„Wenn man den Humor verliert, ist es aus“

Sonntag, 15.09.2019

Ein Gespräch mit Nicola Galliner über das Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg und jüdische Filmkultur in Zeiten eines wachsenden Antisemitismus

Diskussion

Jüdisches Leben ist in Europa auch fast 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs keine Normalität. Antisemitische Vorurteile und Angriffe nehmen seit Jahren sogar immer mehr zu. Wie lässt sich dieser Entwicklung entgegensteuern? Ein Gespräch mit Nicola Galliner, der Gründerin des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg, über jüdische Vielfalt und Filmkultur.


In der aktuellen Ausgabe des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg (8.-17.9.2019) ist der britische Kurzfilm „100 Faces“ von Benjamin Till zu sehen. Er zeigt Gesichter, vom Baby bis zum ganz alten Menschen, eingebettet in den Kontext jüdischen Lebens. Bei der Vorstellung des Programms sagten Sie, dass Sie diesen Film in seiner Vielfalt als Gegenentwurf zu Klischees betrachten, wie sie etwa auf dem Titelbild einer jüngst erschienenen „Spiegel“-Sonderausgabe über Juden in Deutschland zu sehen waren, das zwei Ghetto-Juden zeigte. Welche Klischees bestimmen immer noch oder schon wieder die Vorstellung von jüdischem Leben und jüdischer Kultur in Deutschland?

Nicola Galliner: Ich hoffe, dass wir mit dem Festival sehr viel aufgebrochen haben, denn das ist sein Sinn. Unsere Filme über Juden in Deutschland zeigen eine Normalität und eine vielfältige Wirklichkeit und nicht irgendwelche Bilder aus den 1920er-Jahren, wie sie der „Spiegel“ verwendet. Ich war wirklich geschockt über dieses Titelbild. Ich hatte geglaubt, dass solche Zeiten hier vorbei seien. Wir wählen Filme aus, die ein authentisches Bild zeigen, von Juden in Deutschland, aber auch in Israel. Der Nahost-Konflikt ist sehr komplex und keineswegs schwarz-weiß. Deshalb suchen wir Filme, die zeigen, dass Israel viel diverser, lebendiger und komplexer ist, als man vielleicht denkt. Es besteht nicht nur aus verrückten Siedlern, sondern es gibt dort viele andere Aspekte.


Übergriffe gegen Rabbiner, Mobbing gegen jüdische Schüler, Angriffe auf jüdische Zentren: In den letzten Monaten geraten antisemitische Übergriffe auch in Deutschland häufig in den Schlagzeilen. Warum ist der Antisemitismus in den letzten Jahren stärker geworden?

Galliner: Ich weiß nicht, wo das herkommt und ich will das auch gar nicht auf bestimmte Gruppen reduzieren. Es ist eine Zeiterscheinung, die mit dem Erfolg von rechten Parteien zusammengeht. Das finde ich sehr beunruhigend. Gerade auch in Brandenburg ist das sehr problematisch. Ich habe keine Erklärung dafür, ich weiß es nicht. Ich bin nur ziemlich entsetzt.


In diesem Jahr findet das Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg zum 25. Mal statt. Hätten Sie sich bei der Gründung träumen lassen, dass es dieses Alter erreichen würde?

Galliner: Nein, das hätte ich nie gedacht. Aber ich hätte mir auch nie diesen Umfang vorgestellt. Wir haben ja mit einem einzigen Kino angefangen, dem Kino Arsenal, ehemals in Schöneberg, und mit acht Filmen. Wer hätte gedacht, dass wir wie in diesem Jahr einmal 14 Spielstätten in Berlin und Brandenburg mit fast 50 Filmen haben würden. Das hätte ich mir in den kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Aber ich bin sehr glücklich darüber und finde das toll.

Bunt ist Trumpf: Der Rückblick "Celebration" auf 25 Festivaljahre
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Was ist Ihnen aus diesen 25 Jahren besonders in Erinnerung geblieben?

Galliner: Besonders die Begegnungen mit Filmemachern und Schauspielern. Zur ersten Ausgabe kam Susanne Bier, eine junge Regisseurin aus Dänemark, nach Berlin, denn wir eröffneten unser Festival mit ihrem Debütfilm Freud Leaving Home, einer sehr witzigen jüdischen Familiengeschichte. Wir hätten ihr natürlich den Flug bezahlt, aber sie wollte unbedingt mit dem Auto kommen. Als sie dann da war, sahen wir auch warum: Sie war hochschwanger; keine Fluglinie hätte sie mehr mitgenommen. Aber für Susanne Bier war es ganz wichtig, auch den Ort kennen zu lernen, wo ihr Vater die ersten Jahre seines Lebens bis zur Flucht verbracht hatte.

Susanne Bier hat später einen „Oscar“, einen „Golden Globe“ und den „Europäischen Filmpreis“ für ihre Arbeit erhalten, wie so viele, die bei uns ihre ersten Filme gezeigt und später sehr berühmt geworden sind. Ich hätte ihren Film jetzt gerne nach 25 Jahren noch einmal gezeigt, aber es war nicht möglich, eine Kopie zu bekommen.

Ich erinnere mich auch an einen wunderbaren Abend mit Artur Brauner, der damals schon über 90 war. Der Filmhistoriker, der ihn eigentlich vorstellen sollte, kam kaum zu Wort, weil Brauner alle mit seinem unglaublichen Gedächtnis und seinem Detailwissen über seine Produktionen fesselte und eine beeindruckende Lektion in Filmgeschichte bot.


Die Bandbreite des Festivals reicht in diesem Jahr von Juden in Äthiopien und äthiopischen Juden in Israel über eine Wohngemeinschaft in Tel Aviv bis hin zum Rückblick auf die jüdische Community in Miami in den 1950er-Jahren. Was ist ein jüdischer Film oder was macht einen Film jüdisch?

Galliner: Das ist eine wunderbare Frage. Wir haben vor 15 Jahren einmal ein Buch gemacht, eine Festschrift zum 10. Jüdischen Filmfestival. Darin haben etwa 30 Menschen diese Frage beantwortet – und jeder hat das natürlich anders gesehen. Für mich hat es mit dem Inhalt des Filmes zu tun, dass ich für mich persönlich etwas erkenne und dass es zu mir spricht. Es sind nicht die Filmemacher, nicht die Schauspieler, es ist der Inhalt, der mich ansprechen muss. Es muss irgendetwas mit jüdischem Leben zu tun haben und etwas in mir auslösen.


Welche Filme waren für Sie in den letzten fünf Jahren besonders relevant und wichtig für die Repräsentation jüdischen Lebens?

Galliner: Ein Film war mir sehr wichtig, den ich besonders hervorheben möchte. Es war 2018 unser Eröffnungsfilm und er lief dann auch unter dem Titel Itzhak Perlman – Ein Leben für die Musik“ in den deutschen Kinos. Dieser Film „Itzhak“ über den weltbekannten israelischen Geiger Itzhak Perlman beinhaltet alles, was für mich ein jüdischer Film ist. Seine Musik, sein Privatleben und seine Religiosität. Die unglaublich tolle Lebensgeschichte dieses Musikers ist einfach wunderbar eingefangen. Der Film strahlt Energie und Lebensfreude aus und vermittelt jüdische Kultur auf eine Art und Weise, wie man das sonst selten vermittelt bekommt. Ein wirklich sehr schöner Film, der auch in den USA ausgezeichnet wurde; und ich habe mich sehr gefreut, dass er hier auch in den Verleih kam.

Eröffnete 2018 das Festival: "Itzhak Perlman - Ein Leben für die Musik"
Eröffnete 2018 das Festival: "Itzhak Perlman - Ein Leben für die Musik"

Im vergangenen Jahr war der israelische Film „Foxtrot“ einer der meistdiskutierten Beiträge des Festivals. Welche Bedeutung haben Israel und der israelische Film für Ihr Festival?

Galliner: 50 Prozent unserer Filme kommen aus Israel. Ich finde es absolut faszinierend, was für hervorragende Filme dort entstehen und wie erfolgreich die geworden sind. Der israelische Film hat sich in den letzten 25 Jahren unglaublich entwickelt und ist bei allen großen Festivals in Cannes, Venedig und Toronto dabei. Es ist ein ganz kleines Land, mit nur doppelt so vielen Menschen wie in Berlin, aber es gibt dort allein 12 Filmschulen! Film spielt eine wirklich große kulturelle Rolle. Wir sind immer überwältigt von der Qualität der Arbeiten. In diesem Jahr haben wir auch zwei hinreißende Kurzfilmprogramme; für mich ist Israel weltweit eines der führenden Filmländer.


Ist die kritische Haltung der Regierung gegenüber, die Selbstkritik gegenüber der eigenen Politik in den Palästinensergebieten ein Identitätsmerkmal des israelischen Films?

Galliner: Auch hierzulande gehen Filmemacher kritisch mit der Regierung um. Aber es stimmt schon: Die israelische Gesellschaft ist eine sehr offene, und es gibt immer viel Kritik. Aber für mich gibt es einen Unterschied zwischen positiver Kritik, konstruktiver Kritik und einem einfach nur negativen Draufhauen. Wir wählen Filme aus, die positiv und konstruktiv kritisch sind. Israel ist ein Land voller Gegensätze und sehr komplex. Es ist wichtig, dass man über alles diskutiert. Doch einfach nur kritisieren ist zu wenig, das kann jeder.


Die Kritik oder die Selbstkritik ist oft stark von Humor begleitet. Welche Rolle spielt der Humor im jüdischen Film? Was ist jüdischer Humor?

Galliner: (Lacht) Das ist eine gute Frage! Es ist wichtig, wenn man auch über die Dinge lachen kann. Dann verfliegt auch eine gewisse aggressive Spannung, und es ist leichter, Sachen zu vermitteln. Ich hoffe, das spielt eine große Rolle.


Welchen Stellenwert hat der Humor auf Ihrem Festival?

Galliner:Wir müssen immer gute Laune haben, denn wir hatten in den 25 Jahren immer große finanzielle Probleme, und wenn man da den Humor verliert, ist es aus. Nach 25 Jahren haben wir jetzt aber einen festen Platz in der Kulturlandschaft gefunden, auch viele Unterstützer.


Auch wenn es Ihnen vielleicht schwerfällt: Was sind für Sie persönlich die relevantesten Filme auf dem diesjährigen Festival?

Galliner: Zu den herausragenden Filmen des Festivals zählt der Eröffnungsfilm „Crescendo“. Da geht es darum, wie Musik Hass, Vorurteile und tiefe Feindschaft überwinden kann. Wir präsentieren ihn in Anwesenheit der Produzentin Alice Brauner, des Hauptdarstellers Peter Simonischek und des Regisseurs Dror Zahavi. Ich habe mich auch sehr in einen Film über Miami verliebt, „The Last Resort“ von Dennis Scholl und Kareem Tabsch, der einen ganz anderen Blick auf Florida und die vergessenen Jahre einer starken jüdischen Community wirft. Dann gibt es im Programm noch einen anderen Dokumentarfilm, „The Mamboniks“ von Lex Gillespie, auch über Miami, Kuba und über eine noch frühere Zeit, verbunden mit einer Liebe zu einer bestimmten Tanzbewegung, die alle vereint hat. Zur Zeit der Rassentrennung tanzten in diesen Clubs Weiße, Schwarze und Latinos alle durcheinander Mambo. Leider wird oft vergessen, dass es auch diese Seite der USA gab. Das sind vergessene, wunderschöne Geschichten.

Make Musik, Not War: "Crescendo" von
Make Musik, Not War: "Crescendo" von Dror Zahavi

Wer ist die Zielgruppe für solche vergessenen Geschichten?

Galliner: Wir möchten die gesamte Bevölkerungsgruppe von jung bis alt erreichen, Vorurteile aufbrechen oder auch neue Sichtweisen anbieten. Unser Publikum stammt größtenteils aus einem nichtjüdischen Umfeld, und wir zeigen jüdische Themen in all ihrer Vielfalt. Das ist immer auch ein Stück Aufklärung.


Was kann Filmkultur gegen die Rückkehr antisemitischer Ressentiments bewirken?

Galliner: Filmkultur kann immer versuchen, auf Menschen Einfluss zu nehmen. Film ist ein sehr direktes Mittel. Man gelangt mit einem Film in Lebenswelten, die man sonst nie erleben würde. Das hat auch eine aufklärerische Funktion. Wir erweitern auch unser Bildungsangebot und möchten auch sehr viel mehr für Schulen anbieten, auch in Anbetracht des wachsenden Antisemitismus an den Schulen. Hier müssen wir uns direkt an die Schulkinder wenden. Man muss ihnen Filme zeigen, mit denen sie etwas anfangen und mit denen sie sich identifizieren können.Ich denke, dass wir in den Schulen noch viel erreichen können; die Erwachsenen kriegen wir vielleicht nicht mehr, aber die Schulkinder kann man auf jeden Fall erreichen. Bei Schulvorstellungen haben wir gesehen, dass die Kinder und Jugendlichen ganz überrascht und erstaunt sind über die Filme. Für dieses Programm würde ich mir etwas mehr Unterstützung von offizieller Seite wünschen.


Foto (0ben): „Crescendo #makemusicnotwar“ , Camino Filmverleih / andere Fotos: Jüdisches Filmfestival

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