Und ewig lockt die Leinwand

Kinos mit Zukunft: Wie Kinobetreiber der Heimkino-Konkurrenz trotzen

Diskussion

1. Teil: Eine Bestands­aufnahme aus Deutschland


Von Reinhard Kleber


Schon oft ist das Kino totgesagt worden. Erst sollte ihm das Fernsehen, dann Video, dann das Internet den Garaus machen. Aktuell setzt eine Allianz aus Streaming-Diensten, Video on Demand, TV-Serien-Hype, Games und Virtual Reality das 122 Jahre alte Medium unter Druck. Erst kürzlich behauptete Michael Kötz, Leiter des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg sowie des Festivals des deutschen Films in Ludwigshafen, das Internet habe »nachhaltig den existenziell-technischen Grund für die Notwendigkeit des Ortes Kino beseitigt«. Es gibt hierzulande aber Kinoenthusiasten, die dieser These widersprechen. Sie glauben an die Magie der großen Bewegtbilder, sie haben den Mut, neue Film­theater zu bauen oder alte zu renovieren, entwickeln frische Konzepte, um Besucher­gruppen zurückzuholen oder um neue zu erschließen.

»Ein Labor für das Kino von morgen«

Allen Unkenrufen und Spekulationen zum Trotz stellt sich die Lage der deutschen Kinobranche derzeit gar nicht so schlecht dar. Nach den Einbußen des Vorjahrs haben sich die deutschen Lichtspielhäuser 2017 spürbar erholt. Nach Angaben der Filmförderungsanstalt (FFA) setzten sie im ersten Halbjahr 519 Mio. Euro um – ein Plus von 7,7 Prozent gegenüber dem Vorjahres­zeitraum. Parallel dazu wuchs die Zahl der Besucher um 4,9 Prozent auf 60,2 Mio. Auch die Zahl der Kinosäle legte zu: Ende Juni 2017 gab es 4.671 von ihnen, 68 mehr als im Jahr davor und damit so viele wie seit 2009 nicht mehr. Auch die Zahl der Kinos kletterte innerhalb eines Jahres um 22 auf 1.662. »Der Kinomarkt hat den Turn­around geschafft«, betonte FFA-Vorstand Peter Dinges im August 2017.

Die ohnehin vielfältige Kinolandschaft Berlins ist seit September um ein Glanzstück reicher: Die Yorck-Gruppe, die größte Kinokette der Hauptstadt, eröffnete mit viel Prominenz von Filmakademie-Präsidentin Iris Berben bis zu »Berlinale«-Chef Dieter Kosslick in zentraler Lage in der Nähe des Bahnhofs Zoologischer Garten ihr neues Flaggschiff: das »Delphi Lux«. Mit sieben Sälen und etwa 600 Sitzen zählt es zu den größten Programmkinos der Republik. Der kleinste Saal bietet 36, der größte 140 Sitzplätze.

Die Betreiber versprechen, dass das »Delphi Lux« »keine Wünsche an Technik, Sichtverhältnisse, Barrierefreiheit und Komfort« offenlässt. Das Arthouse-Multiplex soll, so Yorck-Geschäftsführer Christian Bräuer, zur »Heimstätte für Festivals, offen für Innovationen und ein Labor für das Kino von morgen« werden. Profil gewinnen will es vor allem durch ein vielfältiges Programm und eine individuelle Gestaltung der Säle. »Jeder Saal hat eine andere Hülle, nutzt das Zusammenspiel von Licht, Farbe und unterschiedlichen Materialien«, so Bräuer. Wie der Name »Lux« signalisiert, legt das Kino großen Wert auf die Inszenierung von Licht. Besondere Akzente setzen die LED-Lichtbänder, die für unterschiedliche Lichtszenarios genutzt werden können. »Mit dem LED-Licht können wir auf jede Fläche verschiedenste geometrische Formen einbringen«, erklärt Co-Geschäftsführer Georg Kloster. »Ein Saal ist an Wänden und Decken mit Licht­schienen in quadratischen und rechteckigen Formen ausgestattet, die sich in diversen Farben ansteuern lassen. Das ist unser Mondrian-Saal.«

»Der Gast­ honoriert ein gutes Kinoangebot«

Mit dem neuen Filmkunstcenter will Yorck an alte Zeiten anknüpfen und die City West wiederbeleben. »Charlottenburg war ja mit dem Kudamm einmal der Filmnabel Berlins, in den 1970er-Jahren blühte dort die Programmkinoszene«, erinnert sich Kloster. Nach der Schließung vieler Filmtheater rund um den Kudamm kehrte dort Ruhe ein, die quirlige Kinoszene wanderte in andere Stadtteile ab. Doch mit dem Abflauen des Multiplex-Booms hat nach Ansicht von Kloster in Charlottenburg längst eine »Wiederbelebung und Rückbesinnung auf das Altbewährte« eingesetzt.

Die bürgerliche Publikumsstruktur im Stadtviertel schlägt sich nun auch im Programmmix des »Delphi Lux« nieder, wie Kloster erläutert. »Wir sprechen sowohl das ältere, aber aktive Publikum an, das auch unseren ›Delphi Filmpalast‹ aufsucht, als auch jüngere Leute. Dazu gehören Berlin-Besucher in den vielen Hotels rundherum, aber auch die Bewohner des Nachbarbezirks Moabit, der nur zwei U-Bahnstationen weg liegt.« Ergänzt werde das Programm durch Original­fassungen: »Die spielen wir zwar reichlich in unseren Kinos in Kreuzberg und Neukölln, in Charlottenburg waren sie aber bisher nicht im Angebot.«

Elegante ­Architektur in der Provinz

Ein Premiumkino in einer Mittelstadt: Mit diesem Konzept ging Wolfgang Schäfer, der seit 15 Jahren das »Cineplex Capitol« in Kassel betreibt, 2015 in Nordhessen mit dem »Cineplex Baunatal« an den Start. Der Neubau punktet mit hochwertiger Technik, eleganter Architektur und viel­fältigen Nutzungsmöglichkeiten. Vor einigen Monaten erhielt das »Cineplex Baunatal« den Hessischen Kinopreis für nachhaltiges Kino. Gewürdigt wurden damit umweltschonende Ideen, die schon beim Neubau realisiert wurden, etwa die stromsparende Steuerung des Saallichts.

Doch warum steckt ein erfolgreicher Kinomacher in diesen Zeiten neun Mio. Euro in einen Kinoneubau? Schäfer sagt: »Gutes Kino wird immer eine Zukunft haben. Wenn alle Kinobesitzer den Kopf in den Sand stecken und Kinos nicht in eine neue Zukunft überführen, sitzen bald alle zu Hause und haben keine kulturellen Sozialkontakte mehr. Kinos müssen die richtigen Antworten auf diese neuen Mitbewerber um die Freizeit finden. Dies geht nicht mit den Kinos von gestern, sondern nur mit zukunftsfähigen Kinos, mit Events, komfortablem Zugang zum Kino, gutem Service und attraktiven gastronomischen Angeboten. Der Gast honoriert ein gutes Kinoangebot und kommt wieder, wenn das filmische Angebot stimmt. Mit den Kinos in unserer Ausstattung und Qualität kann kein Home Cinema mithalten.«

Bei der technischen Ausstattung hat man in Baunatal nicht gespart. Nach Ansicht Schäfers funktioniert in einem Umfeld mit scharfem Wettbewerb »auf Dauer nur höchste Qualität und zwar in allen Bereichen«. Das beginnt mit der Sound-Anlage: In drei Sälen kommen die Gäste in den Genuss von Dolby Atmos; in allen Sälen ist eine hochmoderne 18 Kanal Line Array Lautsprecheranlage installiert. »Dazu bieten wir perfekte Projektion auf komplett wandfüllenden Leinwänden mit höchster Reflexion, teilweise mit Laserprojektoren und in 4K-Auflösung«, erklärt Schäfer. Auf die Besucher warten »superbequeme und hochwertige Kinosessel mit sehr viel Beinfreiheit und optimalen ungestörten Sichtlinien zur Leinwand«. Alle Säle haben einen vom Parkett abgetrennten Logenbereich, eine Premium Loge und als erstes Kino in Deutschland eine liegesitzartige Longchair-Sitzreihe des spanischen Herstellers Euroseating.

In der nordhessischen Provinz spielt das »Cineplex« vorwiegend ein Mainstream-Programm. »Zwei Drittel bis drei Viertel der Filme wählen wir nach Ertrag und den Rest nach Anspruch, regionalen Vorlieben, besonderen Stärken und Publikumsinteresse aus«, sagt Schäfer. »Außerdem zeigen wir Filme, bei denen wir möchten, dass unsere Gäste sie sehen.«

»Das Kino im Gespräch halten«

Es muss nicht immer ein Neubau sein, um ein Vorzeigekino zu bekommen. Meinolf Thies und Lutz Nennmann, die im Nordwesten Deutschlands etliche große Kinos betreiben, übernahmen die »Comet Cinemas« im nordrhein-westfälischen Düren mit sieben Sälen, renovierten das Film­theater 2014 grundlegend und benannten es programmatisch in »Das Lumen« um. Die Zahl der Sitzplätze wurde um 20 Prozent reduziert, um den Gästen mehr Sitz- und Sichtkomfort zu ermöglichen. Zudem wurden die Reklame­spots abgeschafft, so dass pro Woche etwa 50 Filmvorstellungen mehr laufen können.

Für die Betreiber haben sich die investierten zwei Mio. Euro gelohnt. Meinolf Thies: »Wir haben es geschafft, mit unseren vielschichtigen Maßnahmen ›das‹ Kino der Region zu werden. Gerade die Beiträge im heute so wertvollen Social-Media-Bereich spiegeln uns regelmäßig, dass wir mit Alleinstellungsmerkmalen wie werbefreie Leinwände abseits der Filmtrailer, Komfortlogen mit Tischen dazwischen, D-Box-Motion-Seats und zuletzt der Anschaffung eines RGB-Laserprojektors immer wieder positiv punkten und – noch wichtiger – das Kino im Gespräch halten.«

Nach Ansicht von Thies zahlen sich allerdings auch »Investitionen in den Ruf und die Verantwortung« eines Kinos aus: »Wir haben gerade zum wiederholten Male eine FSK-Freigabe qua Hausrecht hochgesetzt: ‚Blade Runner 2049‘ gibt es bei uns erst ab 16 Jahren.« Die Publikumsresonanz darauf sei enorm.

Für Thies ist klar, dass das Medium Kino eine Zukunft hat. »Es wird noch lange dauern, bis jeder Filmkonsument sich zu Hause derartige Flächen, Wandaufbauten und Dunkelheitsgrade leisten kann, um so groß, klangtief und abgedunkelt Filme spielen zu können, wie Kinos dies können.« Zudem lebe das Kino vom gemeinsamen Erlebnis, der »Night out«. »Der Mensch wird die Suche nach Impulsen in der Freizeit außer Haus für sich nie abschaffen, deshalb wird es Kino weiterhin geben. Allerdings muss der Filmtheaterbetreiber heute deutlich mehr an Zeit und Geld investieren, damit sein Kino zum Filmbesuch ausgewählt wird und nicht ein anderes oder gar eine alternative Freizeitgestaltung.«

Doch welche Bedingungen müssen erfüllt sein, um ein Kino wie das »Lumen« in einer Stadt mit 92.000 Einwohnern auf dem Land zum Erfolg zu führen? Thies hat eine klare Antwort: »Ich bin fest davon überzeugt, dass Kinobetriebe abseits der Key-Citys heutzutage nicht mehr in die Hände nationaler Kino-Filialisten gehören, sondern in die von mittelständischen Betreibern. Diese kennen lokale und regionale Märkte besser, haben eine treffendere Einschätzung zur Mentalität der Zielgruppen im Einzugsgebiet.« Diese seien dort auch besser vernetzt und agierten schneller.

»Die Filmkultur ist das zentrale Element«

Einen ganz anderen Weg gehen Jennifer Schlieper und Felix Seifert, die Initiatoren der »Lichtspiele Kalk« in Köln: Sie bauen nicht neu oder renovieren ein aktives Filmtheater, sondern reaktivieren ein vor Jahrzehnten stillgelegtes Kino. Im Dezember 2017 sollen die umgebauten »Lichtspiele« an den Start gehen. Dann wären sie das erste Kölner Stadtteilkino mit täglichem Programm auf der rechtsrheinischen Seite seit 1985.

Das neue Kino entsteht in den Räumen der »Union Lichtspiele«, die Ende der 1970er-Jahre geschlossen wurden. Danach wurde das Gebäude anderweitig genutzt. Erst 2014 wurde das Innere im Zuge einer Projektentwicklung freigelegt und das Ex-Kino wiederentdeckt. Das Filmtheater sei »nahezu in seinem ursprünglichen baulichen Zustand erhalten«, so Schlieper. Das neue Kino wird als Einzelhaus mit etwa 110 Sitzen betrieben und barrierefrei ausgestattet. »Als bauliche Besonderheiten stechen der Original-Balkon und die ursprüngliche Trapezdecke hervor«, betont das Duo. Künftig wollen sie zum größten Teil Erstaufführungen zeigen, aber auch Filmreihen, Retrospektiven, Kinderkino und Specials. Ein besonderes Profil will man mit Erstaufführungen türkischer Filme gewinnen. »Die Filmkultur ist das zentrale Element, aber auch Veranstaltungen anderer Kulturbereiche wie Theater, Literatur oder Musik sind geplant«, so Schlieper.



Teil 2: »Das Volk abholen« - Neue Kinos in der Schweiz


Obwohl in der Schweiz die Kinobesuche seit 15 Jahren tendenziell sinken, werden neue Kinos gebaut. Die Zahl der Säle steigt nach dem Tiefstand des Jahres 1992 stetig. Allein vom August bis zum November 2017 eröffnen drei neue Kinos mit insgesamt 21 Sälen.

Von Irene Genhart


Als das Internationale Filmfestival Locarno im August 2017 sein 70. Jubiläum feierte, war man vor allem stolz auf eine neue Spielstätte: das »PalaCinema«, einen neuen Kino-Palast, den der spanische Architekt Alejandro Zaera-Polo in ein ehemaliges Schulhaus eingebaut hatte. Geschmeidig gehen Alt und Neu ineinander über, vorherrschende Farben sind weiß, grau, schwarz, rot, gold. Im Parterre gibt es ein Restaurant, zwei Kinosäle verfügen jeweils über 130 Plätze, der große Saal im ersten Stock bietet 500 Besuchern Platz. Die Beleuchtung ist raffiniert, die Leinwand riesig, da wird jeder Film zum Ereignis. Hier lassen sich auch Kongresse und Konzerte durchführen: Das »PalaCinema« ist ein Kulturzentrum – und ein würdevolles neues Zuhause für das Festival, das im Oktober seine Büros in Räume verlegte, die in den Seitenflügeln untergebracht wurden. Und es ist nicht das einzige neue Kino in Locarno: Ebenfalls im Sommer wurde das ehemalige »Kino Rex« als »GranRex« wieder in Betrieb genommen: als moderne »Casa della Retrospettiva«, in der sich vom 16mm- und 35mm-Format bis zu 4K alles vorführen lässt. Das »GranRex« wird nur sporadisch betrieben, während das »PalaCinema« ein Programmkino ist. Besitzerin ist die »Enjoy Arena SA«, ein 50/50-Joint-Venture zwischen dem Tessiner Event-Veranstalter Enjoy und der Arena Cinemas. Die in Zürich ansässige Arena-Gruppe hat bereits im Sommer 2015 das »Cinestar«-Multiplex in Lugano übernommen. Hier wie da zeigt man Mainstream in italienischer Synchronfassung, manchmal zusätzlich Originalfassungen mit Untertiteln.

Kampf der ­Kino-Giganten

Doch die Schweizer Kinolandschaft bewegt sich nicht nur im Süden. Bereits Ende 2015 hat die Arena Cinemas ihr im Sihlcity-Center in Zürich untergebrachtes Multiplex-Kino zum ersten Schweizer Megaplex-Kino (18 Säle) erweitert und zugleich den ersten 4DX-Saal der Deutschschweiz in Betrieb genommen. Etwas früher schon rüstete man in Genf einen Saal auf 4DX um. Man müsse, sagt Edi Stöckli, der umtriebige Patron der Arena Cinemas, »das Volk abholen«. Anbieten, was gefalle und Spaß mache, Kino zum Vergnügen machen.

Stöckli, in den 1980er- und 1990er-Jahren mit Sex-Kinos und -Filmen zu Geld gekommen, ist Kinobetreiber aus Passion. Er betreibt nicht nur große Kinokomplexe, sondern u.a. auch das 2015 vom Sex- in ein Quartierkino umgebaute Kino »Stüssihof« in Zürichs Altstadt. Tatsächlich lässt sich bei stetig sinkenden Besucherzahlen (Rückgang 2016: -7,07 Prozent auf 13,7 Mio.) kein Gewinn machen, erst recht kein fürstlicher. So müssen in der Schweiz denn auch immer wieder Kinos schließen, allein 2016 verschwanden neun Kinokomplexe mit insgesamt 15 Sälen. In der Stadt Bern schließen Kinos derzeit reihenweise: 2016 das »Royal«, 2017 das »Alhambra«, 2018 das »Capitol«. In Wirklichkeit aber findet hier kein Abbau, sondern eine Verlagerung statt. Betreiberin besagter Kinos ist die Kitag, eine der zwei größten Akteurinnen auf dem Schweizer Kinomarkt. Sie wird im Frühjahr 2018 im neuen Gewerbe- und Freizeitzentrum Muri im Südosten Berns das »Cinedome« eröffnen: zehn Säle, 1.400 Sitzplätze, modernste Kinotechnik, eine Bar, zwölf Bowling-Bahnen. »Einzelkinos in Innenstädten«, sagt Kitag-CEO Philippe Täschler, »rechnen sich heute nicht mehr«. Die Schweiz sei reich, man könne sich alles leisten, bei schönem Wetter gehe man lieber ins Freie als ins Kino. Da müsse man das Publikum suchen, wo es wohnt, nämlich in der Agglomeration, und Zusätzliches bieten. Virtual Reality, wie die Kitag sie seit diesem Herbst im Abaton in Zürich anbietet, Bowling, wie in Muri.

Dadurch gerät die Konkurrenz unter Druck: Pathé Schweiz, die zweite Riesin auf Helvetiens Kinomarkt, die seit 2008 im Shopping- und Erlebnis-Center Bern-Westside ein Multiplex (11 Säle, 2.432 Plätze) betreibt. Sie eröffnete am 8. November 2017 in der neuen »Mall of Switzerland« bei Luzern ein Multiplex mit zwölf Sälen. Der Innenausbau (Gestaltung: Ora-ïto) ist der »Boarding Area« eines Flughafens nachempfunden; Lounge-Mobiliar im Foyer lockt zum Verweilen. Auch hier versucht man, den Kinobesuch zum Erlebnis zu machen, und setzt auf hohe Standards: Dolby Atmos, bewegliche D-Box-Sessel, Laserprojektion, großzügiger Sitzreihenabstand. Trumpf ist der größte IMAX-Saal der Schweiz (281 qm Leinwand, 481 Plätze). Zu spüren bekommen dürften das die Luzerner Stadtkinos, aber auch das Kitag-Kino »Maxx« (8 Säle, 2017 Plätze) auf der anderen Seite der Stadt.

Der Kampf der Kino-Giganten wird in der Schweiz weitergehen. Kitag wird das Maxx in den nächsten Jahren auf 3700 Plätze erweitern und baut in Chur ein Multiplex mit Minigolf auf dem Dach. Pathé plant auf 2019 im Großraum Zürich ein Multiplex mit Imax, im Wallis ein Multiplex. Stöckli wird ab 2018 im renovierten Kino Rialto in Locarno Arthaus-Filme zeigen, 2020 soll im baslerischen Kleinhüningen ein nächstes Megaplex folgen.

Architektur, Arthouse & Event

Spannend ist, was sich vor diesem Hintergrund im Kleinen tut. Anachronistisch mutet die Eröffnung des Kinos Minimum (50 Pl.) in Neuchâtel 2016 an, visionärer die Eröffnung des Kosmos in Zürich im September 2017. Das Kino mit sechs Sälen ist das jüngste Kind des Zürcher Filmemachers und Produzenten Samir und von Bruno Deckert, der mit »Sphères Bar, Buch & Bühne« in Zürich West bereits einen integralen Kultur- und Gastronomie-Betrieb aufgebaut hat. Kühne, urbane Architektur (Burkhard &Lüthi Architekten/Daniel Grüninger) und modernste Technik: das Kosmos ist mehr als ein Kino, nämlich ein »einzigartiges Kulturhaus«, in welchem sich Bühne, Buchsalon, Kino, Bistro und Bar als »kosmopolitische Begegnungsstätte« vereinen. Mit dem Programm möchte man »ein urbanes, breit interessiertes Publikum ansprechen – mit Filmen, die zum Dialog einladen und Diskussionen über aktuelle künstlerische, kulturelle und gesellschaftliche Themen anstoßen«, sagt Kinoleiterin Marisa Suppiger. Herzstück ist das über den Kinosälen liegende Forum, das sich umbauen und vielfältig nutzen lässt; auf der Website präsentieren sich einträchtig Filmvorführungen und andere Veranstaltungen – Diskussionen, Konzerte, Lesungen. Und vielleicht ist die Zukunft des Kinos im Kleinen wie Großen ja tatsächlich eine quirlige Fusion von erlebnis-angereichertem Freizeit-Vergnügen und kühn die Grenzen verwischender Mixed- und Multi-Media-Kultur.

Foto: Delphi Lux

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