schickt einen jüdischen Jungen durchs vom Zweiten Weltkrieg erschütterte Osteuropa, als Stationendrama des Missbrauchs und der Gewalt, dessen nuancenloser Miserabilismus schwer zu ertragen ist. Von Episode zu Episode wird die vom Film postulierte grundsätzliche Schlechtigkeit der Menschen, die stets bereit sind, auf Außenseiter einzuhacken, an drastischsten Beispielen bewiesen. Die sorgfältig komponierten, das Leiden ästhetisierenden Schwarz-Weiß-Bilder gewinnen dabei einen unangenehm exploitativen Charakter – kulminierend etwa in einer ihrer Exaltiertheit fast schon wieder unfreiwillig komischen Szene, in der ausgerechnet Udo Kier als krankhaft eifersüchtiger Müller einem Mann, der angeblich seine Frau falsch angesehen hat, die Augen mit einem Löffel herausreißt. Letztlich verfällt der Film, der abgesehen von seiner Hauptfigur keinerlei Empathie für seine Charaktere aufbringt, genau jener Menschenverachtung, die er eigentlich anprangern will.

Ganz anders der kürzeste Film des Wettbewerbs, Roy Anderssons About Endlessness, der in nur 74 Minuten eine kleine Studie der Absurditäten der conditio humana verdichtet und dafür am Ende von der internationalen Jury mit dem „Silbernen Löwen“ für die beste Regie gewürdigt wurde. Nicht weniger ästhetisiert als „Painted Bird“ (in der für Andersson typischen, theaterkulissenhaften, verlangsamten Weise) und ebenfalls episodisch erzählt, zeugt Anderssons Film doch von einem ganz anderen, ausgewogeneren Blick auf die Menschheit: melancholisch, aber immer auch leise ironisch angesichts der Tatsache, wie viel menschliches Leid selbstgemacht und überflüssig ist und nicht zuletzt eine Frage der negativen Perspektive ist, deren düsteren Blick Anderssons in angegrauten, tristen Beige- und Pastelltönen gehaltene, dauerbewölkte Kulissenwelt sanft auf die Schippe nimmt.

Wenn in einer der miniaturistischen, pointierten Episoden ein Pfarrer seinen Glaubensverlust beklagt und in anderen ein Mann im Bus spontan losheult ob der Sinn- und Ziellosigkeit seines Tuns („Was will ich?“), ein Trupp besiegter Soldaten in ein Internierungslager marschiert oder sich in einer Bar zur Weihnachtszeit nur einer der missgelaunten Gäste vom Schneegestöber vorm Fenster in Feststimmung versetzen lässt, dann ist das immer nur eine Seite der Medaille – konterkariert durch den Vater, der seiner kleinen Tochter im Regen den Schuh zubindet, Mädchen, die spontan anfangen zu tanzen, oder ein Liebespaar, das enthoben und eng umschlungen über den Ruinen einer Stadt schwebt. In dem Erzählteppich aus Banalem und Tragischem gibt es so immer wieder helle, hoffnungsvolle Einschüsse, die die Option offenhalten, dass alles auch anders sein könnte. Theoretisch bräuchten die auf drollige Weise bierernsten Figuren nur mal für 45 Sekunden zu lachen – es wäre eine existenzielle Revolution.


Fotos: 76. Filmfestival Venedig, Nico Tavernise ("Joker")

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